Ein Vergleich


Die im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes, in den Kapiteln 7 und 14 erwähnten 144.000 Versiegelten werden von den Zeugen Jehovas auf eine besondere Weise gedeutet. Ihre Lehre beinhaltet eine Abstufung innerhalb der eigenen Anhängerschaft, die zu einer Art religiöser Zwei-Klassen-Gesellschaft führt. Die NAK dagegen lehrt, dass alle, die durch einen NAK-Apostel das Sakrament der Heiligen Versiegelung empfangen haben, zu den 144.000 Versiegelten, auch Erstlinge genannt (Offb 14,4), gezählt werden. Ob sie jedoch den Lohn ihrer „Erwählung“, also ihres Erstlingseins, ernten, hängt davon ab, ob sie ihrer Berufung gemäß gelebt haben.


Im derzeitigen Lehrbuch der Zeugen Jehovas für "Interessierte" mit dem Titel "Was lehrt die Bibel wirklich?" wird im dritten Kapitel die paradiesisch erneuerte Erde als Hoffnung für die Menschheit vorgestellt (S. 33 ff.). Im fünften Kapitel wird behauptet: "In Kapitel 3 war bereits davon die Rede, wie herrlich das Leben im Paradies auf der Erde sein wird. ... All diese Freuden - auch ewiges Leben in vollkommener Gesundheit - stehen uns deshalb in Aussicht, weil Jesus für uns starb" (S. 54). Der Kreuzestod Christi wird also mit dieser angeblich christlichen Hoffnung auf ein paradiesisches Leben auf Erden in Verbindung gebracht.


Erst im siebten Kapitel des Buches wird die himmlische Hoffnung sozusagen im Vorübergehen erwähnt. Unter Bezugnahme auf Offenbarung 14:1 heißt es:  "Diese 144 000 ... werden zu einem Leben im Himmel auferweckt. ... Die wenigen noch auf der Erde lebenden Glieder der 144 000, die in unseren Tagen sterben, werden also sofort zum Leben im Himmel auferweckt. ... Die überwiegende Mehrheit der Menschen hat jedoch die Aussicht, in der Zukunft auferweckt zu werden und für immer in einem Paradies auf der Erde zu leben" (S. 74).


Zusammengefasst behauptet die Leitung der Zeugen Jehovas, dass nur insgesamt 144.000 Christen (als buchstäbliche Zahl verstanden) seit Jesu Tod und Auferstehung 33 n. Chr. als Miterben mit Christus zu himmlischem Leben berufen sind. 1918 habe die Auferstehung aller bis dahin zu dieser "Klasse" gehörenden Verstorbenen stattgefunden. Wenn heute ein Angehöriger dieser Gruppe stirbt, werde er sofort auferweckt. Nur diejenigen, die zu dieser "Klasse" zählen, seien Glieder des Neuen Bundes, gerechtfertigt aus Gnade, nur sie seien die eigentlichen Adressaten des Evangeliums des Neuen Testaments. Alle anderen, also die weit überwiegende Anzahl der ca. sieben Millionen heutigen Zeugen Jehovas, hätten lediglich die Hoffnung, ewiges Leben auf Erden zu erlangen. Diese Hoffnung werde jedoch erst Erfüllung finden, wenn sie die "Schlussprüfung" am Ende des Tausendjährigen Reiches treu bestanden haben.


Die Lehre der NAK sieht dagegen in den 144.000 eine symbolische Zahl: „In der Offenbarung Johannes ist von den ‚Hundertvierundvierzigtausend’ die Rede. Bei dieser Zahl handelt es sich um eine Sinnzahl und nicht um eine Zählzahl. Sie stellt zwar ein mathematisch ermitteltes Ergebnis dar (Produkt aus 12x12x 1.000), aber mit ihr soll eine Symbolik ausgedrückt werden.“


