Aus Gnade gerettet


Einmal zu Jehovas Zeugen und zurück


Ein Geruch von Rauch und Schutt lag noch über der von Bomben fast völlig zerstörten Stadt Hildesheim, als ich dort im September 1945 geboren wurde. Infolge besonderer Umstände wuchs ich bei Pflegeeltern auf, die liebevoll und aufopfernd sich meiner annahmen. Der frühe Tod meines Pflegevaters - ich war gerade zehn Jahre alt - riss eine große Lücke und weckte in mir Ängste. Was wäre, wenn auch „Mutter“ mich noch allein ließe …?


In dieser Zeit einer gewissen inneren Sensibilität kamen Jehovas Zeugen an unsere Wohnungstür. Ihre Ankündigung, wir könnten „den lieben Vater schon bald wieder sehen“ in dem bereits „ganz nahe herbeigekommenen irdischen Königreich Jehovas“, wenn wir nur die richtigen Schritte unternähmen, ließ uns aufhorchen und weckte in uns Hoffnungen.


Die Botschaft der Zeugen - scheinbar schriftgemäß


Steht da nicht tatsächlich etwas in der Bibel von einer neuen Zeit, dass der Löwe Stroh fressen wird wie das Rind, der Wolf friedlich bei dem Lamme weilt, und das kleine Kind furchtlos mit der Schlange spielt
(Jes. 11,6-10)? Die Erde wird ein Paradies, in dem man das Kriegshandwerk nicht lernt (Jes. 2,2-4; Micha 4,1-7).


Wer möchte dann nicht gerne dabei sein? Nun aber, so sagen Jehovas Zeugen, regiert vorerst noch der Teufel, und die meisten Menschen sind in seiner Hand. Darum muss die Erde zunächst einmal „gereinigt werden“, und das wird „Jehova in der blutigen Schlacht von Harmagedon tun“ (nach Offgb. 16,16). Durch seinen obersten „Feldmarschall Jesus Christus“ wird er allen sichtbaren und unsichtbaren Widerständen gegen „Jehovas Königreich“ ein Ende bereiten. Er und seine himmlischen Streitkräfte werden dann - „ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht“ - alle „vernichten, die nicht auf der Seite Jehovas stehen“. Diese „Schlacht von Harmagedon“ kann man daher nur überleben, so betonen die Zeugen, wenn man „in der Organisation Jehovas Zuflucht sucht“, die so etwas wie das Gegenstück zu Noahs Arche darstellt. In dieser ‚theokratischen Ordnung’ (Theokratie = Gottesherrschaft) regiert Christus, der nach den Berechnungen der Wachtturm-Gesellschaft im Jahre 1914 die Herrschaft über die Erde angetreten hat. Man begreift, dass suchende Menschen aufhorchen, wenn Jehovas Zeugen an den Haustüren vor „Harmagedon“ warnen und ihre Organisation als einzige Zufluchtsstätte empfehlen. Auch ich fragte mich damals: Ist ein ewiges Leben auf Erden - mit einem eigenen Haus und eigenem Weinberg in einer paradiesischen Umgebung, inmitten einer neuen Welt der Wohlfahrt und des Friedens - es nicht wert, dass ich mich „für Jehova“ entscheide? Lohnt es sich nicht, alle eigenen Ziele und Interessen zurückzustellen und sich dem „Königreich Jehovas“ und dessen sichtbaren Vertretern zu unterwerfen, „der Klasse des treuen und verständigen Sklaven“ (nach Matth. 24,45 ff.)? Die Glieder dieser „Sklaven-Klasse“ an der Spitze der Organisation der Zeugen Jehovas fühlen sich berufen, jetzt schon „die irdischen Interessen des Königreiches Gottes“ wahrzunehmen und dereinst als „Könige und Priester“ mit Christus in himmlischer Herrlichkeit zu regieren. Ich selbst dagegen könne nur als einer der „Untertanen des Königreiches“ gelten. Zusammen mit Millionen anderer „schafähnlicher Personen“, so versicherten die Zeugen mir, sei meine Hoffnung und Berufung die neue Erde. Beide „Klassen“ aber lebten heute schon in der „wunderbaren Einheit des Volkes Jehovas“.


