Raymond Franz - ein Leben für die Wahrheit


Das Elternhaus


Es ist eine turbulente Zeit in den Vereinigten Staaten von Amerika, als Raymond Victor Franz am 8. Mai 1922 in Cincinnati das Licht der Welt erblickt. Einer Welt, in der sich durch bahnbrechende Erfindungen, teils dramatische industrielle Entwicklungen und gesellschaftliche Umbrüche eine neue Ordnung ankündigt. Altgewohnte Produktionsweisen müssen maschinellen Verfahren weichen. Die Bedeutung der noch jungen Eisenbahn wird bereits wieder durch das Automobil geschmälert. Die Menschen reagieren auf den von der Technik bewirkten Wandel mit zwiespältigen Gefühlen.


Während viele die neuen Angebote begeistert annehmen, suchen andere, die auch durch die jüngste Phase der wirtschaftlichen Depression verunsichert sind, einen Halt bei den Religionen. Glaubensbewegungen aller Art erleben in dieser Zeit einen Aufschwung.


Die USA sind eine religionsbegeisterte Vielvölkernation. Neuen Richtungen begegnet man aufgeschlossen und so kommt es, dass sich auch Raymond Franz´ Eltern und drei seiner vier Großeltern einer noch jungen Glaubensgemeinschaft, den ernsten Bibelforschern, den späteren Zeugen Jehovas, zuwenden.


Obwohl der junge Raymond seine christliche Prägung ganz im Sinne der Wacht-turmgesellschaft erfährt, wird er selbst  erst 1938 im Alter von 16 Jahren als Zeuge Jehovas aktiv. In diesem Jahr besucht er einen Kongress der Gesellschaft in seiner Heimatstadt, auf dem die Rede des Präsidenten Joseph F. Rutherford durch Funk übertragen wird.


Die Aussage Rutherfords, dass die biblische Wahrheit ohne Rücksicht auf Gefühle und Empfindungen der Menschen verkündet werden und frühere Glaubensansichten oder Meinungen geprüft werden müssten, spricht Raymond an.


Der junge Mann ist tief beeindruckt. Er beschließt, diese Feststellung zur Hand-lungsmaxime seines Lebens zu machen. Auch die weltpolitischen Ausführungen des Präsidenten hinterlassen bei ihm eine tiefe Wirkung. Sie „…wühlten mich zutiefst auf und erzeugten eine nie gekannte Erwartung unmittelbar bevorstehender Umwälzungen in mir.“


Es ist ein Schlüsselerlebnis, das Raymond Franz bewegt, nunmehr selbst aktiv als Zeuge tätig zu werden. Er beteiligt sich am „Predigtdienst“ von Haus zu Haus, steht mit Zeitschriften der WT-Gesellschaft am Straßenrand, verteilt Handzettel und trägt Plakate vor sich her - eine der damaligen Werbemethoden.


Zwanzig bis dreißig Stunden im Monat setzt er sich neben seinen schulischen Obliegenheiten im „Predigtdienst“ ein. Das ist eine erhebliche Belastung für den jungen Mann, der diese aber aus Liebe zu Gott und in Anerkennung des ihm gezeigt Weges bereitwillig trägt.


Der junge Raymond ist überzeugt, die biblische Wahrheit gefunden zu haben. Eine Wahrheit, die beansprucht, die Probleme der menschlichen Existenz erklären zu können, einen biblisch begründeten Lebenssinn zu vermitteln und eine einzigartige Hoffnung.


Karriere unter Entsagungen und verspätete Eheschließung


Diese Überzeugung lässt für Raymond Franz auch beruflich nur eine Perspektive zu: Er wird Vollzeitprediger für die Zeugen Jehovas. Seinen Entschluss setzt er nach Schulabschluss sogleich um.  Er tut dies ungeachtet der politischen Wirren des inzwischen ausgebrochenen Zweiten Weltkriegs, die auch für die Zeugen in den USA zu einer schwierigen Lage führen.


In der Bevölkerung nimmt der Widerstand gegen die Zeugen zu. Aber selbst gewaltsame Übergriffe können Raymond nicht von seinem Engagement abbringen. Ganz im Gegenteil bestärken ihn diese nur umso nachhaltiger in seiner Überzeugung. Er zieht zuhause aus und geht mit einem jungen Glaubensbruder in ein schwieriges Gebiet in den Osten Kentuckys und nach West Virginia, wo für Zeugen im „Predigtdienst“ sogar Gefahr für Leib und Leben besteht.


