„Wohin sollen wir gehen?“ (1)


Die Führung der Zeugen Jehovas schärft ihren Anhängern immer wieder ein: Nur wir sind die Organisation, die Gott anerkannt hat, nur wir sind die wahre Religion. Außerhalb der eigenen Gemeinschaft gibt es keinen Weg, wirklich Christ zu sein.


Deshalb sind ehemalige Zeugen Jehovas, auch wenn sie - nach oft leidvoller Erfahrung - diesen Anspruch ihrer früheren Gemeinschaft als Irrtum erkannt haben, oft von der Frage umgetrieben, welcher Kirche, Gemeinde oder christlichen Gruppe sie sich nun anschließen sollen. Wo sind ‚die wahren Christen’ nun wirklich zu finden?


Der Bruderdienst hat sich diesen drängenden Fragen von Zeugen Jehovas und Ehemaligen bereits früh gestellt:



Auf der Suche nach der „richtigen Gemeinde“


1.


Wohin gehen? - Hin zu Jesus selbst! Wohin denn sonst? Wir halten an der Einsicht des Jüngers Petrus fest, der zu Jesus - nicht etwa zu einer Organisation und ihrer Führung - sagte: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens“ (Joh. 6,68 f.).


2.


Mit diesem Petrusbekenntnis ist uns ein wichtiges Unterscheidungs- merkmal gegeben: Die wahre Kirche predigt Christus, die falsche predigt sich selbst. Das eine verdient den Namen Mission; das andere ist Propaganda.


3.


Für unsere Frage „Wohin sollen wir gehen?“ ergibt sich daraus: Wir empfehlen, nur da ‚unters Wort’ zu gehen, wo das Evangelium vom gekreuzigten und auferstandenen Christus unverfälscht bezeugt wird, so dass Menschen die Chance erhalten zur Umkehr, zum Glauben und zum Beginn eines neuen Lebens unter Gottes Führung. Denn nur da ist Kirche, ist Gemeinde Jesu Christi.



4.


Die Erfahrung von Geschichte und Gegenwart zeigt, dass dies nicht nur für eine Konfession zutrifft. Zum Leibe des Christus, zur Gemeinde, gehören Menschen dieses Jahrhunderts genauso wie solche des ersten Jahrhunderts n.Chr., wie auch all der vielen Jahrhunderte, die dazwischen liegen. Allein darin liegt schon der Beweis, dass die Gemeinde Jesu nicht gleichbedeutend ist mit einer Organisation unseres Jahrhunderts. Wahre Glieder des Leibes Christi, die sich in den verschiedenen Benennungen oder Denominationen befinden, haben längst erkannt, was und wo in Wirklichkeit die Gemeinde Jesu ist, dass sie nicht mit irgendeiner Richtung identisch ist, dass wir den Bruder nicht nur in dem engen Kreis „unserer“ Bewegung zu suchen haben, sondern auch im Nachbarkreis, und sie haben danach gehandelt! Glieder der Gemeinde Jesu sehen ihre Schwestern und Brüder überall, wo sie wirklich sind, wissen sich mit ihnen verbunden als Reben am gleichen Weinstock, als Teilhaber des gleichen Geistes- und Lebensstromes. Nur unbelehrbare Sektierer, die überall neben dem „Weizen“ als „Unkraut“ wachsen „bis zur Ernte“, werden entrüstet, wenn jemand über ihren argwöhnisch behüteten Zaun guckt!



5.


Damit stellt sich die Frage, zu welcher der an sich vertretbaren Gemeinden man sich halten sollte. Unsere Antwort: Das hängt von den örtlichen Gegebenheiten ab sowie von der persönlichen Führung Gottes und dem an die Heilige Schrift gebundenen Gewissen jedes einzelnen. Solcher göttlichen Führung haben wir nicht vorzugreifen, denn der Heilige Geist will jeden besonders führen. Unter seiner Leitung ist Raum für Originalität.


6.


Andererseits gibt es neutestamentliche Grundlinien, von denen auch Originale und Einzelgänger sich nicht dispensieren können: Der Christ gehört in die Gemeinschaft der Christen am Ort (auch wenn ein nur ‚spiritueller Kontakt’ mit einem ferner Bruder oder Kreis weniger Probleme bringen mag). Für das Neue Testament ist es geradezu selbstverständlich: Der Gläubige aus Korinth hat nicht irgendwo seinen Platz, sondern in der Gemeinde in Korinth! Und nimmt er ihn dort nicht ein, dann hat er in der Gemeinde keinen Platz. Dann ist er draußen. Dann geht er des Segens verlustig, den der Herr seiner Gemeinde verheißen hat (nicht den Einzelgängern!). Des Herrn Apostel senden daher ihre Briefe fast ausnahmslos an die Gemeinden. (Und zu den „Ausnahmen“ ist zu sagen: Timotheus, Titus und Philemon waren leitende Brüder in den Gemeinden).



