Die Botschaft der Zeugen Jehovas über 1914
ist unbiblisch


In seiner Ausgabe vom 15. März 2007 titelt „Der Wachtturm" (WT): „DAS KOM­MEN CHRISTI. Wie berührt es uns?" Auf den ersten drei Seiten verweist er zweimal auf das Bibelwort: „Siehe! Er kommt mit den Wolken und jedes Auge wird ihn sehen, ..." - Gläubige Christen werden dem gern zustimmen, denn auch sie erwarten Jesu Kommen.


Wer aber die Geschichte der Wachtturm-Gesellschaft (WTG) kennt, kann sich nur verwundert die Augen reiben, denn sie schlägt auf diesem Gebiet wie es scheint ganz neue Töne an. Um es genauer zu sagen: Nicht der Inhalt des WT vom 15. März 2007 ist neu. Ähnliche Gedanken kamen im WT wiederholt vor. Neu ist, dass mit der Hauptüberschrift des WT vom 15. März 2007 erstmals der Akzent gelegt wurde auf Christi Kommen als einem zukünftigen Ereignis!


Die WTG lehrt bisher eine unsichtbare Parusie
1874 bzw. 1914


1. Zum Datum 1874: Die WTG hat während der ersten 44 Jahre seit ihrer Gründung (1881) durch den amerikanischen Kaufmann Charles T. Russell beharrlich gelehrt, der Herr Jesus Christus sei 1874 bereits wiedergekommen.

Er sprach deshalb vorzugsweise von „Christi unsichtbarer Gegenwart seit 1874." Dieses Verständnis der Parusie hatte er einst von dem Adventisten N. H. Barbour  übernommen.


Wir erinnern uns: Die „Second Adventists" hatten zunächst eine sichtbare Wiederkunft Christi für 1873, dann 1874 erwartet. Als auch 1874 zu Ende ging, begann er­klärlicherweise großes Rätselraten darüber, wo denn der Fehler stecken könnte. Bar­bour machte nun eine in dieser Situation überaus wichtige Entdeckung: Das griechi­sche Wort parousia, das die meisten Übersetzer mit Wiederkunft, Kommen oder An­kunft wiedergeben, kann auch mit „Nahesein" oder „Gegenwärtigsein" übersetzt wer­den. Und diese hielten Barbour und alle, die seine „Lösung" dankbar annahmen, zu denen bald auch der junge C. T. Russell zählte, für die einzig korrekte Wiedergabe. Nach einer persönlichen Begegnung mit Barbour, bei dem letzte Zweifel ausgeräumt werden konnten, entschloss sich Russell, sein ganzes Leben in den Dienst der Ver­kündigung dieser Botschaft zu stellen: „Der Messias ist gekommen; der Sendbote des großen Jehova ... ist da" - seit 1874! Auch nachdem Russell die anfängliche Zu­sammenarbeit mit Barbour wegen Lehrdifferenzen beendete und seit 1879 eine eige­ne Zeitschrift herausgab, behielt die Lehre von der „unsichtbaren Gegenwart Christi" für ihn einen hohen Stellenwert. Das signalisiert schon der Name seiner Zeitschrift „Zions Watch Tower und Herald of Christ's Prescence". Selbst nach Russells Ab­leben im Jahre 1916 hielt die WTG an dieser Sonderlehre fest und verbreitete den 2. Band seiner „Schriftstudien", in dem er diese ausführlich begründet hatte, noch bis Ende der 1920er Jahre.


Die meisten Zeugen Jehovas lassen sich jedoch nur ungern an die frühe Geschichte ih­rer Glaubensgemeinschaft erinnern. Sie versichern uns: „Wir haben doch heute helle­res Licht: Der Sendbote Jehovas, Jesus Christus, ist erst seit 1914 unsichtbar gegen­wärtig. In dem Jahr begann sein Königreich im Himmel!" Ihnen ist entgangen, dass es sich bei diesem „helleren Licht" in Wahrheit um eine Notlösung handelt, die sei­nerzeit ablenken sollte von der schlimmsten „Panne" in der Geschichte der WTG, der des Jahres 1914.


