Jesu Gleichnis im Dienst von Machtinteressen?


Lehrmäßige Kurskorrekturen des Wachtturms (WT) vom 15. Juli 2013!


Zeugen Jehovas (ZJ) dürften diesen WT zumindest an einer Stelle erwartungsvoll gelesen haben. Denn verpackt unter einer Reihe von Belanglosigkeiten spricht der etwas an, was sie wirklich bewegt: Wer ist gemeint mit dem „treuen und verständigen Sklaven“? – So übersetzt in ihrer hauseigenen (kirchlich nicht anerkannten) „Neue-Welt-Übersetzung“ (Mt 24,45ff. und Lk 12,41-46).


I. Des Wachtturms alte und neue Deutung - ein Vergleich


Bisher hat ihre Führung die Zeugen Jehovas gelehrt, mit dem „treuen und klugen Knecht“ (so Luthers Übersetzung) seien  alle mit Gottes Geist „gesalbten Christen“ aller Zeiten und Zonen seit der Urkirche gemeint - in der Sprache des Watchtower-Gründers C. T. Russell: die ganze Kirche!


Nach der nun verkündeten  neuen  Lehre aber ist nur die Leitende Körperschaft (im Folgenden oft abgekürzt: LK) an der Spitze der ZJ gemeint. Im Endeffekt eine Neuauflage der Herrscherallüren und Exklusivitätsansprüche der Jahrzehnte seit Russells Tod 1916. Die Gleichnis-Auslegung wurde in Dienst genommen für menschliche Machtinteressen.


Wir erinnern uns: Was dem „treuen und klugen Knecht“ verheißen ist, dereinst vom wiederkommenden Christus „über seinen ganzen Besitz gesetzt“ zu werden, das sollte - dem Wachtturm der Zeit  v o r  Entstehung der LK zufolge -schon jetzt erfüllt sein: „Christus Jesus …setzte diesen Sklaven als Klasse über seine ganze irdische Habe“ (Wachtturm vom 1.3.1952, Seite 71), und im Wachtturm vom 1.10.1950, Seite 296, hieß es: „Jawohl, diese `Güter‘ sind unter die Rechtsgewalt des gesalbten Überrests gesetzt worden, dessen gesetzlich leitende Körperschaft durch die Watch Tower Bible & Tract Society wirkt.“


Wenn es nun im Wachtturm vom 15.Juli 2013 heißt:  Nein, nicht der „gesalbte Überrest“ der Kirche Christi („Kirche“ im Sinne Russells) ist der „treue Sklave“, sondern die Leitende Körperschaft, drängt sich dann nicht die Frage auf, wie diese Selbsterhöhung denn begründet wird. Unser Mitarbeiter Frank Bruder hat in einem aktuellen Artikel das alte Verständnis des Wachtturms einmal der neuen Deutung - z. T. im  Wortlaut - gegenübergestellt und kommentiert (seine Kommentare dazu übernehmen wir im Folgenden sinngemäß):


 Nach bisheriger Wachtturm-Auslegung erfüllte sich Jesu Gleichnis vom „treuen und verständigen Sklaven“ an der ganzen Kirche (im Sinne Russells) seit dem Jahre 33 unserer Zeitrechnung. Nach seiner jetzigen Deutung dagegen erfüllte es sich erst „in der Zeit des Endes“, 1914 (Wachtturm vom 15.7.2013, Seite 21, Absatz 5).


 Nach bisheriger Auffassung bildeten alle geistgesalbten Christen den „treuen Sklaven“. Nach jetzigem Verständnis aber ist es die LK! Wörtlich heißt es: „Setzt sich der treue Sklave aus allen geistgesalbten Christen auf der Erde zusammen? Nein. Tatsache ist: Nicht alle Gesalbten sind daran beteiligt, ihre Glaubensbrüder in der ganzen Welt mit geistiger Speise zu versorgen“ (Wachtturm vom 15.7.2013, Seite 22, Abs. 9). Das Entscheidende und für die Zeugen Jehovas Maßgebliche: Nur bei der leitenden Körperschaft, deren Sitz in Brooklyn (New York) ist, handelt es sich um den „treuen und verständigen Sklaven“ (Vgl. Seite 23, Abs. 13, ferner im Kasten auf Seite 22). Die anderen ZJ mit himmlischer Hoffnung gelten zwar auch als „Gesalbte“, zählen nun jedoch nicht mehr zu diesem „kollektiven Sklaven“, weil sie nicht an Herstellung und Verbreitung der „geistigen Speise“ beteiligt sind.


