Können Mormonen Götter werden?


I. Der Wunsch des Menschen nach Vergöttlichung


„Sein wollen wie Gott“, oder mehr noch selbst „Gott werden“ - das scheint ein immer wiederkehrender Wunschtraum von Menschen zu sein. So ist es nicht erstaunlich, dass zu allen Zeiten und in unterschiedlichen Kulturkreisen bis heute entsprechende Denk- und Glaubensmodelle entwickelt wurden, häufig verbunden mit ausgeprägten Ritualen als konkretes Hilfsmittel, die angestrebte „Vergöttlichung“ des Menschen zu erreichen.


Als besondere Beispiele können die alt-griechischen und alt-ägyptischen Mysterienkulte gelten, die ihren Anhängern entsprechende Vorstellungen in Theorie und Praxis vermittelten. Durch das feierliche Rezitieren „heiliger“ Worte und Formeln etwa, durch das Meditieren von Sinnbildern, das rituelle Nachahmen des Schicksals (Werden und Vergehen) bestimmter Gottheiten und vieler anderer Zeremonien fühlten sich die „Eingeweihten“ selbst als Elemente eines geheimnisvollen Vorgangs, der sie langsam zur Vergottung führen sollte. Das jedenfalls glaubten die Teilnehmer an den eleusischen, dionysischen, orphischen oder osirischen Kulten des ostmediterranen Raumes.


Aber auch in weiten Teilen des Hinduismus findet sich die Idee von der Vergöttlichung des Menschen: Hier verstanden als der außergewöhnliche und nicht leicht zu erreichende Zustand der „Erleuchtung“, in der der betreffende Mensch um die angeblich wesenhafte Gleichheit seiner „göttlichen“ Individual-Seele (atman) mit der „göttlichen Welten-Seele“ (brahman) weiß und sie auch unmittelbar erfährt. Alle Hauptströmungen dieser indischen Religion lehren nun Wege und Methoden, das genannte Ziel zu erreichen: durch strenge Askese, Meditation, Yoga, rituelle Guru-Verehrung und andere Praktiken.


In der westlichen Welt gibt es zahlreiche Gruppen und Gemeinschaften, die, von esoterischer und asiatischer Religiosität geprägt, ebenfalls eine Vergöttlichung des Menschen propagieren, verstanden als Endzustand eines längeren Prozesses. Der Amerikaner Ken Wilber (geb. 1949), der ein „Integrales System“ von Naturwissenschaft, Religion und Philosophie entwickelt hat und deshalb von der inzwischen abgeebbten New-Age-Welle vereinnahmt wurde, war etwa der Meinung, dass die Bestimmung des Menschen im Verlauf seiner kosmischen Entwicklung auf das „Gott-Sein“ hinauslaufe. Und der Ur-Vater des Satanismus, der englische Magier Aleister Crowley (1875-1947), hatte schon 1904 in seinen Schriften behauptet, dass der Mensch „der wahre Gott dieser Welt“ sei: „There ist no God but Man“ (Es gibt keinen Gott außer dem Menschen). Der Gründer des Scientology-Kultes, L. Ron Hubbard (1911-1986), kam 1945 in Los Angeles mit Crowleys Satanismus in Kontakt und baute später die dort propagierte „Gottwerdung“ in sein Lehr-System ein.


Es ließen sich noch eine Reihe anderer Beispiele aufzählen, wobei zu betonen ist, dass es sich bei allen früheren und heutigen Kulten, asiatischen Religionen und esoterischen Gruppen um nicht-christliche Strömungen und ein außerbiblisches ‚Gottesverständnis’ handelt.


Verwundert muss man nun zur Kenntnis nehmen, dass auch eine Gemeinschaft, die sich selbst als „christlich“ versteht, mehr noch als „einzig wahre christliche Kirche auf Erden“, die „Vergöttlichung“ ihrer Mitglieder zum wesentlichen Inhalt ihrer religiösen Überzeugungen gemacht hat, nämlich „die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“, besser bekannt als „Mormonen“. Deren diesbezügliche Vorstellungen sollen nun kurz beschrieben werden.