Die beiden jungen Männer müssen sogar einmal fliehen, als sie mit Schusswaffen angegriffen werden. Nur über beschwerliche Umwege können sie unverletzt entkommen.


Und es wird nicht einfacher. Bei seinen folgenden Zuteilungen als Sonderpionier in Ohio durchlebt der junge Raymond winterliche Strapazen in einem nur notdürftig geheizten Wohnwagen und muss eine Zwangsübernachtung in einer verwanzten Gefängniszelle überstehen. Er meistert alle Herausforderungen, ohne in seinem Glauben schwach zu werden.


Die Anerkennung bleibt nicht aus. Im Jahr 1944 wird Raymond Franz von der Wachtturmgesellschaft zu einem fünfmonatigen Missionarslehrgang einberufen. Er erhält seine erste Zuteilung als Missionar in Puerto Rico jedoch erst im Jahr 1946. Aber auch in dieser neuen Funktion bleiben ihm Härten nicht erspart.


Er wird schwer krank. Ruhr, eine Paratyphusinfektion und Hepatitis führen dazu, dass Raymond körperlich so schwach wird, dass er „kaum noch die Treppe zum Büro“ bewältigt und kurz vor dem Nervenzusammenbruch steht. Auf seine Bitte hin wird er dennoch in dieser Region belassen und zum reisenden Aufseher für dasselbe Land, die Virgin Islands und die Dominikanische Republik ernannt.


Erst jetzt, 13 Jahre nach Beginn seines Einsatzes in der Karibik, heiratet Raymond Franz im Alter von 37 Jahren seine Glaubensschwester Cynthia. Die Gesellschaft, die bis dahin einer Eheschließung ihrer Vollzeitprediger ablehnend gegenübergestanden hat, ist zu einer Änderung ihrer restriktiven Haltung gezwungen. Präsident Knorr hat persönlich im Jahr 1953 mit dieser Regel gebrochen, als er eine Schwester im Bethel ehelichte.


Über das Glück in ihrer ehelichen Beziehung lässt Raymond Franz wenig verlauten; dafür umso mehr über das gemeinsam ertragene Leid. Im Rahmen von Raymonds Reisetätigkeit muss das junge Paar auch unter den gleichen für sie ungewohnten schwierigen hygienischen Bedingungen wie ihre Gastgeber leben -zumeist arme Inselbewohner.


Auch Cynthia erkrankt. So schwer, dass sie sich für den Rest ihres Lebens nicht mehr völlig von den Folgen ihrer Magen- und Darmkrankheit und einer Peit-schenwurminfektion erholt.


Fünf Jahre sind Raymond und Cynthia als reisende Aufseher in der Karibik unterwegs. Die Dominikanische Republik ist politisch instabil und im Jahr 1965 kommt es in der Hauptstadt sogar zu kriegsähnlichen Unruhen mit schweren Gefechten und damit auch zu einer Gefährdung für das Missionarsehepaar.


Raymond hat im Vorjahr bereits eine Einladung von Präsident Knorr erhalten. Er solle seine dortige Missionarstätigkeit aufgeben und mit seiner Frau ins Haupt-quartier der Wachtturmgesellschaft nach Brooklyn, New York, umziehen. Der Missionar will seine Tätigkeit eigentlich beibehalten, gibt jedoch letztendlich nach. Eine neue und schicksalhafte Phase seines Lebens als Zeuge Jehovas nimmt ihren Anfang.


Erste Widersprüche und verstörende Erkenntnisse


Raymond Franz beginnt seine Laufbahn als Bethelmitarbeiter in der Schreib-abteilung. Hier entstehen die Texte für die zahlreichen Publikationen der Wacht-turmgesellschaft. Hier wird formuliert und gedruckt, was Millionen Zeugen Jehovas weltweit als geoffenbarte göttliche Wahrheit angeboten wird.


Der neue Mitarbeiter nimmt sich seiner Aufgabe mit Ernst und Hingabe an. Überzeugt davon, dass er Anteil hat an dem großen Werk der Verkündigung der biblischen Wahrheit. Sie ist es ja, die Raymond liebt und der er sein Leben geweiht hat. Eine Wahrheit, die erhaben und unangreifbar über menschlichen Philosophien und Irrlehren steht und die nach seiner Meinung auch als allein verbindliche Richtschnur und Handlungsmaxime das Denken der Wachtturm-Führung bestimmt.