Ist es nicht fast so etwas wie ein „Staatsstreich von oben“, wenn zur Absicherung des Machtmonopols der LK in Brooklyn nun nicht mehr „die ganze Kirche“ (im Sinne Russells), sondern  sie  und nur sie als der „treue Sklave“ gelten soll? – Postuliert „per ordre de Mufti“?


Wie in der politischen Welt nach jedem Staatsstreich dem Fußvolk versichert wird, alles geschehe nur zum Besten des Volkes, so beteuert auch der Wachtturm, dass „von diesem Organ [dem „Sklaven“, alias leitende Körperschaft] unsere geistige Gesundheit, unser gutes Verhältnis zu Jehova“ abhänge (Seite 20,

Abs. 2). In Wahrheit aber dürfte es sich um eine Maßnahme der LK zum eigenen Machterhalt handeln.


II. Gründe und Hintergrund einer präventiven Maßnahme


Wodurch aber wurde sie veranlasst? Gibt es in den Reihen der Zeugen Kräfte, die der LK die beanspruchte Monopolstellung streitig machen könnten? O ja! Zu dieser Annahme gibt es gute Gründe, zu deren Verständnis wir zuvor jedoch ein wenig „ausholen“ müssen:


Erinnern wir uns daran, dass es unter den ZJ zwei „Klassen“ mit unterschiedlicher Hoffnung und Berufung gibt: Eine Minderheit, die „Klasse der Gesalbten“, hat die Hoffnung, einst im himmlischen Teil des Königreiches Gottes mit Christus zu leben und zu regieren (!); die große Masse der ZJ dagegen hegt die Hoffnung, schon binnen Kurzem das Ende dieser Welt „im Fleische“ zu überleben und danach als „Untertanen des Königreiches“ die paradiesische neue  E r d e  zu bevölkern.


Die alljährlich im „Jahrbuch der Zeugen Jehovas“ veröffentlichte Statistik hat gezeigt, dass seit Jahrzehnten die Zahl der „Gesalbten, also der ZJ mit himmlischer Berufung, ständig abgenommen hat, während die „Klasse“ der ZJ mit „irdischer Hoffnung“ inzwischen schon Millionen zählt. Diese Tendenz war seit 1935 durch die „Gesalbten“ im Watchtower-Führungsstab zielstrebig initiiert und dann in Wort und Schrift massiv unterstützt worden. Dies ging so weit, dass Beauftragte der Wachtturm-Gesellschaft versuchten, Einzelnen die „himmlische Hoffnung“ mit Nachdruck  a u s z u r e d e n.


Und nun das für die Leitende Körperschaft höchst Unerfreuliche und wohl als bedrohlich Empfundene, womit wir zu den möglichen Gründen für die Lehränderung kommen: In den letzten Jahren wandten sich immer mehr Glieder der „irdischen Klasse“ überraschenderweise der himmlischen Hoffnung zu – offenbar bewusst deswegen, weil sie bemerkt und sich wohl auch dazu bekannt hatten: Das Neue Testament kennt nur „eine Hoffnung“ oder Berufung, die himmlische (Eph 4,4; Phil 3,12-22; Kol 3,1-4: Hebr 3,1)! In Folge dessen nahm die Zahl der „n e u e n  Gesalbten“ in den letzten Jahren zur Überraschung und zum Verdruss der Brooklyner Leitenden Körperschaft ständig zu.


Musste das nicht bei ihr sogar ernste Besorgnis auslösen? Haben diese betagten Herren in der LK sich am Ende gesagt 'Wehe, wenn früher oder später diese neuen Mitteilhaber der himmlischen Hoffnung sich darauf  berufen, dass -mit C.T. Russell gesprochen – die  ganze  Kirche den ‚treuen und verständigen Sklaven‘ bildet, der ja nach unserer Lehr-Tradition heute schon über ‚des HERRN ganze Habe‘ gesetzt ist? Wenn diese „Neuen“ daraus dann das Recht herleiten, hier in Brooklyn „mitzuregieren“, werden sie nicht unser Machtmonopol als Leitende Körperschaft damit ernsthaft gefährden'?


