Zeugnisse aus bewegter Zeit


„Der Gewissenskonflikt“ - ein Glücksfall


Eigentlich hätte das Buch „Der Gewissenskonflikt“ niemals geschrieben werden sollen. Und bis zum 31. Dezember 1981 und darüber hinaus hätte auch der spätere Autor den Gedanken daran wohl weit von sich gewiesen. Er war zwar Ende Mai 1980 als Mitglied der „Leitenden Körperschaft“ der Zeugen Jehovas zurückgetreten. Aber er hatte gar nicht die Absicht, diese Religionsgemeinschaft zu verlassen. In der Zeit davor, als die unterschiedlichen und letztlich unvereinbaren Auffassungen und Denkweisen, die ihn von der Mehrheit des Leitungsgremiums trennten, immer deutlicher wurden, hatte er alles dafür getan, den Konflikt zu entschärfen und den endgültigen Bruch zu vermeiden.


Doch er war bereits als unzuverlässig gebrandmarkt, als er die Zentrale in Brooklyn verließ. Die Gegenseite war zum Einlenken nicht bereit. Sie war nicht in der Lage, seinen Wunsch zu respektieren, in Ruhe gelassen zu werden und mit seiner Frau ein Leben als einfacher Zeugen Jehovas zu führen. Es kam, wie es vorprogrammiert war: Er wurde zum Geächteten, dem man unter einem Vorwand „die Gemeinschaft entzog“.


Selbst in dieser Situation schwieg er weiter. Er gab keine Stellungnahmen zu seinem Fall oder zum Konflikt in der Religionsgemeinschaft ab, Presseanfragen beantwortete er nicht.


Dann aber setzte bei Raymond Franz ein Umdenken ein. Er schreibt: "In diesen zwei Jahren [seit seinem Rücktritt von der leitenden Körperschaft im Mai 1980] sind Motive, Charakter und Verhalten von Menschen, die aus Gewissensgründen nicht mit der Organisation einiggehen konnten, mit den übelsten Bezeichnungen belegt worden. Ihr Bemühen, das Wort Gottes allem anderen voranzustellen, wurde ihnen als Beweis des persönlichen Ehrgeizes, als Rebellion und Stolz, als Sünde gegen Gott und Christus ausgelegt. Man unterstellte sofort, daß niemand von ihnen aufrichtig gehandelt hatte, aus Liebe zur Wahrheit oder Treue gegenüber Gott. ... Die einzigen, die derlei Gerede hätten unterbinden können … und die   obendrein den Gerüchteverbreitern hätten zeigen können, wie sehr Gott falsches Zeugnis haßt - diese Personen haben in Wahrheit zur Verbreitung von Gerüchten durch ihre Veröffentlichungen noch beigetragen."


In dieser Situation entschloss er sich, für die Abweichler einzutreten. 1983 erschien „Der Gewissenskonflikt“ in Englisch. Für diejenigen, die sich mit den Zeugen Jehovas befassten, war das Werk eine Sensation: Erstmals in der Geschichte dieser Religionsgemeinschaft hatte ein früheres Mitglied der kleinen Führungsgruppe einen Bericht aus erster Hand verfasst, der einen Einblick in das Funktionieren und Agieren der ominösen „Leitenden Körperschaft“ gab.


Das Buch wurde in der Folgezeit in viele weitere Sprachen übersetzt. 1988 erschien eine erste deutsche Fassung im evangelischen Claudius-Verlag, eine zweite Auflage folgte 1996. Heute steht eine überarbeitete revidierte und erweiterte Auflage aus dem Jahr 2006 zur Verfügung, nun gemeinsam verantwortet vom Bruderdienst-Missionsverlag e. V. Hamburg und Ausstieg e. V. Karlsruhe.


Die Chronik eines Wandels


Das Werk ist im Kern ein Bericht über den Veränderungsprozess in der Leitung der Zeugen Jehovas Mitte der 1970er Jahre und gleichzeitig ein Zeugnis über eine schmerzhafte Wandlung des Autors.


