Grenzen und Möglichkeiten für ein hilfreiches Gespräch
mit Zeugen Jehovas (und Ehemaligen)


Zugegeben, die Situation ist schwierig. Viele Menschen sind darum völlig hilflos, wenn Anhänger der ihnen fremden religiösen Gemeinschaft an der Tür stehen. Aus Angst, den oder die Besucher nicht mehr loszuwerden, verhalten sie sich bewusst oder unbewusst skeptisch, unfreundlich, abweisend. Eine schlechte Basis für ein fruchtbares Gespräch! Häufig jedoch stellen unsere Besucher und ihre Verhaltensweisen das Haupthindernis dar.


Inwiefern stehen Zeugen Jehovas oft einem fruchtbaren Gespräch im Wege?


Was sie über ihren Glauben zu sagen wissen, wirkt oft angelernt, darum unecht. Hin­ter der Rede-Schablone steht eine Denk-Schablone. Deshalb fällt es vielen von ihnen wirklich schwer, zuzuhören und auf ein Argument sachlich einzugehen, was Grund­voraussetzung wäre für ein echtes Gespräch. Stattdessen reproduzieren sie häufig die im Rahmen ihrer Schulung erlernten Standard-Argumente. Die Folge: Man redet an­einander vorbei!


Ihre „Botschaft" ist nicht aus das Gespräch hin angelegt. Wir haben eher das Gefühl, es geht nach dem Motto: „Friss Vogel oder stirb." Denn die Heilslehre der ZJ anzu­nehmen soll zu Glück und ewigem Heil führen, sie abzulehnen aber zum Verderben. Für eine echte Diskussion ist da gar kein Raum, denn die Sache zu diskutieren hie­ße ja, sie auch in Frage zu stellen. Und das ist mit dem Absolutheitsanspruch der ZJ und ihrer Heilslehre unvereinbar. Das aber heißt letztlich:


Unsere Besucher sind nicht wirklich frei für ein Gespräch. Sind sie überhaupt frei, sie selbst zu sein? Viele fürchten ständig - durch zu weit gehende Toleranz gegenüber Andersdenkenden - ihre eigene „Wahrheit" zu verraten und dadurch des Heils ver­lustig zu gehen. Kritik an ihr zu üben, gilt schon als „Abtrünnigkeit". Darum ist ein ZJ stets geneigt, berechtigte Kritik, auf die er nichts zu entgegnen weiß, irgendwie abzuwehren, um sich vor dem „Gift" der Kritik zu schützen. Wie gefährlich ist für ZJ im Grunde also jedes Gespräch mit einem Andersgläubigen, zumal wenn sie zu zwei­en unterwegs sind! Der "Bruder" kann zum Spitzel und Ankläger werden.


Das alles verringert die Chance für ein echtes Gespräch. Auf der Seite des Nicht-ZJ kommt oft erschwerend hinzu, dass man über die ZJ-Lehren zu wenig informiert ist. Das wäre aber doch nötig, um gezielt antworten und die eigenen Glaubensüberzeugungen vertreten zu können. In diesem Fall ist es daher besser, sich auf kein Gespräch einzulassen, sondern freundlich, aber bestimmt, um Verständnis dafür zu bitten. Ein Verzicht kann auch dann nötig werden, wenn sich beim ersten Wort­wechsel zeigt, dass der Besucher ideologisch zu sehr festgelegt („verbohrt") und dar­um zu einem fruchtbaren Gespräch unfähig ist.


Auf keinen Fall aber sollten wir unsere Haustür einfach zuschlagen oder die Besucher schroff abweisen (Das bestätigt das „Feindbild" über uns und bewirkt, dass die Besucher sich als Märtyrer fühlen!). Wer sich als Christ versteht, kann vielleicht ein persönliches Bekenntnis zum Glauben ablegen. Etwa so: „Ich kann jetzt nicht mit Ih­nen diskutieren, ich weiß zu wenig über Ihre Lehre. Aber ich habe meinen Glauben. Ich glaube, dass Gott alle Menschen liebt, also auch Sie und mich. Diese Liebe Got­tes ist dadurch sichtbar geworden, dass er seinen Sohn Jesus Christus zu unserem Heil gesandt hat. Durch ihn hat er für uns gehandelt. Alle, die an Christus glauben, sind nun Kinder Gottes (Joh. 1,12; Gal. 3,26) und damit Brüder und Schwestern. Darum ist die Christengemeinde immer größer als irgendeine gegenwärtige Religi­onsgemeinschaft, sie heiße, wie sie wolle."


