Zu Jesus umgekehrt?


Wie Jehovas Zeugen zu Jesus stehen


Sie sprechen mehr von „Jehova“ als von Jesus. Begründung: Dieser habe ja selbst gesagt: „Der Vater ist größer als ich.“ Aber sie wehren sich gegen den Verdacht, sie wüssten nichts von ihm. Die Schriften der Wachtturm-Gesellschaft (WTG) hätten doch ihn und sein Erlösungswerk immer wieder thematisiert. Tatsächlich geschah dies in den letzten Jahren häufiger als in den ersten 50 Jahren nach dem Tode ihres Gründers C.T. Russell (1916).


Nun meint jedoch unsere in der Überschrift aufgeworfene Frage gar nicht, wie oft Jesus in ihren Schriften und Reden vorkommt und ob dabei nicht allerlei Richtigkeiten über ihn gesagt werden, sondern ob sie ihm heute Herz und Leben öffnen!


Beides hängt indes eng miteinander zusammen. Wenn man bedenkt, dass die ZJ sich „geistig“ von dem ernähren, was die WTG ihnen in ihren Schriften vorsetzt, stellt sich die Frage: Bringt sie ihre Leser dadurch Jesus näher? Das setzt ja wohl voraus, dass sie selbst zu ihm umgekehrt ist, denn nach Luther kann niemand vollmächtig predigen, es sei denn, er selbst hat Erfahrung mit Christus.


Die Zeitschrift Der Wachtturm vom 15. März 2000 titelt: „Wie Jesus Christus uns helfen kann“. Auch die Ausgabe vom 1. Juli 1999 konnte
- nach dem ersten Eindruck - recht hoffnungsvoll stimmen: „Warum sollte man an Jesus Christus glauben?“ und „Wie kann Jesus unser Leben verändern?“ so lauten zwei Hauptüberschriften. Der Artikel unter der zuletzt genannten Überschrift handelt von Jesu Opfertod, in der Sprache der ZJ vom „Lösegeld“ Christi, durch das alle, die an ihn glauben, wahres, bleibendes Leben erlangen. Als Schriftbeweis zitiert der Wachtturm u.a. Joh. 3,16 und kommt zu der Schlussfolgerung, die jeden ZJ eigentlich überraschen müsste: „Jesus kam demnach auf die Erde, damit gläubige Menschen L E B E N haben könnten“ (S. 6). Ein klares Bekenntnis zum Zweck des Kommens Jesu!


Während vieler Jahrzehnte hat die WTG eben diesen Zweck seines Kommens nicht als „Hauptzweck“ gelten lassen. In ihrem über lange Zeit maßgeblichen Lehrbuch „Die Wahrheit wird euch frei machen“ (deutsch 1946) hieß es auf S. 252: „… dass der Hauptzweck seines Kommens auf die Erde n i c h t darin bestand, die Menschheit zu erlösen und zu erretten“ (sondern „den Namen Jehovas zu rechtfertigen“). In dieser zentralen Frage hat die WTG nun also eine Wandlung vollzogen, es sei denn, sie hat in dem von uns gern begrüßten Satz einen Nebenzweck gemeint.


Sich direkt wenden an den großen Arzt?


Ein weiterer Gedanke im Wachtturm vom 1. Juli 1999, Seite 7, lässt ebenfalls aufhorchen: unter Anspielung auf die vorher in diesem Artikel erörterten Krankenheilungen bezeichnet der Wachtturm
J E S U S als den mitfühlenden Arzt und ruft zum Glauben an Jesus Christus auf. An sich schon ein erstaunlicher Vorgang für jemand, der die Geschichte der ZJ und ihrer lehrmäßigen Entwicklung kennt! Aber nun fügt der Wachtturm noch eine (rhetorische) Frage hinzu, die zum Nachfragen herausfordert: „Was spricht dagegen, sich selbst an den ‚Arzt’ zu wenden?“


Heißt dies, dass die ZJ und die interessierten Wachtturm-Leser und Leserinnen jetzt aufgefordert sind wie einst der zu Jesus bekehrte Saulus: „Lass deine Sünden abwaschen, indem du seinen Namen anrufst“ (Apg. 22,16)?


