Vom Wandel des Gottesbildes

innerhalb der biblischen Überlieferung


Ein Wandel? fragt der Skeptiker, Gott verändert sich doch nicht. – Aber unsere Vorstellungen von ihm wandeln sich. Gottes fortschreitende Offenbarung in seiner Geschichte mit uns Menschen macht Wandlungen unseres Gottesbildes sogar unumgänglich. Das sei an einem Beispiel verdeutlicht:


In allen alten Völkern wurden Millionen von Tieren, oft auch Menschen, auf die Altäre geschleppt und einer Gottheit oder Göttern geopfert. Auch in Israel wurden, wie jeder Bibelleser weiß, nach der Thora, dem Gesetz des Mose, unentwegt Tiere als Opfer gebracht. – Selbst Menschenopfer kamen in der frühen Geschichte Israels vor, wurden aber durch die Thora strengstens verboten. Was für uns als Christen, vor allem im Zusammenhang unseres Themas, von größerem Interesse ist als die Einzelheiten über Arten und Sinn der Opferhandlungen, ist die Tatsache, dass nach der Zerstörung Jerusalems und der Zerstreuung der Juden unter den Völkern seit dem Jahre 70 n. Chr. der jüdische Opfergottesdienst nicht mehr vollzogen wurde.


Wie aber stellte sich das junge Christentum damals zum Opferkult? Das im deutschen Sprachraum verbreitete und anerkannte Nachschlagewerk „Die Religion in Geschichte und Gegenwart“ stellt lapidar fest: „Im Gegensatz zum Judentum und zur heidnischen Welt kennt die urchristliche Kirche überhaupt keinen Opferkult mehr. Gemeinsam ist den n.t. Texten die Gewissheit, daß die Kirche Christi aus dem Opfer Christi für die Welt lebt […]“ Im folgenden Absatz heißt es dann weiter: Die eschatologische (endgeschichtliche) Predigt Jesu vom Reich Gottes macht sichtbar, dass „allein der Gehorsam gegen Gottes Gebot und also die Liebe zum Nächsten der wahre Gottesdienst sind, der das Kultusgesetz und den Opferdienst aufhebt. Damit ist die prophetische Kritik am pervertierten Kultus wieder aufgenommen.“


Ist es nicht denkbar, dass die hier erwähnte Kritik der Propheten Israels sich nicht nur gegen dessen Pervertierung richtete, sondern grundsätzlich gegen den Opferkult überhaupt, dass somit diese geisterfüllten Männer ihrer Zeit voraus waren? – Hören wir doch einmal ihre Worte:


- Micha: „Womit soll ich mich dem Herrn nahen …, mit Brandopfern und mit einjährigen Kälbern? Wird wohl Jahwe Gefallen haben an vieltausend Widdern? Soll ich meinen erstgeborenen Sohn für meine Übertretungen geben, meines Leibes Frucht für meine Sünden? Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Jahwe von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott“ (Micha 6,6-8).


- Jeremia: „So sprich Jahwe …: Ich habe euren Vätern … nichts gesagt noch geboten von Brandopfern und Schlachtopfern, sondern dies …: Gehorcht meinem Wort, so will ich euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein“ (Jer. 7, 21-23a. Vgl. auch Amos 5, 21-25).


- Hosea: Gott spricht „Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer, an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer“ (Hosea 6, 6).


