Mein Weg zu den Zeugen

Jehovas und zurück


Als ich im Jahre 1972 als Zeuge Jehovas getauft wurde (ich war gerade 20 Jahre alt), war dies rückblickend immer noch die Folge einer schweren Weltanschauungskrise, die ich als Jugendlicher durchlebte und die mich zu einem Suchenden machte. Dieser Schritt und die folgenden Jahre gaben mir zunächst den notwendigen Halt. Ich studierte begierig die Bibel. Ich wollte für alle Lehren und Glaubensinhalte eine stichhaltige Begründung der Schrift finden. Schon in diesen ersten Jahren merkte ich, dass diese Wissbegierde für die meisten Mitglieder der Versammlung überhaupt nicht typisch war. So war es nicht verwunderlich, dass gerade jene am lautesten über das Ende „des Systems der Dinge“ redeten, das im Jahre 1975 erwartet wurde, die nie selbst die Chronologie nachgeprüft hatten. Ich hatte nur anhand der Wachtturm-Literatur bereits gesehen, dass die Chronologie der so genannten 6000 Jahre Menschheitsgeschichte Lücken und Ungenauigkeiten aufwies. Zudem wurde mir deutlich, dass es auch einige nicht sonderlich überzeugende Grundannahmen gab. Für mich waren die Chronologie und das Jahr 1975 im Gegensatz zu den meisten Zeugen damals nicht besonders wichtig. In den weiteren Jahren erlebte ich mit, wie der anfänglich relativ liberale Geist in meiner Versammlung, wo es viele junge Leute gab und man doch ziemlich offen in kleinen Runden diskutieren konnte, dem „Einheitsgedanken“ immer stärker unterworfen wurde. Mir war damals nicht klar, welche Ursachen dieser Trend hatte. Mit dieser Tendenz zur immer stärkeren Reglementierung des gesamten Glaubenslebens begann dann in mir ein gewisser Leidensdruck zu entstehen. Ich versuchte, mich mit all dem zu arrangieren.


12 Jahre nach meiner Taufe bei den Zeugen Jehovas wurde ich zum Ältesten ernannt. Meine Art, Vorträge und Ansprachen zu halten, war bei den meisten beliebt. Ich hielt mich nicht so eng an die Vorgaben der WT-Gesellschaft und redete auch vorsichtig kritisch über manche Lehren. Einige Brüder wagten es, sich mir mit ihren Zweifeln anzuvertrauen. Meine Art erregte aber auch bei anderen Brüdern Argwohn.


Im so genannten „Felddienst“ fand ich einmal zwei Ehepaare innerhalb einer Siedlung, die großes Interesse am häuslichen Bibelstudium fanden. Zusammen mit meiner Ehefrau führten wir mit ihnen wöchentlich ein anregendes Bibelstudium durch. Wir hielten uns nicht an ein typisches Studienbuch, das üblicherweise Absatz für Absatz besprochen wurde, sondern gaben uns selbst Themen und erarbeiteten diese anhand der Bibel. Wir führten diese Ehepaare durchaus zu den Lehren der Zeugen Jehovas, aber mit einer freieren Würdigung. Aus Zeitgründen war es diesen Eheleuten lange nicht möglich, die Versammlung zu besuchen. Erst relativ spät kam es zu ersten Besuchen. Ihre Reaktion war dann überraschend. Sie waren von der Versammlung, von den Vorträgen und der Art, wie geredet wurde, enttäuscht. Mir wurde damals klar, dass ich im Grunde kein typischer Zeuge war und ich ihnen Glaubensinhalte vermittelt hatte, die sich zwar mit den WT-Lehren deckten, denen aber dieser typische Dogmatismus fehlte.


Dann kam es zu einer entscheidenden Begegnung. Ich lernte Anfang der 80er Jahre im „Felddienst“ einen jungen Theologiestudenten kennen. Bei unseren sehr anregenden Gesprächen bat ich ihn, mich das Griechisch der Bibel zu lehren und wenn möglich auch eine Einführung in die althebräische Schrift zu geben. Das geschah dann in den folgenden Jahren sehr intensiv. Ich las in der Versammlung stets die Bibeltexte in einer griechischen Urtextausgabe mit und hatte immer auch ein Wörterbuch dabei. In diesen Jahren wurde mir immer klarer, wie wenig die „leitende Körperschaft“ wirklich die Bibel studierte. Viele Zeugen Jehovas glauben, dass die leitende Körperschaft täglich gebetsvoll tiefschürfend in den Schriften studiert. Ich bekam daran erhebliche Zweifel - und auch an deren Aufrichtigkeit. Ich bat dann in dieser Phase, mich als Wachtturm-Studienleiter zu entbinden, nannte aber die wahren Gründe nicht. Ich konnte viele Studienartikel einfach nicht mit Überzeugung vertreten. Ich wurde dann Schulaufseher der Predigtdienstschule. Meine persönlichen Studien setzte ich fort, und meine Hausbibliothek wurde immer mehr mit theologischen Büchern und Nachschlagewerken gefüllt. Die Versammlungsbesuche und vor allem die Kongresse wurden für mich zunehmend zur Qual. Mir wurde immer deutlicher, dass die Lehren so nicht vertreten werden konnten. Und die Bevormundung der Brüder hinsichtlich aller Bereiche des Lebens hatte ein unerträgliches Ausmaß erreicht, was mich dauernd an die Pharisäerschelte Jesu erinnern ließ.