Dürfen die Zeugen jetzt zu Jesus beten wie der erste christliche Märtyrer Stephanus, der unter dem Steinhagel der Feinde Christi zusammenbrechend „den Herrn anrief und sprach: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf“ (Apg. 7,59)?


Oder wie der zweifelnde Thomas, (als er die Nägelmale des gekreuzigten und auferstandenen Christus betastete): „Mein Herr und mein Gott“ (Joh. 20,28)?


Oder wie der Schreiber der Johannes-Offenbarung, der mit dem Gebetsruf der Urkirche sein Buch beschließt: „Ja, komm Herr Jesus“ (Off. 22,20)?


Oder wie die Engel Gottes, von denen es heißt, dass sie den wiederkommenden Christus a n b e t e n werden (Hebr. 1,6), ja, nach des Vaters Willen anbeten „s o l l e n“?


Nein, das hat die WTG mit dem „Sich-selbst-an-den-Arzt-Wenden“
n i c h t gemeint! Im Erwachet! vom 8. April 2000 hat sie ihre - in der Überschrift gestellte - Frage „Ist es richtig, Jesus anzubeten?“
v e r n e i n t: „… Anbetung sollte … nur Gott erwiesen werden. Irgend jemand oder irgend etwas anderem Anbetung darzubringen wäre eine Form von Götzendienst.“ Dann hätten also die Christen der apostolischen Zeit fortwährend Götzendienst getrieben? Die von der WTG im Erwachet! versuchte Beweisführung - das im NT mit „Anbetung“ übersetzte Wort proskynéo meine eigentlich nur ein „Huldigen“ - löst das Problem nicht, denn es gibt ja, wie oben gezeigt, auch ohne Nennung des Wortes proskynéo solche Belegstellen, die eine Anbetung bzw. Anrufung Jesu im Wortlaut bezeugen. Konkret: Wenn der erste christliche Märtyrer Stephanus sterbend ausrief: „Herr Jesus, nimm meinen Geist auf“ (Apg. 7,59), war das nicht Gebet? Ebenso die Bitte von Off. 22,20: „Ja, komm Herr Jesus!“?


Auch der im Erwachet! erbrachte Nachweis, dass Christen - wie der historische Jesus selbst - zu Gott, dem Vater, beteten, kann nicht die Texte aus der Welt schaffen, die eine Anrufung bzw. Anbetung des von Gott erhöhten C H R I S T U S bezeugen. Was hindert die WTG eigentlich daran, beides nebeneinander gelten zu lassen, wie ja auch die frühen Gemeinden der Apostelzeit offensichtlich sowohl den Vater als auch den Sohn im Gebet anriefen? Fürchtet sie, eine allzu große „Nähe“ des Vaters und des Sohnes könnte ihre rigorose antitrinitarische Lehrentscheidung in Frage stellen? Angst vor einer Anbetung Jesu wegen der möglichen dogmatischen Konsequenzen? „… weil, so schloß er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sehr darf“ (Chr. Morgenstern)?


Dass dogmatische Vorentscheidungen auch sonst die WTG dazu verführen, klare biblische Aussagen nicht uneingeschränkt gelten zu lassen, wenn es um das Verhältnis des Einzelnen zu Jesus geht, zeigt ein weiteres Beispiel:


Jesus Mittler für alle?