Im Gegensatz zu den Zeugen Jehovas gehören jedoch alle zu allen Zeiten durch einen NAK-Apostel Versiegelten zu den 144.000. Es spielt also keine Rolle, in welche Zeit ein Mensch hineingeboren wurde. Die NAK räumt neuerdings auch den „getreuen Bekennern aus dem Alten Bund“ ein, eventuell zu den 144.000 zu gehören und bezieht sich auf Matthäus 8,11: „Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen.“ Die theologische Engführung der NAK auf ihre     Apostel muss zwangsläufig die Frage aufwerfen, welche dann auch prompt angehängt wird: „Auf welche Weise die gläubigen Bekenner aus dem Alten Bund allerdings das Siegel [gemeint ist das Siegel, das eigentlich nur im Sakrament der Heiligen Versiegelung durch einen Apostel der NAK gespendet werden kann und das in die Schar der 144.000 eingliedert; Anm. FS] empfangen haben, wissen wir nicht.“


Weichenstellung der Zeugen Jehovas schon in der Gründungszeit


Die Lehrentwicklung der Bibelforscher/Zeugen Jehovas geht in ihren Grundzügen auf Charles Taze Russell (1852-1916) zurück, dem Gründer der Bibelforscher. Bereits er sah in der "großen Schar" oder "großen Volksmenge" (NWÜ) von Offenbarung 7,9 ff. eine Gruppe von Christen mit geringerer Hoffnung. In seinem Buch "Der göttliche Plan der Zeitalter" (Schriftstudien Band 1) schrieb er: "Diejenigen, welche die gegenwärtige Welt lieb haben, aber den Herrn nicht gänzlich verlassen und ihren Bund verachten, werden Züchtigung und Läuterung durch das Feuer der Drangsal durchzumachen haben. […] Wenn sie durch diese Züchtigung recht geübt worden sind, werden sie schließlich doch noch auf der geistigen Stufe angenommen werden. Sie werden ewiges geistiges Leben wie die Engel haben; […] Sie werden Gott in seinem Tempel dienen, […] aber, obwohl das herrlich sein wird, so herrlich wird es nicht sein, wie die Stellung der 'kleinen Herde' der Überwinder [= die 144.000], die Könige und Priester Gottes sein, mit Jesu (als seine Braut und Miterbin)  a u f  d e m  T h r o n e  [Hervorhebung im Original] sitzen und wie er mit Unsterblichkeit gekrönt sein werden."


Die Lehre der NAK sieht ebenfalls Qualitätsunterschiede zwischen den Erstlingen und denen, die während der Zeit der „großen Trübsal“ sich bewähren und als „große Schar“ von Gott angenommen werden. Die Schar der 144.000 erlebt die „Hochzeit des Lammes als Braut (vgl. Offb 19,6-9) und bleibt demzufolge bewahrt vor der großen Trübsal, die über den ganzen Weltkreis kommt (vgl. Luk 21,36; siehe auch Offb 3,10)“ und „sie zählt ferner zu den Priestern Gottes und Christi, die mit dem Herrn tausend Jahre regieren (vgl. Offb 20, 4.6).“


Auf Russell geht auch das buchstäbliche Verständnis der in Offb 7 genannten Zahl 144.000 zurück. Im sechsten Band seiner "Schriftstudien" sagte er dazu: "Er [Gott] verordnete, daß eine bestimmte Anzahl Menschen als seine [d. h. Christi] Miterben und Teilhaber am Reiche, als fernere Mitglieder der 'Neuen Schöpfung', auserwählt werden sollten. Wir haben allen Grund, anzunehmen, daß diese bestimmte Anzahl die in der Offenbarung erwähnten 144000 'aus den Menschen Erkauften' sind (Off. 7, 4; 14, 1)."


Russell lehrte also, die "große Schar" sei ebenfalls eine himmlische "Klasse". Darüber hinaus hatte er auch noch für die Menschen außerhalb der Bibelforscherbewegung eine Hoffnung angenommen, nämlich die eines ewigen Lebens auf Erden. Sein Nachfolger Joseph Franklin Rutherford (1869-1942) behielt diese Sicht zunächst bei. 1918 hielt er erstmals einen Vortrag mit dem Thema: "Millionen jetzt Lebender werden nie sterben!" (1920 erschien ein Buch mit gleichem Titel). Damit waren natürlich die Menschen gemeint, die nicht zu den damals knapp 20.000 Bibelforschern weltweit gehörten.