2. Zum Datum 1914: Während Jahrzehnten hatte Russell in Wort und Schrift angekündigt, die Gläubigen kämen kurz vor 1914 in den Himmel, ehe die Stürme des göttlichen Gerichts die gegenwärtige Weltordnung hinwegfegen würden. Im Einzelnen erwartete er für 1914:

- den Höhepunkt und das Ende der „großen Trübsal",

- „die äußerste Grenze der Herrschaft unvollkommener Menschen",

- den Beginn des Königreiches Gottes auf Erden!

- die Rückkehr Israels in den Stand der Gnade.


Begreiflicherweise waren Russells Anhänger bitter enttäuscht, als das Jahr 1914 zu Ende ging, ohne dass auch nur eine dieser Prophezeiungen sich erfüllt hätte. Es be­gann die größte Krise ihrer Geschichte und nur ein starker Mann konnte die locker miteinander verbundenen „Bibelforscher"-Gruppen noch vor dem Auseinanderbrechen bewahren. Dem gewieften Juristen J. F. Rutherford, Nachfolger Russells im Präsidentenamt (1917-1942), aber gelang dieses Meisterstück - leider auf Kosten der Freiheit und der Wahrheit.


(a) Auf Kosten der Freiheit, denn Zug um Zug und unter Anwendung rigoroser Me­thoden schuf er ein ganz auf die WTG und ihren Präsidenten zugeschnittenes zentra­listisches Herrschaftssystem, das von allen Anhängern Gehorsam verlangte. Im WT von 1926, Seite 84, begründete er dies unter Hinweis auf Gepflogenheiten beim Sport: „Das Kommando wird gegeben, und alle bewegen sich wie ein Mann ... Sie halten sich nicht dabei auf, ... darüber zu streiten, wer das Kommando hat. Sie aner­kennen, dass einer es haben muss; ihre Sache ist es ...zu gehorchen." Russells „Bi­belforscher" hatten das Reich Gottes erwartet; gekommen ist die „Theokratische Or­ganisation"!


(b) Auf Kosten der Wahrheit war dieses Meisterstück gelungen, denn Rutherford ver­suchte, der Enttäuschung und Verbitterung in den Reihen der „Bibelforscher" dadurch Herr zu werden, dass er versicherte, das Datum 1914 hätte doch Entscheidendes gebracht! Dazu musste er allerdings „die Geschichte korrigieren" durch plumpe Umdeutung des tatsächlich Erwarteten: Hatte Russell für 1914 die Aufrichtung des Königreiches Gottes auf Erden prophezeit, so verkündete Rutherford nun, es begann im Himmel! Die 44 Jahre lang in Wort und Schrift gepredigte unsichtbare Wieder­kunft Christi verlegte er von 1874 auf 1914 und versuchte die Botschaft auf diese Weise zu aktualisieren und zugleich das Datum 1914 zu „retten". An diesem neu ge­füllten 1914-Datum hält die WTG weiterhin fest. So heißt es in einem ihrer neueren Bücher: „Ein sorgfältiges Studium biblischer Prophezeiungen ergibt, dass der `Tag des Herrn' in dem epochemachenden Jahr 1914 begann... Jesus kam also 1914 un­sichtbar wieder, ohne öffentliches Tamtam, und nur seine Diener waren sich seiner Wiederkunft bewusst". Mit „seine Diener“ war natürlich die Führung der „Bibelforscher“ gemeint. („Der größte Mensch, der je lebte“, 1. Auflage Selters/Taunus 1991, Kapitel 132, zweite Seite).


Doch auch das ist wieder eine „Korrektur der Geschichte"! Denn offensichtlich haben im Jahre 1914 diese selbsternannten „Diener" Christi seine angebliche Wiederkunft  gar nicht bemerkt! Hätten sie sonst fast bis Ende der 20er Jahre das Buch „Die Zeit ist herbeigekommen" (Band 2 der „Schriftstudien") weiterhin verbreiten können, nach dessen Angaben Christus ja schon 1874 gekommen sein sollte?