Nun meint diese etablierte ZJ-Führung offenbar, mit der im Wachtturm vom 15. Juli d. J. veröffentlichten neuen „Wahrheit“ ohne großen Wirbel diese Bedrohung ihrer Monopolstellung abgewendet zu haben – sozusagen durch „ein Machtwort von oben“. Von nun an soll jeder endlich wissen, wer bei Jehovas Zeugen das Sagen hat! Eine zusätzliche Veranlassung dazu könnte für sie die bekannte Tatsache sein, dass das allgemeine Bildungsniveau in der westlichen Welt erheblich gestiegen ist, bis zu einem gewissen Grade auch unter den Zeugen Jehovas. Deswegen befürchtet die LK eine gesteigerte Urteils- und Kritikfähigkeit der ZJ, zumal sie diese schon zu spüren bekam, wie gewisse Reaktionen des Wachtturms in den letzten Jahrzehnten zeigen, die teils empört, teils beschwichtigend ausfielen.


Steigt nämlich das Bildungsniveau und die Kritikfähigkeit der ZJ allgemein, dann muss der Brooklyner Führungsstab erst recht einen Aufstand der oben genannten  „n e u e n“, jüngeren und besser gebildeten Überrestglieder befürchten. Wenn diese Zeugen Jehovas in jüngerer Zeit ihre „himmlische Hoffnung und Berufung“ erkannten und gegen den von Watchtower`s initiierten und geförderten Trend den Mut hatten, ihren eigenen Weg zu gehen, den Weg der Jesus-Nachfolge, dann könnten sie unter Umständen daraus Herrschaftsrechte ableiten, welche die LK in Brooklyn für sich allein beansprucht!


Diese „Neuen Gesalbten“ könnten sich dabei auf die Bibel berufen und argumentieren: Hat nicht Jesus selber den Seinen also auch uns - verheißen: `Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten… und ich will wieder kommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin´ (Joh 14,2 f.)? Und hat der erhöhte Christus ihnen nicht erstaunlicherweise zugesagt, er werde Krone und Thron mit ihnen teilen (Offb 22,3-5)!


Fazit: Es spricht alles dafür, dass es sich bei des Wachtturms neuer Deutung des Gleichnisses vom „treuen und klugen Knecht“ (oder „Sklaven“) um eine aus Angst geborene vorbeugende Maßnahme handelt, das Machtmonopol der LK abzusichern. Wir kennen das aus der „weltlichen“ Welt:


Macht und die Sorge um Machterhaltung sind siamesische Zwillinge!


III. Berechtigter Einwand und eine Antwort, die uns angeht


Folgender Einwand ist nach dem Lesen des obigen Beitrags zu erwarten: Es wurde zwar deutlich, dass Jesu Gleichnis vom „treuen und klugen Knecht“ (Lutherübersetzung) von der Leitenden Körperschaft an der Spitze der ZJ für irdische Machtinteressen missbraucht wird. Die Frage aber blieb offen: Wen oder was hat Jesus denn in diesem Gleichnis gemeint? Wenn heutige Zeugen Jehovas und manche Ehemalige so fragen, dann halten sie in der Regel eine bestimmte „Klasse“ oder Körperschaft für denkbar, während die „Bibelforscher“ der Russell-Ära und in der ersten Zeit danach eher an eine Einzelperson (C. T. Russell) dachten, wenn die Frage laut wurde, wen Jesus wohl gemeint hat.


Doch müsste nicht jeder, der so fragt, dann auch überlegen, wen denn Jesus im Gleichnis von den „klugen und törichten Mädchen“ oder in der Beispielgeschichte vom barmherzigen Samariter gemeint haben soll (Etwa den neuen Papst Franziskus I. oder den „Stammapostel“ der Neu-Apostolischen)? Ebenso absurd klang es,


 wenn Zeugen Jehovas, mit denen ich um 1950 in Kontakt kam, aus Unkenntnis über die damalige offizielle Wachtturmlehre mit großer Sicherheit erklärten: „Der kluge und treue Knecht des Herrn ist die Gesellschaft“ - also die Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft (WTG).


