Immer wieder Endtermine – und kein Ende


Anfragen zum Wachtturm vom 1. Januar 2013


Merkwürdig genug: Da kündigt Der Wachtturm (in der Ausgabe vom 1. Januar 2013) an, seinen Scheinwerfer auf ein dunkles Kapitel seiner Geschichte zu richten, doch stattdessen wirft er gleich im ersten Satz eine Art Nebelkerze: „Was das Ende betrifft, haben Jehovas Zeugen an manche Daten falsche Erwartungen geknüpft", so lesen wir mit Erstaunen (Seite 8). Denn abgesehen davon, dass es für Kenner der Wachtturm-Geschichte wohlbekannte Klänge sind, drängt sich doch die Frage auf:

Waren es wirklich die „einfachen“ Zeugen Jehovas?


Kann es denn zutreffen, dass  s i e  jemals eigenständig bestimmte Erwartungen hegen durften - vielleicht sogar im Gegensatz zur offiziellen Linie der Wachtturm-Gesellschaft (abgekürzt: WTG)? Der einfache Zeuge Jehovas hat doch zu keinem Zeitpunkt in ihrer Geschichte die Möglichkeit gehabt, eigenständige Gedanken und Erwartungen in den Veröffentlichungen der Organisation publik zu machen; nicht einmal „ganz privat“ durfte und darf er individuelle Vorstellungen dieser Art haben. Denn so etwas verurteilt diese Gesellschaft als unabhängiges Denken, das einen unangemessenen Stolz verrät. Zumindest könnte es sich um ein „Vorauseilen im Glauben“ handeln, was im Prinzip als ebenso verurteilenswert gilt.


Wie also könnten einfache Zeugen Jehovas jemals diese falschen Wege beschritten haben! Nach Wachtturmlehre ist doch nur eine Instanz dazu legitimiert, Aussagen von derartiger Tragweite zu machen und zu publizieren: das Gremium des selbst ernannten „treuen und verständigen Sklaven“, die leitende Körperschaft. Eine Gruppe von Männern, die beansprucht, in Gottes „irdischer Organisation“ die Führung innezuhaben und als „Mitteilungs- und Verbindungskanal“ zwischen ihm und den Menschen zu wirken, bzw. als sein „Sprachrohr“. Als „Jehovah`s mouthpiece“ verstand sich schon ihr Gründer, Charles T. Russell.

Im Laufe der Jahre wurde jedoch auch für Außenstehende deutlich erkennbar: Der selbsternannte „Kanal“ lag mit seinen lautstark verkündeten Prognosen über das „Ende dieses Systems der Dinge“ ganz offenkundig falsch.


Eine neue Taktik


Angesichts der besseren Informationslage ließ sich die Schuld dafür nicht mehr so leicht auf die einfachen Verkündiger abwälzen. Eine andere Taktik musste her:


Der Wachtturm vom 15.10.1976 räumte ein: "Es kann sein, daß sich einige Diener Gottes bei ihren Planungen von einer verkehrten Ansicht darüber leiten ließen, was an einem gewissen Datum oder in einem bestimmten Jahr geschehen würde. ... Aber sie haben den Sinn der biblischen Warnungen in bezog auf das Ende dieses System der Dinge verfehlt, da sie glaubten, die biblische Chronologie weise auf ein bestimmtes Datum hin" (Seite 632).


Also einige Diener Gottes waren es, die sich von einer verkehrten Ansicht leiten ließen. Aber wer waren diese Diener? - Erst annähernd vier Jahre später erfolgte eine wietere Klarstellung im Hinblick auf die Verantwortung. Der Wachtturm vom 15.6. 1980 äußert sich wie folgt: "Wenn Der Wachtturm hier [in der Ausgabe vom 15. 10. 1976] 'jemand' sagte, so meinte er alle enttäuschten Zeugen Jehovas, also auch diejenigen, die an der Veröffentlichung von Informationen beteiligt waren, die dazu beitrugen, daß in Bezug auf dieses Datum [1975] Hoffnungen geweckt wurden" (S.17 f.).


Der Wachtturm vom 1.3.1981, Seite 29 gibt dann erstaunlicherweise zu, dass „es gelegentlich vorkommen kann, daß er [der treue und verständige Sklave] etwas nur teilweise oder unrichtig verstanden hat“, weswegen es zu irrtümlichen Darstellungen kommen kann.


