Wenn der Hausherr überraschend wiederkommt …

Jesu Haushaltergleichnis eine Legitimation für Machtansprüche?



I. Die Angesprochenen und die den Anspruch Erhebenden


Die ersten Adressaten: vor fast 2000 Jahren Jesu Jünger - Keimzellen seiner Gemeinde oder Kirche, zu der auch wir gehören dürfen durch den Glauben und die Taufe. Wie also könnten wir vorbeigehen an dem, was er uns sagen will mit diesem Gleichnis vom Haushalter (Mt 24,45 ff.)? Wer aber ist das? So fragen in erster Linie Zeugen Jehovas (ZJ) und ehemalige. Es ist die Gesamtheit der Gläubigen, so hat man sie gelehrt. Zugleich erklärt die ZJ-Führung, sie selbst sei es (nach ihrer Definition „der Überrest der 144 000 Leibesglieder Christi, der durch die leitenden Körperschaft wirkt.“)! Vom Herrn bereits „über alle seine Güter“ gesetzt! Ihr habe man zu gehorchen „wie der Stimme Gottes“! (Wachtturm 1957, S. 498, Abs. 7 - ferner Wachtturm vom 15.11.1990, S. 20, Abs. 21. Dort heißt es „sich UNTERWERFEN“!) - Welch ein Machtanspruch!


Schon die Bibelforscher - früherer Name der ZJ - meinten bis 1926, „Bruder Russell ist der kluge und treue Knecht“, obwohl er, ihr Gründer und Präsident, dazu schwieg. Es war somit nur ein kleiner Schritt bis zum Anspruch ihrer heutigen Führung, selber der - wie sie sich ausdrückt -prophezeite treue und verständige Sklave“ zu sein; im Gegensatz zum „übelgesinnten Sklaven“. - Halten aber Deutung und Machtanspruch einer Überprüfung stand?


Zunächst eine kurze Begriffsklärung: Das griechische Wort doulos wurde zumeist wörtlich übersetzt mit „Knecht“, in der „Neuen-Welt-Übersetzung“ der ZJ mit „Sklave“. Aber das eine verbindet man doch wohl mit der vorindustriellen Landwirtschaft, das andere mit Sklaven-Handel und -Ausbeutung. Deshalb ist das in Apostelbriefen verwendete Wort Haushalter oder Verwalter vorzuziehen.


II. Der Hausherr geht außer Landes.
Thema mehrerer ähnlicher Gleichnisse


Ihnen verdanken wir manche Redewendung, z.B. die von den uns anvertrauten „Pfunden“ oder „Talenten“. - Gemeinsames Thema dieser Gleichnisse: Ein begüterter Mann zieht außer Landes. Für die Zeit seiner Abwesenheit setzt er einen Haushalter ein. Von dem erwartet er, dass er seinen Aufgaben gewissenhaft nachkommt und die ihm anvertrauten Gaben einsetzt für die ihm Unterstellten. Bei der Rückkehr seines Herrn wird er Rechenschaft ablegen müssen. Hat er seinen Auftrag treu erfüllt, so wird dieser ihn bei seiner Rückkehr reich belohnen, im Falle der Untreue aber bestrafen (Vgl. Lk 12,42-48; 19,11-27; 16,1 ff.).

Um diese zwei Möglichkeiten geht es auch in unserem Gleichnis, das wir hier aus einer freien Übertragung zitieren, in der etwas spürbar wird von der Art und Weise, wie Jesus Menschen anspricht. Er doziert nicht, er erzählt:


„Wie verhält sich denn ein kluger und zuverlässiger Verwalter?“, fragte Jesus die Jünger: „Er hat den Auftrag bekommen, seine Mitarbeiter zu beschäftigen und sie mit allem Nötigen zu versorgen. Er darf sich glücklich nennen, wenn sein Herr ihn bei der Rückkehr gewissenhaft bei der Arbeit findet. Das sage ich euch: Einem so zuverlässigen Mann wird er die Verantwortung für seinen ganzen Besitz übertragen. Wenn aber ein [eigentlich: der] Verwalter unzuverlässig ist und im Stillen denkt: ‚Ach was, es dauert bestimmt noch lange, bis mein Herr kommt’, und er fängt an, seine Mitarbeiter zu schlagen und Trinkgelage zu veranstalten, dann wird die Rückkehr seines Herrn ihn völlig überraschen. Der wird ihn hart bestrafen, als Heuchler verurteilen und hinausstoßen, dorthin, wo es nur Weinen und ohnmächtiges Jammern gibt“ (Mt 24,45 ff., „Hoffnung für alle“, Ausgabe von 1986).


