Bewahrt


„Ich hatte endgültig genug“ von der Wachtturm-Religion


Immer wieder fällt mir bei der Lektüre der Bruderdienst-Schriften auf, dass alle religiösen Fragen recht eingehend und vor allem nicht polemisierend behandelt werden. Hat man jahrelang „Wachtturm-Kost gelöffelt“, so erscheint einem dies leider nicht selbstverständlich.


Nach über sechsjährigem engen Kontakt zu Jehovas Zeugen habe ich als „Interessierte“ mittlerweile im wahrsten Sinne des Wortes das Interesse verloren und mich 1987 endgültig von der ZJ-Versammlung zurückgezogen.


Im Herbst 1981 wurde ich zum ersten Mal von Jehovas Zeugen besucht. Ungeachtet meines zunächst bekundeten Widerwillens sprachen die beiden älteren Schwestern immer wieder vor und fanden auch bald den passenden Aufhänger, ein Bibelstudium anzubahnen.


In meinem Falle bot sich das Thema „Evolution“ an, welches ich damals u.a. für das Abitur vorbereiten musste. Nach diversen „Hausflurdebatten“ trafen wir uns schließlich einmal wöchentlich zum Bibel- bzw. Buchstudium (die Bibel wurde ja nicht gelesen, sondern diente lediglich als Nachschlagewerk, wie ein Wörterbuch etwa). Da auf diese Weise mein Wissensdurst nicht gestillt wurde, bat ich darum, die Zeit nicht auf das regalweise Verschlingen der bunten Büchlein zu verwenden, sondern stattdessen meine konkreten Fragen zu biblischen Themen zu erörtern.


Mein eigenständiges Lesen der Lutherbibel war immer kritisiert worden und stieß auf viel Unverständnis. Doch meine Unnachgiebigkeit ließ die Leiterin des „Studiums“, Schwester M., einwilligen, und nach jedem Treffen gab ich ihr meine Fragen zur Vorbereitung für die nächste Woche mit.


Wenn ich mich heute daran zurückerinnere, muss ich ehrlich zugeben, dass mir die damaligen Treffen sehr gefallen haben, denn sie waren durchaus interessant, und die Aussagen der Zeuginnen nicht so dogmatisch und oberflächlich, wie ich dies noch oft bei anderen Zusammenkünften erleben sollte. Auch die Schwestern mussten zu ihrer großen Überraschung einräumen, dass unsere Diskussionen mehr hergaben also die bislang üblichen „Buchstudien“ (in den sechs Jahren hatte man mit mir nicht ein einziges Buch fertigstudieren können).


ZJ-Glaubenslehre „erlernt“


In relativ kurzer Zeit „erlernte“ ich also die Glaubenslehre der Zeugen, jedoch ohne sie als allein wahr und von Gott stammend anzunehmen.


Je tiefgreifender unsere Bibelbesprechungen wurden, desto mehr erhielt ich den Eindruck, dass Schwester M. mit der ihr gestellten Aufgabe überfordert war. Immer häufiger wechselten nun ihre Begleiter, immer öfter kamen Brüder, d.h. Älteste, Dienstaufseher, sogar Kreisaufseher mit zum Studium, um sich in Rhetorik und Überzeugungskraft zu üben. Immer intensiver wurde ich in den Programmablauf der Ortsversammlung integriert und besuchte bald jede Veranstaltung. Von den Kongressen bis hin zum „Gedächtnismahl“ lernte ich alles keinen, auch den Predigtdienst und das neue „Bethel“ in Selters/Taunus.


Doch wenn ich auch die große Mühe der Schwester M. zu schätzen weiß, so konnte ich doch nach etwa zwei Jahren nicht umhin, mir einzugestehen, dass die anfänglich so schönen Treffen immer ermüdender wurden. Von der früheren Sachlichkeit und Harmonie beim Studium war leider auch nicht mehr viel zu spüren. Je mehr ich Antworten verlangte, desto mehr stieß ich auf horrende Wissenslücken und musste mir immer häufiger den Vorwurf anhören, nach so langer Zeit müsse nun endlich eine Taufabsicht statt fortgesetzter Kritik zu erkennen sein.


Zweifel


Meine Hauptzweifel betrafen:


- die Zweiklassenlehre;

- das 1914-Datum;

- das Blutverbot;

- den „Krieg von Harmagedon“ (nach Offbg. 16,16).


Diese Zweifel konnten trotz intensivster Besprechungen nicht ausgeräumt werden. Am meisten schockierten mich die pseudo-wissenschaftlichen Abhandlungen vor allem zu historischen und technischen Fragenkomplexen. Die dümmliche Anmaßung einiger - zumeist auch noch recht ungebildeter - Zeugen brachte mich schier zur Raserei. Oft konnte ich nur mit äußerster Mühe Zurückhaltung üben.