In den ersten Kapiteln begründet er die Notwendigkeit des Buches und stellt seinen eigenen Werdegang dar, der 1971 zu seiner Aufnahme in die neu gegründete - damals allerdings noch einflusslose - „Leitende Körperschaft“ führte.


Der Hauptteil des Buches ist eine Mischung aus der Schilderung der internen Vorgänge in der Führung der Zeugen Jehovas von 1971 bis 1980 und der Auseinandersetzung mit verschiedenen Themen, die den religiösen Anspruch der Führung völlig delegitimieren. Raymond Franz lässt uns daran teilhaben, wie sich in den Jahren 1975 und 1976 die „Leitende Körperschaft“ die tatsächliche Kontrolle über das Werk erkämpfte, die bis dahin ausschließlich in der Hand des Präsidenten der Wachtturm-Gesellschaft (WTG) gelegen hatte. Wir werden Zeugen davon, wie dieses Gremium nach einer kurzen Phase der Offenheit die bisherige doktrinäre Politik fortsetzt und schließlich sogar noch verschärft. Dies hat Folgen auch für den Autor unseres Buches, wie bereits im Artikel von Will Cook in diesem Heft dargestellt.


Die Schilderung dieser Entwicklungen wird begleitet und illustriert durch verschiedene Beispiele. Raymond Franz beschreibt die Kontrolle der Führung über die „theokratische Organisation“. Er informiert anhand von Beispielen - Sexualmoral, Zivildienst, unterschiedliche moralische Maßstäbe, gescheiterte Endzeitvorhersagen und 1914-Lehre - welchen enormen Einfluss die Führung der Gemeinschaft auf das Leben ihrer Anhänger nimmt und wie sehr sie damit von christlichen Maßstäben abweicht.


Die drei letzten Kapitel sind seinem Rücktritt von der „Leitenden Körperschaft“, seiner vergebliche Hoffnung auf Frieden innerhalb der Gemeinschaft und seiner Exkommunikation gewidmet. Im Schlusskapitel macht er sich Gedanken über die Zukunft der Zeugen Jehovas und zieht ein Fazit: „Wir brauchen keine imposante Organisation, … auch nicht ihre Leitung und Kontrolle, ihr Antreiben und ihren Druck. Die tiefe Wertschätzung für die unverdiente Güte Gottes, daß uns das Leben als ‚freie Gabe’ geschenkt wird, ohne daß dafür Werke nötig sind, sondern nur der Glaube, diese Wertschätzung genügt voll und ganz, um uns zu beflügeln. Wenn wir unsere Freiheit als Christen achten und lieben, werden wir auf andere Formen des Drängens gar nicht mehr ansprechen.“


Christliche Freiheit - Lehren aus einem Leben als Zeuge Jehovas


Acht Jahre nach dem Erscheinen von „Der Gewissenskonflikt“, im Jahr 1991, veröffentlicht Raymond Franz ein zweites Buch mit dem Titel „Auf der Suche nach christlicher Freiheit“. In Deutsch ist es ab 1997 auf CD-Rom erhältlich. Erst seit 2005 gibt es eine Druckfassung, wieder im Bruderdienst Missionsverlag in Kooperation mit Ausstieg. Während die revidierte Fassung von „Der Gewissenskonflikt“ 431 Seiten umfasst, ist das „Freiheits-Buch“ mit 668 Seiten deutlich umfangreicher.


Auch in diesem Buch verknüpft der Autor seine Erfahrungen in der „Leitenden Körperschaft“ und die Auseinandersetzung mit der religiösen Ideologie dieser Gemeinschaft. Allerdings liegt der Schwerpunkt dieses Mal auf den Sachthemen, während die persönlichen Bezüge vergleichsweise in den Hintergrund treten.