7.


Das sattsam bekannte Argument, die heutigen kirchlichen und freikirchlichen Gemeinden seien mit zu vielen Mängeln behaftet, als dass Gott mit ihnen handeln könnte, überzeugt nicht. Mängel haben die Gemeinden während 2000 Jahren immer gehabt, und doch geben selbst die Wachtturm-Schriften zu, dass Gott mit den Konfessionen der Christenheit gehandelt habe (wenn auch nach WT-Lehre nur „bis 1919“). Und selbst die apostolischen Gemeinden der apostolischen Gemeinden des 1. Jahrhunderts waren von mancherlei Spannungen und Spaltungen heimgesuchte, also sehr angefochtene und anfechtbare Gemeinden, wobei die von Korinth an erster Stelle zu nennen ist (1. Kor. 3,1-4; 4,18-21; 1. Kor. 5 und 6; 11,17 ff.; vgl. auch den ganzen 2. Kor.)!


Dennoch nennt des Herrn Apostel sie „Gemeinde Gottes“ und „Geheiligte in Christus Jesus“ (1. Kor. 1,2). Was sie dazu gemacht hat, ist doch offensichtlich nicht irgendein menschlicher Vorzug, also nicht eine eigene moralische, lehrmäßige oder organisatorische Qualität, sondern allein dies, dass der auferstandene Herr an ihnen sein lebenschaffendes, rechtfertigendes und heiligendes Werk hat (1. Kor. 1,30 f.). Seine Gnade und die „Predigt von Christus“ ist unter ihnen mächtig geworden (1. Kor. 1,4-6; 2. Kor. 1,9-11). Alles andere ist Folge seines Wirkens und letztlich der unverbrüchlichen Treue Gottes (1. Kor. 1,8-9). Wie sollte es heute anders sein?


8.


Darum verstehen wir auch die Gemeinde heute nicht als Gemeinschaft der „Besseren“ oder gar der Perfekten, sondern als Gemeinde von Sündern, freilich: von begnadigten Sündern, die täglich der Vergebung bedürfen, die aber dennoch dank der Treue Gottes berufen sind zur Vollendung (Phil. 1,6; 1. Kor. 13,9-12). Und noch einmal: Diese Gemeinde gibt es nicht nur in einer  Konfession!


Hans-Jürgen Twisselmann

aus „Bruder-Dienst“ Nr. 49/50






„Wohin sollen wir gehen?“ (2)


Auch die zentrale Einsicht der Reformation, die frohe Botschaft von der Gerechtigkeit, die Gott uns in Jesus Christus geschenkt hat, führt dazu, der Frage nach Kirche und Gemeinde den richtigen Platz zuzuweisen:



Reformatorische Botschaft und die Bedeutung der Gemeinde


Luthers Christuserfahrung - die „Brunnenstube“ der Reformation!


„Während Luther im Jahre 1513  die erste Psalmenvorlesung vorbereitete, kam ihm in der Turmstube des Klosters zu Wittenberg die Erleuchtung, dass Röm. 1,17 nicht die fordernde, sondern die schenkende Gerechtigkeit Gottes ist“ (Friedrich Hauss, Väter der Christenheit). Das bedeutete für Luther die Wende: „Da war es mir, als wäre ich ganz von neuem geboren und durch die geöffnete Tür ins Paradies eingetreten. Die ganze Bibel hatte für mich ein anderes Gesicht erhalten“ (Luthers Vorrede zur Gesamtausgabe seiner Werke von 1540).


