Der "treue und verständige Sklave" und

die Frage nach der christlichen Wahrheit


Der Wachtturm vom 15. Juli 2013 setzt neue Maßstäbe hinsichtlich der Rolle der "Leitenden Körperschaft" im Lehrsystem der Zeugen Jehovas. Sie ist sie nun auch in der Theorie das einzige Machtzentrum ohne irgendein Korrektiv (nicht nur faktisch, wie bisher). Denn durch diese Lehränderung ist jeglicher auch nur theoretische Anspruch auf Teilnahme an Lehre und Leitung durch den "Überrest der 144.000" grundsätzlich abgewehrt. Sie bildeten nach der bisherigen Anschauung insgesamt den "treuen und verständigen Sklaven" (Mt 24,45 NWÜ). Nun allerdings soll dies allein die "Leitende Körperschaft" der Zeugen Jehovas dieser "Sklave" sein.


Die Hoheitsansprüche der Führung könnten kaum höher sein, wie folgende Aussagen zeigen:


"Warum ist es so außerordentlich wichtig, dass wir diesen treuen Sklaven kennen und anerkennen? Weil von diesem Organ unsere geistige Gesundheit, unser gutes Verhältnis zu Jehova, abhängt."


"Alle, die die Bibel verstehen möchten, sollten anerkennen, daß 'die überaus mannigfaltige Weisheit Gottes' nur durch den Mitteilungskanal Jehovas, den treuen und verständigen Sklaven, bekannt werden kann."


"Jehova segnet die Sklavenklasse auch dadurch, dass er ihr seinen heiligen Geist schenkt."


"Zur Einheit der weltweiten Christenversammlung trägt auch heute eine leitende Körperschaft aus geistgesalbten Christen bei. Sie veröffentlicht glaubensstärkende Publikationen in vielen Sprachen - geistige Speise, die sich auf Gottes Wort stützt. Deshalb stammt das, was gelehrt wird, nicht von Menschen, sondern von Jehova."


Zusammengefasst behauptet die Führung der Zeugen Jehovas von sich selbst, dass man nur mit ihrer Hilfe die Bibel verstehen könne, da nur sie durch den heiligen Geist geführt werde und damit der Mitteilungskanal Gottes sei. Heil und Rettung seien davon abhängig, sie und ihre Autorität anzuerkennen, nur dann könne man ein gutes Verhältnis zu Gott haben.


Daraus folgt, dass es Kommunikation zwischen Führung und Anhängern nur in eine Richtung erfolgt: von oben nach unten. Da die acht Herren in Brooklyn meinen, vom Geist Gottes geleitet zu werden - und zwar nur sie! - haben sie es nicht nötig, auf irgendjemanden zu hören. Deshalb brauchen sie keine Korrektur. Es ist für sie nicht erforderlich, die Stimme ihrer religiösen Untertanen auch nur zu hören. Sie sind sich selbst genug. Gerade deshalb ist festzustellen, wie unfähig zu Reformen, wie dogmatisch und unbeweglich die Zeugen Jehovas als Gemeinschaft geworden sind. Ihr Schwarz-Weiß-Denken, ihr Dualismus, der nur sich selbst als "wahre Religion" und alle anderen als von Satan beherrscht kennt, macht sie dialogunfähig. Ihr Denken, ihre Schriften, ihre Belehrung sind steril und für jeden, der selbst seinen Verstand und seine gottgegebene Vernunft gebrauchen möchte, auf Dauer kaum zu ertragen.


Fragwürdige Argumente


Worauf stützt sich nun dieser Anspruch? Zum einen behaupten die Zeugen Jehovas, die frühen Christen seien so organisiert gewesen wie sie selbst in der Gegenwart. Angeblich bestand in Jerusalem eine "Leitende Körperschaft", die sich aus den Aposteln und älteren Männern zusammensetzte.


Allerdings entbehrt diese Darstellung jeder historischen Grundlage. Im frühen Christentum gab es eben keine zentrale "Leitende Körperschaft". Das als Beleg herangezogene Apostelkonzil nach Apostelgeschichte 15 zeigt dem unvoreingenommenen Bibelleser, dass es sich bei der Regelung der Frage der Beschneidung der Heidenchristen nicht um eine Entscheidung eines zentralen und permanent amtierenden Führungsgremiums handelt, sondern um einen Kompromiss aufgrund einer einmaligen Zusammenkunft der Konfliktparteien. Dies wird auch deutlich, wenn man die Schilderung des Paulus über sein Verhältnis zu den anderen Aposteln und über den Ablauf des Konzils hinzuzieht (Gal 1 und 2).

