Problemfall „Neue-Welt-Übersetzung" (NWÜ)
der Zeugen Jehovas

I. Zu ihren Besonderheiten

Unter den deutschen Bibelübersetzungen ist die NWÜ ein Sonderfall. Zu ihren Be­sonderheiten gehört:

1. Ihre Verbreitung erfolgt durch die Zeugen Jehovas (ZJ) an der Haustür und auf dem Bürgersteig. In ZJ-Versammlungen nimmt sie natürlich den ersten Platz ein, denn sie verdankt ihre Entstehung der persönlichen Initiative des früheren Präsidenten der Wachtturm-Gesellschaft (WTG), Nathan Homer Knorr (1905-1977). Die voll­ständige deutsche Ausgabe erschien 1971, die „Christlichen Griechischen Schriften", das Neue Testament (NT), bereits 1963.

2. In theologischer Hinsicht ist das bedeutsamste Merkmal der NWÜ die Verwendung des „Jehova"-Namens, und das nicht nur im Alten Testament, sondern auch 237­mal im NT.

3. Die deutsche Ausgabe ist eine Tochterübersetzung der englischen NEW WORLD BIBLE TRANSLATION (NWBT). Auch wenn du die ZJ-Bibel in französischer, spa­nischer oder einer anderen Sprache liest, es handelt sich immer um die Übersetzung einer Übersetzung, nämlich der englischen NWBT. Die Übersetzer - ausnahmslos Zeugen Jehovas - waren gehalten, nicht etwa den griechischen bzw. den hebräischen Grundtext für ihre Arbeit zugrunde zu legen, sondern ausschließlich die englische Mutterübersetzung. Diese ist sozusagen ihr „Urtext". Die Frage drängt sich auf, ob sie denn überhaupt in der Lage waren, den griechischen bzw. den hebräischen Grund­text de Bibel zu lesen und zu übersetzen.

II. Kannte das Übersetzerteam die biblischen Ursprachen?

In diesem knapp zehn Leute umfassenden Gremium war der damalige Vizepräsident der Wachtturm-Gesellschaft, „Freddy" Franz, der Einzige, der überhaupt Kenntnisse der Urtextsprachen Griechisch und Hebräisch für sich in Anspruch nahm, was ihm dann auch bei Diskussionen über Sinn und Wortlaut des Urtextes einen überragenden Einfluss verschaffte. Denn die anderen „Übersetzer" kannten die alten Sprachen nicht. Was jedoch von dem Können des einzigen Kenners alter Sprachen zu halten ist - dafür gab sich Fred Franz aus - wurde in einem Prozess deutlich vor dem Schotti­schen Gerichtshof im November 1954. In einem Kreuzverhör musste er Fragen des Anwalts der Gegenseite beantworten:

„Frage: Sie haben sich also mit Hebräisch vertraut gemacht?

Antwort: Ja...

Frage: So dass Sie einen wirklichen linguistischen Apparat zu Ihrer Verfügung haben?

Antwort: Ja, für den Gebrauch meiner Arbeit an der Bibel.

Frage: Ich denke, Sie sind in der Lage, die Bibel in Hebräisch, Griechisch, Latein, Spanisch, Portugiesisch, Deutsch und Englisch zu lesen und ihrem Gedankengang zu folgen?

Antwort: Ja...

Frage: Sie selber lesen und sprechen Hebräisch, nicht wahr?

Antwort: Ich spreche nicht Hebräisch.

Frage: Nein?

Antwort: Nein.

Frage: Können Sie dies ins Hebräische übersetzen?

Antwort: Was?

Frage: Diesen vierten Vers aus dem zweiten Kapitel des Buches Genesis?

Antwort: Sie meinen diesen hier?

Frage: Ja?