Aber erst jetzt, nach 25 Jahren, kommt Raymond Franz dazu, die Heilige Schrift gründlich zu studieren und ein unerwarteter Erkenntnisprozess setzt bei ihm ein. Er versteht, dass „… es ganz wesentlich darauf ankommt, Gottes Wort, soweit es irgend geht, für sich selbst sprechen zu lassen.“


Nur auf diese Weise könnten Fehlschlüsse und „sektiererische Ansichten“ sowie „fantasievolle Auslegungen“ vermieden werden. Eine solche Sichtweise würde es zudem verhindern, dass menschliche Ansichten den Bibeltexten quasi übergestülpt würden, um diese für eigene Zwecke zu instrumentalisieren.


Dass er sich mit solcher Ansicht in Widerspruch zu der Wachtturmpraxis begibt, wird Raymond erst im Laufe weiterer Jahre deutlich. Die Wachtturmgesellschaft neigt nämlich dazu, Bibelstellen aus ihrem Kontext zu lösen, um sie mit anderen Inhalten zu verknüpfen und ihnen auf diese Weise eine Bedeutung zu geben, die der Schreiber nicht gemeint haben kann.


Zunächst sind es eher kleinere Ungereimtheiten, die Raymonds Aufmerksamkeit wecken, jedoch schnell wieder in Vergessenheiten geraten. Auch als seine Nachforschungen über die Rolle der frühen christlichen Ältestenschaft ein anderes als das von der Wachtturmführung gewünschte Bild einer straffen Hierarchie ergeben, stellt er seine Überzeugung zurück, ohne weitere Konsequenzen zu ziehen.


Sogar als er herausfindet, dass die von der WTG so herausgehobene Bedeutung des Jahres 1914, einer tragenden Säule ihres Lehrgebäudes, tatsächlich nur auf schwachen Füßen steht, lässt er sich in seiner Überzeugung nicht beirren.


Für ihn sind und bleiben die Lehren der Gesellschaft immer noch „einfach Tatsachen“, an denen er nicht rütteln will. In dieser Lage zieht er es sogar vor, seiner „eigenen Absicht zuwiderzuhandeln“ und verzichtet darauf, für seine Überzeugung einzutreten. Erneut stellt er seine Bedenken zurück.


Das ist eine Verhaltensweise, wie sie von der Führung der Gesellschaft erwartet wird. Am 20. Oktober 1971 wird Raymond Franz zum Mitglied der erweiterten Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas ernannt. Er ist jetzt Angehöriger des obersten Gremiums der Zeugen Jehovas. Er gehört einer Gruppe an, die für sich beansprucht, unter unmittelbarer Leitung Gottes zu stehen.


Wachsende Zweifel und letzte Konsequenz


Mit Zweifeln ist es wohl so wie mit Anzeichen für eine ernsthafte Erkrankung: Sie wollen nicht von selbst verschwinden, sondern treten immer wieder in Erscheinung. Zudem haben sie oft die unangenehme Eigenschaft zu wachsen. Man kann sie daher nicht lange ungestraft ignorieren. Wenn man es doch tut, werden die persönlichen Konsequenzen und andere Folgen meist umso schwerwiegender.


So muss es auch Raymond Franz in seiner neuen Rolle in der Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas ergangen sein. Entgegen seinen ursprünglichen Erwartungen findet er wenig, das geeignet wäre, seine Zweifel an der Aufrichtigkeit der Wachtturmgesellschaft zu zerstreuen.


Ganz im Gegenteil. Vor allem durch die Entscheidungspraxis der Leitenden Körperschaft wird er zunehmend ernüchtert. Er erlebt, wie in kurzen Sitzungen, ohne dass den Teilnehmern zuvor eine Möglichkeit zur Vorbereitung gegeben wird, Entscheidungen mit weitreichenden und schwerwiegenden Konsequenzen für viele Zeugen getroffen werden. Er erfährt durch Briefe und Eingaben von den Gewissensnöten der loyalen Zeugen, die sich darum bemühen, den Regeln und Vorgaben der Gesellschaft selbst in den intimsten Bereichen ihres Ehelebens nachzukommen.