Unwissenheit über die religiöse Gemeinschaft, mit der wir konfrontiert werden, aber ist keine unabänderliche Sache! Auch unsere Fähigkeiten, die eigene Überzeugung zum Ausdruck zu bringen, lassen sich ja ausbauen...


Auf diese Weise kommen wir dann zu einer ganz anderen Verhaltensweise. Wir schla­gen unseren Besuchern einen Gesprächstermin vor. Bis dahin informieren wir uns über die Gruppe und rüsten uns anhand von Aufklärungsschriften [und auch im Inter­net abrufbaren Informationen], die heute ja zum Glück in großer Zahl - auch zu vie­len Einzelthemen - verfügbar sind (siehe z.B. unser Gesamtverzeichnis am Ende un­serer Webseiten).


Wenn jemand sich noch nicht zutraut, ein solches Gespräch zu führen, so empfehlen wir ihm, einen Menschen seines Vertrauens hinzuzuziehen, der jedoch über die nöti­gen Sachkenntnisse verfügen oder sich diese vor dem Gespräch aneignen sollte.


Ratschläge für ein seelsorgerliches Gespräch


Nicht mit „hoffnungslosen Fällen“ rechnen: Natürlich gibt es auch sie. Mein eigener Weg und langjährige seelsorgerliche Arbeit an Zeugen Jehovas und Ehemaligen ha­ben mir gezeigt: Gott kann Menschen umwandeln, mögen sie auch eine Zeitlang in sektiererische Bindungen, religiösen Fanatismus und blinde Selbstüberschätzung tief verstrickt sein. Mag sein, dass mir jemand noch heute als scheinbar unbelehrbarer Sektierer gegenüber sitzt, unter Umständen wird er schon „morgen" ein gläubiger Christ sein.


Zwischen der Sekte und ihren Opfern unterscheiden: Ob unser Gesprächspartner noch zu seiner Gruppe gehört oder sich schon von ihr trennte, jede Gleichsetzung von Verführern und Verführten wäre lieblos, ungerecht und unweise.


Nicht anklagen: Selbst wenn unser Angriff nicht persönlich gemeint ist, so birgt doch jeder Frontalangriff auf die Gemeinschaft, der unser Gesprächspartner an­gehört(e), die Gefahr in sich, dass er sich mit ihr (wieder) identifiziert. Er fühlt sich in seinem Glauben herabgesetzt und als Mitangeklagter.


Als junger Zeuge Jehovas bekam ich von einem Ge­meinschaftsprediger zu hören: „Bibelforscher sind Bibelfälscher". Meine Reaktion darauf: „Keine Gemeinschaft mit der Gemeinschaft!" Auf Bemerkungen wie die, dass Sekten ja wohl besonders auf „labile Typen" und psychisch Kranke anziehend wirken, kön­nen als diskriminierend und verletzend empfunden werden und innere Türen ver­schließen.


Nicht in theologische „Schubfächer" verweisen: Wer seinen Gesprächspartner in eine der vielen üblichen Kategorien einordnet (Fundamentalist, Chiliast, Wiedertäufer usw.), sieht in ihm nur den Exponenten einer häretischen Richtung, er wird dann vielleicht die Diskussion gewinnen, aber nicht den Menschen!


Den Menschen sehen und auf ihn eingehen: Um dies zu können, muss ich ihn ernst nehmen - auch mit seinem „unmöglichen" biblizistischen Denken, mit seiner ka­suistischen Ethik, mit seinen Vorurteilen. Es kann notwendig sein, im Gespräch an sich notwendige, aber schwierige theologische Differenzierungen zunächst einmal zu übergehen, um sich auf entscheidende Fragen einzulassen, für die eine gemeinsame Basis zu erwarten ist.