Folgerungen für Christen


Jesus hat diese Prophetenworte aufgenommen: „Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.“ Sein und unser Vater im Himmel ist der Gott der  L i e b e (Luk. 15)! Und  J e s u Wort ist das, was für uns als Christen zählt. Denn „nachdem Gott vielfältig und auf vielerlei Weise ehemals zu den Vätern geredet hat durch die Propheten, hat er am Ende dieser Tage zu uns geredet durch den Sohn“. Auffallend die Kontinuität: Derselbe Gott ist es! Gottes Reden zu den Vätern Israels geschah „vielfältig und auf vielerlei Weise“. Damit deutet der Hebräerbrief an, dass es sich damals um eine Offenbarung handelte, die immer neuer Ergänzung bedürfte, somit um etwas Bruchstückhaftes, Unabgeschlossenes und Vorläufiges. Deshalb kommt er sogleich auf das größere und endgültige Reden Gottes zu sprechen, indem er fortfährt: „Nun hat Gott am Ende dieser Tage zu uns geredet durch den Sohn“ (Hebr. 1, 2). Damit hat Gott sein früheres Reden noch einmal überboten. Waren doch jene Gottesboten von der Erde, dieser aber vom Himmel. Jene waren Gottes Knechte, dieser aber ist „der Sohn“! Den er hat eingesetzt zum Erben über alles, durch den hat er auch die Welt gemacht. „Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens“ (Verse 2 und 3).


Um die überragende Bedeutung des „Redens Gottes durch den Sohn“ herauszustellen, zeigt der Hebräerbrief gleich in ganzen Kapiteln, wie viel größer dieser Jesus Christus ist als die Engel (Kap. 2) und als Mose (Kap. 3) und als jeder von den Menschen eingesetzte Hoherpriester (Kap. 4, 14-16 und Kap. 5-10), und wie viel wirksamer sein Opfertod auf Golgatha für uns ist, als alle Opfer des alten Bundes es je sein konnten (Kap. 9 und 10).


Damit aber bekommt die Selbstoffenbarung Gottes in seinem Sohn Jesus Christus den Charakter des Unüberbietbaren und Endgültigen. Gott hat das letzte Wort gesprochen. Da gibt es weder Widerruf noch Ergänzung. „Noch heiliger gegen die Sünde und noch barmherziger gegen die Sünder kann er nicht reden! ‚… in ihm liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis Gottes’ (Kol. 2, 3). Diese Schätze sind gewiss noch nicht alle gehoben. Aber sie liegen drin in diesem Christus, in seinem Kreuzestod und seiner Auferstehung. Auch die letzten und allerletzten Dinge sind nichts als die Entfaltung und Vollendung von Karfreitag und Ostern“ (Adolf Pohl).


Darum brauchen wir zu unserem Heil nicht über Jesus Christus hinaus. Im Gegenteil! Wer über ihn hinaus noch etwas sucht, schlägt ihm ins Gesicht. Darum sind alle „neuen Offenbarungen“ oder das angeblich „hellere Licht“ der ZJ, das bekanntlich weit über das durch Christus und das Wort seiner Apostel hinausgeht, zurückzuweisen. Denn wozu hätte sonst das Neue Testament uns ermahnt, „für den Glauben zu kämpfen, der den Heiligen ein für allemal übergeben worden ist“ (Jud. 3)? Und weshalb ergeht die Warnung: Jeder, der weitergeht und nicht bleibt bei der Lehre Christi, hat Gott nicht; wer in der Lehre bleibt, der hat sowohl den Vater als auch den Sohn“ (2. Joh. 9. Vgl. auch 1.Joh. 2, 24 f.)? Deshalb unser Grundsatz: Nicht über Christus hinaus!


Doch gleich neben der Gefahr, über Christus hinaus noch etwas zu suchen, lauert die andere, „hinter Christus zurückzugehen“. Deshalb gilt:


Nicht hinter Christus zurück!


Es gab schon in den Tagen der Apostel ganze Gemeinden, die der Versuchung erlegen waren, unter Berufung auf das Alte Testament in das durch Christus überbotene Vorläufige zurückzufallen, zumindest es mit dem durch ihn erworbenen Heil auf eine Stufe zu stellen. Das war der Irrweg der Gemeinde von Galatien. Der Apostel Paulus hat in seinem Brief an sie in schärfster Form solchen Rückfall in das am mosaischen Gesetz orientierte Denken und Handeln verurteilt
(Gal. 3 und 5).


