Streitpunkt Trinität


Drei Götter oder ein Gott?


Die Position des „Wachtturms“


Die Lehre von der Trinität - etwas unglücklich übersetzt „Dreieinigkeit“ - ist nach der Lehre des Wachtturms eine heidnische Erfindung: Nur Jehova ist Gott! Vom Heiligen Geist wird gelehrt: Er sei „Gottes wirksame Kraft, keine Person“.


Mit Bibelaussagen, die Jesus als Gott bezeichnen, konfrontiert (z.B. Joh. 1,1), wird der Satz „Jesus ist nicht Gott“ dahingehend eingeschränkt: Er ist nicht „der Gott“ oder „nicht der allmächtige Gott“. Er ist „ein Gott“ im Sinne von „ein Mächtiger“. Dass Jehovas Zeugen auf diese Weise unweigerlich zu zwei Göttern kommen, einem „großen“ und einem geringeren Gott, findet bei ihnen keine Beachtung. Und dass das Christentum den Monotheismus aufgäbe, wenn es sich diese Wachtturm-Lehre zu Eigen machte, wird nicht gesehen.


Ein Schritt ins Freie


Wir möchten einmal von allen vorgefassten Meinungen absehen und versuchen, noch einmal ganz neu miteinander über dieses Geheimnis nachdenken: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber“ (2. Kor. 5,19).


Dieses Nachdenken wird aber nur dann fruchtbar sein, wenn Gottes Heiliger Geist, der vom Vater (Joh. 14,16.26) und vom Sohn ausgeht (Joh. 15,26; Luk. 24,49), uns dabei „in alle Wahrheit leitet“. Schon diese Aussagen verdeutlichen, dass die Einheit von Gott dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist von Anfang an zum Wesen des christlichen Glaubens gehört. Wir können somit von einer biblischen Trinität sprechen (im Gegensatz zur späteren kirchlichen Trinitäts-Lehre), aber nicht von einer „heidnischen Erfindung.


Am Anfang steht - beim persönlichen Glauben wie in der Geschichte der Kirche - die Begegnung mit Jesus.


Jesus von Nazareth


Jesus war Jude, lebte als Jude, und sein Glaube war im Grundsätzlichen - bei allen nicht zu übersehenden Besonderheiten - der monotheistische Glauben des jüdischen Volkes, der sich im Laufe seiner bewegten Geschichte mit Gott herausgebildet und in den heiligen Schriften des „Alten Testaments“ seinen Niederschlag gefunden hatte.


Auch das Neue Testament berichtet mit keiner Silbe davon, dass Jesus selbst den Anspruch erhoben hätte, Gott zu sein. Wohl aber - und das ist etwas anderes - gibt es für den modernen Historiker wie für den Kenner des Neuen Testaments keinen Zweifel, dass Jesus von Nazareth in dem, was er gesagt und getan hat, den Anspruch erhob, unmittelbar und total für Gott zu reden und zu handeln. In diesem Sinne war Jesu Wort Gottes Wort, Jesu Handeln Gottes Handeln.


Gerade aber dieser Anspruch Jesu war für den frommen Juden überaus anstößig. Man denke nur an die so genannten Antithesen der Bergpredigt (Matth. 5,17-48). Mit ihrem „Ich aber sage euch …“ setzt sich Jesus gegen oder über das heilige Gesetz Gottes. Man denke vor allem an Jesu Anspruch, Sünden vergeben zu können - ein Recht wieder, das nur Gott selbst zusteht; ein Anspruch, der  - historisch gesehen - Jesus den Widerspruch der Pharisäer eingetragen und schließlich den Tod gebracht hat (vgl. Mark. 2,7)!


Nicht zuletzt aber musste ihn sein Anspruch, Gottes Sohn zu sein, in die Nähe Gottes rücken. Seinen Gegnern stand fest, dass er „sich selbst zu Gott mache“ (Joh. 10,33). Denn wenn der Vater Gott ist, musste ja auch der Sohn göttlich sein.