II. Das Gottes- und Menschenbild des Mormonismus


1. Gottesbild


Die Idee von der „Gottwerdung“ des Menschen hängt bei den Mormonen aufs Engste mit deren Gottes- und Menschenbild zusammen, das wiederum vom Aspekt ‚Entwicklung’ geprägt wird.


Alles im Universum, so glauben die Mormonen, unterliegt einem angeblichen „Gesetz des immerwährenden Fortschritts“, d. h. alles entwickelt sich ständig weiter und „nach oben“: die Natur, die Welten, die Menschen und sogar Gott selbst. Demnach sei es „ganz logisch“ anzunehmen, dass auch Gott irgendwann in früheren Zeitaltern nicht allmächtig und allwissend gewesen sei, ja sogar die Position eines sterblichen Menschen innehatte, so wie wir heute. Auf die Frage, wie dieser sterbliche Mensch denn zur unsterblichen Gottheit geworden sei, gibt der ehemalige Dozent am mormonischen „Institute of Religion“ (Logan/Utah), Milton Reed Hunter (1902-1975) folgende ausführliche Antwort:


„Mormonenpropheten haben durchweg die erhabene Wahrheit gelehrt, dass Gott der Vater einst ein sterblicher Mensch war, der durch die Schule des irdischen Lebens gegangen ist, ähnlich der, durch die wir jetzt hindurchgehen. … Wir müssen die Tatsache akzeptieren, dass es eine Zeit gab, zu der Gott weniger mächtig war als heute. Wie aber wurde er verherrlicht und erhöht, und wie erreichte er seinen augenblicklichen Status einer Gottheit? Zunächst hat Gott vor vielen Weltzeitaltern unzweifelhaft jede Gelegenheit genutzt, die Gesetze der Wahrheit zu lernen. … Von Tag zu Tag setzte er kraftvoll seinen Willen ein, … und durch ständiges Bemühen und ausdauernden Fleiß vergrößerte er sein Wissen; in gleicher Weise nahm durch absoluten Gehorsam sein Verständnis der universalen Gesetze zu. So wuchs seine Erfahrung, und das ging so weiter, bis er den Status der Gottheit erreichte. Mit anderen Worten: Er wurde Gott, indem er den ewigen Gesetzen des Evangeliums völlig gehorchte“ („The Gospel through the Ages“, S. 114).


Aber auch jetzt hat Gott seinen Endzustand noch nicht erreicht, sondern schreitet, gemäß dem Fortschrittsgesetz, in seiner Entwicklung immer noch voran.


Die mormonischen Spekulationen über Aussehen und Eigenschaften von einem sich ständig entwickelnden Gott begannen mit dem Begründer des Mormonismus Joseph Smith (1805-1844). In einer Ansprache am 7. April 1844 in Nauvoo/lllinois zum Gedenken an einen zuvor verstorbenen Glaubensgenossen fasste er seine ‚Erkenntnisse’ so zusammen:


„Gott selbst war einst wie wir jetzt sind. Er ist ein erhöhter Mensch und sitzt auf seinem Thron in jenen Himmeln. Das ist das ganz große Geheimnis. Würde der Schleier heute zerrissen und der erhabene Gott, der die Welt in ihren Bahnen hält, … sich sichtbar machen, ich sage, wenn Sie ihn heute sehen könnten, dann würden Sie ihn in der Gestalt eines Menschen sehen - in Person, Erscheinung und Gestalt dem Menschen gleich. Denn Adam wurde im Ebenbild Gottes erschaffen, erhielt Belehrungen von ihm, wandelte und redete mit ihm wie ein Mensch mit einem anderen redet und verkehrt. … Wir haben angenommen, Gott sei von Ewigkeit her Gott gewesen. Ich werde diese Ansicht widerlegen und den Schleier wegnehmen, damit Sie selbst sehen können“ (in: „Lehren des Propheten Joseph Smith“, S. 29 f.).


