Befreit!


Vom Untertanengeist zur Freiheit eines Christenmenschen


„Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder unter das Joch der Knechtschaft zwingen!“ - Galater 5,1


Meine konfessionsverschiedenen Eltern schlossen ihre Ehe 1952. Kinder sollten katholisch erzogen werden. So kam es, dass ich katholisch getauft wurde.


1959 zogen wir in die Bischofsstadt Würzburg. Die katholische Kirche war meine religiöse Heimat, ich wurde Messdiener und sang im Domchor. In dieser Zeit war mein Berufswunsch „Priester“. Die Kirche habe ich als Kind im Wesentlichen nicht als bedrückend erlebt. Obwohl ich z.B. schon etwas seltsam berührt war, wenn unser katholischer Religionslehrer im Unterricht abfragte, wer am Sonntag in der Messe gewesen war und wer nicht. Ich empfand es als Bloßstellung, darauf vor der ganzen Klasse antworten zu sollen, auch wenn ich selbst meist der „Sonntagspflicht“ nachgekommen war. Aber insgesamt war mir die Kirche eine Selbstverständlichkeit und ich kann auch nicht sagen, dass mir ein dunkles Gottesbild vermittelt wurde.


Meine Mutter ließ sich nach einiger Zeit auf ein „Bibelstudium“ mit den Zeugen Jehovas ein. 1964 wurde sie dann getauft, in meinem 11. Lebensjahr. In dieser Zeit lernte ich eine neue Art von Religion kennen, eine nüchterne, verkopfte und gefühlsarme Form (ganz im Gegensatz zu den oft die menschliche Emotionalität ansprechenden Formen der katholischen Kirche). Die Zusammenkünfte im „Königreichssaal“ der Zeugen Jehovas ersetzten die Kirchenbesuche. Mit meinen 10 Jahren wurde mir das bald ebenso selbstverständlich wie vorher die Bindung an die Kirche, insbesondere weil auch mein Vater nichts dagegen hatte. Er sympathisierte mehr oder weniger mit den Zeugen, schloss sich ihnen selbst aber zeitlebens nicht an.


Dann begann auch der „Predigtdienst“: Ich begleitete erfahrene Zeugen im Straßendienst und von Tür zu Tür. Bald durfte ich Wohnungsinhabern die Zeitschriften „Wachtturm“ und „Erwachet“ anbieten. Es folgte die Beteiligung an der „Theokratischen Predigtdienstschule“ mit kurzen Bibellesungen. Auf diese Weise wurde ich in Richtung Taufe gelenkt.


1968 war es dann so weit: Nachdem ich von den Ältesten - die damals allerdings noch nicht so hießen; diese Bezeichnung wurde erst in den 1970er Jahren (wieder) eingeführt - mehrfach darauf angesprochen worden war, ließ ich mich im Mai während eines Kreiskongresses taufen. Vorangegangen waren mehrere Sitzungen mit einem Aufseher, in denen ich die von der Führung der Organisation vorgeschriebenen Fragen beantwortete, mit denen geprüft wurde, ob der Taufanwärter das Glaubenssystem der Zeugen verstanden und verinnerlicht hat.


Kurioserweise erwachte in diesem Jahr auch mein Interesse an gesellschaftlichen Vorgängen. Ich verfolgte lebhaft die globale Jugendrevolte, die Protestbewegung gegen den Vietnam-Krieg der USA und den Mai-Aufstand in Frankreich. Die Zerschlagung des „Prager Frühlings“ durch die Truppen des Warschauer Paktes beendete ein für alle mal die Hoffnung auf einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ im sowjetisch beherrschten Ostblock. Auch in Emden - wir waren dort zwei Jahre zuvor hingezogen, weil mein Vater aus beruflichen Gründen die Stelle wechselte - war der „Wind der Veränderung“ zu spüren. Ich besuchte auf Wunsch meines Vaters das Gymnasium. Meine Mitschüler diskutierten über die „in der Luft liegenden Fragen“, es gab schulpolitische Ansätze zu Reformen weg von der bisherigen autoritären Schule zu mehr Mit- und Selbstbestimmung der Schüler. Mich selbst berührte das sehr und ich engagierte mich in der SMV (der „Schülermitverantwortung“), obwohl die ZJ es eigentlich missbilligten, sich zum Klassensprecher wählen zu lassen oder sich sonstwie in der Schule demokratisch zu engagieren.


Dieser Geist vertrug sich natürlich überhaupt nicht mit dem autoritären Gebaren der Führung der Zeugen Jehovas und ihrer Beauftragten in den Versammlungen. Als Jugendlicher empfand ich diese Diskrepanz, aber ich wusste nicht recht, wie ich damit umgehen sollte.