Die andere wesentliche Argumentationslinie der Zeugen-Führung für ihren Anspruch hat seinen Ursprung in der Geschichte der eigenen Gemeinschaft.


Kurioserweise war es ausgerechnet eine Frau, die die Lehre vom "klugen und treuen Knecht" (oder "treuen und verständigen Sklaven" gemäß der Wiedergabe von Mt 24,45 in der Neuen-Welt-Übersetzung) als Beleg für eine religiöse Autorität entwickelte (dies ist deshalb bemerkenswert, weil die Zeugen Jehovas bis heute Frauen jegliches Recht auf Lehre oder ein kirchliches Amt absprechen). James Penton schildert in seinem Buch "Endzeit ohne Ende", Russells Ehefrau Maria habe in einem Brief, datiert vom 31. Dezember 1895, dargelegt, der "Knecht" nach Matthäus 24,45 ff. sei eine Einzelperson. Sie meinte damit ihren Ehemann. Russell selbst vertrat dies zwar selbst nicht ausdrücklich, aber immerhin druckte er den Brief seiner Frau im Wachtturm ab.


Die Auffassung, Russell sei der "treue und kluge Knecht", setzte sich in den Bibelforscher-Kreisen durch. Nach seinem Tod wurde sie sogar zur offiziellen Lehre. In dem 1917 erschienenen Buch "Das vollendete Geheimnis" ("Schriftstudien" Serie 7) wird von der "in diesen Prophezeiungen [gemeint sind die Bibelbücher Hesekiel und Offenbarung] über alle anderen hervorragend gekennzeichnete Persönlichkeiten, ... - 'der treue und kluge Knecht' des Herrn – C h a r l e s  T a z e  R u s s e l l" geschrieben.


Dessen Nachfolger Rutherford gab die These von Russell als "treuen Knecht des Herrn" später auf. Seither wird der "treue und kluge Knecht" bzw. "treue und verständige Sklave" als eine "Klasse", ein Kollektiv gesehen. Aber die grundsätzliche Entscheidung, in diesem Gleichnis Jesu eine prophetische Ankündigung einer besonderen Führung, der allein die Aufgabe zukommt, die christliche Gemeinschaft zu leiten, wurde aufrechterhalten. Aus Sicht einer autoritären Leitung zwar nachvollziehbar, aus christlicher Sicht jedoch fatal!


Denn damit entsprechen die Zeugen Jehovas nicht dem Bild der Kirche, das uns die neutestamentlichen Schriften vermitteln. Sie kennen keine derartige absolute Autorität einer Führungsgruppe, der man sich unterwerfen muss, um in ein gutes Verhältnis zu Gott zu kommen. Die frühen Christen beschrieben die Kirche als Leib Christi (1Kor 12). Das Haupt ist Christus, auf ihn und auf einander sind die Glieder in Liebe bezogen (siehe z.B. Eph 4,15 f.; Kol 2,18f.). Wie wir in dieser Zeitschrift immer wieder belegt haben, ist das Heil und das Verhältnis zu Gott nur von Gottes liebender und gnädiger Zuwendung in Christus abhängig und nicht davon, wie wir zu einer bestimmten Gruppe von Menschen stehen und ob wir deren Autorität anerkennen.


Die sich auf Mt 24,45 ff. stützende Argumentation ist in keiner Weise beweiskräftig. Die Deutung, die die Zeugen-Führung diesem Text angedeihen lässt, überzeugt einen unvoreingenommenen Leser nicht. Oder welcher Nicht-Zeuge würde, wenn er dieses Gleichnis Jesu in der Bibel liest und sich dann in der Welt umsieht, auf die Idee kommen, zu sagen: "Ja, klar, damit können nur die Männer der 'leitenden Körperschaft' der Zeugen Jehovas gemeint sein"? Diesen Text überhaupt so zu verstehen, dass er eine religiöse Führung legitimieren soll, geht völlig an dem darin Gemeinten vorbei. Diese Auslegung wird nur derjenige annehmen, der bereits zuvor vom Autoritätsanspruch der Zeugen-Führung überzeugt ist. Ein klassischer Zirkelschluss also: Um dem Argument zustimmen zu können, muss man bereits akzeptiert haben, was dadurch erst bewiesen werden soll!