Wenn Gott so aussieht und empfindet wie wir und sich dennoch, bedingt durch das „Fortschrittsgesetz“, von einem sterblichen Wesen zur Gottheit entwickeln konnte, so muss das für die jetzt noch sterblichen Menschen doch in gleicher Weise gelten. Diese mormonische Überzeugung hat der 5. „Prophet und Offenbarer“ Lorenzo Snow (1814-1901) denn auch in folgendem Merksatz formuliert: „As Man Is, God Once Was. As God Now Is, Man Once May Become“ (Wie der Mensch [heute] ist, war Gott einst; wie Gott [heute] ist, kann der Mensch einst werden) („Millenial Star“, Vol. 54, S. 404; Juni 1840).





2. Menschenbild: Präexistenz (vorgeburtlich),

irdisches Leben und Auferstehung


Das auf diesem Hintergrund entstandene Menschenbild der Mormonen ist verständlicherweise nicht weniger phantasievoll als ihr Gottesbild. Sie glauben, dass jeder Mensch vor seinem Erdenlauf als „Geistfunke“ in einem vorirdischen Bereich weilte, wo er zuvor von Gott mit einer „himmlischen Mutter“ aus dem Stoff ewiger Intelligenz gezeugt wurde. Bald nachdem Gott in Urzeiten mit dem Hervorbringen der „Geistfunken“ begonnen hatte, fasste er als „liebevoller Vater“ den Entschluss, seinen „Geist-Kindern“ die Möglichkeit zu geben, ebenfalls die Ebene der Göttlichkeit zu erklimmen. Er entwickelte einen „Plan der Erlösung“, der aus mehreren    Etappen besteht und zu diesem Ziel führen soll.


Zunächst müssen die „Geistfunken“ auf der Erde inkarniert (geboren) werden, um in den Jahren ihres menschlichen Erdenlebens geistig-geistlich zu reifen, dadurch etwa, dass sie Gutes und Böses erfahren und sich richtig zu entscheiden lernen. Beim Tode trennt sich der unsterbliche „Geistfunke“ vom Körper, der als Leichnam ins Grab gelegt wird. Der Geist selbst kommt in ein Zwischenreich, das die Mormonen (in Anlehnung an Lk 23,42) „Paradies“ nennen, um dort die Auferstehung zu erwarten, nämlich das erneute Zusammenfügen von Körper und Geist. Eine solch mechanische Auferstehung für alle Menschen ermöglicht zu haben, ist das Verdienst Jesu Christi, seine „Heilstat“. Damit haben alle Auferstandenen Anteil an der allgemeinen „Erlösung“, und der Auftrag Jesu ist erfüllt.


Gottes eigentlicher „Plan der Erlösung“ reicht aber noch weiter. Jetzt erfolgt erst einmal das „Letzte Gericht“, dem sich alle stellen müssen. Die Auferstandenen werden dabei nach ihren „Werken“ beurteilt und anschließend drei Kategorien, d. h. drei verschiedenen „Graden der Herrlichkeit“ (Three Degrees of Glory) zugeordnet. Wer sich für die oberste Stufe des wiederum aus drei Ebenen bestehenden höchsten Grades qualifiziert hat, gilt nicht nur als „erlöst“, sondern als „erhöht“. Er ist ein „Gott“ geworden. Die Mormonen unterscheiden also in ihrer Eschatologie (Lehre von den letzten Dingen) zwischen „Erlösung“ (salvation) und „Erhöhung“ (exaltation).


Kenntnis von den „Drei Graden der Herrlichkeit“, einschließlich der dazu gehörigen ‚Aufnahmebedingungen’, will Joseph Smith durch eine „Offenbarung“ erlangt haben, die er auf den 16. Februar 1832 datierte („Doctrine & Covenants“ [D&C = Lehre & Bündnisse], Abschnitt 76). Nach Meinung des ehemaligen Mormonen-„Apostels“ Melvin Ballard (1873-1939) handelt es sich dabei um „die größte Offenbarung, die der Herr Jesus Christus den Menschen je gegeben hat“ („Three Degrees of Glory“, S. 4).