Der WT vom 15.7.1970, S. 432, Abs. 10, gibt zu: „Im Jahr 1925 hielt man immer noch die Angaben über die biblische Zeitrechnung in dem Buch Die Zeit ist herbeigekommen für richtig." Das bestätigt auch das neue Vorwort von 1926 im Buch selbst, in dem ausdrücklich das Festhalten an 1873 als Zeitpunkt des Beginns des Millenniums unterstrichen wird. Dort heißt es: „Die Chronologie der Bibel ... zeigt, dass die sechs großen Tausendjahrtage, die mit der Erschaffung Adams begannen, zu Ende gegangen sind, und dass der siebente Tag, die tausend Jahre der Herrschaft Christi, welche im Jahre 1873 begann, ihnen gefolgt sind. Die Ereignisse, die wäh­rend dieser 43 Jahre vor sich gegangen sind, die, wie wir in diesem Bande behaupten, den Anfang des Millenniums darstellen, finden wir noch immer so in Übereinstim­mung mit den Prophezeiungen der Bibel ..."


Somit ist erwiesen, dass den ständig auf die „Zeichen der Zeit" achtenden „Dienern" oben auf der Wachtturm-Zinne das angebliche Kommen Christi im Jahre 1914 nicht „bewusst" geworden ist! Das gibt auch der WT vom 1.9.1989, Seite 18 zu, indem er berichtet: „Im Wachtturm vom 15. April 1925 wurde die Geburt des messianischen Königreiches Jehovas ... zum erstenmal erklärt."


Man beachte die bisher höchst ungewohnte Wortwahl. Mit ihr gab der WT von 1925 das Signal für eine neue „theokratische" Sprachregelung. Seither sprechen die ZJ in ihren Vorträgen und Schriften fast nie mehr von Christi „Kommen" (das war ja die angeblich falsche Übersetzung des griechischen Wortes parousia!), sondern von sei­ner „unsichtbaren Gegenwart", vor allem aber vom 1914 „aufgerichteten Königreich Jehovas".


Darum ist es für ZJ und alle Kenner der „Szene" so überraschend, wenn die WT-Ausgabe vom 15.3.2007 titelt: „DAS KOMMEN CHRISTI" und es als ein zukünfti­ges Ereignis hervorhebt, wobei sie in dieser Nummer die bisherige Sprachregelung („unsichtbare Gegenwart Christi" und „Aufrichtung des Königreiches 1914") vermeidet.


Die Frage drängt sich auf, ob sich damit eine mögliche Kursänderung ankündigt be­züglich der so genannten Guten Botschaft vom (1914) aufgerichteten Königreich? Gründe dafür gäbe es wahrhaftig genug. Gehen wir von denselben Prämissen aus wie die WTG, so können wir nur feststellen:


Die „Gute Botschaft" vom 1914 gekommenen Königreich
ist unbiblisch.


1. Es handelt sich um ein anderes Evangelium als das von Jesus aus Nazareth verkündete (Mark. 1,15), ein anderes auch als das des Apostels Paulus und seiner Mit­apostel (1.Kor. 1,18.23; 15,1ff., Gal. 1,8.9).

2. Die Entstehungsgeschichte der „Guten Botschaft vom (1914) aufgerichteten Kö­nigreich" zeigt: sie ist eine Verlegenheitslösung, konstruiert aus Trümmern der ge­scheiterten „adventistischen" Prognosen für 1873/74 und derjenigen Russells für 1914.

3. Wenn die „Gute Botschaft" der WTG darauf basiert, dass Jesus Christus seit 1914 „unsichtbar gegenwärtig" sei, so ist daran zu erinnern: Unsichtbar gegenwärtig ist der auferstandene und erhöhte Herr bei den Seinen gerade vor seiner Wiederkunft (Matth. 28,20). Deshalb muss diese mehr implizieren als „unsichtbare Gegenwart" und genau das bezeugt das Neue Testament:

4. Der Herr Jesus Christus kommt so, dass die Menschen ihn „kommen sehen mit großer Macht und Herrlichkeit" (Matth. 24,30). Das bekannte Wort Offb. 1,7: „Siehe, er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird ihn sehen", wird sogar im WT (vom 15.3.2007, Seite 5) zweimal zitiert, aber im gleichen Atemzug bestritten, dass 'die Menschen ihn buchstäblich sehen werden'. Die ZJ an unserer Haustür sagen gern, 1914 wurde das Kommen Jesu „mit dem Glaubensauge gesehen". Tatsache ist aber, dass nicht einmal die Watchtower-Oberen es „mit dem Glaubensauge" gesehen haben, wie oben gezeigt wurde, denn sie hielten ja bis in die 20er Jahre an 1874 fest!