Da ich bei vielen Zeugen recht beliebt war, wurde mir des Öfteren hinter vorgehaltener Hand zugeflüstert, man habe bei der einen oder anderen Gelegenheit meinen Fall besprochen. Manche Älteste vertraten die Ansicht, ich sei „ein bedauernswertes Geschöpf, dem seine Intelligenz im Wege stehe“. Schwester M. war da schon radikaler und meinte, aus mir würde nie eine rechte Zeugin werden, da ich an allem etwas zu „nörgeln“ hätte … Ich vermied es, auf solches Gerede einzugehen und begann, alle Ereignisse zunehmend kritischer zu beurteilen, so auch folgende Begebenheit:

Während einer Dienstzusammenkunft, die wie immer freitags abends stattfand, wurde in der Versammlung darüber abgestimmt, ob man die auf dem Bankkonto der Zeugen befindlichen 2000 DM für den Bau des neuen „Bethels“ leihweise zur Verfügung stellen wollte. Natürlich wurde der Vorschlag einstimmig angenommen. Später, beim Verlesen des Kassenberichtes, wurden wie üblich auch alle Kontobewegungen vorgetragen. Dabei fiel mir auf, dass die besagten 2000 DM schon längst an die Gesellschaft überwiesen worden waren und man das Einverständnis der Versammlung einfach vorausgesetzt hatte. Als ich auf dem Nachhauseweg einige jüngere Zeugen nach dem Sinn der Scheinabstimmung fragte, waren diese gänzlich verblüfft. Der Sachverhalt war ihnen doch glatt entgangen. Kassenberichte sind ja auch so langweilig …


Nicht aufs Gymnasium wegen Nähe „Harmagedon“


Ebenso schockierte mich die Tatsache, dass eine andere Interessierte der Versammlung, die unterdessen getauft ist, ihre Tochter trotz sehr guter Leistungen „nur“ zur Hauptschule schickte. „Bis unsere Verena aus der Schule kommt, haben wir sowieso Harmagedon …“, war der stereotype Kommentar. Dass die Kinder der Ältesten alle zum Gymnasium gingen, wurde dabei geflissentlich übergangen.


Ich versuchte, dieses alles als „menschliche Schwächen“ abzutun. Einzig wichtig, so sagte ich mir, sei die biblische Richtigkeit der Lehre. Doch gerade sie erschien mit immer zweifelhafter.


So sah ich mich 1984 gezwungen, an das deutsche Zweigbüro zu schreiben, da ich zum Thema „Obrigkeitliche Gewalten“ aus Römer 13 und der damit verbundenen Interpretationsvielfalt völlig unzulängliche Auskünfte bekam. Nicht anders verhielt es sich mit dem Wachtturm-Dogma von der Hinrichtung Jesu am Pfahl (statt Kreuz), welches man in drei einfachen Punkten zu stützen suchte:


1. Das Kreuz sei ein Symbol des Gottes Tammuz (Undenkbar, dass Christus im Zeichen einer heidnischen Gottheit gestorben sei).

2. Eine Hinrichtung an einem buchstäblichen Kreuz habe es in der Geschichte überhaupt nicht gegeben (Dies war die persönliche Meinung von Schwester M.).

3. Im Neuen Testament werde das griechische Wort stauros verwendet. Wäre ein buchstäbliches Kreuz gemeint, so hätte der Verfasser sich einer anderen Vokabel bedient.


Auf meine Frage hin, ob es für Christus denn ehrenhafter gewesen sei, im Zeichen der kanaanitischen Gottheit Aschera zu sterben, deren Symbole schließlich heilige Bäume bzw. Pfähle waren, erhielt ich zur Antwort: Jehovas Zeugen bänden sich ja auch keine Pfähle um den Hals und beteten sie nicht an. Auf die Behandlung der beiden anderen Punkte hatte ich dann im Interesse der ohnehin schon gereizten Stimmung während des Studiums verzichtet.


In ähnlicher Atmosphäre fand auch das Studium statt, in dessen Verlauf ich nach der Erleuchtung im Verständnis zu den „obrigkeitlichen Gewalten“ fragte. Ich drückte mein Befremden darüber aus, inwiefern die Gesellschaft hier von „zunehmendem Licht“ erfüllt worden sei. Zunächst sah ich mich mit zwei erstaunten Zeuginnen konfrontiert, die außerstande waren, die angesprochene Thematik zu kommentieren. Als ich beim nächsten Treffen das Buch „Die Wahrheit wird euch frei machen“ mitbrachte und eine entscheidende Stelle aufschlug, las Schwester M. die Passage aufmerksam durch, zuckte verständnislos die Achseln und sagte wörtlich: „Ich würde das so gar nicht verstehen, ich lasse mich in diesem Punkt nicht irre machen.“ Ein dritter Zeuge empfahl mir schließlich, das Bethel anzuschreiben.


Dem Ältesten war die dreimalige Revision der Wachtturm-Auslegung von Römer 13 übrigens auch unbekannt.


