Die Dauerbaustelle


Eine Kritik der Endzeitlehre der Zeugen Jehovas


Der Wachtturm vom 15. Juli 2013 mit seinem „neuen Verständnis“ des „treuen und verständigen Sklaven“ rückt auch weitere Aspekte der Endzeitlehre der Zeugen Jehovas in den Blickpunkt.


Trotz des Aktivismus der Zeugen Jehovas weiß die Öffentlichkeit recht wenig über ihr Lehrsystem. Aber ein Faktum verbinden viele Menschen mit ihnen: Sie haben schon wiederholte Male den ‘Weltuntergang’ angekündigt, oft mit konkreten Zeitangaben, und sich dabei immer geirrt.


Die Führung der Zeugen Jehovas versucht, diese nicht zu bestreitende Tatsache in ein positives Argument für die eigene Gemeinschaft umzukehren. Der Wachtturm vom 1. Januar 2013 erklärt, die Gemeinschaft nehme halt Jesu Anweisung ernst: „Haltet ständig Ausschau, bleibt wach“. Selbst wenn sie einige Male „falschen Alarm“ gegeben hätten, „nehmen wir [lieber] Kritik in Kauf, als dass wir Jesus ungehorsam werden und Menschen die Chance nehmen, gerettet zu werden.“


Die „Leitende Körperschaft“ behauptet also, die vielfältigen Irrtümer in der Endzeitlehre seien ein Ausdruck des Gehorsams gegenüber Jesus Christus – eine wahrhaft abenteuerliche Erklärung!


Leider fehlt der „Leitenden Körperschaft“ wohl die Fähigkeit zur Selbstkritik. Sonst könnte sie wahrnehmen, wie sehr ihre immer wieder mit großer Sicherheit und nachdrücklichem Autoritätsanspruch - unter Berufung auf die Heilige Schrift! - in die Welt gesetzten Endzeit-Vorhersagen einer verantwortbaren christlichen Haltung widersprechen. Es ist gar nicht abzuschätzen, wie viele Menschen sich dadurch bestärkt fühlten, die Bibel und den christlichen Glauben zur Seite zu schieben. Denn sie sehen darin einen Beleg dafür, dass man die Bibel angeblich immer so verstehen kann, wie es einem gerade günstig erscheint.


In diesem Artikel wollen wir uns mit der Endzeitlehre der Zeugen-Führung unter zwei Gesichtspunkten befassen:


- Die Selbstwiderlegung der Lehre von der „unsichtbaren Gegenwart Jesu Christi“ durch die Geschichte der Bibelforscher/Zeugen Jehovas und

- das Problem der auch im Wachtturm vom 15. Juli 2013 wiederholten Behauptung, Jesus Christus komme in der Endzeit zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten wieder.


„Unsichtbar gegenwärtig“?


Nach der Lehre der Zeugen Jehovas begann Christi parousía im Jahr 1914. In diesem Jahr sei er als König im Himmel eingesetzt worden und es hätte die Endzeit begonnen. Diese Periode würde mit der „großen Drangsal“ enden. Dass er gegenwärtig sei, wäre für seine wahren Nachfolger erkennbar: „Doch wer würde sowohl das Zeichen der Gegenwart Christi erkennen als auch dessen Bedeutung verstehen? Wie Jesus weiter sagte, würden seine Jünger das Zeichen so deutlich erkennen wie einen ‘Blitz’, der ‘durch sein Aufblitzen von einer Gegend unter dem Himmel zu einer anderen Gegend unter dem Himmel leuchtet’. (Lies Lukas 17:24-29.)“


Im Neuen Testament finden wir einige Texte zur Wiederkunft Christi. Beispielsweise heißt es in Matthäus 24,30: „Und dann werden wehklagen alle Geschlechter auf Erden und werden sehen den Menschensohn kommen auf den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit.“ Und in Offenbarung 1,7 wird gesagt: „Siehe, er kommt mit den Wolken, und es werden ihn sehen alle Augen und alle, die ihn durchbohrt haben, und es werden wehklagen um seinetwillen alle Geschlechter der Erde. Ja, Amen.“


Sehen wir an dieser Stelle einmal von der Frage ab, ob Jesu Wiederkunft sichtbar oder unsichtbar erfolgt. Unabhängig davon wird jedem Leser dieser biblischen Aussagen sehr deutlich, dass die Parusie Jesu Christi als ein für alle erkennbares globales Ereignis beschrieben wird.