Die drei Grade werden, gemäß J. Smith, von unten nach oben als „telestial“ (unterirdisch), „terrestrial“ (irdisch) und „celestial“ (himmlisch) bezeichnet. Auf die unterste Ebene kommen diejenigen, die weder das Zeugnis Jesu, noch das [mormonische] Evangelium, noch die [mormonischen] Propheten, noch den ewigen Bund annehmen“ (D&C, 76, Vers 101): „… es sind die Lügner und Zauberer, die Ehebrecher und Hurer, …“ (Vers 103). Auf der „terrestrialen“ Stufe wird man jene finden, „… die ohne Gesetz gestorben sind“ (Vers 72), „…diejenigen, die das Zeugnis Jesu nicht im Fleische, sondern erst später annahmen [nach ihrem Tode durch die stellvertretende Handlung eines lebenden Mormonen]; solche, die auf Erden ehrenhafte Menschen waren, aber durch Menschenlist verblendet wurden“ (Verse 74 f.). Ein Anrecht auf die allgemeine „Celestiale Herrlichkeit“ haben, qua Mitgliedschaft in der Mormonen-Gemeinschaft, ausschließlich die „Heiligen der Letzten Tage“. Von diesen wiederum gelangen nur die „Tempel-Mormonen“ auf die oberste Stufe dieser höchsten „Herrlichkeit“, weil sie die entsprechenden Bedingungen erfüllt haben. Dabei handelt es sich um die schon erwähnten „Werke“, die im „Letzten Gericht“ geprüft werden. Sie verhelfen dem „Sühneopfer“ Jesu Christi erst zu seiner vollen Gültigkeit, da es im Wesentlichen vom einzelnen Gläubigen abhängt, ob das Ziel auch wirklich erreicht wird.


Zu den „Werken“ sind etwa folgende Elemente zu zählen:

Bekehrung zum Mormonismus, falls man nicht als „Heiliger der Letzten Tage“ geboren wurde. - Empfang der mormonischen Taufe und des „Heiligen Geistes“ durch das entsprechende Priestertum. - Heiraten und Gründung einer Familie, verbunden mit dem Empfang der diesbezüglichen „Segnungen“ und „Siegelungen“ im Tempel. - Teilnahme an den Tempel-Zeremonien und Einhalten der dort übergebenen „Gesetze“ und Gelübde. - Anerkennung der Mormonenführer als „Seher, Propheten und Offenbarer“ sowie Befolgen aller ihrer Regeln und Anweisungen.


Unter den gerade aufgezählten Voraussetzungen für die „Celestiale Herrlichkeit“ ist ein Aspekt besonders herauszuheben, da er für das eigentliche Gott-Werden der Mormonen entscheidend ist: Der Tempel und seine Rituale. Den Zusammenhang zwischen „Vergöttlichung“ (Erhöhung) und den Tempel-Zeremonien bestätigte der frühere Mormonen-„Apostel“ James E. Talmage (1862-1933): „Die Erhöhung im Reich Gottes setzt das Erreichen der Stufen im heiligen Priestertum voraus, und damit steht die Zeremonie des Endowment in unmittelbarem Zusammenhang“ („Das Haus des Herrn“, S. 68f.).




III. Der Mormonen-Tempel als Tor zur ‚Göttlichkeit’


Die überragende Bedeutung des Mormonen-Tempels und seiner Rituale für die „Heiligen der Letzten Tage“ hat der 10. „Prophet und Offenbarer“ Joseph Fielding Smith (1876-1972) in seinem Werk „Doctrines of Salvation“ (Lehren der Erlösung) deutlich hervorgehoben. Wer als Mormone den Tempel besucht und die Zeremonien absolviert, gehört zur bevorrechtigten Klasse der „Church of the First-born“ (Kirche der Erstgeborenen): Ihm sind alle Segnungen des Himmels und der Erde zugesagt, einschließlich der Gott-Werdung. Diejenigen aber, die aus mancherlei Gründen nicht zum Tempel kommen, bilden eine niedrigere Klasse. Sie könnten noch so gute und treue Kirchen-Mitglieder sein, das letzte Ziel, die Fülle des mormonischen Heils, würden sie niemals erreichen (Vgl. Vol. II, S. 45).


Die Praxis


Mormonen können an drei Ritual-Blöcken teilnehmen:

a) das „Endowment“ (Ausstattung, Begabung), b) die stellvertretende Taufe für Tote und c) die „Siegelung für Zeit und Ewigkeit“. Das Ritual der „Second Anoin-ting“ (Zweite Salbung) ist das geheimste und nur ganz wenigen auserwählten und ranghohen Mormonen vorbehalten.