Eine veränderte Perspektive


Später gab Rutherford diese Hoffnung für diejenigen auf, die keine Anhänger der eigenen Organisation waren. Ab 1935 vertrat er die Ansicht, die "große Volksmenge" aus Offenbarung 7 seien diejenigen Zeugen Jehovas, die die Aussicht auf ewiges Leben als Untertanen des Königreiches Jehovas auf Erden haben. Aus Russells zweitrangiger himmlischer "Klasse" war die Masse derjenigen geworden, die die endzeitliche Schlacht von Harmagedon hier auf Erden überleben würden. Dagegen haben seit dieser Lehränderung nach der Ideologie der Zeugen-Führung alle Nicht-Zeugen nur noch die „ewige Vernichtung“ in der Endzeitschlacht von Harmagedon zu erwarten.


Gemäß der gegenwärtigen Lehre der Zeugen Jehovas ist die Berufung zur "himmlischen Klasse" der 144.000 Miterben und Mitkönige Christi seit 1935 eigentlich abgeschlossen. Nur wenn sich jemand aus dieser Gruppe von den Zeugen Jehovas abwendet, würde ein anderer neu dazu berufen. Dem entgegen ist die Sammlung zu den 144.000 Erstlingen aus Sicht der NAK nicht abgeschlossen, solange die Wiederkunft Christi noch bevorsteht: „Wer beim Kommen Christi dem Herrn entgegengerückt wird (vgl. 1. Thessalonicher 4,17), ist Erstling [...].“


Eigentlich sollte man aufgrund der von der Führung der Zeugen Jehovas vertretenen Sicht erwarten, dass es heute überhaupt keine Zeugen Jehovas mehr geben kann, die sich den 144.000 zugehörig fühlen. Denn seit fast 80 Jahren wird jeder, der sich dieser Religionsgemeinschaft anschließt, auf die "irdische Hoffnung" verwiesen. Die Statistik der so genannten "Gedächtnismahl-Teilnehmer" spricht aber eine andere Sprache: Denn die Zugehörigkeit zur "himmlischen Klasse" wird dadurch dokumentiert, dass man beim einmal jährlich gefeierten "Gedächtnismahl" von den so genannten Abendmahlsymbolen Brot und Wein nimmt (dies deshalb, weil nach der Zeugen-Lehre nur die 144.000 in den Neuen Bund aufgenommen seien, nicht aber diejenigen, die sich der "großen Volksmenge" zurechnen). Es ist, im Gegensatz zu dem zu Erwartenden, in den letzten Jahren eine zahlenmäßige Zunahme eingetreten: 2002 gab es weltweit 8.760 "Gedächtnismahl-Teilnehmer", 2012 waren es dagegen schon 12.604.


Abschließende kritische Anmerkungen


Die Auslegung der Offenbarung durch die Zeugen-Führung hinsichtlich der 144.000 ist inkonsequent. Sie nimmt die Gesamtzahl 144.000 buchstäblich, ignoriert aber, dass es sich nach dem Wortlaut des Textes um jeweils 12.000 aus jedem Stamm Israels handelt, was dann konsequenterweise ebenfalls buchstäblich gedeutet werden müsste. In dieser Zeitschrift haben wir in früheren Ausgaben bereits dargelegt, dass es unterschiedliche Auslegungsmöglichkeiten dieser (und vieler anderer Symbole) der Johannes-Offenbarung gibt. Die Deutung der Zeugen Jehovas scheidet wegen ihrer inneren Widersprüchlichkeit jedoch aus.


Zudem hat sie das Zeugnis des Neuen Testaments gegen sich: Es gibt keine zwei Berufungen für Christen oder ein abgestuftes Heil. Bibelaussagen wie Epheser 4,4 und Römer 8,12 ff. sind hier eindeutig. Wir weisen daher die genannten apokalyptischen Vorstellungen der ZJ als nicht schriftgemäß und spekulativ zurück.