Da stand ich nun als zwölfjähriger Knabe, der schon früh mit Nachkriegsnot und manchen Lebensängsten Bekanntschaft gemacht hatte, diesem verlockenden Angebot gegenüber. Auch meine Mutter
- in einem Waisenhaus aufgewachsen - suchte Geborgenheit und Hoffnung. Wie sollten wir die angebotenen „Segnungen des Königreiches Gottes“ zurückweisen können (und am Ende die angedrohte „Vernichtung“ wählen)? Und was hätten wir den Zeugen auch entgegensetzen sollen, da doch alle ihre Lehren - wenn auch nur scheinbar - biblisch zu belegen waren?


Faszinierendes und Abstoßendes - nahe beieinander


Die wiederholten wöchentlichen Zusammenkünfte der Zeugen bedeuteten für uns zugleich Abwechslung und Geselligkeit. Wir genossen als „Neuinteressierte“ die besondere Aufmerksamkeit aller, ob wir nun mit ihnen im Heimbibelstudium, beim Buchstudium, beim Wachtturmstudium oder später in der Predigtdienstschule oder der Dienstzusammenkunft beieinander saßen. Wie fühlte ich mich bestätigt, wenn ich - nach der Beantwortung der vorgedruckten Fragen durch die Versammelten - die vorgefertigte Antwort aus dem Studienmaterial öffentlich vorlesen durfte. Auf Kreis- und Bezirkskongressen konnte man unter so vielen Gleichgesinnten den Isolations- und Minderwertigkeitskomplex für kurze Zeit vergessen.


Doch je mehr uns die Wachtturm-Ideologie fast unbemerkt prägte, desto mehr wuchs die Entfremdung von den Menschen der „Welt“. Eine Sache machte mich von vornherein sehr nachdenklich: Warum hing im Versammlungsraum vorne neben dem Rednerpult die „Verkündigertafel“, die Leistungsstatistik (was Predigtdienststunden, Zeitschriftenabsatz und die Zahl der „Nachbesuche“ usw. betrifft), wenn doch die Dienstwilligkeit aus dem Herzen kommen und das „Werk“ unter der Leitung der „Engel Jehovas“ geschehen soll? Als am Ende eines Versammlungs-Buchstudiums der Leiter mit seiner Tenorstimme sich öffentlich an mich wandte: „Hansi, wenn Du mit dem Konfirmanden-unterricht in der evangelischen Kirche so weitermachst, wirst Du Harmagedon bestimmt nicht überleben!“, war es für mich das endgültige Signal, nach eineinhalb Jahren meinen Kirchenaustritt einzuleiten.


Aus damaliger Sicht hatte ich mich zu entscheiden zwischen einer Kirche mit falschen, babylonischen Lehren und der biblischen Wahrheit der Zeugen Jehovas, zwischen lauen sauertöpfischen Kirchenchristen und fröhlichen Königreichsverkündigern, zwischen religiöser Zerstrittenheit und weltweiter Einheit der Zeugen Jehovas, zwischen Hoffnungslosigkeit und Naherwartung des Paradieses, ja letztlich zwischen Tod und Leben. So ließ ich mich im Alter von 16 Jahren auf einem Massenkongress der ZJ taufen. Die damaligen Tauffragen könnte ich als Christ auch heute noch unterschreiben, während die heutigen Tauffragen den Täufling auf die Organisation festlegen. Es folgte eifriger „Predigtdienst“ von Haus zu Haus, für eine Zeitlang auch der immer wieder gefordert „Pionierdienst“. Eifrig verfolgte ich die Statistik an Mehrungserfolgen, waren es doch die einzigen „Früchte“ der Wachtturm-Gesellschaft, da soziale Werke an Hilfsbedürftigen, Kranken oder Alten nicht existieren (nach „Harmage- don“ so hieß es, werde Jehova ja sowieso alles zum Besseren wenden).


Es war bald an der Zeit, den Wehrdienst zu verweigern, weil unser Wachtturm-geformtes Gewissen es so verlangte. Bis hierher hätte ich auch aus persönlichen Motiven noch folgen können, aber unser außengesteuertes „Kollektivgewissen“ verlangte mehr. Es drängte uns auch zum Verweigern des Wehrersatzdienstes, weil wir als Zivildienstleistende ebenso den „Wehrgesetzen des Cäsars“ unterworfen wären wie die Soldaten. Im Übrigen - so hieß es - erwarte uns als „Abgesandte des Königreiches Jehovas“ eine Art Diplomaten-Immunität, wenn wir nur dem „Cäsar“ hinreichend nachweisen könnten, dass wir „Gesandte für Christus“ seien (nach 2. Kor. 5,20).