Auch heute gibt es Christen bis hinein in Kirchen, Freikirchen und Gemeinschaften, die meinen, einen besonders hohen Grad an Frömmigkeit erreicht zu haben, wenn sie sich gesetzlich-moralistischen Ordnungen unterwerfen. In radikaler Form geschieht solcher Rückfall in eine vorchristliche Offenbarungsstufe,


- wo alttestamentliche Speiseangebote und Sabbatordnungen  - nun im Namen Christi - der Gemeinde auferlegt werden;


- wo zur Durchsetzung gesetzlich-moralistischer Vorschriften eine menschenverachtende, inhumane Sanktions- und Ausschlusspraxis geübt wird, wo also Moral mit dem „Knüppel des Gesetzes“ durchgesetzt wird:


- wo der alttestamentliche Gottesname – zudem in der falschen Lesart „Jehova“ – über den Namen Jesu gestellt wird, der doch nach dem Zeugnis des Neuen Testaments ‚der Name über allen Namen’ ist (Phil. 2, 9). Denn „in keinem anderen ist das Heil, auch ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir gerettet werden sollen“ (Apg. 4, 12), also auch nicht der Name Jahwe.


Die frühe christliche Kirche hat die heiligen Schriften des Alten Testaments mit denen des Neuen Testaments zu einem Band vereinigt, und sie hatte dafür gute Gründe. Nun aber gilt es zu bedenken, dass es zwischen dem Alten und dem Neuen Testament eine deutliche Abstufung gibt, die wir nicht ungestraft übersehen dürfen. Wir haben zwischen der vorläufigen und der endgültigen Gottesoffenbarung zu unterscheiden.


Der Evangelist Johannes hat diesen Unterschied in dem prägnanten Satz zusammengefasst: „Das Gesetz ist durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit aber durch Jesus Christus“ (Joh. 1, 17).


Wer uns vollmundig erklärt, alles, was zwischen den beiden Buchdeckeln der Bibel steht, sei Gottes Wort und daher von gleicher Würde und Verbindlichkeit, der versucht, diesen Unterscheid gleichsam „einzuebnen“ – mit verheerenden Folgen: Wer z.B. alttestamentliche Speisevorschriften auf eine Stufe stellt mit den Worten Jesu und seiner Apostel, die uns davon befreit haben, fördert den Unglauben. Denn wenn alles gleich gültig ist, wird alles gleichgültig!


Positiv ausgedrückt: Wir müssen lernen, das Alte Testament, ja die Bibel überhaupt, von ihrer Mitte, von Jesus Christus her zu lesen. „Das Alte Testament ist die Wurzel des Neuen“, so Martin Luther, „das Neue aber ist das Licht des Alten“. Insofern sind beide unverzichtbare Geschenke Gottes.


Bibel und Wort Gottes


Dazu führte Alex Funke einmal in einem Vortrag aus:


Gott muss noch ein weiteres Mal die Initiative ergreifen, wenn ein Bibelleser aus ihren Sätzen Wort Gottes entnehmen soll: „Niemand kann Jesus einen Herrn heißen, außer durch den Heiligen Geist“. Und auch predigen kann niemand so, dass durch seine Worte für den Zuhörer lebendiges, Glauben weckendes Wort Gottes werden, außer durch den Heiligen Geist. So haben wir das Wort Gottes in der heiligen Schrift und haben es zugleich doch nicht zu unserer Verfügung. Jeder Bibelleser und jeder Prediger bleibt darauf angewiesen, dass Gottes Heiliger Geist ihm erleuchtete Augen gibt. Wir haben wohl die eine Quelle, zu der wir gehen und aus der wir schöpfen müssen, wenn wir der Welt Wort Gottes predigen wollen: Die heilige Schrift. Aber man kann in ihr das Wort Gottes nicht geradeheraus ablesen. Es genügt nicht, Abschnitte der Bibel vorzulesen. Gewiss steht es in Gottes Macht, durch einen vorgelesenen Vers aus der Bibel einen Menschen zum Glauben zu erwecken. Beispiele dafür gibt es in der Kirchengeschichte. Aber die Aufgabe der Kirche ist größer. Sie hat die Worte der heiligen Schrift auszulegen.