1970 gab eine „Interessierte“, mit der meine Mutter studierte, ihr das Buch „Vom ‚Zeugen Jehovas’ zum Zeugen Jesu Christi“ von Hans-Jürgen Twisselmann. Meine Mutter las es zwar, meinte aber, das Gelesene abtun zu können mit dem Argument, nur bei den Zeugen würden die „Grundlehren“ stimmen (gemeint waren ‚keine Dreieinigkeit, keine (unsterbliche) Seele und keine Hölle’) und es gebe keine Alternative zur „Theokratischen Organisation“. Zurück in die Kirche wollte sie auf keinen Fall.


Ich las das Buch ebenfalls und es wurde mir deutlich, was ich bisher nur gespürt hatte: Die Botschaft der ZJ und ihre vermeintlich biblische Grundlage waren äußerst fragwürdig. Wir setzten uns zu Hause ziemlich kontrovers über das Pro und Contra auseinander, weil mir überwiegend einleuchtete, was ich in dem Buch gelesen hatte.


Zwischenzeitlich waren wir erneut umgezogen. Wir lebten nun in der hessischen Kleinstadt Dillenburg. Meine Mutter meinte nun, sozusagen die Notbremse ziehen zu müssen, was meinen ZJ-Glauben betraf. Ohne mein Wissen lud sie während einer Dienstwoche den Kreisaufseher zu uns ein und ich - damals gerade 17 Jahre alt geworden - sah mich in der Situation, gegenüber diesem und einem begleitenden Aufseher meine kritischen Gedanken verteidigen zu sollen. Wir diskutierten mehrere Stunden an diesem Abend und ich hielt mich ganz gut, für mein Gefühl stand es am Ende sozusagen „unentschieden“. Da griff der Kreisaufseher zum üblichen finalen Argument: „Anerkennst du die von Jehova gebrauchte Organisation und die Leitung durch den ‚treuen und verständigen Sklaven’?“ Das konnte ich nicht bejahen und ich sagte es auch. Von diesem Zeitpunkt an blieb ich den Zusammenkünften für zweieinhalb Jahre fern, nahm nicht mehr am „Predigtdienst“ teil und verstand mich nicht mehr als Zeuge Jehovas. Trotz der ultimativen Frage wurde ich aber nicht ausgeschlossen.


Obwohl ich Hans-Jürgen Twisselmanns Buch gelesen hatte, war es zum damaligen Zeitpunkt für mich nicht mehr als eine Hilfe, meine kritischen Gedanken zu den ZJ begründen zu können. Ich zog mich nicht aus christlichen Gründen von ihnen zurück, sondern als jemand, der sich aus einem starren und autoritären Religionssystem lösen und einen eigenen Weg finden wollte.


Kurz vor meinem 20. Geburtstag erkrankte ich schwer und fühlte mich auch sonst in einer Krise. Das führte dazu, dass ich mich wieder den Zeugen als vermeintlichen Ausweg aus meiner persönlichen Sackgasse zuwandte.


Ich lernte dann meine Frau kennen. Sie war von Geburt an durch ihre Familie in der ZJ-Organisation. Nach meinem Abitur heirateten wir, ich nahm eine Halbtags-Stelle an und wir nahmen den „Allgemeinen Pionierdienst“ auf. Zum damaligen Zeitpunkt bedeutete dies, dass man mindestens 100 Stunden pro Monat im „Predigtdienst“ verbringen musste, dazu kamen die „weltliche“ Arbeit, die fünf wöchentlichen Zusammenkünfte, die Vorbereitung darauf usw. Ferner wurde ich nach kurzer Zeit zum „Dienstamtgehilfen“ ernannt, was eine zusätzliche Belastung bedeutete. Es war ein zeitlich sehr ausgefülltes Leben, das einem kaum eine Chance ließ, viel nachzudenken und zu sich selbst zu kommen.


Dies war im Jahr 1975, dem Jahr, dem viele Zeugen wegen der chronologischen Spekulationen ihrer Führung entgegengefiebert hatten, weil angedeutet worden war, „Harmagedon“ könnte durchaus in diesem Jahr kommen. Dabei wurden neben zunächst vorsichtigen Formulierungen auch sehr bestimmte Behauptungen aufgestellt, vor allem Ende der 1960er Jahre (nachgewiesen im „Bruder-Dienst 43/44, S. 3 ff.). Im Oktober 1976 erschien dann der „Wachtturm“, der in alt bewährter Manier die Schuld an der Enttäuschung wegen der erneuten Nicht-Erfüllung einer Endzeiterwartung den einzelnen ZJ in die Schuhe schob, die zu viel erwartet hätten. Die Führung wollte sich wieder mal ‚die Hände in Unschuld’ waschen.