Antwort: Nein. Ich möchte nicht versuchen, das zu tun."1

„Freddy" Franz scheiterte an einer vergleichsweise leichten Aufgabe. Wie aber kann man sich dann an die schwierige Aufgabe der Übersetzung der ganzen Bibel heran­wagen? Ganz einfach: Die „Übersetzer" nahmen vorhandene Bibelübersetzungen in englischer Sprache, verglichen sie und wählten einen eigenen Wortlaut, der ihnen zu­sagte bzw. mit der eigenen Glaubenslehre vereinbar schien. War der Sinn einer Stelle unklar, zweideutig oder widersprüchlich schon in der Originalfassung, gab es in der Bibliothek der Wachtturm-Gesellschaft eigene sowie wissenschaftliche bzw. populäre Kommentare. Auch diese benutzte man als Entscheidungshilfe, natürlich ohne den ei­genen Anhängern etwas davon zu sagen oder Quellenhinweise in den Einleitungen zur NWBT oder im Wachtturm zu geben.2

Eine kurze Zwischenbilanz

Was ist nach den bisherigen Ausführungen von der NWÜ zu halten? Wir haben es nicht nur, wie eingangs ausgedrückt, mit einem Sonderfall zu tun, sondern mit einem Problemfall:

- Die NWÜ ist nicht das Ergebnis fachkundiger Übersetzung aus den Ursprachen, sondern es wurde ohne nennenswerte Urtextkenntnis aus X Bibelübersetzungen eine neue gemacht.

- Das Bearbeitungsteam hat das so erstellte Zwischenergebnis mit der zurzeit vertre­tenen Glaubenslehre der Wachtturm-Gesellschaft verglichen und ihr weitgehend an­gepasst.

- Die so entstandene englische „Mutterübersetzung" wurde in der Folgezeit in viele andere Sprachen übersetzt, auch ins Deutsche, und so kamen wir zu „unserer" NWÜ.

Es sei dem Leser und der Leserin überlassen, darüber zu entscheiden, ob das ganze Verfahren noch als seriös gelten kann. Gleichwohl hat die NWÜ auch kleine Vor­teile:

III. Vor- und Nachteile der ZJ-Bibel

Vorteilhaft für den Leser ist es beispielsweise, dass die NWÜ auf spätere - meist mittel­alterliche - Texterweiterungen aufmerksam macht aufgrund der Befunde der engli­schen Bibelübersetzungen und Kommentare. Dafür zwei Beispiele: Bei Apostelgeschichte 8, 37 handelt es sich um eine spätere Hinzufügung zum ursprünglichen Text der Apg. Die NWÜ deutet dies an durch einen waagerechten Strich hinter der 37.

Markus 16, 8 bricht der echte Markustext ab. Spätere Abschreiber wollten ergänzen, was als Schluss ihrer Ansicht nach noch folgen müsste. Die NWÜ hat zwei derartige Ergänzungen abgedruckt, einen „kurzen Schluss" und einen „langen Schluss" des Markusevangeliums. So bleibt erkennbar: Markus 16, 8 endet der ursprüngliche, der "echte" Markustext. Gut so!

Jedem Übersetzer, jedem Übersetzerteam sei zugestanden, dass man an gewissen Stellen der Bibel nicht umhin kann, nach eigenem Bibelverständnis und eigenem Glaubensurteil zu übersetzen. Ein Beispiel: Luk. 23, 43 übersetzt die NWÜ: „Wahr­lich, ich sage dir heute: Du wirst mit mir im Paradies sein." Aus dem dogmatisch entgegengesetzten Grund kann jemand genauso richtig das „heute" in den Nachsatz ziehen: „... du wirst heute mit mir im Paradiese sein". Vom biblischen Wortlaut her ist beides möglich und erlaubt. Von der Logik her aber ist in der ZJ-Übersetzung das „heute" überflüssig. Ich sage ja auch nicht: Heute sage ich dir „Guten Morgen!"

Empfehlenswert ist, wenn man - wie in der NWÜ geschehen - das Gebot 2. Mose 20, 13 übersetzt: „Du sollst nicht morden" (statt „nicht töten"). Das ist genauer als der uns vertraute Luthertext. Dies Ermessen des Übersetzers ist jedoch deutlich über­schritten, wenn 1.Joh. 5, 8 in der NWÜ wegen der Ablehnung der Dreieinigkeitslehre lautet: „Diese drei sind in Übereinstimmung". Das Wort kommt im Urtext gar nicht vor. Im Deutschen wäre es ein bekanntes Fremdwort: „Harmonie". Was aber wirklich dasteht, war dem Übersetzerteam sehr lästig. Sprachlich ist es ohne Schwierigkeit, obwohl es aus Zahlwörtern besteht: „Die Drei sind zum einen" (hoi treis eis to hen eisin). Oder: Die 3 sind 1.