Im Rahmen der „Endowment“-Zeremonie wird der Weg des Menschen von seiner „Präexistenz“ bis zur Rückkehr in das „Reich Gottes“ in Form einer etwa zweistündigen Bühnenshow nachgezeichnet; in den meisten neueren Tempeln läuft ein entsprechender Film.


An mehreren Stellen wird die Show bzw. der Film unterbrochen, um die Anwesenden in das Geschehen mit einzubeziehen. Ihnen wird die feierliche Verpflichtung abgenommen, bestimmte „Gesetze“ einzuhalten und „Bündnisse“ mit Gott einzugehen. Zu den „Gesetzen“ gehört unter anderem das „Gesetz der Hingabe“ (Law of Consecration), das besagt, dass der Einzelne all seine geistigen und physischen Fähigkeiten, seine Erfolge im Beruf sowie seine materiellen Güter einsetzen muss, um das „Reich Gottes“, d. h. den Mormonismus, auf Erden aufzubauen.


Das Wichtigste bei diesem Ritual ist jedoch die „Ausstattung“ (Endowment) der Teilnehmer mit vier Erkennungszeichen in Form von Handgriffen und den dazu gehörigen Passworten, die Joseph Smith aus dem Freimaurertum übernommen hatte. Am 15. März 1842 war er Mitglied der Freimaurerloge von Nauvoo/Illinois geworden.


Die Mormonen stellen sich vor, dass der Eingang zur obersten Stufe der „Celestialen Herrlichkeit“, dort wo Gott und Jesus Christus mit ihren jeweiligen Familien leben, von Erzengeln bewacht wird, die alle dort Ankommenden nach eben diesen vier Handgriffen und Passworten fragen. Nur wer sich auf diese Art ausweisen kann, hat die Erlaubnis, in den inneren Bereich des „Reiches Gottes“ zu gelangen. Damit das im Ernstfall (nach der Auferstehung) auch klappt, wird diese Situation im Tempel geprobt. Das geschieht am Tempel-Vorhang, der vor einem kostbar eingerichteten Saal mit der Bezeichnung „Celestial Room“ hängt. In den einzelnen Segmenten des Vorhangs sind Schlitze eingenäht, durch die Tempel-Arbeiter (Helfer beim Ritual, die hier die Erzengel darstellen) die Hände der vor dem Vorhang Stehenden nacheinander in der Pose der genannten vier Handgriffe packen und nach deren Bedeutung und den Passworten fragen. Wird alles korrekt beantwortet, darf der Ritual-Teilnehmer durch den Vorhang ins symbolisierte „Reich Gottes“ eintreten.


Wenn ein Mormone, der an den Vorhang geführt wird, vor lauter Aufregung die Formeln und Handgriffe vergessen hat, muss er zurück zu einem Tempel-Arbeiter, der ihn erneut instruiert und wieder an den Vorhang bringt. Klappt es dann immer noch nicht, besteht die Möglichkeit, es einige Wochen oder Monate später bei einem weiteren Tempelbesuch zu probieren, wenn er in der Zwischenzeit die Formeln gelernt und die Handgriffe geübt hat. Das Problem für 'ungeübte' Mormonen besteht darin, dass ihnen einerseits keine schriftlichen Aufzeichnungen der Rituale zur Verfügung gestellt werden und es andererseits nicht erlaubt ist, außerhalb des Tempels über die Rituale zu sprechen, selbst mit engsten Familienangehörigen nicht.


Mit dem erfolgreichen Durchlaufen des „Endowments“ erwerben also alle Tempel-Mormonen die Berechtigung, dereinst als „Bürger“ in der Nähe Gottes zu leben. Damit ist allerdings nicht das Recht eines jeden auf „Vergöttlichung“ verbunden, denn diese steht grundsätzlich nur Verheirateten zu, und auch nur solchen Ehepaaren, die die Tempel-Zeremonie der „Siegelung für Zeit und Ewigkeit“ absolviert haben. Durch diese „Siegelung“ (der Partner aneinander) wird, nach Überzeugung der Mormonen, gewährleistet, dass die Eheleute auch nach der Auferstehung als Paar zusammenbleiben und so die „göttliche“ Eigenschaft erlangen und ausüben können, ihrerseits „Geistfunken“ hervorzubringen, so wie es Gott jetzt mit den Menschen auf dieser Erde getan hat und immer noch tut.