Für meine Frau und mich war dies eine Art Startsignal, uns kritisch mit der eigenen Religion und der Frage, ob ihre Lehren tatsächlich biblisch sind, auseinander zu setzen. Schon vorher hatte uns manches Gespräch mit Christen im „Predigtdienst“ nachdenklich gemacht. Hatte die Lehre von den „zwei Hoffnungen“ tatsächlich eine biblische Grundlage? Wurde Jesus Christus von den ZJ so gesehen, wie es die ersten Christen taten? Waren die teilweise sehr merkwürdigen Wachtturm-Auslegungen der prophetischen Bücher des Alten Testaments und der Offenbarung des Johannes wirklich vertretbar? Diese Fragen und viele andere bewegten uns.

Ein weiteres kam hinzu: 1977 gaben wir den „Pionierdienst“ auf. In diesem Jahr und 1979 wurden unsere Töchter geboren. Dabei kam uns die „Blutfrage“ deutlich ins Bewusstsein: Die Führung der ZJ fordert ja, notfalls auch Kinder lieber sterben zu lassen, als eine Bluttransfusion zuzulassen. Ich setzte mich intensiv damit auseinander und kam zu dem Schluss, dass ich es vor meinem Gewissen nicht rechtfertigen konnte, in einem derartigen Fall eine meiner Töchter wegen einer zweifelhaften Bibelauslegung sterben zu lassen. Ich würde im Zweifel einer Bluttransfusion zustimmen. Das besprach ich mit meiner Frau, die diese Haltung (zum damaligen Zeitpunkt) respektierte. Sie selbst war ja auch ins Fragen gekommen und befasste sich längere Zeit intensiv mit den von der ZJ-Organisation vertretenen angeblich biblischen chronologischen Berechnungen. Sie kam allerdings nicht zu für sie eindeutigen Ergebnissen, weil ihrer Ansicht nach immer noch die Möglichkeit bestand, die ZJ-Auffassung z.B. für das Jahr 607 v. Chr. als Datum der ersten Zerstörung Jerusalems könnte zutreffend sein, auch wenn alle historischen Quellen dafür keinen Beleg hergeben (dieses Jahr ist entscheidend für ihre Berechnung des Jahres 1914 als Beginn der „Gegenwart Christi“ und der „Endzeit“).


1980 traf sie für sich die Entscheidung, wieder vorbehaltlos Zeugin Jehovas sein zu wollen. Für mich bedeutete dies ein Dilemma: Mir war inzwischen klar geworden, wie viele Lehren der ZJ-Führung fragwürdig oder sogar haltlos waren. Das alles konnte ich nicht guten Gewissens vertreten. Aber meine Familie, meine Frau, meine Kinder, meine Mutter, meine Schwiegereltern, alle Freunde, sie waren ausschließlich Zeugen Jehovas. Zwar hatte ich mein „Dienstamt“ bereits niedergelegt. Ich hatte aber vor allem Angst davor, meine Frau und meine Kinder zu verlieren, wenn ich mich offiziell von den ZJ trenne. Deshalb zögerte ich diesen Schritt immer wieder hinaus.


In dieser Zeit entwickelte sich ein sehr intensiver Brief-Kontakt mit Hans-Jürgen Twisselmann. Nicht nur die Schriften des Bruderdienstes, vor allem die „Brücke zum Menschen“, sondern auch seine Briefe, mit denen er auf alle meine Fragen einging und mit unendlicher Geduld all die „tausend Fragen“, die auch ein kritischer ZJ hat, zu beantworten suchte, waren mir ein unschätzbare Hilfe. Ohne diese Unterstützung wäre mein Ablöse-Prozess wahrscheinlich noch schmerzhafter und langwieriger verlaufen, als er es ohnehin schon war.


Im Dezember 1987 vollzog ich dann offiziell den Bruch mit der Organisation der Zeugen Jehovas. All die befürchteten Folgen traten ein: Von einem Tag auf den anderen „kannten“ mich meine Freunde nicht mehr. Meine Schwiegermutter verließ das Haus, wenn ich es betrat. Meine Frau brach „die geistige Gemeinschaft“ mit mir ab. Sie war in einer schizophrenen Situation: Einerseits sollte sie mich lieben und mit mir Ehe und Elternschaft leben, auf der anderen Seite war ich für sie ein „Abtrünniger“, jemand, der sich bewusst „Satans Welt“ und dem untergehenden „System der Dinge“ zugewandt hatte, also ein Mensch, der mit das Verwerflichste getan hat, was man tun kann. Unsere Ehe überlebte unter diesen Umständen immerhin noch drei Jahre. Dann hielt ich diese Situation nicht mehr aus und ich trennte mich im Jahr 1990.