Diesem Vorwurf seiner Gegner begegnete Jesus bekanntlich damit, dass er ihnen äußerst geschickt ein Schriftwort entgegenhielt (Psalm 82,6): „Steht nicht in eurem Gesetz geschrieben: Ich habe gesagt: Ihr seid Götter? Wenn er die, zu denen das Wort Gottes geschah, Götter nennt …, wie sagt ihr denn zu dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat: Du lästerst Gott -, weil ich gesagt habe: Ich bin Gottes Sohn?“ (Joh. 10,29-36). In unserem Zusammenhang scheint es mir notwendig, darauf hinzuweisen, dass Jesus mit diesem geschickten Hinweis auf Psalm 82,6 seine Gegner entwaffnen, damit aber mit Sicherheit nicht seine Gottessohnschaft und das Gottsein des Vaters auf eine Ebene mit uns Menschen stellen wollte.


Auch die Jüngerschar wurde sich dessen bewusst, „daß Jesus Christus nicht nur irgendein von Gott gesandter Mensch war, sondern dass in ihm Gott in einer unvergleichlichen und unüberbietbaren Weise, also schlechthin endgültig begegnet“. (Bernhard Lohse)


Damit aber war den Aposteln und der frühen christlichen Kirche ein Problem mit auf den Weg gegeben, das auf Entfaltung und Klärung drängte: Wer ist Christus nun wirklich?


Das Zeugnis des Neuen Testaments


Der auferstandene und erhöhte Herr


Zentrale Bedeutung kommt zweifellos einem Wort zu, in dem die Pfingstpredigt des Petrus gipfelt: „So soll nun das ganze Haus Israel gewiss sein, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat“ (Apg. 2,36).


Das war ein für jüdische Ohren unerhörtes Wort: Der allmächtige Gott machte Jesus von Nazareth nicht nur zum Messias Israels, er machte ihn auch zum Herrn (griech. „kyrios“). Wir Heutigen können kaum ermessen, was das bedeutet. Damals jedenfalls schloss der Kyrios-Titel die allerhöchste Ehrung ein.


Wie oft spricht doch das Alte Testament von Jahwe als dem HERRN. In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments (der Septuaginta) wurde das hebräische „adonai“ („Herr“, „mein Herr“) mit dem griechischen „kyrios“ übersetzt. Diesen Kyrios-Titel hat Gott auf Jesus gelegt, so verkündet es Petrus in seiner Pfingstpredigt.


Aber auch Paulus spricht davon, wenn er den Weg der freiwilligen Erniedrigung des Sohnes Gottes beschreibt und dann in leuchtenden Farben von seiner Erhöhung spricht: „Darum hat Gott ihn auch erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, damit im Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters“ (Phil. 2,9-11).


Das tat Gott, betont Paulus. So antwortete er auf die Liebe und den Gehorsam seines Sohnes. Der tiefen und hingebenden Liebe des Sohnes entspricht die gewaltige, erhöhende Liebe des Vaters. Hinab in die äußerste Tiefe ging Jesu Weg, nun geht er hinauf zur höchsten Höhe. Jesus wurde zum Sklaven, nun wird er zum Herrn erhoben. Er verzichtete auf alles Recht und auf alle Ehre, nun wird jedes Knie sich vor ihm beugen und jede Zunge bekennen, dass Jesus Christus der Herr ist. Paulus betont ausdrücklich, gerade das wird zur Ehre Gotte gereichen!