Eine weitere Korrektur durch Interpretation erlitt Markus 14, 22: „Das ist mein Leib". Luthers Text, wörtlich und richtig, lässt seinem und dem symbolischen Verständnis Raum und fordert das eigene Urteil des Lesers heraus. Die NWÜ sagt: „Dies bedeu­tet mein Leib". Gespräche mit ZJ nur über diese Stelle zeigen mir, dass die NWÜ-Benutzer zu ganz abenteuerlichen Vorstellungen darüber kommen, was tatsächlich dasteht: Tuto estin to soma mu. Das kann man auch in der von der Wachtturm-­Gesellschaft herausgegebenen Urtextausgabe, einer Wort-für-Wort-Übersetzung, auch so nachlesen: „This ist the body of me"! (The Kingdom Interlinear Translation of the Greek Scriptures).

In den beiden letztgenannten Fällen ging das ZJ-Team weit über den Rahmen einer Übersetzung hinaus und auch über die Grenze der intellektuellen und christlichen Redlichkeit. Nach welchen Kriterien haben Bibelübersetzer zu arbeiten?

„So wörtlich wie möglich; so frei wie nötig!" Das muss der Maßstab sein. Das hätte der Maßstab sein müssen auch bei der NWÜ. Stattdessen wählte man den Weg der Indoktrination. Die ZJ-Führung brauchte eine eigene Bibel, um die von ihr vertrete­nen Lehren zu stützen und zu rechtfertigen. Dazu wirkten alle früheren Übersetzun­gen vermutlich zu „sperrig".

Die so erklärbaren Eintragungen in die Bibel der ZJ lassen sich gar nicht alle auf­listen. Bevor wir uns wenigstens bedeutsame Beispiele anschauen, werfen wir einen Blick auf die in der NWÜ vorgenommene Änderung der altbekannten Buchtitel „Neues Testament" bzw. „Altes Testament" (vorgegeben durch 2. Kor. 3, 14): Sie wurden ersetzt durch die höchst unklaren Bezeichnungen „Christliche Griechische Schriften" und „Hebräisch-Aramäische Schriften". Eine deutliche Unterscheidung dieser Schriftensammlungen nimmt die NWÜ nur im Inhaltsverzeichnis vor, während im Bibeltext selbst es nach dem letzten Buch des AT, nämlich Maleachi ohne Leersei­te weitergeht mit „Nach Matthäus" und der fortlaufenden Seitenzahl. Lediglich eine kurze Bemerkung in Klammern erinnert (in der revidierten Fassung von 1986 und 1987) am Ende des Prophetenbuchs Maleachi den Leser noch daran, dass unsere Bi­bel aus zwei Teilen besteht. Dieser kleine Hinweis in Klammern genügt nicht. Der Grund? Als Christen legen wir Wert auf deutliche Unterscheidung von AT und NT. Wir haben jedem Versuch und jeder Versuchung zur „Einebnung" der Bibel zu wider­stehen, die ja letztlich darauf abzielt, allem, was in ihr geschrieben steht, gleichen Rang und gleiche Verbindlichkeit zuzuschreiben.

Mit dem System der häufigen Ersetzung des Kirchlichen und Biblischen in der NWÜ wird übrigens unterstellt, die Kirchen hätten so ziemlich alles falsch gemacht, und nun rücke die Wachtturm-Gesellschaft – „Jehova sei Dank!" - endlich alles zurecht ... Es ist aber doch zu fragen, ob „Christliche Griechische Schriften" als neuer Titel wirklich eine Verbesserung darstellt. Sind z.B. christliche Märtyrerakten aus der Frühzeit des Christentums etwa keine christlichen Schriften?