Diese und ähnliche Vorstellungen der Zeugen Jehovas klangen für mich nicht gerade überzeugend; ihre damalige Deutung von Röm. 13 (Stellung des Christen zum Staat) lernte ich sehr früh als völlig abwegig zu durchschauen. Sie wurde auch seit den Kongressen des Jahres 1962 offiziell aufgegeben, obwohl sie mehr als dreißig Jahre als besonders „helles Licht von Jehovas“ herausgestellt worden war.


Trotz tiefer Enttäuschung weiter Zeuge Jehovas


Mein Glaube an diesen vielgerühmten „Kanal Gottes“ war erschüttert. Ich konnte fortan seine Sonderlehren nicht mehr annehmen. Seine Darstellung Jehovas als eines zornigen, der Schlacht von Harmagedon entgegenfiebernden Rachegottes hatte nichts gemeinsam mit dem „Vater im Himmel“, zu dem zu beten und dem zu vertrauen Jesus uns gelehrt hat. Dennoch blieb ich zunächst weiter bei den Zeugen Jehovas, wenn auch immer lautloser und zurückgezogener. Die Versammlung und die „Brüder“ waren eben zu einen Stück Heimat und „Familie“ geworden. Außerdem sahen wir keine Alternative. Kirchen und Freikirchen hatte die Wachtturm-Religion uns mit Erfolg als „Weltreich der falschen Religion“ zu vergraulen versucht, ein Weltreich, das nun bald der „Vernichtung“ verfallen werde. Diese Wachtturm-Dauerstrategie musste sich zumindest lähmend auswirken auf einen Zeugen Jehovas, der nach einer überzeugenden Alternative Ausschau hielt.


Eine ständige suggestive Beeinflussung zugunsten der Wachtturm-Religion ging von den Zusammenkünften aus. Das waren fünf wöchentliche Pflichtstunden: Wachtturmstudium, öffentlicher Vortrag, Buchstudium, Predigtdienstschule und Dienstversammlung. Hinzu kamen drei bis fünf Stunden Vorbereitungszeit dafür und mindestens weitere zwei bis drei Stunden „Predigtdienst“ von Haus zu Haus und auf den Straßen. Dennoch gelang es mir infolge der oben genannten Vorbehalte gegen die Wachtturm-Führung, eine gewisse Eigenständigkeit zu bewahren und ihrer Seelenwäsche-Maschinerie ohne Schaden für Leib und Seele zu entkommen. Dazu mag auch dies beigetragen haben: Im Alter von vierundzwanzig Jahren heirateten meine Frau Sigrid und ich. Auch sie hatte einmal bei Jehovas Zeugen Geborgenheit und „Familie“ gesucht; nun teilte sie meine Zweifel. Nach der Geburt unserer Tochter Marion widmete ich mich zunächst einmal ganz meiner Familie. Meine Frau und ich bemühten uns, im Hinblick auf Marions Erziehung die Weichen richtig zu stellen. In der Versammlung waren wir daher von nun an nur noch Gelegenheitsbesucher.


Weltuntergangsdatum und Vernichtungsbotschaft unchristlich


Als gegen Ende der sechziger Jahre ein allgemeiner Rückgang des Zeugeneifers zu verspüren war, schürte die Wachtturm-Gesellschaft neue End-Erwarungen, in deren Mittelpunkt das Datum 1975 stand. Zu diesem Zeitpunkt sollten - nach der von der Wachtturm-Gesellschaft vorgelegten „biblischen Chronologie“ - 6000 Jahre Menschheitsgeschichte zu Ende gehen und das siebente Jahrtausend, das große „Sabbathjahrtausend“, das Millenium oder „die Tausendjahrherrschaft Christi“ beginnen. Letzteres wurde bisweilen nur vorsichtig und mit Fragezeichen versehen angedeutet, zeitweilig aber auch sehr deutlich behauptet.