Die Behauptung der ZJ, wonach durch eine zu weitgehende Ehrung des Sohnes dem Vater die Ehre genommen wird, liegt dem Neuen Testament völlig fern. Es gibt keine „Konkurrenz“ zwischen Gott und Jesus Christus. Die ganze Tragweite von Phil. 2,9-11 werden wir erst dann voll ermessen können, wenn wir beden- ken, dass dieses Wort vom Beugen aller Knie und vom Bekennen jeder Zunge aus dem Alten Testament stammt und in Jesaja 45,22-23 von Gott selber ausgesprochen wird: „Ich bin Gott und keiner sonst. Ich habe bei mir selbst geschworen, aus meinem Mund ist ein Wort in Gerechtigkeit hervorgegangen, und es wird nicht rückgängig gemacht werden, dass jedes Knie sich vor mir beugen, jede Zunge mir schwören wird.“


Philipper 2,9-11 ist nun aber keineswegs ein Einzelwort, im Gegenteil! Viele Aussagen, die sich im Alten Testament auf Jahwe beziehen, werden im Neuen Testament auf Jesus Christus bezogen. Das überzeugt mich davon, dass mir in Jesus Christus, wiewohl er vom Vater zu unterscheiden ist, Gott selber begegnet: „Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber“
(2. Kor. 5,19).


Triadische Formeln im Neuen Testament


Schon die Schreiber des Neuen Testaments versuchten, die Einheit von Gott, dem Vater, dem Sohn und dem Heiliger Geist in der Dreiheit und diese Dreiheit in der Einheit auch begrifflich zum Ausdruck zu bringen, ohne fortwährend schwierige - einander scheinbar widersprechende Sätze zu bemühen. So kennt schon das neue Testament „triadische“ (also: dreigliedrige) Formeln. In ihnen erscheinen Vater, Sohn und Heiliger Geist nebeneinander.


Zum Beispiel der Taufbefehl Jesu: „… taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Matth. 28,19.20).


Weitere Beispiele sind 1. Kor. 12,4-6; 2. Kor. 1,21.22; 1. Petr. 1,1.2;
im Judasbrief die Verse 20 und 21.


Am bekanntesten ist das Segenswort: „Die Gnade unseres Herrn JESU CHRISTI und die Liebe GOTTES und die Gemeinschaft des Heiligen GEISTES sei mit euch allen“ (2. Kor. 3,13).


Solche triadischen Formeln stellen zwar noch keine ausgeführte Trinitätslehre dar, zeigen uns aber, dass wir es beim christlichen Glauben immer mit dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist zu tun haben - welchen Begriff wir dafür auch wählen.


Wir werden jedoch genau hinsehen müssen, was diese triadischen Formeln aussagen und was nicht: Sie sagen uns nicht, wie Vater, Sohn und Heiliger Geist sich zueinander verhalten, wohl aber, zumindest 2. Kor. 13,13 - wie sie sich zu uns verhalten. Also nicht, was Gott „an sich“ sei, sondern was er für uns ist, wie wir ihn erfahren. In diesem Sinne verbindet 2. Kor. 13,13


mit dem Herrn Jesus - die Gnade für uns,

mit dem Vater - die Liebe zu uns,
mit dem Heiligen Geist - die Gemeinschaft Gottes mit uns und miteinander.


Hinter diesen Schriftworten steht eine Erfahrung des Glaubens:


Die Erfahrung des Glaubens


So begegnet uns Gott: Er, der zuvor so ferne Gott, ist uns nahe gekommen und hat uns seine Liebe zugewandt in einem Menschen von Fleisch und Blut, in Jesus Christus. Ohne Jesus wären wir verlorene Leute. Dass ich aber Jesus nun als meinen Herrn und Retter bekennen darf, das hat der Heilige Geist in mir gewirkt! Alles, was im Neuen Testament lehrmäßig dazu ausgeführt wird, kommt schon von dieser „trinitarischen“ Grunderfahrung des christlichen Glaubens her. Z.B. wenn Jesus nach dem Johannesevangelium sagt: „Niemand kommt zum Vater ohne mich“ (Joh. 14,6), aber auch: „Es kann niemand zu mir kommen, wenn ihn nicht der Vater … zu mir zieht“ (Joh. 6,44), oder wenn Paulus betont, niemand könne Jesus als den Herrn bekennen „außer durch den heiligen Geist“ (1. Kor. 12,3).