IV. Eintragung von ZJ-„Erkenntnissen" und Bezeichnungen

1. Einige Beispiele

Es fängt an mit der konsequenten Ersetzung des Begriffsfeldes „Kreuz, Kreuzigung, kreuzigen" durch das Wort Pfahl und entsprechende Abwandlungen. (Nach ZJ-Lehre ist Jesus nicht am Kreuz, sondern an einem Marterpfahl zu Tode gekommen.) Weiter geht es mit der Ersetzung der Ankündigung der Wiederkunft oder des Kommens Christi durch die NWÜ-Formulierung: „Gegenwart Christi". Auf diese Weise hofften die Schöpfer der NWÜ, die von den ZJ-Führern konstruierte Lehre von der angebli­chen „unsichtbaren Gegenwart Christi seit 1914" (nach früherer WT-Lehre schon 1874!) „biblisch" belegen zu können. Nun lässt sich das Wort „parousia", das alle an­deren Übersetzer mit „Wiederkunft" oder „Kommen" (Christi) wiedergegeben haben, tatsächlich auch mit „Gegenwart" übersetzen. Was von Fall zu Fall gemeint ist, lässt sich jedoch aus dem Zusammenhang erkennen, und es ist zu beachten, dass die Rede von seiner „parousia" nur vor dem Hintergrund der Ankündigung seines Weggehens zum Vater zu verstehen ist (z.B. Joh. 14, 3). Wenn also die Jünger nach dem Zeichen seiner „parousia" fragten, werden sie damit doch die Signale ge­meint haben, die auf sein nahes Wiederkommen hindeuten. Wird nicht auch eine Mutter, wenn ihr Sohn auf Reisen geht, ihn fragen: „Wann kommst du wieder?" Sie wird doch kaum sagen: „Wann bist du gegenwärtig?" Kenner der Wachtturm-­Bewegung wissen, dass ihre Lehre von der „unsichtbaren Gegenwart Christi seit 1914" (bzw. früher: seit 1874) das Endergebnis der gescheiterten Datenberechnungen ihrer Frühgeschichte darstellt. Damit wird vollends klar, dass es sich bei der NWÜ-Formulierung von der „Gegenwart" des Herrn auch um Eintragung einer bibelfrem­den ZJ-Sonderlehre handelt.

Geradezu peinlich wirkt die Eintragung von Ausdrücken, die dem internen Jargon der „theokratischen Organisation" entstammen. Da ist im NT-Teil der NWÜ plötzlich von „Versammlung" die Rede statt von Gemeinde; Jesus wird als „Unterweiser" angeredet (z.B. Luk. 5,5; 8,24). Und natürlich lehrten die Apostel - laut NWÜ – „öffentlich und von Haus zu Haus" statt „öffentlich und in (Privat-)Häusern". In Apg. 2,46 aber ließ sich diese Eintragung der ZJ-Arbeitsmethode in den bib­lischen Texten nicht durchhalten. Da heißt es nämlich: „Sie brachen das Brot hin und her in den Häusern". Das geht wohl schlecht von Haus zu Haus.

Eine weitere Abweichung finden wir im Text über die Ankündigung der Geburt Jesu durch den Engel Gabriel. Der Vers Lukas 1,28 lautet in der Luther-Übersetzung: „Gegrüßet seist du, Holdselige, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Wei­bern." (Luther-Übersetzung Revision 1912, heute moderner übersetzt, ähnlich katho­lische Übersetzungen jener Zeit).

Deutschsprachige Katholiken beteten: „Gegrüßet seist du, Maria, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes: Je­sus (usw.)". Das AVE MARIA ist ein weltbekanntes Gebet, in jede Sprache übersetzt. In bewusster Abkehr von diesem Gebetstext übersetzt NWÜ: „Guten Tag, du Hoch­begünstigte, Jehova ist mit dir" (usw.). Abgesehen von der nicht gerechtfertigten Ein­tragung des Jehova-Namens in diesen Bibeltext (darauf kommen wir unten zurück) ist das „Guten Tag" keine angemessene Übersetzung des griechischen „chaire".