Er erkennt, mit welcher Leichtigkeit die leitende Körperschaft über die Folgen, die ihre Direktiven bei den ihr vertrauensvoll zugewandten Menschen haben, hinweggeht. Er spürt, wie sehr er selbst immer mehr unter Druck gerät, seine Bedenken zurückzustellen und mit der Mehrheit zu stimmen, selbst wenn dies im Widerspruch zu seiner Überzeugung steht.


„Denn bei der Abstimmung habe ich mich der Mehrheit gefügt. … Ich glaubte, die Organisation sei das einzige Instrument, dessen Gott sich auf Erden bedient, und so tat ich dies damals ohne sonderliche Gewissensqualen.“


Aber sein Verhalten ist keine Lösung. Seine Gewissensqualen nehmen zu und gegen Ende 1979 gelangt Raymond Franz an einen „Scheideweg“. Er muss erkennen, dass er sein Leben auf einen Mythos aufgebaut hat.


Seine abweichenden „Ansichten“ in dem Gremium haben von Anfang an zu Schwierigkeiten geführt und ihm letztendlich sogar Feindschaft eingetragen. Sein Verhalten hat ihn zu einer unerwünschten Person gemacht. Ein Vorgang, der regelmäßig mit der Ausstoßung aus der Gemeinschaft endet.


Die aufgebauten Spannungen entladen sich in einer Aktion der Wachtturm-führung gegen Raymond Franz und zusätzlich gegen andere Brüder und Schwestern im Hauptquartier der Organisation, die sich kritisch geäußert haben oder denen man eine solche Haltung auch nur zutraut. Eine Aktion, die man als Säuberungswelle ansprechen könnte, läuft an und stürzt zahlreiche hauptamtliche Mitarbeiter im Bethel in eine Krise.


Es mag der persönlichen Tragik und seinem Werdegang als Zeuge zugerechnet werden, dass Raymond Franz selbst nicht die Kraft findet, von sich aus einen endgültigen Schlussstrich zu ziehen. Er erklärt in einem Brief an die Leitende Körperschaft lediglich freiwillig seinen Rücktritt und seine Bereitschaft, das Bethel zu verlassen, nachdem er einsehen muss, dass eine weitere Zusammenarbeit nicht mehr möglich ist.


Allen negativen Erfahrungen und Erkenntnissen zum Trotz will er sogar einen Neuanfang als Zeuge Jehovas in Gadsden, Alabama, versuchen. Aber die Gesellschaft macht ihm einen Strich durch seine Rechnung. Sie lehnt den Vorschlag seiner neuen Versammlung, ihn zum Ältesten zu machen, kurzerhand ab. Stattdessen sucht und findet die Wachtturmführung einen Vorwand, um sich des ungeliebten kritischen Geistes endgültig zu entledigen: Raymond Franz nimmt mit seinem Freund und Arbeitgeber - einem früheren Zeugen, der sich freiwillig zurückgezogen hatte - eine Mahlzeit ein. Das ist sein Fehler und dieser reicht aus, um ihn gegen Ende des Jahres 1981 endgültig auszuschließen. Er berichtet: „… genau 43 Jahre später (nach seiner Taufe, Anm. des Verfassers), am 31. 12. 1981 wurde ich exkommuniziert, allein deswegen, weil ich mit jemand, der von sich aus die Gemeinschaft verlassen hatte, eine Mahlzeit eingenommen hatte.“


Für den Außenstehenden mag es nur schwer nachvollziehbar sein, was jetzt geschieht. Raymond Franz schreibt ein Berufungsschreiben, das sich gegen den Ausschlussbeschluss richtet, aber erfolglos bleibt.


Als er erkennt, dass die Leitende Körperschaft sich hinter seinem Rücken darum bemüht, weitere, für ihn nachteilige Informationen zur Rechtfertigung ihrer nur schwach begründeten Entscheidung zu beschaffen, zieht er ernüchtert seinen Antrag zurück.