Im Jahre 1990 las ich bei einem Urlaubsaufenthalt in Ägypten das Buch „Theologie im Aufbruch“ von Küng. Seine Gedanken zur Frage der Inspiration der Bibel und vielen anderen Themen ließen bei mir den Entschluss reifen, die Zeugen Jehovas zu verlassen. Auch das Buch „Der Gewissenskonflikt“ von R. Franz war für diese Absicht entscheidend. Mir wurde klar, dass ich schon seit Jahren innerlich Abstand gewonnen hatte. Das war angesichts der Lehren für mich nicht schwer, aber all jenen in der Versammlung, die mir am Herzen lagen, die auch litten, aber die Gründe nicht kannten und vielleicht nicht wirklich kennen wollten, mochte ich das nicht antun. Ich war in der Tat für viele Menschen in der Versammlung ein gewisser Trost, und so zögerte ich meinen Weggang noch hinaus. Aber der eigene Druck wurde schließlich doch zu groß. Ich hielt diesen Zustand der innerlichen Abwendung und äußerlichen Präsenz nicht lange durch und ließ mich 1992 von allen Ämtern entbinden. Ich blieb danach mehr und mehr der Versammlung fern. Die Ältesten suchten mit mir Gespräche und ich nannte ihnen immer einige wichtige Gründe, insbesondere die biblisch nicht wirklich begründbare Engherzigkeit in der Ausschlusspraxis und die bewusste Selektion des biblischen Wissens. So ist z.B. der Fußnotenapparat der NW-Studienbibel überall dort, wo keine besonderen WT-Lehren berührt werden, hervorragend, aber dort, wo solche Lehren berührt werden, fehlen wichtige Hinweise. Die wortgetreue Übersetzung geht immer dort in eine manchmal fragwürdige freie Übersetzung über, wo Texte sich nicht so gut mit der WT-Lehre decken. Die Ältesten behandelten mich aber in dieser Phase fair. Sie spürten offenbar, dass meine Gründe für sich genommen stichhaltig waren. In dieser Zeit suchte ich auch Kontakt zum Bruderdienst und hatte Gespräche mit Bruder Twisselmann. Ich schrieb einen Beitrag für die „Brücke zum Menschen“ über einen mich sehr bewegenden Ausschlussfall.


Wenn ich heute über diesen Weg nachdenke, scheint mir das Ende wie eine Antwort auf meine Gottessuche gewesen zu sein: Gott lässt sich nicht über den Buchstaben der Schrift finden. Die ZJ und auch einige andere christliche Sekten versuchen über das Wörtliche der Schrift eine Lehre zu begründen. Sie bauen ein in sich geschlossenes Lehrgebäude, das durchaus eine gewisse Faszination ausüben kann. Dieses Gebäude kann aber nur bestehen, wenn es sich nach außen abschließt, exklusiv wird. Im Ergebnis handelt es sich dann um eine Glaubens-Ideologie mit allen typischen Merkmalen jeder Ideologie.


Mir ist heute klar, dass es nicht um eine perfekte Glaubenslehre gehen kann, sondern um eine Botschaft und um Glauben. Der Buchstabe ist nur der Träger der Botschaft, als solcher natürlich zu bewahren, aber ihm liegt kein eigenes Geheimnis inne. Wer allerdings gerade davon ausgeht und damit eine Verbalinspiration vertritt, wird auch bei besten Absichten in die Irre gehen. Mein persönlicher Weg führt jetzt nach Jahren wieder zurück zur evangelischen Landeskirche. Ich nehme zusammen mit meiner zweiten Ehefrau seit einiger Zeit an einem Bibelgesprächskreis der Kirchengemeinde in Bornhövel teil, und in mir reift spürbar der Wunsch, wieder in die evangelische Kirche einzutreten.


U.H.

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