Diese Vorstellung geht auf Joseph Smith zurück, der sie in einer „Offenbarung“ vom 12. Juli 1843 empfangen haben wollte. „Gott“ habe ihm mitgeteilt, dass solche „Heiligen“, die nur bürgerlich heirateten, zwar auch in die Kategorie „Celestiale Herrlichkeit“ aufgenommen würden, dort aber als unverheiratete, „dienstbare Engel“ die Ewigkeit zubringen müssten; „gesiegelte“ Tempel-Mormonen dagegen würde zu „Göttern“ aufsteigen. In „Lehre & Bündnisse“, Abschnitt 132, heißt es unter anderem wörtlich: „Dann werden sie Götter sein, weil sie kein Ende haben. Deshalb werden sie von Ewigkeit zu Ewigkeit bestehen; dann werden sie über alles sein, weil ihnen alle Dinge untertan sind. Sie werden dann Götter sein, denn sie haben Macht, und die Engel sind ihnen untertan“ (Vers 20). Sie gehen ein „zu ihrer Erhöhung in den ewigen Welten, dass sie Seelen der Menschen erzeugen können, denn hierin dauert das Werk meines Vaters [Gottes 'Vater' (!)] fort, damit er verherrlicht werde“ (Vers 63).


Damit die „vergöttlichten“ Ehepaare die erwähnten Menschenseelen hervorbringen können, müssen sie im „Reich Gottes“ zunächst ihre eigenen Welten und Planeten „organisieren“, auf denen sich die „Geistfunken“ inkarnieren können. Der Mormonen-Autor George McCune gibt in seinem Buch „The Blessings of Temple Marriage“ (Die Segnungen der Tempel-Ehe) dazu folgendes Versprechen ab: „Der Vater im Himmel wird Dir und Deinem Ehepartner einen Teil seines Reiches als rechtschaffenes Erbe geben; ...d. h. dass Ihr Mitbesitzer von Gottes Reich und Herrschaft werdet“ (S. 88). „...Je mehr Eure Geistkinder an Zahl zunehmen und je mehr Welten Ihr erschafft, auf denen sie leben können, desto größer wird Euer Herrschaftsbereich. Euer Name wird in Herrlichkeit erschallen und Eure Nachkommen werden Euch nennen: Unser Vater, der du bist im Himmel ...“ (S. 89).


IV. Die „Zweite Salbung“ (The Second Anointing)


Das Ritual der„Zweiten Salbung“ ist heute die geheimste zeremonielle „Verordnung“ der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ und wird nur noch ganz selten vollzogen, etwa für den amtierenden „Propheten“, seine „Apostel“ und einige wenige Auserwählte. Einfache Mormonen, selbst Tempel-Arbeiter kennen dieses Ritual nur vom Hörensagen.


Was mit der „Zweiten Salbung“ gemeint ist, wird nur im Vergleich mit der „Ersten Salbung“ verständlich, die zu Beginn des „Endowments“ in einem Raum im Untergeschoß des Tempels vollzogen wird. Die „Erste Salbung“ ist eine Art Versprechen oder ein ‚Angeld’ auf die Segnungen, einschließlich der Gott-Werdung, die der Tempel-Mormone dereinst nach der Auferstehung erhalten würde, wenn er denn treu zu seiner „Kirche“ steht und alle im Tempel übergebenen „Gesetze“ beachtet und „Bündnisse“ einhält. Dieser bedingende Charakter der „Ersten Salbung“ wird im Wortlaut der Formel deutlich:


„Bruder (Schwester) ..., in Vollmacht gieße ich dieses heilige Salbungsöl auf Ihr Haupt und salbe Sie in Vorbereitung darauf, dass Sie ein König und Priester (eine Königin und Priesterin) dem Höchsten Gott werden, um einst im Hause Israel auf ewig zu herrschen und zu regieren ...“ (Text im Archiv des Autors).