Die Gesellschaft ist ganz offensichtlich außerstande, seinen Ausschluss biblisch zu begründen und dieser versteht jetzt, dass es der Wachtturmführung nicht um die Anwendung christlicher Grundsätze und um Gerechtigkeit geht: „… man war offensichtlich mit Gewalt darauf aus, irgendetwas zu finden, ganz gleich, wie geringfügig und lächerlich es war, um einen Grund für meinen Hinauswurf zu finden.“


Willkürpraxis ist ein Wesensmerkmal autoritärer Organisationen, die primär oder gar ausschließlich ihr Eigeninteresse verfolgen. Raymond Franz muss die für ihn äußerst schmerzliche Erfahrung machen, dass dazu auch die Wachtturmgesell-schaft gehört. Die hat ihr wahres Gesicht gezeigt und ihr Wesen als autoritäre und machtorientierte Organisation offen zutage treten lassen. Eine solche Organisation muss sich konsequent von allen trennen, die diesen Zusammenhang erkannten, die es durchschaut haben, dass es Anmaßung ist, wenn sie sich als einziges Instrument des lebendigen Gottes aufspielt. Für einen aufrechten Christen besteht aller Grund, sich von ihr fernzuhalten. Viele ziehen daher in dieser Zeit von sich aus diese Konsequenz und verlassen die Gemeinschaft.


Es gehört zur persönlichen Tragik von Raymond Franz, dass ihm diese Erkenntnis bis zum Zeitpunkt seines Ausschlusses versagt geblieben ist, ebenso wie die der materiellen und weltlichen Ausrichtung der Organisation.


Während sich manche ehemalige Zeugen aus Enttäuschung ganz von ihrem Glauben abwenden, geht das frühere Mitglied der Leitenden Körperschaft der Zeugen einen anderen Weg: Raymond Franz bleibt seiner Liebe zur Wahrheit treu, die sich für ihn in einer unerwarteten Weise anders offenbart hat. Er findet seine persönliche Freiheit darin, „Gott und seinem Sohn zu dienen und zum Wohl aller Menschen tätig zu sein, ohne an die Weisungen unvollkommener Menschen gebunden zu sein“, sondern dabei allein seinem eigenen Gewissen zu folgen.


Und Raymond Franz lässt seinen Worten Taten folgen. Er schreibt die Bücher „Der Gewissenskonflikt – Menschen gehorchen oder Gott treu bleiben? Ein Zeuge Jehovas berichtet“ und „Auf der Suche nach christlicher Freiheit“.


Mit diesen beiden fundamentalen Werken eröffnet er Außenstehenden einen tiefen Einblick in Struktur, Wirkungsweise, Entscheidungspraxis und nicht zuletzt in die Geheimnisse einer Organisation, die für sich in Anspruch nimmt, von Gott geleitet zu sein,  aber durch ihr Verhalten sich kompromittiert.


Raymond Franz lässt sich auch in der letzten Phase seines Lebens in seinen Schriften und seinem Verhalten ausschließlich von seiner Liebe zu Gott leiten. Er erweist sich als loyaler und treuer Jünger Jesu Christi, indem er sich auch unter mannigfaltiger Prüfung einer von Gott entfremdeten Organisation nicht von seiner Überzeugung und seiner Liebe zur Wahrheit abbringen lässt. Eine unerschütterliche Treue, die er bis zu seinem Tode am 2. Juni 2010 bewahrte.



“Der große Abfall?”

Ein Glaubenskonflikt bei den Zeugen Jehovas


Die Bedrückung


Es ist ein ungewohntes Frühstück an einem Frühlingstag des Jahres 1980 im Hauptquartier der Zeugen Jehovas in Brooklyn. Eine bedrückende Atmosphäre herrscht dort, wo man doch eigentlich Fröhlichkeit und Freude erwartet, die dem christlichen Glauben eignet und dem Bewusstsein, dem allein wahren Gott zu dienen.


Aber heute ist es hier anders. Einige Brüder sitzen mit versteinerten Mienen an ihrem Platz und schweigen, manche Schwestern können ihre Tränen nur mühsam unterdrücken und wiederum andere bringen diese Disziplin nicht auf und schluchzen ungehemmt und laut.


Was ist der Anlass? Es ist eine schockierende Neuigkeit, die in der Bethelfamilie die Runde macht. Eine Gruppe spanisch sprechender Brüder und Schwestern ist von der Leitung aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und aufgefordert worden, das Bethel, ihre geistige Heimat und ihr Zuhause, umgehend zu verlassen. Es ist vor allem die Härte der Maßnahme, die die Brüder und Schwestern schockiert. Eine Strafe, die für die Betroffenen ihren geistigen Tod, die Trennung von dem allein wahren Gott, dem sie ihrer Meinung nach treu gedient hatten, und den Verlust ihrer sozialen und wirtschaftlichen Existenz bedeutet.