Das größte Problem dabei waren meine Kinder. Als ich mich von den ZJ abwandte, waren sie 8 und 10 Jahre alt. Sie verstanden die Welt bzw. mich nicht mehr. Sie orientierten sich in ihrer Verunsicherung umso stärker an ihrer Mutter. Nach der Scheidung blieben sie bei ihr. Allerdings brachen sie beide als Jugendliche mit den Zeugen Jehovas. Zum Glück hatten sie sich auch vorher nicht taufen lassen, was einiges erleichterte.


Durch diese schwerste Zeit meines Lebens halfen mir der „Bruderdienst“ sowie Kontakte mit Christen an meinem damaligen Wohnort. Die christliche Freiheit wurde mir wichtig. Mich führte mein Weg in die Evangelische Landeskirche, weil ich an ihr sehr schätzen lernte, dass der Mensch und sein Gewissen respektiert wird. Es gibt kein „unfehlbares Lehramt“ oder eine religiöse Führung, die beansprucht, ihr ‚wie der Stimme Gottes gehorchen’ zu müssen.


Die erfahrene Hilfe veranlasste mich, als Mitarbeiter des „Bruderdienstes“ an der „Brücke zum Menschen“ mitzuarbeiten und im Rahmen der ‚Vernetzungsaktion’ in den 1990er Jahren dabei mitzuwirken, Ehemalige miteinander in Verbindung zu bringen. In diesem Rahmen nahmen wir auch an drei evangelischen Kirchentagen teil und stellten die Arbeit des Bruderdienstes auf dem „Markt der Möglichkeiten“ den Kirchentags-Besuchern vor.


Durch die Vernetzungsaktion lernte ich auch meine zweite Frau kennen. Sie war nie Zeugin Jehovas oder Mitglied einer anderen Sekte gewesen. Durch Begegnungen in ihrem persönlichen Umfeld war sie aber auf die ZJ-Problematik aufmerksam geworden und hatte den Wunsch, sich auf diesem Gebiet zu engagieren. Während der Jahre der Aktivitäten der Vernetzungsaktion waren wir gemeinsam aktiv.


2004 musste ich aus beruflichen Gründen meine aktive Mitarbeit beenden - wie sich herausstellte, aber nur vorläufig. Aufgrund von Umstrukturierungs-Maßnahmen meines Arbeitgebers wurde ich im November 2010 in den Vorruhestand versetzt. Da ich nun wieder mehr Zeit zur Verfügung hatte, konnte ich die Anfrage auf erneute Mitarbeit in der Redaktion der „Brücke“ positiv beantworten. Seit Dezember 2010 bin ich wieder Mitarbeiter. Was mir besonders wichtig ist: Meine Frau und ich wollen auch künftig für alle Aufgaben, die sich im Zusammenhang mit der Arbeit für Aussteiger ergeben, gemeinsam zur Verfügung stehen.


Es ist mir nach wie vor ein großes Anliegen, denjenigen zu helfen, die wie ich erlebt haben oder erleben, dass das Kopfwissen und der diktatorische Führungsanspruch einer „leitenden Körperschaft“ trotz allem dadurch erzwungenen Aktivismus nichts mit Glauben, wie es dem biblisch-reformatorischen Verständnis entspricht, zu tun haben. Das zu Beginn zitierte Paulus-Wort ist mir ein Leitmotiv geworden: Christus kam zu uns Menschen, um uns zu befreien. Da gibt keine Berechtigung für Knechtschaft und Untertanen-Geist mehr. Aller Herrschaftsanspruch einer religiösen Führung hat keinen Platz mehr und ist zurückzuweisen! Jesus hat uns den Weg zur Versöhnung mit Gott geebnet, durch ihn sind wir von ihm angenommen. Da bedarf es keiner menschlichen Instanz, die angeblich notwendig ist, um zu ihm kommen zu können. Diese Freiheit ist kostbar und wir dürfen sie nicht aufgeben.


Ich verstehe meinen Lebensweg auch als Ermutigung für kritische Zeugen Jehovas, die sich mit der Frage auseinandersetzen (müssen), ob sie die Folgen einer Trennung von dieser Gemeinschaft auf sich nehmen können. Es gibt ein gutes Leben in Freiheit nach den ZJ. So schwer es ist, Freunde, Verwandte und manch mal sogar die eigene Familie zu verlieren: Es ist nicht der Endpunkt. Ich habe es selbst erlebt, wieder Glück zu finden auch im privaten Bereich und in einer familiären Gemeinschaft, die nicht durch eine totalitäre Religion geprägt und verformt ist.


Rainer Ref


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