Die historischen Tatsachen zeigen, wie die früheren Bibelforscher und späteren Zeugen Jehovas die angebliche unsichtbare Gegenwart (Parusie) Jesu Christi wahrnahmen:


Charles Taze Russell, der spätere religiöse Führer der Bibelforscher-Bewegung, kam im Jahr 1876 mit einer adventistischen Splittergruppe in Verbindung. Diese kleine Gruppe hatte vor 1874 erwartet, Jesus Christus würde in jenem Jahr sichtbar wiederkommen. Nach dem Scheitern dieser Hoffnung aber vertraten einige ihrer Mitglieder die Auffassung, Jesus Christus sei 1874 dennoch wiedergekommen, nur eben unsichtbar. Dabei stützten sie sich im Wesentlichen darauf, dass das griechische Wort parousía gemäß Mt 24,3 neben Kommen oder Ankunft auch mit Gegenwart (im Sinne von „anwesend sein“) wiedergegeben werden könne. Russell ließ sich von dieser Auffassung überzeugen. Ab 1877 vertrat Russell diese Lehre dann auch in seinen Schriften.


Seit 1877 „sahen“ und vertraten also Russell und seine Anhänger, Jesus Christus sei bereits „wiedergekommen“, er sei seit 1874 unsichtbar gegenwärtig. Bis zu seinem Tod 1916 behielt Russell diese Auffassung bei und auch sein Nachfolger Joseph Franklin Rutherford hielt (zunächst) daran fest. Noch in seinem Buch Prophezeiung aus dem Jahr 1929 schrieb Rutherford: „Durch die Heilige Schrift wird bewiesen, daß die zweite Gegenwart des Herrn Jesu Christi im Jahr 1874 n.

Chr. begann.“


Erst ab Beginn der 1930er Jahre wurde eine neue Chronologie entwickelt, die den Beginn der Gegenwart Christi auf das Jahr 1914 verlegte. In Rutherfords kleinerem Werk „Das Königreich - die Hoffnung der Welt“ aus dem Jahr 1931 hieß es nun: „Im Jahre 1914 kam der Herr Jesus das zweite Mal ...“ 1935 wurde in der englischen Ausgabe vom 10. April der Zeitschrift Das Goldene Zeitalter die neue Chronologie in einer Gesamtdarstellung präsentiert. Darin waren alle Endzeitdaten der frühen Bibelforscher-Bewegung, auch eben 1874, fallen gelassen worden.


Zusammenfassend können wir also feststellen:

- Von 1877 bis 1929 „sahen“ die Bibelforscher die Gegenwart Jesu Christi ab 1874, also ein Ereignis, dass nach ihrer derzeitigen Lehre nie stattgefunden hat.


- Im Jahr 1914, zum Zeitpunkt also, in dem gemäß ihrer heutigen Lehre dieses Ereignis angeblich geschehen ist, „sahen“ sie es noch nicht; erst 15 Jahre nach 1914 „sahen“ sie, dass Christus gegenwärtig sei und gaben erst dann die bis dahin behauptete „Gegenwart Christi ab 1874“ auf, also eine aus ihrer heutigen Sicht  u n m ö g l i c h e  Lehre!


Die eigene Geschichte widerlegt also schlagend die Lehre der Zeugen-Führung von der unsichtbaren Gegenwart Jesu Christi seit 1914.


Kommt Jesus Christus zweimal wieder?


Es ist festzustellen, dass die Lehrentwicklung der Zeugen Jehovas, wie sie durch den Wachtturm vom 15. Juli 2013 fortgeführt wird, dazu neigt, Endzeit-Ereignissen auf den Abschluss der Endzeit zu schieben:


Diese Entwicklung begann bereits in den 1990er Jahren. Damals wurde ein „neues Verständnis“ der Lehre von der „Generation“ (nach Mt 24,34) verkündet. Es sollte die Zeugen-Führung von dem zeitlichen Dilemma befreien, das sich aus dem Aussterben der „Generation von 1914“ ergab. Denn der Zeitrahmen für diese Generation konnte ja nicht beliebig verlängert werden. In diesem Zusammenhang wurde auch behauptet, die „große Drangsal“ habe nicht 1914 begonnen, sondern sei noch zukünftig, ebenso werde die Scheidung der „Schafe“ und der „Böcke“ gemäß Jesu Gleichnis (Mt 25,31-46) erst in der „großen Drangsal“ stattfinden.


