„Gerechtgesprochen aus Glauben“


Alles Schnee von gestern - wir haben heute „helleres Licht"!


So oder ähnlich lautet oft die Antwort von Zeugen Jehovas, wenn wir sie mit lehrmäßigen Entwicklungen der „Theokratischen Organisation" konfrontieren. Bei ihrer These vom neuen „helleren" Licht denken sie in diesem Zusammenhang beispiels­weise an Folgendes:


Seit Jahrzehnten hat die WTG die „irdische Klasse", also die weit überwiegende Zahl der ZJ - gelehrt:


- Sie gehören nicht zu denen, die heute schon „aus Glauben gerecht geworden" sind (Röm. 5,1).


- Sie stehen nicht unter dem durch Christus vermittelten „Neuen Bund".


- Für sie hat deshalb keine Gültigkeit, was in 1. Tim. 2,5.6 steht: „Einer ist Gott und einer Mittler zwischen Gott und Menschen, der Mensch Jesus Christus, der sich selbst als Lösegeld für alle gegeben hat" (Übersetzung von Ulrich Wilckens).


- Sie sind nicht Gottes Kinder im Sinne von Röm. 8,14-16, „keine geistigen Israeliten", sondern „Fremde" und „Ausländer"; sie entsprechen dem „Mischvolk", den für die Juden arbeitenden „Wasserträgern" und „Holzsammlern".


Zu diesen negativen Aussagen - dazu, was sie alles nicht sind - kamen in jüngerer Zeit „positive", also Aussagen darüber, welche Stellung sie denn nun haben:


So kann der „Wachtturm“ vom 1.12.1985, S. 17 sagen, sie seien „Gottes Freunde" und hätten „heute schon einen verhältnismäßig gerechten Stand vor ihm". Und weil  sie „dem Überrest der 144.000 'Brüder Christi' Gutes tun, werden sie von Jesu Vater gesegnet und als „Gerechte" bezeichnet. Sie werden wie Abraham gerechtge­sprochen als Freunde Gottes". – Aber was heißt denn „ein verhältnismäßig gerechter Stand“? Es gibt doch auch keine verhältnismäßige Schwangerschaft!


Doch kommen wir zum Kern des Problems: Wenn der „Wachtturm“ Begriffe wie „gerechtgesprochen" und „Gerechte" verwendet, könnte man denken, die WTG lasse nun Glaubensgerechtigkeit und Gotteskindschaft endlich auch für die „irdische Klasse" der ZJ gelten. Weit gefehlt! Das zeigt der „Wachtturm" vom 1.1.1987, S. 26: Statt bei seiner auch hier wiederholten These von 'gerechtgesprochenen Freunden Gottes' auf die zentralen Aussagen des Römerbriefes über die „Gerechtigkeit durch den Glauben" hinzuweisen, nennt er Röm. 8,19-21 und Apg. 3,20 f., wodurch deutlich wird, wie er die Masse der ZJ nach wie vor einstuft: als Teil der Kreatur (Luthers Übersetzung) oder der menschlichen „Schöpfung", die in der Zeit der „Wiederherstellung aller Dinge" dereinst einmal frei werden soll (Röm. 8,19-22). Diese ZJ sind also nicht heute schon „gerechtgesprochen" (nach Röm. 3 und 5 mit der Konsequenz von Röm. 8,14-17.30). Ihre Deklassierung bleibt! Das findet auch darin sichtbaren Ausdruck, dass sie beim „Gedächtnismahl" nicht be­fugt sind, Brot und Wein zu empfangen ...


Noch eins: Das biblische „Gerecht durch den Glauben" (Röm. 3,28) meint zugleich „gerecht aus Gnade" (Röm. 3,23.24), oder - wie die „Neue-Welt-Übersetzung" sich ausdrückt - aus „unverdienter Güte". Für die ZJ aber hängt das Heil nach offizieller Lehre nach wie vor (auch) von ihren eigenen Verdiensten und Qualitäten ab.


Die WTG suggeriert auch in ihrer Werbebroschüre „Werde ein Freund Gottes", man könne durch Wohlverhalten und Anschluss an die Organisation der ZJ ein guter Mensch und Gottes Freund werden: „Da Jehova gut ist, müssen auch seine wahren Anbeter gute Menschen sein" (S. 16). Und „wer sich der glücklichen Familie der Zeugen Jehovas anschließt, kann sich für immer der Freundschaft Gottes erfreuen. Was sollte man also tun?" Die nächsten Überschriften auf derselben Seite (28 f.) ge­ben die Antwort:


„Gott unsere Liebe zeigen, indem wir seinen Geboten gehorchen"


„Das Gelernte anwenden"


„Hingabe"


„Taufe"


„Eifer im Dienst für Jehova"



Zeit zum Erwachen für die ZJ!


Diese Broschüre ist ein einziger Versuch, die Zeugen und die von ihnen Umworbenen auf die WTG-Werkgerechtigkeit einzuschwören - unter Ausnutzung der verbreiteten Unkenntnis über die zentrale biblische Botschaft von der Gerechtigkeit durch Jesus Christus, allein durch den Glauben. Wir können den durch die WTG-Irr­lehren verführten Zeugen nur zurufen: Lasst euch nicht länger des Kostbarsten und Größten berauben, das Gott uns in seinem Wort zugesagt hat, wofür Jesus Christus sein Leben hingab. Dadurch, dass ihr, die ihr nach Wachtturm-Deutung nur „Unterta­nen des Königreiches" seid, keinen Zugang haben sollt zur Glaubensgerechtigkeit, seid ihr praktisch ausgesperrt vom Heil, das Jesus uns teuer erworben hat.


Wenn ihr als Ersatz dafür wieder mit den eigenen Werken und „Verdiensten" vor Gott bestehen wollt, so wisst diese eine: Daran war schon der Pharisäer Saulus gescheitert, ehe er durch Jesus ein Paulus wurde. Daran war auch der katholische Mönch Martin Luther gescheitert,  bevor er zum Reformator wurde. Der Apostel Paulus hat rückblickend diesen Versuch, durch eigene Verdienste vor Gott zu bestehen, geradezu als „Dreck" bezeichnet und als „Schaden": „Was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden er­achtet. Ja, ich erachte noch alles für Schaden gegenüber der überschwenglichen Er­kenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden ge­worden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne und in ihm erfun­den werden, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die aus dem Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird“ (Phil. 3,7-9).


Hans-Jürgen Twisselmann

aus „Brücke zum Menschen" Nr. 158


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