Neun von zehn Zeugen waren vom Endzeitfieber ergriffen und glaubten fest an 1975. Zweifler aus den eigenen Reihen wurde mitleidig bis zynisch Glaubensmangel bescheinigt. Diese Euphorie trieb zum Teil seltsame Blüten: Einige Zeugen verschoben wichtige Entscheidungen auf „das Jahr 1 nach Harmagedon“, 1976. Einer schloss einen Kredit ab, den er für 1976 als erledigt ansah, einer „sicherte“ sich schon im Geiste eine prächtige Villa, die er nach 1975 zu übernehmen gedachte, wenn Jehovas sie für ihn bestehen ließe, und ein Ältester verabschiedete sich mit einem souveränen Lächeln des Wissenden von seinem Arzt, indem er sagte: „Im Herbst wird hier alles zusammenbrechen: leben Sie wohl!“


Wir, meine Frau und ich, glaubten dieser 1975-Botschaft nicht, da doch das Neue Testament - und vor allem Jesus selbst! - vor derartigen Spekulationen gewarnt hat (Mar. 13,32; Apg. 1,7; 1. Thess. 5,1.2; 2. Thess. 2). Darum waren wir auch nicht enttäuscht - wie so viele blindgläubige ZJ - als die Erwartungen für 1975 sich nicht erfüllten (5. Mose 18,20-22!). Doch ganz abgesehen von den Terminen: Überhaupt schien uns die von der Wachtturm-Religion propagierte Angst- und Schreckensbotschaft von der „großen Schlachtung von Harmagedon“ unvereinbar zu sein mit der Botschaft Jesu und den Aussagen des Neuen Testaments über den Gott der Liebe und der Barmherzigkeit (Luk. 6,36; Luk. 15; 1. Joh. 4,16 ff.; Joh. 3,16.18; Röm. 8,15 ff.). Als unvereinbar mit dem Evangelium erwies sich auch die Wachtturm-Lehre von der Heilsnotwendigkeit der „theokratischen Organisation“. Wozu hätte Christus noch für uns sterben sollen, und was wäre das für eine „Erlösung“ durch ihn, wenn nun doch die Entscheidung über Leben und Tod von der Zugehörigkeit zu einer - zu der „richtigen“! - Organisation abhängig sein sollte?


Viele ZJ widerlegen das Wachtturm-Argument von der „liebevollen und reinen Organisation“


Jehovas Zeugen verweisen gerne - dem Wachtturm folgend - auf Wirken und Wirkungen ihrer Organisation. Welche Früchte jedoch brachte die „theokratische Erziehung“ denn nun an den von ihr geprägten Menschen hervor? Welchen Wert hat das ständige Gerede von der „reinen“, liebevollen Organisation und weltweiter „Einheit“, wenn vor Ort kleinlicher Streit, Hader, Anmaßung und Cliquenwirtschaft bestimmend sind? O ja, bei aller Bescheidenheit im Blick auf die eigene Unvollkommenheit - da klaffte eine gewaltige Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit!


- Da war zum Beispiel die liebe Schwester, die stets über ihre Mitschwestern herzog, die sich laufend über die brutalen Übergriffe ihres Ehemannes auf ihren Körper beklagte, die einer anderen Frau das liebevolle Verhalten ihres ungetauften Ehemannes missgönnte („in Harmagedon wird es damit vorbei sein!“), die ein regelmäßiges, aber außerplanmäßiges Treffen jugendlicher Zeugen zur Pflege der Geselligkeit als „Sodom und Gomorrha“ denunzierte, weil sie altersmäßig nicht dazupasste, die das Kind eines Glaubensbruders (nach einem Fehltritt) gebar, ihrem Ehemann aber diese Tatsache verheimlichte, die als Beschäftigte des öffentlichen Dienst ein von Amts wegen gefördertes Projekt mit einem weltlichen Partner erwarb, sich somit selbst subventionierte und noch ein uneheliches Kind gebar, wegen Organisationsloyalität aber nicht ausgeschlossen wurde. Dagegen schloss man zwei jugendliche Schwestern aus, nur weil sie rauchten und meinten, dies nicht bereuen zu müssen.


- Da gab es Selbstmorde und Suizidversuche jüngerer und älterer Zeugen Jehovas, die in ihren Konflikten - die es nach ZJ-Ansicht gar nicht geben darf - keinen Ansprechpartner fanden oder sich lieblos im Stich gelassen fühlten.