Diese Lehren beruhen auf der Behauptung, Jesus komme in der Endzeit zweimal wieder: zunächst 1914 zu Beginn der Endzeit und dann als Richter am Ende der Endzeit. Der Wachtturm vom 15. Juli 2013 drückt es so aus: „Christi ‘Kommen’ (griechisch érchomai) ist etwas anderes als seine ‘Gegenwart’ (parousía). Seine unsichtbare Gegenwart geht seinem Kommen als Urteilsvollstrecker voraus.“


Diese Behauptung ist jedoch nicht haltbar. Die griechischen Wörter érchomai und parousía werden im Neuen Testament synonym verwendet. In wichtigen Handschriften aus dem 5. und 6. Jahrhundert wird zum Beispiel im lukanischen Paralleltext (Lk 21,7) zu Matthäus 24,3 bei der Jüngerfrage das griechische Wort éleusis (von dem das Verb érchomai abgeleitet ist) benutzt, das „Ankunft“ bedeutet, während bei Matthäus parousía steht. Daneben finden sich verschiedene Texte, in denen érchomai im Zusammenhang mit dem Kommen des Reiches Gottes und Jesu Christi gebraucht wird, z.B. Mt 6,10; Lk 11,2; Apg. 1,11; 2,20; Offb 16,15; 22,20. Bei Paulus steht dieser Begriff im Zusammenhang mit dem Tag des Herrn (1Thess 5,2).


Ein zweimaliges Kommen Jesu Christi während der Endzeit, wie es die Zeugen Jehovas behaupten (das erste Mal 1914 und dann während der „großen Drangsal“), ist also nach dem biblischen Befund nicht haltbar. Da hilft auch die Berufung auf sprachliche Gegebenheiten nicht. Sie stellen ein künstliches Konstrukt dar, das dem Sprachgebrauch im Neuen Testament nicht gerecht wird und im Übrigen biblischen Wörterbüchern widerspricht, derer sich auch die WTG gerne bedient.


Ein Kartenhaus bricht zusammen


Das Dilemma der Zeugen-Führung ist nachvollziehbar, aber mit ihren ideologischen Mitteln nicht lösbar. Der Wachtturm vom 15. Juli 2013 stellt den Versuch dar, die Stellung der kleinen Gruppe der „Leitenden Körperschaft“ als zentraler Autorität der Gemeinschaft zu zementieren und unangreifbar zu machen. Die Führung ist ferner auf die Aufrechterhaltung ihrer seit den 1870er Jahren gepflegten permanenten endzeitlichen Naherwartung „Harmagedons“ und der neuen Welt angewiesen, um die Anhängerschaft bei der Stange zu halten. Sie muss weiterhin behaupten, sie sei bei der Prüfung durch Jehova und Jesus Christus von 1914 bis 1919 in eine einzigartige Autoritätsstellung eingesetzt worden, sie ganz allein werde als „Leitende Körperschaft“ der einzigen wahren Religion von Gottes Geist angeleitet.


Das Jahr 1914 als Grundlage dieses Lehrsystems kann sie also nicht aufgeben, ohne ihre eigene Legitimationsbasis und den eigenen Anspruch zu gefährden. Deshalb wird die 1914-Theorie vehement verteidigt, auch wenn dafür alle früheren Spekulationen hinsichtlich der Länge der Generation von 1914 nach und nach fallen gelassen wurden. Eine sich zeitlich immer weiter ausdehnende Endzeit schwächt zwar auch die eigene Glaubwürdigkeit. Aber eine gründliche Revision der eigenen Lehre, eine wirkliche Reform und eine offene Diskussion sind in den Augen der Führung wohl viel zu riskant. Deshalb passt sie ihr Lehrsystem nur gerade so viel an, dass es sich aus ihrer Sicht weiter vertreten lässt. Das Hauptaugenmerk liegt ganz offensichtlich auf der Sicherung der eigenen religiösen Macht. Und deshalb wird erstmals in der Geschichte der Zeugen Jehovas vertreten, die „Leitende Körperschaft“ sei der „treue und verständige Sklave“. Dies ist ganz augenscheinlich der Kern dessen, was mit dem Wachtturm vom 15. Juli 2013 erreicht werden soll.


Für Christen ist klar: Die Endzeitlehre der Zeugen Jehovas ist vor dem Hintergrund ihrer eigenen Geschichte und des biblischen Befundes nicht zu rechtfertigen. Es ist zu hoffen, dass auch viele Zeugen Jehovas zu dieser Einsicht kommen. Denn dann haben sie die Chance, dieses religiöse System zu verlassen und in christlicher Freiheit zu leben.


 

Frank Bruder und Rainer Ref

aus „Brücke zum Menschen“ Nr. 196


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