„Diese Menschen hatten der Organisation seit Jahrzehnten angehört und viele Jahre lang ganzherzig ihre gesamte Zeit für das hergegeben, was sie als Dienst für Gott ansahen, und das alles wurde in nur sechs Tagen, vom 21. bis 26. April, einfach so weggewischt und sie wurden aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.“


„Natürlich waren viele in der Bethelfamilie betroffen und weinten am Frühstücks-tisch, als sie hörten, was den spanischen Brüdern passiert war. Ich konnte sehen, wie sich meine Brust in Panik hob und senkte und hoffte, dass die anderen an meinem Tisch nicht bemerkten, dass ihr Tischältester kurz davor stand, auszuflippen. Wie konnte sie (die Leitung) nur so etwas tun?“


Diese Frage muss sich an jenem Tag nicht nur dem Augenzeugen Randall Watters gestellt haben, der mit diesen Worten seine persönlichen Empfindungen beschreibt, sondern auch den meisten anderen, die über die Hintergründe der Ausschlussaktion keine weitere Kenntnis hatten und daher schockiert und fassungslos auf das Gehörte reagierten.


Dutzende wurden auf diese Weise in den folgenden Monaten zum Verlassen der Bethelfamilie gezwungen, da sie offensichtlich „zu viel wussten“, berichtet Randall Watters. Viele verließen das Bethel in Brooklyn auch auf eigenen Wunsch, um einem möglichen Ausschluss zuvorzukommen.


Aber welches Wissen kann es denn gewesen sein, das so bedeutsam, so wichtig in den Augen der Leitenden Körperschaft war, dass es eine Maßnahme von derartigen Tragweite rechtfertigen könnte?


Der Anlass zur „Säuberung“


Die Aktion der Leitenden Körperschaft war ausgelöst worden durch einen Auftrag, den sie Raymond Franz, einem ihrer Mitglieder und weiteren Mitarbeitern erteilt hatte. Diese sollten unter dem Stichwort „Chronologie“ einen Beitrag für das Buch „Hilfe zum Verständnis der Bibel“ erarbeiten, womit sich auch Recherchen verbanden, die sich über Monate erstreckten.


„Ein großer Teil dieser Zeit verging mit der Suche nach irgendeinem Beweis, einer Bestätigung in der Weltgeschichte für das Jahr 607 v. u. Z., das in unseren Berechnungen für das Jahr 1914 eine so zentrale Rolle spielte. … Wir fanden absolut nichts, was das Jahr 607 v. u. Z. bestätigt hätte.“


Mit dieser Erkenntnis war die Lehre der Zeugen Jehovas über die „theokratische“ Bedeutung des Jahres 1914 gefährdet. Denn wenn die diesbezügliche Wacht-turmlehre sich nicht aufrechthalten ließ, stand sogar die Legitimität der Leitenden Körperschaft auf dem Spiel. Sie geht davon aus, dass Jesus Christus sie nach seiner vermeintlichen Wiederkunft später zu seinem „treuen und verständigen Sklaven“ ernannt hat.


Eine schwierige Situation war entstanden, die sich noch dadurch verschlimmerte, dass die genannte Einsicht der recherchierenden Brüder sich bei den Bethelmitarbeitern wie ein Lauffeuer verbreitete. Noch während des Jahres 1979 sprachen sich die archäologischen Informationen, die im Gegensatz zur Wachtturmlehre standen, in der spanisch sprechenden Versammlung herum, von wo aus sie zu der leitenden Körperschaft gelangten.


Die Wachtturmgesellschaft sah sich genötigt zu reagieren und tat dies auch umgehend; eingeleitet durch Bemerkungen, die bei einer Sitzung der Leitenden Körperschaft am 14. November 1979 fiel:


“Grant Suiter sagte, er wolle eine Angelegenheit zur Sprache bringen, die zu beträchtlichem Gerede geführt habe. Er habe gehört, dass einige Mitglieder der leitenden Körperschaft sowie Mitarbeiter der Schreibabteilung in ihren Vorträgen Ansichten vertreten hätten, die nicht mit den Lehren der Gesellschaft übereinstimmten, und dass führe zu Verunsicherungen. Zum ersten Mal fiel in einer Sitzung der leitenden Körperschaft das Wort ‚Abtrünnigkeit’“ so berichtet Raymond Franz.