Und die Neuapostolischen? Die NAK entfaltet in ihrem Katechismus Kapitel 10 „Die Lehre von den zukünftigen Dingen“  ihre Vorstellung über die „Erstlinge“ und die „Märtyrer aus der Großen Trübsal“ oder auch „Ernte oder große Schar“ genannt. Sie glaubt an eine zweimalige Wiederkunft Christi. Bei seinem ersten Wiederkommen holt er in der „Ersten Auferstehung“ und Entrückung seine Brautgemeinde zu sich. Die „Erste Auferstehung“ wird von der späteren „Allgemeinen Auferstehung“ unterschieden. Auch in der NAK-Lehre ist eine Klassengesellschaft verankert. Allein schon durch die Tatsache, dass die Erstlinge vor der großen Trübsal entrückt werden und die große Schar, die im letzten Moment sich zu Gott bekehrt, diese Zeit in größter Not durchleiden muss. „Zweiklassengesellschaft“ auch insofern: Die bei der ersten Wiederkunft Christi entrückte „Braut“-Gemeinde feiert anschließend mit Jesus, dem „Bräutigam“, die vielzitierte „Hochzeit des Lammes“ (vgl. Offb 19,6-9). Während dessen ist für die Menschheit auf Erden noch Zeit, in der großen Trübsal sich zu Gott zu bekehren und bei Christi zweiter Wiederkunft von ihm angenommen zu werden.


Fazit: Die neuapostolische „Lehre von den letzen Dingen“ (Eschatologie) bietet neutestamentliche Begriffe und Bilder aus der Johannesoffenbarung auf, jedoch äußerst spekulativ. „Warum wohl?“, wird sich der Leser fragen. Dies ergibt sich aus der Art und Weise, wie die NAK mit solchen Bildern oder Metaphern umgeht. Sie bedenkt nicht, dass diese aufgrund ihres prophetischen Charakters der Deutung bedürfen. Zudem hat sich die NAK bis heute nicht zu einem systematischen Ansatz der Bibelauslegung bekannt. Deshalb muss jeder Versuch, biblische Bilder wörtlich erfassen zu wollen, zu fragwürdigen und auch gegensätzlichen Resultaten führen, wie der Vergleich von NAK- und ZJ-Apokalyptik zeigt.


Beiden Gemeinschaften gemeinsam aber ist, dass sie die Offenbarung des Johannes als Endzeit-„Fahrplan“ deuten. Dabei ist die Gefahr groß, wie wir sehen, dass Andeutungen über endzeitliche Ereignisse in der Bibel so zusammengesetzt werden, dass sie der jeweiligen Sekte ins Konzept passt. Einen eschatologischen „Fahrplan“ für Menschen, die gern wüssten „wann was in Zukunft geschieht“, kennt aber die ganze Bibel nicht. Apostel Paulus erteilt sogar allen, die „alles“ wissen wollen oder zu wissen meinen, eine gründliche Abfuhr (1Kor 13,7). Denn in der biblischen Eschatologie geht es nicht so sehr um das, was kommt, sondern um den, der kommt: Jesus Christus!


Was endzeitliche „Fahrpläne“ bewirken und welchen geistlichen Schaden sie anrichten, sehen wir in der Geschichte beider Sekten. Mehrfache genaue Berechnungen des Weltendes auf ZJ-Seite stehen Spekulationen der NAK über die Wiederkunft Jesu gegenüber. Der damals 80jährige NAK-Stammapostel J. G. Bischoff verkündete am 1. Weihnachtstag 1951 erstmals öffentlich in einem Gottesdienst in Gießen: „Geben wir uns, meine lieben Geschwister, darin keiner Täuschung hin: Der Sohn Gottes kommt zu meiner Lebzeit!“


Diese Aussage erwies sich am 6. Juli 1960 mit dem Tod Bischoffs als falsche Prophetie. In den Jahren zwischen 1951 und 1960 erlebte die neuapostolische Welt, was eine solche falsche Prophetie auslösen kann – sie trieb einen Keil mitten in Familien und Streit und gegenseitige Anfeindungen waren an der Tagesordnung. Viele junge Menschen durften keine Ausbildung mehr beginnen noch z. B. einen Führerschein machen, denn das war ja in Anbetracht der Aussage des Oberhauptes nicht mehr notwendig. Satan hatte hier ganze Arbeit geleistet.


Wer sich näher mit der Kritik an dieser Lehre der Zeugen Jehovas befassen möchte, sei auf die Ausgaben der Brücke zum Menschen Nr. 126 und 158 verwiesen. Beide sind noch erhältlich.


Folkmar Schiek und Rainer Ref

aus „Brücke zum Menschen“ Nr. 197



Themen... Diesen Text als PDF-Datei laden