 Oder wenn deren zweiter Präsident Rutherford noch bis in die 1920er Jahre lehrte, sein Vorgänger, der WTG-Gründer Charles T. Russell, sei unwiderruflich „der treue und kluge Knecht“.


 Oder wenn heute die leitende Körperschaft an der Spitze der Zeugen Jehovas diese Auszeichnung für sich selbst beansprucht.


Alle diese von den ZJ und ihrer jeweiligen Führung gegebenen Antworten sind schon deswegen falsch, weil die Fragestellung absurd ist, wer - also welche Führergestalt oder welches Leitungsgremium unserer Zeit! - wohl gemeint sei. Denn wie hätten Jesu Zuhörer vor fast 2000 Jahren eine derartige Information überhaupt verstehen können? Jesus aber war stets sehr darauf bedacht, dass sie ihn verstehen konnten. Deswegen verwendete er in seinen Gleichnissen vertraute Bilder und Beispiele aus dem Alltagsleben. Auch „einfache“ Leute – Hirten und Bauern, Hausfrauen und Kinder, Händler und Handwerker – sollten ihn verstehen, wenn er ihnen die Geheimnisse des Reiches Gottes zu erschließen suchte. Und was von Jesu Gleichnissen allgemein gilt, trifft natürlich auch auf das vom „klugen und treuen Knecht“ zu: Jesus spricht nicht von einer bestimmten Einzelperson oder einem Gremium, vielmehr macht er auch hier an einem alltäglichen Beispiel deutlich, was es heißt, für seinen „Nächsten“ verantwortungs- bewusst da zu sein: Auffallend ist: Jesus erteilt keine Belehrungen, doziert nicht nach Art der WTG oder wie Philosophen der Antike - Jesus  e r -  z ä h l t! Etwa wie folgt:


Ein begüterter Mann trifft Vorbereitungen für eine lange Reise. Für die Zeit seiner Abwesenheit setzt er einen Verwalter ein über seine Dienerschaft. Der ist dafür verantwortlich, dass alle zur rechten Zeit bekommen, was sie zum Leben brauchen.


Glücklich zu preisen, sagt Jesus, ist der Haushalter, der klug und gewissenhaft diese Aufgabe wahrnimmt, und den sein Herr bei der Rückkehr seine Pflicht tun sieht. Er wird ihn dafür belohnen, indem er ihm seinen ganzen Besitz anvertraut.


Sollte aber der Verwalter sich sagen: „Ach, mein Herr kommt noch lange nicht“ und anfangen, seine Untergebenen zu schlagen und mit Säufern zu zechen, so wird sein Herr kommen, wenn er ihn nicht erwartet und er wird ihn mit aller Strenge bestrafen.


Stellen wir uns einmal vor, wir selbst seien unter Jesu Jüngerinnen und Jüngern, um seinen Worten zu lauschen, so spüren wir: Was er erzählt, lässt viel Raum für eigenes Nachdenken, Jesus übt keinen Zwang aus in irgendeine Richtung. Und doch wird eines deutlich: W i r  sind dazu beru- fen, uns als Gottes gute Haushalter zu bewähren, indem wir nicht auf uns selbst und auf die Wahrung unserer eigenen Interessen, sondern auf das Heil und das Wohl der uns anvertrauten Menschen bedacht sind. Von uns, den Haushaltern, erwartet Gott, dass wir darin als treu erfunden werden (1Kor 4,2).


Wenn nun aber die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas uns kühn erklärt, Jesus habe nur sie berufen und bereits über sein ganzes Eigentum eingesetzt, verführt sie uns damit nicht zu dem Trugschluss, Jesu Gleichnis und unsere darin ausgesprochene besondere Berufung, ihm treu zu dienen, gehe uns persönlich gar nichts an? Dieser Schluss aber wäre doch Untreue gegenüber unserem Herrn, der uns so sehr geliebt hat, dass er sogar sein Leben für uns gab! Und mehr als das eigene LEBEN kann niemand geben.


(Ausführlicher dazu: Nr. 188 der „Brücke zum Menschen“ im Beitrag unter der Überschrift „Wenn der Hausherr überraschend wiederkommt. Jesu Haushaltergleichnis eine Legitimation für Machtansprüche?“ Ferner in Nr. 160: „Freiheit und Verantwortung“.)


Hans-Jürgen Twisselmann

aus „Brücke zum Menschen“ Nr. 196



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