Nunmehr war dieser schwerwiegende Vorwurf ausgesprochen und ließ sich nicht mehr ignorieren. Aber konnte man deswegen schon von einem „großen Abfall“ sprechen? „Es wurde beschlossen, das Lehrkomitee … mit einer Untersuchung zu beauftragen. In einer späteren Sitzung berichteten dessen Mitglieder, sie hätten keine Beweise für die genannten Vorwürfe gefunden.“


Dennoch wollte man die Angelegenheit nicht einfach fallenlassen, sondern ihr weiter nachgehen. Das Dienstkomitee der Gesellschaft wurde eingeschaltet und war „fleißig damit beschäftigt, alle möglichen Indizien zusammenzutragen, um Raymond Franz auszuschließen, da man annahm, dass er und Edward Dunlap sich gegen die Organisation verschworen hätten“ stellt Randall Watters fest.


Aber auch die Anstrengungen der Brüder vom Dienstkomitee waren nur von zweifelhaftem Erfolg gekrönt. Das von ihnen vorgelegte Beweismaterial „…bestand zur einen Hälfte aus haltlosen, völlig aus der Luft gegriffenen Gerüchten, und die andere hatte nur dann einen Wert, wenn man der Ansicht ist, eine Religionsorganisation habe das Recht, private Unterhaltungen über die Bibel im vertrauten Freundeskreis zu verbieten, falls diese nicht voll und ganz mit den Lehren der Organisation übereinstimmen.“


Wie es sich jedoch zeigte, sollte es zur Not auch ohne stichhaltige Beweise gehen. Schließlich ging es der Gesellschaft um etwas anderes, Größeres. Mit Raymond Franz und seinen Sympathisanten wollte sie diejenigen treffen und ausschließen, die sie als harten Kern und Anführer der inneren Kritik vermutete, die zum Schweigen gebracht werden sollten. Raymond Franz, der seit neun Jahren der  Leitenden Körperschaft angehörte, war ihr im Laufe der Zeit ohnehin zunehmend unbequem geworden.


Im Zuge dieser “geistigen Säuberungswelle“ wurden neben den vermutlichen Rädelsführern viele andere beschuldigt und oft nur wegen Zweifeln oder Fragen ausgeschlossen. Eingaben gegen ausgesprochene Ausschlüsse blieben in der Regel erfolglos. Die Betroffenen wurden aufgefordert, ihre Habseligkeiten zu packen und ihr Zuhause, das Bethel, innerhalb von wenigen Stunden unter Stillschweigen zu verlassen.


Die Wachtturmführung reagierte schnell und mit kompromissloser Härte. Mit diesem harschen Vorgehen und ihrer Unbeugsamkeit hat sie jedoch ein anderes Verhalten gezeigt, als man von einer christlichen Gemeinschaft erwartet. Die stets betonte brüderliche Liebe hatte sich damit als „Lug und Trug“ erwiesen, als bloßer Wunschtraum vieler Zeugen, wonach bei den Angehörigen dieses Gremiums der Geist und die Liebe Gottes bestimmend wären.


Eine vorgeblich christliche Gemeinschaft hatte sich letztlich als autoritäre Organisation entpuppt: „Was im Frühjahr 1980 geschah, bewirkte nur, dass der Samthandschuh der Milde ausgezogen und die unbeugsame Härte darunter freigelegt wurde.“


„Wie man eine solche Handlungsweise noch als christlich ansehen kann, weiß ich nicht“, resümiert Raymond Franz und damit stellt sich die Frage, wie die Wachtturmgesellschaft ihr rigides Vorgehen rechtfertigt.


Der Machtanspruch


Angesichts der in der Gemeinschaft im Bethel Brooklyn entstandenen Unruhe sah sich die Gesellschaft gezwungen, ihre Handlungsweise zu legitimieren und ihre Befugnis zum Erlass von Regeln und Weisungen zu begründen.