Wir halten daher fest: am Anfang steht nicht irgendeine trinitarische Lehre, sondern eine Grunderfahrung mit dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Erst später folgte dieser Erfahrung eine gedankliche Reflexion und lehrmäßige Entfaltung. Zugleich wird deutlich, dass es sich dabei nicht um eine „ewige Wahrheit“ handelt, sondern um eine Erkenntnis, die ihre Geschichte hat. Genauer: Diese Erkenntnis konnte erst im Verlauf der Heilsgeschichte gewonnen werden, ist sozusagen „eine Wahrheit im Werden“. Wie nach der Bibel die „Erkenntnis der Wahrheit“ nie eine statische Angelegenheit ist, sondern ein Wachstum (Kol. 1,10; 2. Petr. 3,18; Eph. 4,15 ff.), kein Haben, sondern ein Werden (2. Kor. 10,15; Kol 2,19), so ist auch das biblisch-christliche Gottesbild erst im Verlauf der Geschichte entstanden.


Eine Wahrheit im Werden


Um dies genauer auszuführen: Gott hat sich in der Geschichte offenbart, ist also aus seiner Verborgenheit herausgetreten. Davon berichtet uns die Bibel. Nun aber nicht so, dass sie von Anfang an schon „alles weiß“, sondern sie bezeugt uns eine in der Heilsgeschichte fortschreitende Offenbarung Gottes: Im Alten Testament begegnet uns Gott vor allem als der Schöpfer und Erhalter der Menschheit - als der Vater - (und natürlich als der Bundesgott seines Volkes); das Neue Testament kündet uns von Gott als dem Erlöser - durch den Sohn - und schließlich von dem Gott, der uns in alle Wahrheit leitet, heiligt und miteinander verbindet zu einer Gemeinde - durch den Heiligen Geist. Dass diese drei zu unterscheiden sind, ist offensichtlich. Doch das Neue Testament zeigt zu- gleich, dass sie ganz eng zusammengehören.


Dies wird zeichenhaft schon deutlich bei der Taufe Jesu: Der Sohn ist auf der Erde. Die Stimme des Vater bekennt sich zu ihm, und der Geist kommt auf ihn herab (Matth. 3,13-17). Die späteren dreigliedrigen Formulierungen - wie etwa Matth. 28, 19.20: „… tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes“ - dürften hier ihre Wurzel haben. „Da die Taufe Jesu grundlegend ist sowohl für Jesu ganzes Wirken wie für den in der Taufe begründeten Heilsweg des Christen, konnte von hier aus die Taufformel wachsen, die in Matth. 28 ihren klassischen Niederschlag gefunden hat und die schließlich die andere in der Apostelgeschichte bezeugte Taufe ‚auf den Namen Jesu’ verdrängt hat“
(Biblisch-Theologisches Handwörterbuch von Osterloh und Engelland).


Gerade diese Erfahrung - der fortschreitenden und offenbarenden Erkenntnis - hat zu der starken Betonung des Heiligen Geistes und seines Wirkens im Neuen Testament geführt.


Der Übergang von einer ganz auf die Person Jesu bezogenen christlichen Fröm- migkeit auf eine die Dreiheit und Einheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist betonende Theologie wird deutlich sichtbar. Wohl fehlt noch immer jede Spur eines Versuchs, eine wie auch immer geartete L e h r e von der Trinität zu entwickeln. Die Dreiheit in der Einheit wird vielmehr - über die genannten Aussagen hinaus - auf folgende Weise bezeugt: Der Vater bekennt sich zum Sohn: „Dies ist mein lieber Sohn …, den sollt ihr hören“ (Matth. 17,5). Der Sohn verweist auf den Vater: „Ich bin gekommen …, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat“ (Joh. 6,38), und auf den Heiligen Geist: „Der heilige Geist, den mein Vater in meinem Namen senden wir, der wird euch alles lehren“ (Joh. 14,25). Der Heilige Geist aber weist zurück auf Jesus und verherrlicht ihn. „Er wird mich verherrlichen“, kann unser Herr Jesus sagen (Joh. 16,14).