III. Unsere Frage: was ist die Hauptaussage?


Wir haben bei Gleichnissen nicht jeden Einzelzug zu deuten (Vgl. „Brücke zum Menschen“ Nr. 186, S. 25 ff.). Sinnlos wäre es daher, bei unseren Gleichnis vom Haushalter darüber zu rätseln, was denn das Bild von der ihm aufgetragenen Versorgung seiner Leute konkret bedeutet. Oder das von seiner grausamen Bestrafung im Versagensfall. Vielmehr gilt es zu fragen, was in diesem Gleichnis sozusagen die „Pointe“ ist, die wir nicht verfehlen dürfen - in der Fachsprache der Skopus oder die Textspitze.


Wir finden sie sofort, indem wir den Zusammenhang beachten: Unser Gleichnis steht am Schluss der Endzeitrede Jesu (Mt 24), die den von ihm wiederholt angekündigten Abschied von den Seinen voraussetzt und in der Verheißung seiner Wiederkunft gipfelt. Ihr sollen seine Jünger wachsam entgegensehen: „Wachet! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt“ (Mt 24,42). Das ist der Bezugspunkt für unser Gleichnis. Dessen Textspitze ist hier somit die zweimal betonte Rückkehr des Hausherrn, der den Verwalter lobt und mit „Beförderung“ belohnt, ihn im Versagensfall aber bestraft.


Und damit werden wir, die Fragenden, nun selber die Gefragten: Gehörst du zu denen, die auf ihren Herrn warten und in dieser Hoffnung ihm und den Seinen mit den ihnen geschenkten Gaben dienen (1Petr 4,10)? Oder verhältst du dich wie der Haushalter, wenn er aufhört zu warten und für seine Mitmenschen kein Herz hat? Dann ist es Zeit zur Umkehr - eine Chance für jede(n). Die wichtigste im Leben, weil es hier ums Ganze geht!

Wenn nun aber die ZJ-Führung erklärt, sie sei bereits vom Herrn als „treuer und verständiger Sklave“ über seinen ganzen Besitz gesetzt, gehen uns dann Auftrag und Chance zur Bewährung überhaupt etwas an? Der „Sklave“ nimmt uns ja alles ab, wenn wir nur ihm uns unterwerfen. Welch eine  V e r -führung der Glaubenden! Verführung zum Ungehorsam gegenüber unserem Herrn!


IV. Fazit: Ein Gleichnis im Dienst der Macht. Drei Thesen


1. Christus hat nie einen treuen und verständigen Sklaven „prophezeit“, denn nicht um Prophetie handelt es sich hier, sondern wie gezeigt um ein Gleichnis. Mit ihm ruft unser Herr  u n s  dazu auf, uns als treue, gewissenhafte Haushalter zu bewähren. Im „Glauben, der in der Liebe tätig ist“ (so Paulus in Gal 5,6).


2. Nicht von  z w e i  Haushaltern hat Jesus gesprochen, sondern von zwei denkbaren Verhaltensweisen  e i n e s  Haushalters (vgl. hierzu den Paralleltext Lk 12,45: „Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt; Mein Herr kommt noch lange nicht …“. Jener Knecht, d.h. also derselbe, von dem vorher die Rede war.). Das aber bedeutet doch:


3. Noch ist alles offen. Erst wenn der Herr wiederkommt, stellt sich heraus, wer sich als treuer und kluger Haushalter bewährt hat und deshalb von ihm Lob und „Beförderung“ erfährt.


Wie aber begründet denn die ZJ-Führung ihren Anspruch, jetzt schon über seinen ganzen Besitz gesetzt zu sein? Dieser Anspruch hängt untrennbar zusammen mit der nicht einmal von ihr selbst mehr ernst genommenen Theorie, wonach Christus 1914 unsichtbar wiederkam. Und was wird, wenn sie eines Tages dieses 1914-Datum notgedrungen fallen lassen muss wie schon so viele ihrer Endtermine? Dann wird für alle ihr Anspruch als das offenbar werden, was er ist: menschliche Anmaßung und ideologische Verführung (ausführlich nachgewiesen im Buch des Verfassers Ich war ein Zeuge Jehovas. Bezugsadresse siehe unter Selbstdarstellung - Buchempfehlung). Die Verführten - nicht nur die Zeugen Jehovas, sondern letztlich auch sie selbst. Verführt durch Gier nach Macht. - Macht ohne Vollmacht!


Hans-Jürgen Twisselmann

aus „Brücke zum Menschen“ Nr. 188

 

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