Den anderen abholen: Ich erwarte nicht von ihm, dass er meine im Laufe vieler Jahre gewonnenen Einsichten nun nach einem einzigen Gespräch gleich annimmt. Das wäre unbarmherzig. Viel­mehr hole ich ihn dort ab, wo er heute steht, bin wie Paulus „den Juden ein Jude"!


Doch Paulus weigerte sich, den Juden ein Wundertäter, den Griechen ein Kulturchrist zu sein (Helmut Thielicke). Darum heißt „abholen" auf keinen Fall, den anderen im Namen einer missverstandenen Toleranz in seinen abwegigen Ideen zu bestätigen, aus schwarz weiß zu machen, Irrtümer nicht beim Namen zu nennen. Ich will ihn annehmen, wie er ist, aber er muss doch nicht bleiben, wie er ist. Gott kann einen Menschen wan­deln, wie er mich selbst mehrfach gewandelt hat. Darum möchte ich ihm helfen, sich auf das in ihm angelegte göttliche Ziel hin zu entwickeln, das nicht ich bestimme. Daher frage ich ihn nach seinen Motiven für seinen Übertritt in die Sekte, für seine gegenwärtigen Aktivitäten, für seine eventuell kritische Haltung zu ihr, für seinen Bruch mit dieser Gemeinschaft. In meiner Antwort möchte ich positive Ansätze ver­stärken, geistliche Einsichten fördern, auch korrigierend - ohne zu schulmeistern - brüderlich weiterhelfen.


Den eigenen Standpunkt deutlich machen: Unser Gesprächspartner erwartet das von uns, er erwartet auch ein persönliches Bekenntnis des eigenen Glaubens. Ein biblisch gefülltes Zeugnis von dem, was Jesus Christus für uns tat, findet zumeist ein offenes Ohr. Ein Zeuge Jehovas antwortete einmal auf ein solches Zeugnis: „Halten Sie fest, was sie haben. Das fehlt mir noch!" Was immer wir jedoch vom Evangelium her ant­worten, sollte den „drei P" entsprechen: Es muss persönlich, priesterlich-barmherzig und praktikabel sein.


Praktikable Wege in die Gemeinde zeigen: In dieser Hinsicht ist der ehemalige Sek­tenangehörige besonders hilfebedürftig. Als er sich der Sekte anschloss, verlor er sei­ne „weltlichen" Freunde, und seine Verwandten; beim Bruch mit der Sekte verlor er nun auch seine letzte menschliche Gemeinschaft. Er fürchtet, „ins Nichts" zu fallen. Die oft gehörten Drohungen für „Abtrünnige" verstärken dieses Gefühl. Hinzu kommt: Wie unerträglich für ihn die Sekte drinnen gewesen sein mag, draußen weht ein kalter Wind ihn an. Ihm fehlt die Nestwärme, Geborgenheit und Überschaubarkeit der klei­nen Gruppe. Eine normale Kirchengemeinde kann dies alles kaum bieten. Darum gilt es zu prüfen, ob ein Bibelkreis oder ein - notfalls zu gründender - Hauskreis in der Wohnung bewusster Christen dem "Ehemaligen" eine neue geistliche Heimat sein kann.


Dem anderen ein Bruder sein, ohne ihn zu vereinnahmen. Nach dem Verlust seiner früheren Gemeinschaft wird ein „Ehemaliger" uns bald vertrauensvoll begegnen und uns vielleicht das brüderliche "Du" anbieten. Wir können ihm ein gewisses Gefühl der Geborgenheit vermitteln und einen geistlichen Halt geben. Auf keinen Fall jedoch die Funktion eines Seelenführers übernehmen und ihm - anstelle der Sektenoberen - Ge­wissensentscheidungen abnehmen. Was wäre mit der Loslösung von den alten Bin­dungen geholfen, wenn wir ihn in neue Abhängigkeiten brächten? Ziel unserer Be­mühungen muss sein, ihm zu helfen, in der „Freiheit eines Christenmenschen" zu le­ben, zu der uns Christus befreit hat.


Hans-Jürgen Twisselmann

aus „Brücke zum Menschen" Nr. 135


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