Zur Kontrolle: Zeugen Jehovas, die nicht das biblische Griechisch kennen (also die Mehrheit) haben hier eine gute Möglichkeit, die Zuverlässigkeit der NWÜ zu über­prüfen. Übersetzen die Zeugen wortgetreu oder bewusst irreführend?

Viele griechische Speiselokale - die gibt es reichlich in Deutschland - haben Serviet­ten mit einem Anfängerwortschatz von 20 Redewendungen. Aufgedruckt sind u.a. Kalimera - guten Morgen (genauer: guten Tag), Kalispera - guten Abend und Kali­nichta - gute Nacht. Keine dieser Tageszeiten kommt im Text Lukas 1, 28 vor.

Das Wort „chaire" (Anredeform) oder „chairein" (Tätigkeitkeitsform) bedeutet: „Je­mand freundlich grüßen." Kein Hinweis auf eine Tageszeit. Jeder muttersprachliche ZJ wird das bestätigen, wenn er Griechisch lesen kann. Warum diese gewollte irre­führende Falschübersetzung, die die eigenen Bibelleser täuscht?

Dafür gibt es nur einen Grund: Die WTG will ihren Lesern ständig einreden, alle Kir­chen, besonders die katholische, kümmern sich nicht um das, was in der Bibel steht. Im Fall dieses weltbekannten Gebetes wird in dieser wissentlichen Falschübersetzung die wörtliche Übernahme eines Bibeltextes bewusst unterdrückt und durch einen will­kürlich gewählten verdrängt. Was die WTG tatsächlich mit dieser fälschlich so ge­nannten Übersetzung beweist, ist das Gegenteil der Absicht der Übersetzer: Es zeigt sich, dass die erste Hälfte des Marien-Gebetes zutiefst biblisch ist. Außerdem zeigt sie, wie sehr die Leser der eigenen Bibelübersetzung NWÜ von ihrer Leitung in die Irre geführt werden. Das Gebot: Du sollst nicht falsches Zeugnis reden (2. Mose 20,16) gilt auch für Bibelübersetzer und ihre gedruckten Worte.

Ungewollt bietet die WTG eine zweite Kontrollmöglichkeit. Sie hat 1969 THE KINGDOM INTERLINEAR TRANSLATION OF THE GREEK SCRIPTURES ver­öffentlicht. Darin wird möglichst wörtlich jedes griechische Urtextwort durch ein englisches Übersetzungswort untertitelt. Da steht unter den griechischen Lettern auf englisch zu Lukas 1,28: “And having entered toward her he said: Be rejoicing, (one) having been fighly favored, the Lord is with you." Jeder Zeuge Jehovas kann hier le­sen: Kein Gruß mit einer Tageszeit. - Offenbar wissen auch bei der WTG die linken Bibelübersetzer nicht, was die rechten Übersetzer tun. Übrigens: Kein Wort von „Je­hova"!

Die unvoreingenommenen Kontrollen zeigen: Hier siegten die konfessionellen Inter­essen über die Sorgfaltspflicht der Bibelübersetzer der NWÜ.

2. Ersetzung biblischer Bezeichnungen für Amtsträger
durch solche der ZJ

Beginnen wir mit einer Ausnahme: Gelassen hat man den Titel „Apostel" (man hätte sonst ja auch die Apostelgeschichte gleich mit „umtaufen" müssen). Aber ersetzt wurden Bezeichnungen wie Diakon, Presbyter und Bischof, alles biblische, aus dem Griechischen des NT von der Kirche übernommene Lehnwörter - und Amtsbezeich­nungen. Grund genug, sie durch „theokratische" Titel zu ersetzen. So wurde aus einer Diakonin (Röm. 16,1) eine „Dienerin der Versammlung" (entsprechend der Ämter­bezeichnung der ZJ um 1950, als die NWÜ ihre ersten Gehversuche machte). Doch klären wir die Amtsbezeichnungen in den neutestamentlichen Gemeinden der Reihe nach:

a) Die Diakone: Sie werden in der NWÜ zu „Dienstamtgehilfen" (wie in der ZJ-Versammlung). Der Diakon - übrigens ein Lehnwort aus dem neutestamentlichen Griechisch - ist der Helfer für Hilflose, für Alte, Arme und Kranke. Diesen sozialen, verantwortungsvollen Dienst an den Schwächsten unserer menschlichen Gesellschaft haben Menschen aus allen christlichen Kirchen, seitdem es sie gibt, in großer Treue wahrgenommen. „Diakonie" ist ein unverzichtbarer Arbeitszweig aller Kirchen und biblisch gefordert. Heute gehören Kindergärten, Waisenheime und Krankenhäuser zur „Diakonie". Wo unterhalten Jehovas Zeugen solche karitativen Einrichtungen (wenn man von Heimen für alt gewordene „Bethelmitarbeiter" einmal absieht)? Soll also die Ersetzung des Diakons durch den „Dienstamtgehilfen" dieses Defizit verdecken?

Offenbar unerwünscht ist auch

b) der Bischof: Dessen Aufgabenbereich hat sich zwar deutlich erweitert seit den Ta­gen der Apostel, aber die Bezeichnung hat doch eine 2000jährige Tradition. In der Antike war der „Episkopos" im profanen Bereich ein Kassenwart. Eingedeutscht als „Bischof" haben später die jeweiligen kirchlichen Amtsinhaber aus ihrer Grundaufga­be - der Gemeindeleitung - die Leitung vieler Gemeinden gemacht. In unserem Zu­sammenhang ist das nicht näher auszuführen. Hier ist etwas anderes bedeutsam: Die NWÜ macht aus dem Bischof einen „Aufseher" (z.B. 1. Tim. 3,1). Damit wird dem Benutzer suggeriert: 'Unser Aufseheramt in der „theokratischen Organisation" ist bib­lisch. Die Kirchen aber haben Ämter, die keinen Grund in der Bibel haben!'

c) Presbyter, Älteste: Diese biblische Amtsbezeichnung bedeutete zur Zeit der Entstehung der NWÜ für die Wachtturm-Gesellschaft ein heikles Problem: Der zweite Präsident in ihrer Geschichte, der Jurist J. F. Rutherford, hatte nämlich das Amt des gewählten Ältesten für „untheokratisch und unbiblisch" erklärt, obwohl (oder gerade weil) es in der demokratischen Gemeindestruktur der „Bibelforscher" in der Zeit ihres Gründers C. T. Russell in hohem Ansehen gestanden hatte. Im Namen der seit Ru­therford in der ZJ-Organisation angeblich schon verwirklichten Theokratie („Gottes­herrschaft") wurden seither die „Wahlältesten" der Russell-Ära verspottet und ver­höhnt.

Als 1950 der erste Teil der NWÜ erschien, war der Diktator und Wahlältesten-Feind Rutherford gerade erst acht Jahre tot; darum wäre es für viele ZJ geradezu provozierend gewesen, in der NWÜ vom „Ältesten" zu sprechen. Man wich lieber auf den „Älteren Mann" aus (z.B. 2.Joh. 1,1). Bei dieser Übersetzung ist man auch bis heute geblieben. In der heutigen ZJ-Organisation aber heißen seit den siebziger Jahren die leitenden Brüder in den „Versammlungen" wieder „Älteste" (nun aber werden sie nicht gewählt, wie unter Russell, sondern „von oben eingesetzt" wie unter Ruther­ford).

Nun wäre es an sich passend und nützlich nach bewährter Wachtturmlogik, auch in der NWÜ von „Ältesten" zu sprechen... Doch was nicht ist, kann noch werden! Die wechselvolle Geschichte der Wachtturm-Gesellschaft ist ja noch nicht zu Ende.

3. Eintragung der Gottesbezeichung „Jehova"
in den Wortlaut des NT

Hier handelt es sich um einen weiteren Beleg für die Eintragung von ZJ-Lehren in die heilige Schrift. Die „Übersetzer" hofften wohl, durch den „Transfer" des „Jehova"-Namens in das Neue Testament die schmale Basis dieser (falschen) Lesart des alttes­tamentlichen Gottesnamens zu verbessern. Was jedoch - wie seit über 100 Jahren be­kannt - nachweislich falsch ausgesprochen ist, wird auch durch dessen Übernahme ins Neue Testament nicht richtig.