5. Des Wachtturms „Gute Botschaft vom (1914) aufgerichteten Königreich" steht im Widerspruch zu all den Aussagen, in denen die Bibel zeigt, was bei Jesu Wiederkommen geschehen wird. Vor allem ist hier zu nennen die Entrückung und Vollen­dung der zu der Zeit lebenden und der entschlafenen Gläubigen, die danach „bei dem Herrn sein werden allezeit" (1.Thess. 4,13-17). Auch ZJ müssen zugeben, dass dies 1914 nicht eingetreten ist. Dann aber kann der Herr Jesus Christus nicht wiederge­kommen sein!

6. Dadurch wird auch begreiflich, weshalb wir nur so lange durch das Feiern des Abendmahls 'den Tod des Herrn verkündigen, bis er kommt' (1.Kor. 11,26). Nach seinem Kommen sind die Gläubigen ja bei IHM!


Vor Jahren machte ich einen ZJ auf diesen Zusammenhang aufmerksam. Ich stellte ihm unter Hinweis auf 1.Kor. 11,26 die Frage: „Wie könnt ihr ZJ immer noch das 'Gedächtnismahl' feiern, obwohl der Herr Jesus Christus doch schon gekommen sein soll? Da stimmt doch etwas nicht!" Offenbar sah er es ein, denn er schrieb deswegen an das deutsche Zweigbüro der WTG. In ihrem Antwortschreiben räumte die WTG ein: „... in diesem Sinne ist Christus noch nicht wiedergekommen"! Sein Kommen ist somit noch zukünftig.


Zu erwartende Anfragen


Wenn nun der WT vom 15. März 2007 zur größten Überraschung für wachsame ZJ dies nicht nur kleinlaut zugibt, sondern durch die Überschrift auf der Titelseite her­ausstellt, werden einige von ihnen vielleicht den Mut haben, bei ihr anzufragen, ob und in welchem Sinne sie dann überhaupt noch an „1914" festhält. Wenn sie ehrlich ist, muss sie gestehen, dass dies geschieht, weil sie ein ganzes Lehrgebäude darauf aufgebaut hat. Vor allem die Lehre, der 1914 inthronisierte Christus habe - nach einer Besichtigung aller sich zu ihm bekennenden Denominationen - die eine Gruppe, de­ren Werkzeug und Sprachrohr die WTG sei, als „treuen und verständigen Sklaven" (oder „Knecht") erwählt und über seine ganze Habe gesetzt. Die WTG interpretiert: über alle „Königreichsinteressen gesetzt". Fällt „1914", so droht also nicht nur ihr Lehrgebäude einzustürzen, sondern ihr Herrschaftssystem, weil dann auch die er­wähnte „Besichtigung" und die Einsetzung des „Sklaven" nie stattgefunden haben!


Deshalb erscheint es als unwahrscheinlich, dass die WTG dieses Risiko in absehbarer Zeit eingehen wird. Es überrascht daher nicht, dass schon der WT vom 1.1.2008, S. 8 ganz im alten Stil von Beweisen spricht „... dafür, dass ... Christi Gegenwart begonnen hat". Die gebe es in Hülle und Fülle seit 1914.


Gleichwohl ist damit zu rechnen, dass die Führung langfristig aus der „Sache mit 1914" herausschleichen möchte und dafür könnte der WT vom 15.3.2007 über das „Kommen Christi" ein erstes Signal sein.


Hans-Jürgen Twisselmann

aus „Brücke zum Menschen" Nr. 173


Themen... Diesen Text als PDF-Datei laden