Erst durch meinen Cousin lernte ich die ersten Bruderdienst-Schriften kennen. Sie waren mir eine aufschlussreiche Quelle, besonders auch im Hinblick darauf, mich über Bücher vermeintlicher Gegner der Zeugen zu informieren. So ehrlich wollte ich trotz aller anfänglicher Begeisterung doch sein, mir Pro und Contra zum Thema „Wachtturm“ anzuhören. Dies war dann auch das auslösende Moment, mit den Zeugen zu brechen.


Bücher von Ex-Zeugen „vom Satan inspiriert“


Ich hatte mir gerade eine ganze Reihe von Büchern ehemaliger Zeugen angeschafft, unter anderem auch die englische Originalausgabe des Werkes von Raymond Franz, als im sonntäglichen Wachtturm-Studium ausgiebig besprochen wurde, dass Schriften von Gegnern oder gar Ex-Zeugen auf keinen Fall anzunehmen, geschweige denn zu lesen seien; sie seien „vom Satan inspiriert“ …


Ich eröffnete Schwester M., dass ich mich mit diesen Büchern beschäftigte. Sie nahm es gelassen zur Kenntnis, bestätigte sich doch nur das, was sie schon lange vermutete: meine „moralische Entgleisung“!


Hinzu kam auch noch ein recht unerfreuliches Erlebnis, das meinen Entschluss bekräftigte, der Versammlung zukünftig fernzubleiben: In der Versammlung wurde ein Brief der Zeugen Jehovas in Griechenland vorgelesen, die nach einer recht brutalen Verhaftungswelle ihre Glaubensbrüder weltweit baten, Briefe möglichst in Englisch zu verfassen und - von allen Versammlungsbesuchern unterschrieben - an die griechische Regierung zu senden. Man erhoffte sich so, internationalen Druck ausüben zu können und die Brüder bald wieder freizubekommen.


Da ich wusste, dass in der Versammlung niemand imstande war, ein solches Schreiben aufzusetzen oder gar zu übersetzen, bot ich meine Hilfeleistung an, da ich als gelernte Fremdsprachenkorrespondentin hierbei keine Schwierigkeiten zu fürchten hatte. Das war jedoch so naiv wie unvorsichtig. Die sonst so redselige Schwester M. hüllte sich ausnahmsweise in Schweigen. Die neben mir sitzende Schwester S. wurde dafür umso aktiver: Mit hochgezogenen Augenbrauen und näselnder, fast schnippischer Stimme, erklärte sie mir, man könne auf die Hilfeleistung von Leuten meiner Geisteshaltung verzichten. An ihre in Bedrängnis geratenen Brüder dachte sie gar nicht.


Die Tatsache, dass man eine Nichtgetaufte bei solchen internen Dingen nicht beteiligen wollte, hätte ich vielleicht noch verstanden. Was ich allerdings nicht mehr verstehen wollte, war die verächtliche Arroganz, die mir hier entgegenschlug. Meine Dolmetschertätigkeiten bei im Predigtdienst besuchten Amerikanern waren ihnen merkwürdigerweise wieder sehr angenehm.


Ich hatte endgültig genug und zog mich zurück. Verschiedene Zeugen sprechen mich heute noch an, und selbst Schwester M. ruft mich hin und wieder an. Offensichtlich hat man noch eine kleine Hoffnung auf meine „Bekehrung“ zu den Zeugen Jehovas!


Heute, fast ein Jahr später, sehe ich jedoch ein, dass mich weniger die Logik der Argumente fesselte als vielmehr die Art des praktizierten Gemeindelebens. Den durchschnittlichen Zeugen Jehovas kann ich nach allem nur als einen aufrichtigen und zumeist religiösen Menschen charakterisieren, der in seiner Gutgläubigkeit und Hingabebereitschaft jedoch ein sehr geeignetes Opfer der vergreisten Wachtturm-Hierarchie abgibt.


Dennoch ist mir unverständlich, wie Millionen getaufter Zeugen es fertig bringen, ein Leben lang die nervenzermürbenden Vorträge im typischen Brooklyn-Jargon über sich ergehen zu lassen, von dem abgeschmackten Plauderton in der mehr als seichten Literatur gar nicht zu reden. Die Vorstellung, nichts anderes mehr als dieses literarische „Manna“ von Selters zu mir nehmen zu dürfen, könnte mir den Schweiß auf die Stirn treiben. Denken die Zeugen nicht ähnlich? So anspruchslos können doch auch Jehovas Zeugen nicht sein!


Es freut mich, dass der Bruderdienst gute Aufklärungsarbeit für die Opfer der Wachtturm-Organisation leistet. Ich kann nur ermutigen, mit dieser Arbeit fortzufahren. In der Zeit meiner allmählichen Loslösung von der Wachtturm-Ideologie war mir dies eine große Hilfe.


I.D.

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