Das Neue Testament hat sich also nicht begnügt mit einem bloßen Nebeneinander von Vater, Sohn und Heiligem Geist, sondern hat - immer zugleich unter dem Aspekt ihres Verhältnisses zu uns - ihre Bezogenheit aufeinander, ihre Einheit bezeugt. Einheit in der Dreiheit! Doch eine ausgefeilte Trinitätslehre entsteht erst später.


Wie kam es zu einer ausführlichen Trinitätslehre?


Eine wesentliche Veranlassung, das Verhältnis von Vater, Sohn und Heiligem Geist näher zu bestimmen, stellen alle die Aussagen des Neuen Testaments dar, in denen Jesus Christus als Gott bezeichnet (Joh. 20,28; Röm. 9,5-7; 1. Joh. 5,20) oder „angerufen“ wird (1. Kor. 1, 1.2; Apg. 7,59; 9,14; 22,16).


Wenn Jesus wie Gott „angerufen“, ja angebetet wird, muss er selbst Gott sein. Hätten die Christen ein bloßes Geschöpf angerufen, so wäre dies Götzendienst gewesen! Damit aber drängt sich die Frage auf: Wie verträgt sich dieser Glaube an die Gottheit Christi mit dem Monotheismus, d.h. mit dem Glauben an einen Gott? Haben die Christen denn den Monotheismus Israels aufgegeben?


Die Frage wird noch dadurch verschärft, dass der Apostel Paulus in 2. Kor. 3,17 den Heiligen Geist als den Herrn bezeichnen kann: „Der Herr aber ist der Geist; und wo der Geist des Herrn ist, das ist Freiheit.“ Hatte nicht das Alte Testament von Gott, dem Vater, als dem HERRN gesprochen, und hatte nicht das Neue Testament Jesus Christus als den HERRN geehrt? (U.a. auch in den triadischen Formeln von Eph. 4,4-6 und 1. Kor. 12,3-6). Wenn nun der Heilige Geist als „der Herr“ und Jesus als Gott verehrt wird, haben die Christen am Ende drei Götter? Gerade der auf den Monotheismus, den Glauben an den einen und einzigen Gott sich gründende Jude musste so fragen und sich entsetzt abwenden - abwenden auch von Jesus! Es ist offenkundig, dass dieses Problem nach einer klärenden Antwort verlangte, aber: „Es war nicht nur eine Notwendigkeit gegenüber dem Judentum, deutlich zu sagen, in welchem Sinne man als Christ Monotheist war. Vielmehr verlangte auch der Glaube selbst nach größerer Klarheit“ (Bernhard Lohse). Die christliche Kirche hat nach mehreren Jahrhunderten mühsamen Ringens - und nach manchen Irrungen und Wirrungen - im späten 4. Jahrhundert mit der Trinitätslehre eine Antwort gegeben, die befreiend und klärend wirkte. Ihr Sinn, kurz zusammengefasst: Wir haben es beim Vater, Sohn und Heiligem Geist - die zu unterscheiden, aber nicht zu scheiden sind - nicht mit drei Göttern zu tun, sondern mit dem einen und einzige Gott.  


Zusammenfassung und kritische Würdigung


Mögen auch die einzelnen Formulierungen der „klassischen“ Trinitätslehre in der philosophischen Sprache der vom griechischen Denken geprägten damaligen Gelehrtenwelt ausgedrückt und in dem zeitbedingten Bedürfnis nach Perfektion und Symmetrie überfrachtet worden sein, so hat die Trinitätslehre dennoch ihr unaufgebbares Anliegen erreicht: Die Kirche Christi kann an der Gottheit ihres Herrn Jesus Christus und an dem Herr-Sein des Heiligen Geistes festhalten, ohne den Monotheismus preiszugeben, also den - Juden und Christen gemeinsamen - Glauben an den einen Gott.