Nun war es Luther zur Gewissheit geworden: Das biblische Zeugnis von „Gottes Gerechtigkeit“ steht nicht als unerfüllbare Forderung vor uns, nicht als Drohbotschaft, sondern als Frohbotschaft: Gott schenkt uns seine Gerechtigkeit! Er macht uns gerecht durch Jesus Christus, ganz aus Gnade (Röm. 3,22 ff.)! Luthers Christus-Erfahrung, die ihn zu diesem Durchblick führte, war sozusagen die Brunnenstube der Reformation. Sein Einspruch gegen die einzelnen Verirrungen der damaligen katholischen Kirche ergibt sich erst daraus:


Er kann nun nicht mehr dazu schweigen, dass als Folge falscher Lehren die Menschen ihr Heil von der Institution Kirche und ihren eigenen „guten Werken“ erwarten, denn dagegen steht nun nicht nur die heilige Schrift, sondern auch Luthers eigenes Erleben: nur durch den Glauben an Jesus Christus, der mich armen Sünder aus Gnade „gerecht“ und damit annehmbar gemacht hat, fand ich zum Frieden mit dem gnädigen Gott! Deshalb wurde der Reformator nicht müde, landauf, landab zu predigen, was ihn selbst gerettet hat: Unser Heil schaffen nicht wir durch unsere guten Werke; es widerfährt uns ohne Verdienst und Würdigkeit allein aus Gnade! - Allein durch den Glauben! - Allein durch Jesus Christus!


Kern und Stern der reformatorischen Kirche war und ist deshalb bis auf diesen Tag die Predigt von dem für uns Gekreuzigten und Auferstandenen.  Und damit hält die reformatorische Bewegung, was das Wort Reformation meint, nämlich Rückführung der Kirche auf ihren Ursprung und Beseitigung von allem, was dem widerspricht. Die Kirche muss wieder Kirche des gepredigten Wortes und Kirche unter dem Kreuz Christi werden.


Nicht gemeint ist eine Rückkehr zu urchristlicher Verfassung und Gemeindeordnung, denn diese und andere äußerlichen Dinge wurden schon in der apostolischen Zeit sehr unterschiedlich und situations-bezogen, also flexibel geregelt. Von der Art und Weise ihrer Handhabung hängt daher auch heute weder Gottes Ehre noch unser Heil ab. Luther hat deshalb denen, die eine bestimmte Kirchenverfassung anstrebten, bescheinigt, sie hätten „einen anderen Geist“.


Was folgt daraus für uns heute?


Wir sollten uns nicht beeindrucken lassen, wenn Mitglieder einiger Glaubensgemeinschaften uns erklären, sie seien organisiert nach neutestamentlichen Vorbild. Selbst wenn es so etwas wie „die“ apostolische Gemeindeordnung jemals gegeben hätte, wir könnten die damaligen Verhältnisse nicht wiederherstellen. Ebenso wenig wie wir uns als ältere Menschen entschließen könnten, noch einmal 18 zu sein und als junge Leute neu „durchzustarten“!


„Nicht die angemessenen Strukturen, sondern der Überfluss und die Echtheit geistlichen Lebens verleihen der Kirche die Kraft, ihre Sendung zu erfüllen“ (Marcel Légaut). Dafür aber schaffen nicht wir die Voraussetzung. Denn „einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, … Jesus Christus“ (1. Kor. 3,11). Das tat Gott selbst, wie er selbst der Urheber der Reformation ist.


Wie wir denn zu diesem „geistlichen Leben“ gelangen, werden wir oft gefragt. - Indem wir das Evangelium von Jesus Christus hören und dankbar annehmen, zu IHM kommen, bei IHM bleiben und ihn bekennen! „Im Wort, im Werk und allem Wesen sei Jesus und sonst nichts zu lesen“ (Gerhard Tersteegen). Doch selbst das ist nicht unser eigenes „Werk“, sondern „Frucht des Heiligen Geistes“ (Gal. 5,22).


Demgemäß lautet Luthers Erklärung zum dritten Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses: „Ich glaube an den Heiligen Geist“: D.h. „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten…“ In einem Erweckungslied wird dies so ausgedrückt: „Was Gott uns heißt, gibt er durch seinen Geist“!


Das ist ganz im Sinne des Apostels Paulus: „Durch die Gnade ist euch das Heil zuteil geworden durch den Glauben, nicht von euch aus - Gottes Geschenk ist es! Nicht aufgrund von Leistungen - niemand soll sich rühmen! Denn wir sind sein Werk, geschaffen durch Christus Jesus, um Gutes zu tun. Zu solchem Wandel hat Gott uns im Voraus tüchtig gemacht“ (Eph. 2,8-10, Das Neue Testament übersetzt von Ulrich Wilckens).


So verstandenes geistliches Leben oder „Wandeln im Geist“ (Gal. 5,25) als Gabe und Aufgabe hat nichts mit Werkgerechtigkeit zu tun, sondern ist Frucht lebendigen Glaubens.


Hans-Jürgen Twisselmann

aus „Brücke zum Menschen“ Nr. 171



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