Viel wichtiger als die Frage der korrekten Lesart aber ist die Feststellung: Unter den ca. 6000 griechischen Handschriften mit dem griechischen Urtext des NT gibt es meines Wissens keine einzige (!), die den Gottesnamen Jahwe (oder gar „Jehova") aufweist. Das gilt auch für die zahlreichen alttestamentlichen Zitate im NT, in denen aufgrund des hebräischen Wortlauts dieser Stellen das „Tetragramm" (JHWH) hätte vorkommen können. Es wird jedoch immer nur die damals geläufige Übersetzung ins Griechische zitiert, die sog. Septuaginta. Kein einziges Mal wird der Name Jehova hier genannt, sondern „kyrios", der Herr.

Das entspricht seit dem 3. Jh. vor Christus dem jüdischen Verständnis des zweiten Gebots und der damit verbundenen Gebetssitte. – „Du darfst den Namen Gottes nicht unnützlich führen", bedeutet von da an bis heute: Gottes Name ist heilig zu halten und wird deshalb nicht ausgesprochen. Kommt er in den heiligen Schriften Israels vor, und wird die Stelle im Gottesdienst der Synagoge verlesen, so wird an seiner Stelle bis auf diesen Tag „Adonai" (mein Herr) gelesen (griechisch „Kyrios") oder auch Schem = Name (Gottes). Diese Sitte, den Namen nicht auszusprechen, begegnet uns auch in der um 200 v. Chr. entstandenen Septuaginta-Übersetzung und im Neuen Testament. Die Eintragung des „Jehova"-Namens an 237 Stellen des Neuen Testa­ments verschweigt also gleichzeitig einen wichtigen Tatbestand, der mit dem bibli­schen Gebrauch des Gottesnamens zusammenhängt.

Geradezu empörend ist es für gläubige Christen, zu sehen, dass die NWÜ den „Jeho­va"-Namen selbst dort in den neutestamentlichen Text hineinmogelte, wo ein alttesta­mentliches Zitat offensichtlich sich auf Jesus Christus bezieht (z.B. Röm. 10,13). Die „Übersetzer" der NWÜ, die sich als „Sklaven Jehovas" verstehen, haben die Bibel zu ihrem Sklaven gemacht, indem sie diese zur Rechtfertigung ihrer Sonderlehren in den Dienst nahmen. Ich vermisse den schlichten Gehorsam gegenüber dem verbindlichen Bibelwort. So gesehen ist die NWÜ ein kritisch zu lesender Kommentar zu den Lehren einer Glaubensgemeinschaft. Für mich gilt: „Neue-Welt-Übersetzung“? Nein, es gibt bessere..

Dietrich Hellmund

aus „Brücke zum Menschen" Nr. 181




1 Edmond C. Gruss in "Wir verließen Jehovas Zeugen" (engl.) zitiert in der "Brücke zum Menschen Nr. 131, S. 21. Eine Fundgrube, was Fakten bezüglich "Arbeitsweise" der ZJ-Führung betrifft, sind die beiden Bücher des früheren Mitglieds der leitenden Körperschaft, Raymond Franz "Der Gewissenskonflikt" und "Auf der Suche nach christlicher Freiheit". Sie sind in Kooperation mit der Gruppe "Ausstieg" im Bruderdienst Missionsverlag erschienen und noch beziehbar, siehe oben.

2 Auch die Nicht-ZJ, die z.B. an ihrer Wohnungstür ein Exemplar erhalten, haben Anspruch auf exakte Information. - Seit 1991 geben die ZJ ihr Schrifttum kostenfrei ab, wenn Anzeichen für echtes Interesse vorliegen. Auf die Frage, wie denn der finanzielle Verlust ausgeglichen wird, antwortet "Unser Königreichsdienst" vom September 1991 in einer Beilage: "... durch Spenden ... in erster Linie von den ergebenen Dienern Jehovas", jedoch werden Spenden auch von über das "Königreichswerk" aufgeklärte Empfänger entgegengenommen und in Spezialumschlägen an die WTG weitergeleitet.


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