Eine zweite Linie einer nur „relativen Verantwortung“ zeichnet sich ab. Man räumt Fehler ein aufgrund von Übereifer, eigentlich eine grundsätzlich positive Eigenschaft, beschränkt jedoch die daraus folgende Konsequenz. Selbstverständlich könne das nicht bedeuten, dass „der 'Sklave' erst Erklärungen veröffentlichen darf, wenn das endgültige, vollständige Verständnis vorhanden ist", lesen wir weiter (Der Wachtturm vom 1.3.1981, Seite 29).


Veröffentlichungen von Erklärungen mit dem Vorbehalt der möglichen Unrichtigkeit bei gleichzeitigem Anspruch auf alleinige Gültigkeit? Wie kann das gehen?


Und wenn die WTG davon spricht, was „der Sklave darf“, so ist das ein dialektischer Trick: Niemand hat dem „Sklaven“ jemals das Recht verweigert, sich öffentlich zu äußern. Darum also geht es nicht.


Es geht vielmehr um die Frage, ob die WTG mit ihrer selbst zugesprochenen Autorität und mit dem Anspruch auf bedingungslosen Gehorsam Prophezeiungen verkünden und gleichzeitig Fehlbarkeit und Irrtumsvorbehalte für sich in Anspruch nehmen kann.

In diesem Zusammenhang ist ein weiteres Statement in der Zeitschrift Erwachet! vom 22.3. 1993, Seite 3, interessant. Die leitende Körperschaft räumt ein, dass "Jehovas Zeugen in ihrem Enthusiasmus für Jesu zweites Kommen auf Daten hingewiesen haben, die sich als unkorrekt herausgestellt haben“, womit zweifellos auch das erste von der Gesellschaft proklamierte Datum der unsichtbaren Wiederkunft Christi, 1874, gemeint ist.


Warum diese unzutreffende Erkenntnis aber bis weit in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts so gepredigt und aufgrund welcher neuen Einsicht sie verworfen worden ist, bleibt jedoch unerwähnt. Ebenso bleibt offen, aufgrund welcher Erkenntnisse man auf das Jahr 1914 als das neu definierte, aber letztendlich ebenso fragwürdige Datum für Christi „unsichtbare Gegenwart“ oder Wiederkunft gekommen ist.


Wenn es hart auf hart kommt, macht es sich die Wachtturmführung zu einfach. Sie streitet einfach ab, Prophezeiungen abgegeben zu haben, weswegen sie auch nicht als falscher Prophet angesehen werden könne (5. Mose 18,21.22).


Aber ist das wirklich glaubhaft? Ließ nicht bereits Charles Taze Russell sich von seinen Anhängern als „God`s Mouthpiece“ rühmen, wie oben erwähnt? Und hat nicht auch die WTG immer wieder eindeutige Voraussagen publiziert unter Berufung auf „Gottes Wort“ und somit „im Namen Jehovas“? Es sei z. B. daran erinnert, dass sie seit 1982 bis 22. Oktober 1995 im erweiterten Impressum jeder Erwachet-Nummer in der einen oder anderen Ausformulierung prophezeite: Der  Schöpfer habe verheißen, „noch zu Lebzeiten der Generation, die die Ereignisse von 1914 erlebt hat, eine neue Welt zu schaffen“.


Dies alles lässt nur einen Schluss zu: Die WTG hat sich unzweifelhaft angemaßt, in Gottes Namen zu sprechen. Erst als aus ihren eigenen Reihen Kritik laut wurde, hat ihre Führung eine Art Doppelstrategie entwickelt: weiterhin die Autorität als von Gott ernannter irdischer Repräsentant beanspruchen und immer dann unter Hinweis auf menschliche Unvollkommenheit einen Schritt zurückweichen, wenn dies den Umständen nach geboten ist oder als unvermeidbar erscheint.


Dass beide Elemente sich zueinander jedoch nicht komplementär verhalten, sondern sich nach allem, was wir aus der Bibel wissen, sogar gegenseitig ausschließen, bleibt dem unbefangenen und wohlmeinenden Zeugen in aller Regel verborgen. Und damit rechnet die WTG.


Sind ihre „Schriftbeweise“ überzeugend?


Die WTG rechnet fest damit, dass die Zeugen ihr glauben, wenn sie sich mit Jesu Jüngern vergleicht, die ebenso die Erfüllung bestimmter Prophezeiungen zu einem festen Zeitpunkt erwartet hätten. Sie wäre dann also quasi in guter Gesellschaft? Bei einer Nachprüfung stellt sich jedoch heraus: In der angeführte Schriftstelle Luk 19,11 ist keine Rede von Prophezeiungen verbunden mit festen Jahreszahlen, wie sie durch die WTG viele Male in die Welt hinausposaunt wurden. Das war in keiner Weise geeignet, den Namen Gottes zu ehren und zu „rechtfertigen“, wie sie es so gern zu tun vorgibt!

