Warum Menschen zu einer Sekte gehen


Ein Versuch, auf eine schwierige Frage einfach zu antworten


Niemand vermag zu sagen, welche Motive im Einzelfall bestimmend sind, wenn je­mand „in eine Sekte geht". Eines jedoch wird man generell sagen können: Wie es im Geschäftsleben dann zum Kauf kommt, wenn das Angebotene den Vorstellungen und Wünschen des Kunden entspricht oder zu entsprechen scheint, so kommt es nach allen Erfahrungen dann zur Hinwendung zu einer Sekte, wenn ein Mensch den Ein­druck gewinnt, ihr Angebot sei genau das, was er braucht, um seine Hoffnungen zu realisieren, seine Sehnsüchte zu stillen oder ihm endlich Erfüllung und Sinn für sein Leben zu geben  - bzw. ihm seine Ängste zu nehmen, etwa Zukunftsängste.
Letzte­res dürfte sehr häufig zutreffen, deshalb dazu einige Beispiele:


- Zu Beginn des Ost-West-Konflikts, als die Angst vor dem Einsatz von Atombom­ben um sich griff, versprach der damalige Stammapostel der Neuapostolischen Kir­che (NAK), Johann Gottfried Bischoff: „Wer sich an mein Wort hält, den bringe ich hindurch" („Wächterstimme" vom 1. Februar 1951). Wer weiß, wie viele Menschen mit Zukunftsängsten dadurch für die NAK gewonnen bzw. „bei der Stange" gehalten wurden.


- Tendenziell durchaus ähnlich bot die Wachtturm-Gesellschaft in ihrer Zeitschrift „Erwachet" vom 8. April 1969, Seite 31, "eine genaue Erkenntnis Gottes und seines Wortes" durch den „Wachtturm" an – „eine unschätzbare Hilfe" zum Verständnis der Bibel. Die Überschrift dazu spricht Bände: „Sichere Dir eine schöne Zukunft!" Wie viele Menschen mögen sich an solche Zusagen geklammert haben oder noch an sie klammern in der Hoffnung, so ihre Zukunftsängste zu überwinden!


- Die von Mary Baker-Eddy gegründete „Christian Science" (nicht zu verwechseln mit „Scientology"!) verheißt Befreiung von den „Irrtümern" Krankheit, Sünde und Tod. Wen wundert's, dass Kranke, Alte und Gebrechliche hier aufhorchen und geneigt sind, auf diese Gruppe zuzugehen.


- Die Mormonen rühmen gern ihre Gemeinschaft als „wiederhergestellte Urkirche", in der man zu einem glücklichen, unbeschwerten und fröhlichen Leben gelangen könne. Vor allem Menschen, die unter der Last eines freudlosen Daseins leiden - etwa infolge von wirtschaftlichen Schwierigkeiten, Eheproblemen, Scheidungstrau­ma, Tod eines geliebten Menschen oder Schulproblemen - lassen sich u.U. durch derartige Angebote locken.




Weitere Motive, das Heil in einer Sekte zu suchen


- In einer Zeit zunehmender Unüberschaubarkeit nationaler und globaler politischer und wirtschaftlicher Vorgänge und Zusammenhänge suchen dadurch verunsicherte Menschen ihr Heil in einer überschaubaren Gruppe. Zumindest scheinbar eine 'heile Welt', die ja auch eine Weile hält.


- Manche Menschen, die nach Gottes Willen und seinen Geboten leben möchten, füh­len sich durch christlich oder christlich scheinende Sekten angesprochen. Sie hoffen, „entschiedenes" Christsein in einer auf „Einheit" in Glauben und Lehre bedachten Gruppe leichter realisieren zu können als in einer pluralistischen Volkskirche.


- Natürlich lassen sich zahllose weitere Motive nennen, wie Neugier, Interesse an Vorträgen über „Gott und die Welt" oder an öffentlichen Diskussionen, wie sie von manchen Sekten angeboten werden. Hier, so hoffen manche, könnten sie auch mitre­den und „mitmischen".


- Andere möchten sich aus ethischen Motiven unbedingt engagieren, etwa im Kampf gegen die Abtreibung, gegen Atomkraftwerke, gegen Kriminalität, gegen Drogen­sucht oder als Friedensfreunde im Ringen um Fortschritte in der Abrüstung oder im Bemühen um gewaltlose Erziehung und Konfliktbewältigung im Kleinen wie im Großen.


Ob die jeweils favorisierte Gruppe halten kann, was sie verspricht oder was „man/frau sich von ihr verspricht", ist eine andere Frage. „Sichere dir eine schöne Zukunft" ist beispielsweise so ein ungedeckter Scheck.


Wenn zwischen der verlockenden „Schokoladenseite", der Außenansicht einer Sekte, und den internen Realitäten ein Gegensatz besteht, bemerken die erwartungsvollen Einsteiger dies jedoch zumeist erst, nachdem die zuvor weit geöffnete Tür hinter ih­nen ins Schloss fiel.


Hans-Jürgen Twisselmann

aus „Brücke zum Menschen" Nr. 183


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