Trennung von Jehovas Zeugen um Jesu willen


Sie bezeichneten sich stets als die „wahren Christen“, wenn sie an meiner Haustür standen und ich mich auf ein kurzes Gespräch einließ. Im Gegensatz zu den Kirchenleuten, so sagten sie, wollten sie mit ganzem Herzen Jesus nachfolgen. Nicht nur passive Mitglieder sein! Das hat mich damals sehr beeindruckt, und ich öffnete mich mehr und mehr ihrer Botschaft. Als ich 1975 dann selber Zeugin Jehovas wurde und mich bei ihnen taufen ließ, war ich gewiss, das wahre Christentum gefunden zu haben. Ging es doch damals in der ersten Frage, die man vor der Taufe an mich richtete darum, ob ich mich vor Gott als rettungsbedürftiger Sünder erkannt hätte. Und dann hieß es: „… hast du vor ihm anerkannt, dass diese Rettung von ihm, dem Vater kommt, und zwar durch seinen Sohn Jesus Christus?“


Glauben hieß demgemäß in den neun Jahren meiner ZJ-Zugehörigkeit vor allem: Vertrauen zum himmlischen Vater und zu Jesus Christus. Umso mehr enttäuschte mich die Reaktion des Dienstamtsgehilfen Herbert F., als ich einmal äußerte: „Wie gut, dass wir in dieser Zeit unser Vertrauen auf Jehova und Jesus Christus setzen, sonst könnten wir den Mut verlieren.“ Darauf er: „Nein, nicht auf Jehova und Jesus Christus - wir setzen unser Vertrauen auf Jehova und seine Organisation!“


Weil mit ihm keine Einigung möglich war, setzte ich mich mit dem Ältesten Arno in Verbindung, schilderte ihm den Ablauf des Gesprächs mit Herbert F. und verwies auf Jesusworte wie Joh. 5,22.23: „Der Vater … hat alles Gericht dem Sohn übergeben, damit sie alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt den Vater nicht …“ Glauben, so sagte ich, ist also eine Beziehung zu Gott, dem Vater, und zu Jesus Christus. Nicht zu einer Organisation! Auch bei meiner Taufe sei es mit keinem Wort um die Organisation gegangen.


Arno aber entgegnete pflichtgemäß: „Du liegst da falsch. Du weißt ja, was die Organisation sagt, was der Wachtturm lehrt …“ Ja, das wusste ich: In seiner Ausgabe vom 1.6.1979, unter der Überschrift „Glaube an eine siegreiche Organisation“, hatte er zum Glauben an sie aufgerufen. Früher schon hatte es im Wachtturm geheißen, wir müssten ihr folgen „wie der Stimme Gottes“. Ungehorsam ihr gegenüber sei Ungehorsam gegen Gott. Für mich aber galt: „Man muss Gott mehr gehorchen als Menschen“ (Apg. 5,29). Von da an zog ich mich von den ZJ zurück, die heute offenbar die oben erwähnten Tauffragen (inhaltlich Relikte aus der Zeit des Wachtturm-Gründers C.T. Russell) nur noch als Ausstellungsstücke verwenden, um sich ein „christliches“ Image zu sichern …


Trotz meiner freiwilligen Trennung wurde ich kurz darauf ausgeschlossen, und meine ungetaufte Tochter Silke „gleich mit“. Als Arno mir diese Mitteilung machte - per Telefon! - habe ich ihm geantwortet: Das war zu erwarten. Ich sei darüber nicht traurig. „Trotz allem: Dir und Deiner Familie alles Gute! Falls auch Ihr einmal ins Fragen kommt -  meine Tür steht euch offen.“

Übrigens: Eine junge Dame, die öfters mit uns Kontakt gehabt hatte, wurde vor uns gewarnt. Sie habe alle Verbindung abzubrechen, denn Silke und ich bekämen „kein ewiges Leben“. Sie brach dann auch die Verbindung ab - zur Organisation (der Zeugen Jehovas)!


A.B.


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