Und wie steht es mit der von ihr angeführten Stelle Apg 10,42? Die WTG behauptet, dass man "... Jesus ungehorsam werden und Menschen die Chance nehmen könnte, gerettet zu werden“, wenn man sie über das nahende Ende im Unklaren ließe, indem man kein „gründliches Zeugnis“ ablegt.


Wer jedoch diese Stelle nachliest, erkennt sogleich: Inhalt des tatsächlich uns von Jesus gebotenen Zeugnisses ist  J e s u s  C h r i s t u s  und „dass er von Gott dazu verordnet ist, Richter der Lebenden und der Toten zu sein“ (Vgl. auch 2Kor 4,5). Von einer Warnung vor dem Ende ist hier keine Rede. Ein klassischer Fall von Manipulation der Wachtturmführung, die sie durch unzulässige Verkürzung des Textes und Unterschieben einer ganz anderen Bedeutung erreicht! Nimmt es die WTG damit nicht so genau?

So verweist sie zur Unterstützung ihrer Argumentation auf Apg 1,6: „Die nun zusammengekommen waren, fragten ihn …: Herr, stellst du in dieser Zeit für Israel das Königreich wieder her?“ Sie unterschlägt jedoch die Antwort Jesu im nächsten Satz: “Es ist nicht eure Sache, über die Zeiten oder Zeitabschnitte Kenntnis zu erlangen, die der Vater in seine eigene Rechtsgewalt gesetzt hat.“


Aus Sicht der WTG könnte es wohl eine Gefahr darstellen, wenn jemand auf den –zutreffenden – Gedanken kommen würde, dass wir uns besser nicht mit Endzeitdaten und daraus resultierenden Erwartungen befassen sollten, sondern unser Vertrauen auf unseren Herrn und König Jesus Christus setzen und nach seinen Weisungen leben.


Vielleicht würde dieser Jemand auch darauf stoßen, dass Jesus vor denjenigen Menschen, die von der „Nähe der bestimmten Zeit“ sprechen würden, sogar ausdrücklich gewarnt und geraten hat, diesen „nicht nachzufolgen“ (Lukas 21,8). Das ist etwas, was gewiss nicht in der Absicht der WTG-Oberen liegen würde, denen das nahe Ende in besonderer Weise am Herzen und auf der Zunge liegt.


Da hilft auch kein Zeitzeuge wie A. H. Macmillan, der daneben stand, als Charles Taze Russell am 2. Oktober 1914 die Errichtung des himmlischen Königreichs vor dem Frühstück bekannt gab, ohne dass irgendjemand der Anwesenden etwas Ungewöhnliches sehen oder bemerken konnte. Ein Zeuge, der zwar Fehler erkannte, aber die Verantwortlichkeit dafür nicht erkennen mochte! Der weiterhin den Aussagen des von ihm verehrten Bruder Russell Glauben schenken und sein Vertrauen damit nicht allein auf Gott und sein Wort setzen wollte. Und das, obwohl das Nichteintreten aller von Russell gemachten Voraussagen für 1914 dessen Fehlbarkeit bereits überdeutlich werden ließ.

Und überhaupt: Wie glaubwürdig ist der als Beispiel angeführte Rettungsschwimmer auf einem Wachtturm, der zum soundsovielten Mal falschen Alarm gibt? Ist es nicht vielmehr so, dass er nicht mehr ernst genommen wird, wenn er diese Praxis so fortsetzt? Dass er keine Reaktion mehr erwarten kann, selbst wenn tatsächlich einmal eine Gefahrensituation eintreten sollte? Kurz gesagt, weil er seine Glaubwürdigkeit verspielt hat?

Mit diesem Vergleich liegt die WTG entgegen ihrer eigentlichen Intention aber goldrichtig. S i e  ist so ein „Rettungsschwimmer“, der viel zu viele Warnungen und Prophezeiungen abgegeben hat, ohne dass sich auch nur eine von diesen in mehr als 100 Jahren erfüllt hätte.


Das von vielen Menschen in sie gesetzte Vertrauen hat sie verspielt, und Schuldzuweisungen an ihre einfachen Mitläufer können es nicht wieder herstellen.


Will Cook

aus „Brücke zum Menschen“ Nr. 195



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