Lloyd Barry, ein Mitglied der Leitenden Körperschaft, übernahm diese Aufgabe und sagte am 29. Mai zu den Ältesten der Bethelfamilie:


“Wenn wir über das Gesetz reden, sprechen wir über Organisation. Es ist nötig, dass wir mit unserem ganzen Herzen nach diesem Gesetz suchen. Jehova gibt keinem Einzelnen Einsicht. Wir brauchen einen Führer und das ist der treue und verständige Sklave. Wir sollten uns nicht in Cliquen zusammenfinden, um Ansichten zu diskutieren, die im Gegensatz zu denen des treuen und verständigen Sklaven stehen. Wir müssen die Quelle unserer Instruktionen (an)erkennen. Wir müssen wie ein Esel sein, bescheiden, und müssen an der Krippe bleiben und dann werden wir nicht vergiftet.“ Eine für die Gesellschaft typische, allerdings aus christlicher Sicht nicht nachvollziehbare Argumentation!


Lloyd Barry setzt die Organisation in unzulässiger Weise mit dem göttlichen Gesetz gleich und beansprucht für die Wachtturmgesellschaft, als Vertreterin dieses Gesetzes und so mit göttlicher Autorität zu handeln, neue Regeln zu erlassen, die anzunehmen sind und nicht kritisch diskutiert werden dürfen, da man sonst Gefahr läuft, geistig vergiftet zu werden.


Von einer biblisch begründeten Legitimation kann nicht die Rede sein. Die Ausführungen von Lloyd Barry lassen sich nur als Rechtfertigungsversuch, sogar als Prätention (Anspruch), aber keinesfalls als nachvollziehbare christliche Begründung verstehen.


Die Gesellschaft verlangt von ihren Zeugen absolute Unterordnung und will ihnen suggerieren, dass sie sich im Falle einer Zuwiderhandlung nur selbst schaden. Sie will nicht überzeugen, sondern droht damit, dass, wer nicht gehorsam ist, mit harten Konsequenzen rechnen muss.


In die gleiche Kerbe schlägt an diesem Tag auch Albert Schroeder, ebenfalls Mitglied der Leitenden Körperschaft. Auch er spricht zu den Ältesten im Bethel und unterstreicht den Autoritätsanspruch der Wachtturmführung mit den Worten:


„Wir dienen nicht nur Jehova Gott, sondern unterstehen auch unserer ‚Mutter’. Unsere Mutter (die Wachtturmorganisation, Anm. des Verfassers) hat das Recht, Regeln und Vorschriften für uns zu machen. … Wenn einige glauben, sie können sich diesen Regeln und Vorschriften, die jetzt gelten, nicht unterwerfen, sollten sie gehen und nicht an dem weiteren fortschreitenden Werk teilhaben.“


Die Botschaft beider Leitungsmitglieder ist eindeutig. Die Führung der Organisation beansprucht uneingeschränkten und bedingungslosen Gehorsam. Einen Gehorsam, der selbst bis in den Bereich des persönlichen Glaubens hineinreicht, indem er keinen Zweifel an den Glaubenssätzen und Auslegungen der leitenden Körperschaft erlaubt.


Die individuelle christliche Freiheit - sollte sie in der Organisation der Zeugen Jehovas jemals bestanden haben - wird auf diese Weise aufgegeben, das Denken der Zeugen gleichgeschaltet.


Damit steht die Wachtturmgesellschaft in unüberbrückbarem Gegensatz zur christlichen Lehre, die der Freiheit einen hohen Stellenwert beimisst:


„So bestehet nun in der Freiheit, zu der uns Christus befreit hat, und lasset euch nicht wiederum in das knechtische Joch fangen.“


Die Organisation kann ihren Anspruch nicht begründen, ohne sich in den Gegensatz zur Bibel zu begeben. Sie zieht es daher vor, sich mit den Mitteln der Macht gegen ihre internen Kritiker zu verteidigen. Sie vermeidet mit ihrer Strategie jegliche inhaltliche Auseinandersetzung und kann daher im Extremfall selbst die gröbsten Falschinterpretationen bei ihren Gläubigen mit ihrem Herrschaftsanspruch durchsetzen.


“Wenn Irrlehre gezwungen ist, sich im Kampf mit Wahrheit zu messen, dann findet sie ihre bevorzugte Waffe und auch ihre letzte Zuflucht in Macht. Allzu oft hat die beanspruchte Macht keine größere Daseinsberechtigung als die Irrlehre selbst.“


Will Cook

Aus „Brücke zum Menschen“ Nr. 198






























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