Ein schlimmer Rückfall


Die Fehlentwicklung der Bibelforscher/Zeugen Jehovas begann, wie oben nachgewiesen, bereits in ihrer Frühzeit, als einer Einzelperson eine exklusive göttliche Leitung zugeschrieben wurde. Russell ist vorzuwerfen, dass er diesem beginnenden Personenkult nicht energisch entgegengetreten ist. Im Gegenteil, im Laufe der Zeit hielt er seine eigenen Schriften für etwas ganz Besonderes, so dass Raymond Franz seine Haltung so charakterisieren konnte: "Offensichtlich konnte vor Erscheinen dieser Schriften des Wachtturm-Präsidenten niemand auf Erden die Bibel wirklich verstehen."


Auch wenn die Rolle Russells in der gegenwärtigen Organisation der Zeugen Jehovas auf die kleine kollektive Führungsgruppe übergegangen ist, der Anspruch blieb derselbe bzw. wurde sogar noch gesteigert.


Das Christentum ist seinem Wesen aber keine Religion, in der man einem Guru bedingungslos folgen müsste oder die eine derart uneingeschränkte menschliche Autorität kennt. Die Reformation hat (wieder)entdeckt, dass der Glaube eine unmittelbare Beziehung des Menschen zu Gott ist. Es bedarf keiner Vermittlung durch irgendwelche menschlichen Institutionen. Sie betonte deshalb das Priestertum aller Gläubigen (1Petr 2,9f.). Wohl gibt es verschiedene Ämter und Funktionen in der Kirche, die aber zu keiner hierarchischen Aufwertung und einem höheren Autoritätsanspruch Einzelner oder kleiner Gruppen berechtigen.


Martin Luther ging davon aus, dass die Schrift hinreichend klar ist, damit alle Gläubigen ihre Mitte erkennen können, nämlich das Evangelium von Jesus Christus. Deshalb unternahm er das große Werk der Bibelübersetzung, das dazu beitrug, die Christen aus ihrer Abhängigkeit von einem kirchlichen Lehramt zu befreien.


Die ZJ-Führung fällt dagegen in einen vor-reformatorischen Zustand zurück. Sie möchte ihre Anhänger dauerhaft religiös von sich abhängig machen, indem sie behauptet, ohne Anerkennung ihrer Autorität sei weder ein Verstehen der Bibel noch ein gutes Verhältnis zu Gott möglich. Damit vertritt sie ein reaktionäres Programm, dem auf biblisch-reformatorischer Basis entschieden widersprochen werden muss.


„Geht aus ihrer Mitte hinaus!"


Ein zentrales biblisches Motiv im Umgang mit unterdrückenden Zuständen aller Art ist der Exodus, also das Verlassen, der Auszug. Israel konstituiert sich als freies Volk, nachdem Gott es "aus dem Lande Ägypten, aus dem Sklavenhaus, herausgeführt" hat (2Mose 20,2), wie es in der Präambel der Zehn Gebote heißt. Auch im letzten Bibelbuch, der Offenbarung, wird dieses Motiv aufgegriffen, wenn die Aufforderung an das Volk Gottes ergeht, das symbolische Babylon zu verlassen (Offb 18,4). Viele Bibelausleger sehen darin ein Synonym für das Römische Reich mit seiner Hauptstadt, das zur Zeit der ersten Christen den ganzen Mittelmeer-Raum unterworfen hatte, ein unterdrückerisches Imperium schlechthin. Babylon ist im übertragenen Sinn ein Symbol für alle Mächte, die Menschen versklaven und beherrschen, sie somit von dem Gott wegführen wollen, der befreit und zum Exodus ruft.


Die Führung der Zeugen Jehovas möchte sich zwischen Gott und die Menschen stellen. Sie maßt sich damit eine Stellung an, die ihr nicht zusteht. Deshalb gilt auch im Hinblick auf sie der Ruf: 'Zieht aus, entflieht in die Freiheit!'. Wir haben heute das große Glück, in einem demokratisch organisierten Gemeinwesen zu leben, in dem die Religionsfreiheit ein zentraler Wert ist. Niemand kann gehindert werden, einer religiösen Diktatur den Rücken zu kehren und in die "herrliche Freiheit der Kinder Gottes" (Röm 8,21) einzugehen, ganz ohne eine menschliche Führung, die sich in einer Vermittler-Rolle wähnt, die ihr nicht zukommt. Gott hat sich in Christus jedem einzelnen Menschen zugewandt, nur Christus ist Mittler zwischen Gott und den Menschen (1Tim 2,5). Warum also noch warten? Es gibt ein weitaus besseres Leben als das unter einer religiösen Diktatur, deren Ansprüche keinerlei biblische und vernünftige Grundlage haben.   


Rainer Ref

aus „Brücke zum Menschen“ Nr. 196

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