Wenn in der Bibel der Ausdruck Wort Gottes vorkommt, dann ist nicht in erster Linie an das geschriebene, sondern an das gesprochene Wort gedacht. Wort Gottes ist etwas Lebendiges, etwas, das sich ereignet. Mohammed hat ein Buch geschrieben, den Koran, und die Lehren Allahs schwarz auf weiß festgehalten. Jesus hat nicht geschrieben, sondern gepredigt. Wer ihn predigen hörte, der hörte Gott mit sich reden. Und seinen Jüngern gibt er auf den Weg durch die Jahrhundert mit: „Wer euch hört, der hört mich“. Das geschriebene Wort ist uns in der heiligen Schrift gegeben, damit wir zuerst selber Schüler der Propheten und Apostel sein können, auch noch nach Jahrhunderten. Beim Hören auf ihre kirchengründende Verkündigung werden wir selber gedrängt, zu predigen. „Was ihr hört in das Ohr, das predigt auf den Dächern“ (Matth. 10, 27). Dabei wir sich damals und heute ereignen, was Paulus so beschreibt: „Mein Wort und meine Predigt war bei euch … in Beweisung des Geistes und der Kraft“ (1. Kor. 2, 4).


Wir können es auch so ausdrücken: Die Bibel ist nicht das Lehrbuch einer christlichen Weltanschauung, die wir für wahr halten sollen, sondern sie ist ein Gefäß, das den Augenzeugenbericht der großen Taten Gottes enthält. Daraus sollen wir schöpfen und anderen weiterreichen. Solches Schöpfen und solches Weitersagen wird erfahren, dass Gott heute ebenso wenig wie damals ein stummer Gott ist. Er redet auch heute zu uns, wie ein Vater zu seinen Kindern.


Es gibt gelegentlich unter Christen ein Reden von der heiligen Schrift, das überaus gläubig klingt, aber falsch ist. Da wird die Bibel zu einer Art papierenem Papst gemacht. Gott aber duldet nicht, dass sich irgendetwas an seinen Platz setzt, auch nicht die Buchstaben des Bibelwortes. Wir glauben nicht „an“ die Bibel, wir glauben an Gott; Gott begegnet uns im Wort der Bibel – das ist es. ‚Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, später einmal von Angesicht zu Angesicht’ (1. Kor. 13, 12).

Dabei ist etwas sehr wichtig, was jedem aufmerksamen Bibelleser von Seite zu Seite auffällt. Dieses Bibelbuch erzählt, berichtet, schildert. Der Inhalt ist eine fortlaufende Geschichte und nicht eine Sammlung von Lehraussagen über Gott. „Die Bibel ist ein Geschichtsbuch“ (Gerhard von Rad). Man muss die in ihr berichtete Geschichte verstanden haben, dann ist man der in der heiligen Schrift bezeugten Wahrheit auf der Spur. Sie hat ihre Mitte in dem Bericht von Jesus Christus […].

Wort Gottes in der heiligen Schrift verstehen heißt eigentlich nichts anderes als Heraushören, dass Gott uns Menschen heimsucht, indem er in unsere Weltgeschichte hineinkommt, und dass ich selber einer der verlorenen Söhne bin, die er heimsucht. Nicht ein dickes Bündel von Wahrheiten stellt die heilige Schrift vor den Leser hin, die er […] zu schlucken hat, sondern eine gezielte Wahrheit, nämlich: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt; so bitten wir nun an Christ Statt: Laßt euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt“ (2. Kor. 5, 19-21). Luther konnte deshalb den ganzen Inhalt der Bibel auf eine kurze Formel bringen: Dass sie „Christum treibet“! Wer das nicht verstanden hat, der hat nichts verstanden.


Hans-Jürgen Twisselmann

aus „Brücke zum Menschen“ Nr. 181


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