- Da war die Schwester, die ihren Mann bei den Ältesten denunzierte wegen „Unfreundlichkeit“, die ihnen aber verschwieg, dass sie mit ihrer ständigen Kontenüberziehung - bis zu vierstelligen Beträgen - ihren Mann zur Verzweiflung brachte.


- Da gab es Brüder und Schwestern, die eine rettende Bluttransfusion heimlich vornehmen ließen - bei sich oder ihren Kindern - und nun ihre ständige Angst und Gewissensnot durch Überaktivität im „Predigtdienst“ zu kompensieren versuchten.


- Es gab aber auch Eltern, die ihr Kind lieber sterben ließen, als einer Bluttransfusion zuzustimmen. Und es gab Fälle, in denen Kinder beinahe zu Waisen geworden wären infolge dieser unbarmherzigen Blutverweigerungspraxis aufgrund einer gesetzlichen Bibelauslegung.


- Da waren dann auch die zahlreichen geschiedenen oder „kränkelnden“ Ehen, in vielen Fällen Folge der Trennung eines Partners vom ZJ-Glauben, zumal wenn dann der andere Teil weisungsgemäß die sexuellen und „geistigen“ Kontakte verweigerte.


- Da waren die vielen kriselnden und unter Gleichgültigkeit leidenden Ehen vor allem junger Zeugen Jehovas, die viel zu früh, oft unter Druck oder durch freundliche „Vermittlung“ von Eltern und Ältesten geschlossen worden waren, um zu verhindern, „dass sie der Sünde anheim fielen“.


- Da wurden Brüder und Schwestern - manchmal noch in hohem Lebensalter - wegen Rauchens oder einer anderen Regelwidrigkeit der totalen Ächtung und somit der Vereinsamung preisgegeben. In solchen und anderen Fällen kam es oft zu Alkoholmissbrauch als „Konfliktventil“.


- Da war die treue und im Dienst ergraute Schwester, die sich an ihrem Lebensabend von der (katholischen) Caritas pflegen lassen musste, weil ja die eigene Religionsgemeinschaft solche Einrichtungen der Nächstenliebe nicht zuwege bringt.


- Da war der 50jährige Bruder, der nach seinem Bruch mit der Wachtturm-Organisation erleben musste, wie seine systemkonformen Angehörigen ihn aus seinem eigenen Haus heraus“ekelten“, und wie sie, nachdem er sich einer Operation unterziehen musste, sofort vor Gericht auf höhere Unterhaltszahlungen klagten … der dann auch erlebte, wie angebliche Zeugen Gottes ausgeschlossenen Brüdern und Schwestern mit Kälte und Verachtung begegnen.


- Da war der hochbetagte Familienvater, der sich nach seinem Bruch mit der Wachtturm-Religion von seinem eigenen Sohn, einem Versammlungsältesten sagen lassen musste: „An Deinem Grabe wird niemand von uns weinen. Nur Babylons Priester werden da sein und dich beerdigen.“ Doch die Lieblosigkeit der WT-Loyalen richtet sich nicht nur gegen „Abtrünnige“;


- Da erlebte eine Schwester im reiferen Lebensalter, dass ein Kreisaufseher ihr empfahl, in einen andere Stadt umzuziehen, weil ihre kränkliche Schwiegertochter ihr zuviel Zeit raubte, die doch für den Predigtdienst von Haus zu Haus bestimmt sei.


Alle diese Erfahrungen zeigen, dass wir es bei der heutigen ZJ-Organisation mit einem totalitären ideologischen System zu tun haben, das mit den großen politischen Ideologien unserer Zeit vieles gemeinsam hat. Kein Wunder daher, dass frühere Nazis ihr Bedürfnis nach Führung („Führer befiehl, wir folgen dir!“) bei den ZJ zu befriedigen suchten.