Mit der „Zweiten Salbung“ werden nun die „höchsten Segnungen“ übertragen, die die Mormonen-Gemeinschaft für Menschen hier auf der Erde bereithält, nämlich die „Fülle des Priestertums“. Die Empfänger dieser „Segnung“ werden schon im irdischen Leben (!) unwiderruflich zu Königen und Priestern dem ‘Höchsten Gott‘, gleichzeitig aber auch selber zu „Göttern“ gesalbt, womit (über die Auferstehung hinaus) eine Verknüpfung des jetzigen irdischen und des ewigen Lebens vorgenommen wird. Mit anderen Worten: Die solchermaßen Gesalbten sind, nach        2. Petrus 1,10f, ihrer „Berufung und Erwählung sicher“. Das bestätigt auch Bruce McConkie: „Jene Mitglieder der Kirche, die vollkommen rechtschaffen leben, machen ihre Berufung und Erwählung sicher. Das heißt, sie erhalten das ganz sichere Wort der Verheißung, was bedeutet, daß der Herr ihnen das Siegel der Erhöhung [Gottwerdung] verleiht, während sie noch in diesem Leben sind" („Mormon Doctrine“, S. 109).


Am 28. September 1843 wurde an Joseph Smith in Nauvoo zum ersten Mal das Ritual der „Zweiten Salbung“ vollzogen, was dieser wiederum, nach dem Prinzip der „gegenseitigen Ordination“, bis Ende Mai 1844 an anderen führenden Mormonen (etwa 20 sollen es gewesen sein) und deren Ehefrauen vornahm.


Im Juni 1978 bekam ein Tempel-Arbeiter in Salt Lake City - er verließ bald darauf die Mormonen-"Kirche" - den Text einer in neuerer Zeit im dortigen Tempel zelebrierten „Zweiten Salbung“ in die Hand. Das Dokument stammt aus dem „Salt Lake Temple Ordinance Book“ und ist nicht datiert. In solchen ‚Büchern der Verordnungen‘, zu denen nur die jeweiligen Tempel-Präsidenten Zugang haben, sind alle Ritualtexte gesammelt.


Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Wortlaut dieses Textes gegenwärtig bei den „Salbungen“ benutzt wird, da Bruce McConkie dessen Inhalt in den entsprechenden Artikeln seines Buches „Mormon Doctrine“ (z. B. Abschnitt „Kings“, S. 425 und „Calling and Election Sure“, S. 10) klar bestätigt. Es geht um folgenden Text:


„Lieber Bruder - von Gott dazu autorisiert, gieße ich das heilige Salbungsöl auf dein Haupt und salbe dich zum König und Priester dem Allerhöchsten Gott, damit du herrschest und regierest im Hause Israel immerdar. Ich verleihe dir alle Rechte, Segnungen und Befugnisse, die dem Heiligen Priestertum zugehören, um das Reich Gottes auf Erden zu errichten. - Durch diese Salbung siegele ich dich zum ewigen Leben, in welchem dich nichts von der Verheißung und dem Segen scheiden kann, außer die unvergebbare Sünde, unschuldiges Blut zu vergießen und den Heiligen Geist zu verleugnen. Du sollst erhöht werden in das celestiale Reich Gottes und leben in der patriarchalen Familie Gottes auf ewig. Mit dieser Erhöhung ordiniere ich dich, in der Ordnung des ewigen Priestertums, zu einem, der Gott gleich und ein Gefährte der heiligen Engel ist. - Dein Reich und deine Kraft und deine Herrlichkeit sollen kein Ende haben. Deine rechtschaffenen Nachkommen sollen von Ewigkeit zu Ewigkeit Bestand haben und dir Lobgesänge singen ohne Ende. All dies tue ich gemäß dem Recht des Heiligen Priestertums, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen". (Text im Archiv des Autors. Übersetzung aus dem Englischen: R. H.)