Im Zentrum seiner Kritik steht der religiöse Herrschaftsanspruch der Zeugen-Führung. Raymond Franz weist detailliert nach, dass dieser keinerlei Basis in Bibel und christlichem Glauben hat, sondern reine Anmaßung ist. Er vertieft und entfaltet Themen, die im „Gewissenskonflikt“ nur am Rande oder gar nicht vorkamen: Das Verhältnis von Glauben und Werken, die Gesetzlichkeit der Zeugen-Führung, die Absurdität des Blutverbotes mit den im Laufe der Zeit für zulässig erklärten Ausnahmen. Weitere Themen sind die Problematik der Zeugen-Ältesten, die in erster Linie Funktionäre der Führung sind, der Missbrauch des „Gemeinschaftsentzuges“ als unbarmherziges Disziplinierungs-Instrument und die Methoden, mit denen die „Leitende Körperschaft“ abweichendes Denken in der Gemeinschaft abzuwehren sucht. Er setzt sich mit dem angeblichen Gottesnamen „Jehova“ auseinander, klärt über die wenig effektive Methode des „Predigtdienstes“ der Zeugen Jehovas auf und zeigt, dass deren Botschaft  n i c h t  das christlichen Evangelium ist.


Zum Abschluss vertieft er das Thema der christlichen Freiheit.  Er verdeutlicht, dass die machtförmige Struktur der Zeugen-Organisation unvereinbar ist mit der christlichen Freiheit. Im Nachwort skizziert er eine christliche Existenz der Liebe und Offenheit gegenüber allen Menschen. Er greift auch (für Zeugen Jehovas und Ehemalige) „heiße Eisen“ wie die Frage nach der Gottheit Jesu Christi auf und plädiert für eine offene und undogmatische Haltung.


Werke von bleibender Bedeutung


Seitdem die beiden Bücher von Raymond Franz veröffentlicht wurden, sind bereits Jahre vergangen. Vieles von dem, was er beschreibt, gehört inzwischen der Geschichte an. Aber sie werden über lange Zeit für jeden, der sich kritisch mit den Zeugen Jehovas auseinandersetzen möchte, von bleibender Bedeutung sein. Sie dokumentieren nämlich Entwicklungen dieser Religionsgemeinschaft in einer entscheidenden Periode. Mit Fug und Recht lässt sich sagen, dass in der Zeit, in der der Autor dem Leitungsgremium angehörte, Weichen für diese christliche Sondergruppe gestellt wurden, die bis heute wirksam sind und sie wahrscheinlich noch auf lange Zeit prägen werden. Die damals aufgebaute Führungsstruktur hat sich, entgegen der Hoffnung einiger, die an dem Prozess beteiligt waren, als wahrhaft konservativ und reform-verhindernd erwiesen. Es ist kaum vorstellbar, wie diese gerontokratische Leitung jemals die Kraft und den Mut aufbringen sollte, mit den Traditionen der Gemeinschaft zu brechen, die einer christlichen Umkehr im Wege stehen.


Raymond Franz aber hatte den Mut, sich den Fakten zu stellen und schließlich den Bruch mit der autoritären Gemeinschaft zu wagen. Er überwand deren falsches Verständnis des christlichen Evangeliums und legte offen, worin der grundlegende Irrweg besteht: „Jehovas Zeugen werden aufgefordert, alles, was gerade gelehrt wird, so anzunehmen, als sei es unfehlbar. Praktisch sagt man ihnen: ‚Ihr solltet alles, was wir veröffentlichen, als absolute Wahrheit annehmen, bis wir euch sagen, daß das nicht der Fall ist.’“


Dafür sind wir ihm bleibend dankbar.


Beide Bücher können bezogen werden bei:

Ausstieg e.V., Binger Str. 105, 76185 Karlsruhe, Tel. 0700/28778434, Email: Umeschede@web.de

„Der Gewissenskonflikt“, 431 Seiten, 23,95 Euro

„Auf der Suche nach christlicher Freiheit“, 668 Seiten, 24,95 Euro


Rainer Ref

aus „Brücke zum Menschen“ Nr. 198



Themen... Diesen Text als PDF-Datei laden