- Da war beispielsweise der Versammlungsaufseher, einst ein glühender Verehrer des „Führers“, der sich nach dem Zusammenbruch des „Tausendjährigen Reiches“ sofort einer neuen „siegreichen Organisation“ anschloss, an die er „glauben“ konnte. Er führte übrigens auch als ZJ noch gerne Fotos aus seiner „großen Zeit“ vor, z.B. eins, das ihn in Uniform auf dem Eifelturm in Paris zeigte …


Neue Einsichten - notwendige Konsequenzen


Die hier kurz angedeuteten Einzelerlebnisse stehen für viele. Was ich von einer einzigen ZJ-Versammlung berichtete, geschah so oder anders auch an anderen Orten bzw. es geschieht noch jetzt. Das „hohe Klassenziel“ der WT-Organisation. „rein und liebevoll“ zu sein, lässt sich offenbar nicht erreichen. Nicht mit Appellen an den „freien“ und „guten Willen“, noch mit Zwang und unter Druck. Es ist schon ein fundamentaler Irrtum, an eine „siegreiche Organisation“ und an das Bessersein ihrer Anhänger (verglichen mit der Restwelt) - also letztlich an sich selbst - zu glauben.


Erschütternd ist es zu sehen, wie selbst manche Ausgeschlossenen noch so sehr unter der Wirkung der Wachtturm-Droge stehen, dass selbst sie, die mit dem „Kainsmal der Organisation“ Gezeichneten, gebeugt und gesenkten Hauptes einhergehen, weil sie unter dem Komplex leiden, der „Gemeinschaft des Volkes Gottes“ nicht würdig zu sein! Die Nachwirkungen ihres „Glaubens an die siegreiche Organisation“ der Besseren und Reineren hindert sie allzu oft dann auch daran, in einer anderen christlichen Kirche, Freikirche oder Gemeinschaft eine neue geistige Heimat zu suchen und zu finden.


Das war im Falle meiner Familie - Gott sei’s gedankt - anders: Nachdem wir uns - fast ein Jahrzehnt hindurch - von der Versammlung zurückgezogen hatten (von ein paar Höflichkeitsbesuchen einmal abgesehen) häuften sich ab 1984 die Besuche der Versammlungsältesten in unserem Hause. Sie kamen zumeist unangemeldet und am Sonntagmorgen, stellten geschickte Fragen nach unseren „Problemen“ oder nach unserer „Loyalität“ gegenüber „der Organisation“, bis sie endlich „Klartext“ sprachen: Sie hätten gehört, unsere Tochter Marion - inzwischen 14 Jahre jung - besuche den evangelischen Konfirmandenunterricht. Ich bestätigte dies und erklärte ihnen, dies sei ihr eigener Wunsch. Sie wolle sich orientieren. Jehovas Zeugen belehrten ja auch andersgläubige junge Menschen dahingehend, dass sie mit 14 Jahren „religionsmündig“ sind, also von da an ihren religiösen Weg selber wählen können.


Daraufhin nannten die Ältesten ihren Punkt zwei: Ihnen sei schon lange bekannt, dass ich gelegentlich rauchte, etwas, das Jehova über den „treuen und verständigen Sklaven“ verboten habe. Hierauf konnte ich nur antworten, ich hätte das gelegentliche Rauchen von Zigarillos selbst unter Kontrolle und betrachte mich seit meinem Rückzug von der Versammlung dafür alleine verantwortlich. Da hatte ich aber „die Rechnung ohne den Wirt gemacht“, wenn ich mir einbildete, still und heimlich aus dieser Organisation herauszukommen! Die „Tabakplantage der Erkenntnis von gut und böse“ ist nun einmal von der Wachtturm-Gesellschaft aufgestellt worden. Wohl kann das Rauchen dem Körper schädlich sein, hier wird es aber zur Disziplinierung missbraucht. Zum „Verbot aus dem Kanal Gottes“ hochstilisiert und den biblischen Geboten gleichgestellt, wird jede Zuwiderhandlung gegen das Rauchverbot mit aller Strenge geahndet. Wie widersinnig, denn der mögliche physische Schaden steht in keinem Verhältnis zu dem geistigen Schaden, den die Wachtturm-Gesellschaft mit ihrem Ausschluss vollziehen will. Nicht nur hier stellt sie sich „an Gottes Stelle“.