V. Abschließende Bemerkungen


Wie schon am Anfang erwähnt ist es mehr als erstaunlich, dass eine religiöse Gemeinschaft, die sich selbst als „christlich“ versteht, spezielle Lehren vertritt und praktiziert, die im Lichte biblischer Verkündigung als „Ursünde“ des Menschen bezeichnet werden müssen: „Sein-Wollen wie Gott“ oder noch intensiver: „selbst Gott werden“. Sünde, d. h. Rebellion gegen Gott, wird im Mormonismus konkretisiert als der (vergebliche) Versuch, „Gott zu werden“ und damit, wie es der große Schweizer Theologe Karl Barth (1886-1968) einmal ausgedrückt hat, den unendlichen Abstand zwischen Schöpfer und Geschöpf vom Menschen aus überwinden zu wollen.


Es ist ersichtlich, dass solche mormonischen Wunschträume keinen Rückhalt in der Heiligen Schrift haben. Sie entstammen vielmehr den unbiblischen und phantasievollen „neuen Offenbarungen“ des selbst ernannten „Propheten“ Joseph Smith. Seine Meinung und damit diejenige seiner heutigen Anhänger, dass etwa gemäß   2. Petrus 1,4 den Menschen versprochen sei, einst an der „göttlichen Natur“, griechisch „theia physis“ - Mormonen deuten dies als „Vergöttlichung“ - teilzuhaben, beruht auf einer falschen Interpretation dieses Verses.


Der auf eine sehr späte Zeit datierte 2. Brief des Petrus (ca. 130-140 n. Chr.) spiegelt eine verschärfte Auseinandersetzung mit gnostischen Irrlehrern wider, die eine nochmalige Parusie Christi bezweifelten. Bei dem Versuch, diese Angriffe abzuwehren und die Leser in ihrer durch die Apostel verbürgten Tradition zu bestärken, ist der Verfasser nun jedoch, nach Meinung zahlreicher Exegeten, in ein dem Evangelium nicht gemäßes 'Fahrwasser' geraten. Gerade auch in 1,3-11 drückt sich sein Anliegen vorwiegend in den Kategorien und der Terminologie hellenistischer Philosophie und Frömmigkeit aus. Der Neutestamentler Johannes Schneider (1895-1970) kommentiert im Hinblick auf die in Vers 4 angesprochene „theia physis“:

„Dieser Ausdruck ist nicht dem biblischen Denken, sondern dem Vorstellungsbereich der hellenistischen Frömmigkeit entnommen, wo dem irdisch-materiellen Sein das geistig-göttliche Sein gegenübergestellt wird und der Fromme danach trachtet, durch Mysterienweihen oder durch den Aufstieg der Seele zur Gottheit die Vergottung seiner menschlichen Natur zu erleben“ (Neues Testament Deutsch, Band 10, S. 104).


Im Hinblick auf das zur Diskussion stehende Ritual der Mormonen muss festgestellt werden, dass selbst solch missverständliche Aussagen wie die von der „theia physis“ und dem „Festmachen der Berufung und Erwählung“ keine Basis für das bieten, was hier in Form der „Zweiten Salbung“ vorliegt. Der Verfasser des 2. Petrusbriefes hat sicherlich nicht vor Augen gehabt, dass Menschen in Wesen, Erscheinung und Machtvollkommenheit „Gott gleich“ werden könnten und schon auf Erden durch das Zelebrieren eines geheimen Rituals zu einem solchen „Gott“ gesalbt würden.


Die Verheißung der Teilhabe an der „göttlichen Natur“ kann für Christen doch nur bedeuten, dass sie (durch die Auferstehung) eine Verwandlung ihrer Existenz erfahren und in der Gegenwart Gottes und auf sie bezogen in völlig neuer Seinsweise leben dürfen. Für den irdischen Bereich gilt jedoch erst einmal, die „Berufung und Erwählung“ zum Christsein „festzumachen“.


Wenn schon alle anderen Tempel-Rituale das nicht-christliche und okkulte Wesen des Mormonismus unübersehbar anzeigen, so wird mit Struktur und Intention der „Zweiten Salbung“ noch der krönende Schlusspunkt gesetzt. Die Kluft zum ökumenischen Christentum ist unüberbrückbar.


Dr. Rüdiger Hauth

aus „Brücke zum Menschen“ Nr. 199





Themen... Diesen Text als PDF-Datei laden