Dreieinigkeit - eine Lehre der Bibel? Schon die Frage ist falsch gestellt. Sie geht ja von der falschen Voraussetzung aus, als wäre die Bibel von A bis Z eine Einheit, und zwar als eine Art Lehrbuch für Dogmatik. In Wahrheit gleicht sie eher einem Erzählbuch - genauer: einer Sammlung von Büchern und Briefen aus eineinhalb Jahrtausenden - die von einer fortschreitenden Gottesoffenbarung in der Geschichte erzählen. Demgemäß lernten wir Gotteserkenntnis nicht als etwas Statisches und Fertiges zu begreifen, als eine „ewige Wahrheit“, sondern eher als eine „Wahrheit im Werden“. Selbstverständlich ist Gott immer derselbe, aber wie und wieweit wir ihn erkennen können, hängt davon ab, wieweit er sich in seiner gnädigen Herablassung uns zu erkennen gibt, sich offenbart. So kommt es, dass das Alte Testament - selbst ein Zeugnis für das Heranreifen des Glaubens an den einen, lebendigen und wahren Gott, Jahwe - eine Trinität nicht kennt.


Demgegenüber reift in der Zeit der ersten Kirche - auch wenn das Neue Testament noch keine dogmatisch fixierte Lehre von der Trinität aufweist - der Glaube an eine Offenbarungstrinität heran: Seit Gott sich in seinem Sohn Jesus Christus geoffenbart hat, gibt es Gemeinschaft mit Gott nur „in Christo“ durch den Heiligen Geist.


Fragen an Jehovas Zeugen


Die ZJ müssen wir fragen, ob sie die besondere Situation der frühen christlichen Kirche jemals berücksichtigt haben. Dazu gehörte ja vor allem dies, dass der christlichen Kirche durch das Neue Testament ein Problem(bündel!) mit auf den Weg gegeben war, dem sie sich nicht entziehen konnte und das nach einer Ant- wort verlangte. Wenn nun JZ und andere dieses trinitarische Fragenbündel - als Problem! - nicht einmal sehen, wie sollen sie dann die Antwort verstehen?


So lehnen die ZJ dank ihrer „theokratischen“ Unterweisung durch ihre Wacht- turm-Gesellschaft die biblisch bezeugte Trinität ebenso ab wie die Antwort der Kirche, wie sie in der Lehre von der Trinität vorliegt. Das ist ihr gutes Recht. Nur müssen sie sich dann die Frage gefallen lassen, wie sie das uns allen vom Neuen Testament mitgegebene Problem lösen wollen.


Konkret: Wie wollen sie das Gottsein Christi und das Herrsein des Heiligen Geistes - beides im Neuen Testament bezeugt - in Einklang bringen mit dem Glauben an den einen Gott? Will man die Gottheit Christi und das Herrsein des Heiligen Geistes bestreiten, so kommt man in Konflikt mit klaren Aussagen des Neuen Testaments; will man aber beides zugestehen - und faktisch räumt die offizielle Lehre der ZJ ein, Jesus sei „ein Gott“, also neben dem allmächtigen Jehova ein zweiter, untergeordneter Gott - wie soll dann der Glaube an den einen Gott durchgehalten werden? Führt die Ablehnung der Trinität nicht dazu, entweder die Gottheit Christi zu leugnen oder aber den biblischen Monotheismus nicht durchzuhalten?! Hier müssen ZJ und alle, die ihre Ansicht in dieser Frage teilen, klar Stellung beziehen.


Hans-Jürgen Twisselmann

gekürzt aus „Bruder-Dienst“ 69/70


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