Auf meinen Einwand hin, wir hätten doch schon seit Jahren friedlich aber klar gezeigt, dass wir dem Glauben der Zeugen Jehovas nicht mehr folgen können, legte man mir den Wachtturm vom 15.12.1981 vor, wo es heißt:


‚Wer erklärt, er betrachte sich nicht mehr als ein Zeuge Jehovas, wer somit Glauben und Lehren der Zeugen Jehovas vorsätzlich verwerfe und dadurch zeige, dass er nicht „von unserer Art“ sei, sollte passenderweise so behandelt werden wie jemand, dem wegen eines Unrechtes die Gemeinschaft entzogen worden sei.’ Die Konsequenz wäre der Gemeinschaftsentzug, und niemand der ehemaligen Glaubensbrüder und Freunde dürfe noch ein Wort oder einen Gruß an den Betreffenden richten, ja, es käme einer Hinrichtung im alten Israel gleich!

Diese verschärfte Verfahrensweise war mir noch nicht bekannt, und ich erhielt auf meine Bitte hin acht Tage Bedenkzeit. Ich war empört über dieses unangebrachte Verhalten der [Wachtturm-]Gesellschaft. Nie in meinem ganzen Leben habe ich so deutlich gespürt, dass hier eine Macht mich beherrschen wollte, der es nicht zusteht. Aufgewühlt verfasste ich spontan einen fünfseitigen Brief und verteilte ihn an den Türen meiner ehemaligen Freunde, denn ich kannte ihr künftiges Verhalten nur zu genau und wollte sie dann nicht mehr in Gewissensnot bringen. Der Brief war eine Abrechnung mit den vielen lehrmäßigen Halbwahrheiten der ZJ, ein Bekenntnis zur Gewissensfreiheit und zur Vielfalt christlicher Überzeugungen. Ich brachte daher auch meine Gewissheit zum Ausdruck, dass Gottes Geist und der christliche Bruder auch heute noch in den christlichen Kirchen zu finden sind. In diesem Brief kündigte ich auch eine öffentliche Klarstellung an. Ein Hildesheimer Anzeigenblatt mit einer Auflage von 100 000 Exemplaren veröffentlichte wenige Monate später meine Geschichte auf der ersten Seite und gab mir noch zwei weitere Male Gelegenheit zu einem langen Leserbrief. Die Zeugen Jehovas, die in den darauf folgenden Wochen von Haus zu Haus gingen, mussten sich schon etwas einfallen lassen …


In dieser Zeit erfuhr ich vom „Bruderdienst“ und durch ihn erhielt ich das Buch eines über das Lesen der Bibel zu Christus bekehrten Zeugen Jehovas: „Vom Zeugen Jehovas zum Zeugen Jesu Christi“. Die Zeitschrift des Bruderdienstes, die „Brücke zum Menschen“, gab mir umfassende Antwort auf Fragen zu manchen Lehrpunkten, die bei den Zeugen Jehovas bestenfalls als Halbwahrheiten oder allzu oberflächlich behandelt wurden. Viele Fragen, die ich mit mir herumtrug, gab es also schon seit langem, und tragfähige Antworten waren bereits von Menschen mit Sachkenntnis, Glauben und Erfahrung gegeben worden.


Das war mir neu. Doch viel wichtiger war mir die geistliche Stellung, die der Bruderdienst einnimmt: er legt in seiner Verkündigung - „in Wort und Schrift“ - Nachdruck darauf, dass wir uns nicht selbst retten können, etwa durch unsere eigenen Vorzüge und „Verdienste“, sondern dass Gott allein dies kann und will durch seine Gnade. Noch mehr: Gott hat „Gnade vor Recht“ ergehen lassen, indem er Christus für uns sterben ließ, um uns den rettenden Freispruch und ein ewiges Leben zu erwerben (Eph. 2,8; Röm. 3,23 ff; 5,1-12). Darum ist Jesus Christus allein „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6), Quelle allen Heils und aller Geborgenheit in Zeit und Ewigkeit!


Ein geistlicher Neuanfang


Diese und andere Denkanstöße machten mir Mut, das Neue Testament zu lesen, systematisch und im Zusammenhang - und ohne „Wachtturm-Brille“.


Dabei fiel es mir oft wie Schuppen von den Augen. Ich spürte, wie sehr ich durch die Wachtturm-Ideologie um die wahre christliche Hoffnung, um viel Liebe und Wärme der Gemeinschaft der Kinder Gottes unter seinem Wort betrogen worden bin. Diese neu erwachte Sehnsucht nach Gemeinschaft und meine innere Öffnung für geistliche Dinge halfen mir, den letzten Rest der für ZJ typischen Berührungsängste gegenüber anderen Christen zu überwinden (die ich allerdings schon als ZJ nie ganz teilen konnte). So fiel es mir nicht schwer, mich im Glauben auch meiner Taufe wieder zu erinnern und mich der evangelischen Kirche zuzuwenden (das war im Sommer 1988).


Angesichts der freundlichen Aufnahme, die ich dort erfahren habe und die mich an das „Gleichnis von dem guten Vater“ erinnert, der seinen verlorenen Sohn bei seiner reuevollen Rückkehr mit Liebe überschüttet, muss ich mich noch heute „stellvertretend“ schämen wegen des rüden Tons und des Richtgeistes der Wachtturm-Schriften gegenüber den Kirchen. Ich frage die ZJ: Wer hat denn vor ca. 1800 Jahren den Kanon der für Christen verbindlichen heiligen Schriften zusammengestellt und über die lange Spanne von fast zwei Jahrtausenden nicht nur bewahrt, sondern daraus auch gelehrt, unterwiesen, gepredigt (lange also, bevor es die angeblich alleinseligmachende „theokratische Organisation“ überhaupt gab)? Wo wird das froh und frei machende Evangelium, wie es ein Paulus und ein Luther uns recht zu verstehen lehrten, Sonntag für Sonntag im Gottesdienst verkündet? Um wo versammelt sich seit fast zwei Jahrtausenden eine christliche Gemeinde um den „Tisch des Herrn“, um unter den sichtbaren Zeichen von Brot und Wein


- den Zuspruch der Vergebung aller Sünden zu empfangen,


- vom Angenommensein durch Gott ohn’ alles Verdienst und Würdigkeit zu hören


- und der hohen Berufung „zu seinem eigenen Reich und seiner eigenen Herrlichkeit“ neu gewiss zu werden?


Mit besonderer Freude nehme ich mir immer wieder einmal das Evangelische Kirchengesangbuch zur Hand und vertiefe mich in die zum Teil viele Jahrhunderte alten Lieder: geistlich gefüllte Glaubenszeugnisse von Zeugen Jesu Christi und gesungenes Gotteslob! Welche Glaubenstiefe zeigt sich da! Welche Beständigkeit auch, verglichen mit den ständig wechselnden „Licht“-Blitzen der Wachtturm-Religion, die ja stets auch in ihren Liederbüchern ihren Niederschlag fanden.


Gewiss, es hat auch Irrwege in der Geschichte der Kirchen gegeben und viel menschliches Versagen. Aber versagen kann nur jemand, der auch etwas anpackt, wer zuvor bereit war, Verantwortung zu übernehmen, statt passiv in einer Zuschauerecke zu sitzen und auf andere mit Fingern zu zeigen. Wir sind nun einmal hineingeworfen in eine Welt, deren Unvollkommenheit und Sündhaftigkeit die Heilige Schrift bereits mit den alttestamentlichen Bildern von Adam und Eva, von Kain und Nimrod bezeugt, mit der Sintflut in den Tagen Noahs in Verbindung bringt und mit der Sprachenverwirrung beim großen „Turmbau von Babel“. Die Heilige Schrift macht kein Hehl aus den Licht- und Schattenseiten des Volkes Israel, die ihre Entsprechung und Fortsetzung gefunden haben in der wechselvollen Geschichte des „neuen Gottesvolkes“ aus Juden und Heiden(-Nationen).


Das Große ist doch: Trotz allem hat Gott sein letztes und gültiges Wort an uns gerichtet, und dieses sein letztes Wort ist ein „Ja“ (2. Kor. 1,20)! Durch sein „Ja“ zu uns sind wir angenommen, gerecht gesprochen und zum ewigen Leben berufen - ohne unser eigenes Verdienst und ohne eigene Würdigkeit. In dieser - allein auf Christi Verdienst gründenden - Gewissheit des Glaubens (Röm. 8,14-17; 31-39!) habe ich nach einem langen Irrweg meinen Frieden, innere Ruhe und große Freude gewonnen. Davon kann ich nicht schweigen. Das möchte ich weitersagen.


Hans Runne


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