Obwohl die neutestamentlichen Aussagen darüber völlig klar sind und keine Beschränkung auf eine bestimmte Menschengruppe erlauben, versucht die WTG, ihre „Zwei-Klassen-Lehre“ in die Texte hineinzudeuten. Zum besseren Verständnis für den mit der WTG-Geschichte nicht vertrauten Leser sei kurz daran erinnert: Besonders seit 1935 unterscheiden die ZJ in ihren Reihen zwei „Klassen“: Ein Überrest sogenannter „geistgesalbter“ Christen mit himmlischer Berufung, die ihr Werk leiten und einst mit Christus regieren sollen, einerseits und die „große Volksmenge“ derer, die als „Untertanen des Königreiches“ auf der von allem Bösen gereinigten E R D E zu leben hoffen, auf der anderen Seite. Zu ihnen zählt sich die große Masse der ZJ. Sie sind - im Unterschied zu dem heute noch auf Erden lebenden kleinen Überrest der auf 144 000 beschränkten „Gesalbten“ - nach offizieller WTG-Lehre


- N I C H T Gottes Kinder,

- N I C H T wiedergeboren,

- N I C H T gerecht geworden durch den Glauben,

- N I C H T „Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“, sondern Fremdlinge, dem Mischvolk entsprechend, das einst sich Israel angeschlossen hatte (im Widerspruch zu Eph. 2,19); denn sie gehören

- N I C H T zum „Leib Christi“, dem neutestamentarischen Gottesvolk aus Juden und früheren Heiden; sondern werden seitens der WTG verglichen mit den Wasserträgern und Holzsammlern, die sich einst für die Israeliten nützlich machten. Folglich dürfen sie am „Gedächtnismahl“ nur als „Beobachter“ teilnehmen; Brot und Wein empfangen nur die Glieder der „himmlischen Klasse“ der 144 000 „Geistgesalbten“.


Mit anderen Worten: Die Masse der heutigen ZJ ist vom Gnadenreichtum, vom durch Christus uns erworbenen Heil insoweit ausgeschlossen. Deshalb überrascht es nicht mehr, dass ihre Führung auch noch die Frage erörtert hat, ob Jesus Christus denn überhaupt auch für die Masse der ZJ, die „irdische Klasse“, als M I T T L E R gelten könne. Und die „leitende Körperschaft“ hat die Frage verneint und im Wachtturm vom 1. August 1979, S. 31 f. und 15. Februar 1980, S. 21 - 27 dies ausführlicher begründet. Hätten die ZJ eine persönliche Glaubensbeziehung zu Jesus, sie würden dazu kaum schweigen können.


Viele von ihnen werden jedoch schon deswegen keinen Anlass zum Protest sehen, weil die Verneinung des Mittlertums Jesu für die „irdischen“ ZJ ganz dem entspricht, was die WTG auch sonst über die „irdische Klasse“ lehrt.


Gleichwohl veröffentlichte der Wachtturm vom 15. August 1989, S. 30, eine Leserfrage, bei der unter Hinweis auf den Schluss von
1. Tim. 2,5.6 begründet wird, dass das Mittlertum Jesu doch wohl „für alle“ da ist. Die Frage lautet wörtlich: „Ist Jesus nur der Mittler für geistgesalbte Christen oder für die ganze Menschheit, da er in
1. Timotheus 2:5, 6 als der ‚Mittler’ bezeichnet wird, der ‚sich selbst als ein entsprechendes Lösegeld für alle hingegeben hat’?“


In seiner Antwort verweist der Wachtturm zunächst auf seine „Zwei-Klassen-Lehre“, über die man sich „im Klaren sein“ müsse. Dann sucht er zu zeigen, dass der Begriff des „Mittlers“ aus der hellenistischen Rechtssprache komme. In die Bibel sei er aufgenommen in Verbindung mit einem Bund oder rechtmäßigen Vertrag. Mose sei Mittler des („Alten“) Bundes mit Israel, Jesus Mittler des „Neuen Bundes“. Mit wem geschlossen? Hier bringt der Wachtturm plötzlich solche Texte ins Spiel wie 2. Kor. 1,21 f., 5, 1.5; Eph. 1,13 f., in denen vom Geistempfang und dem himmlischen Erbe die Rede ist. Weil dies aber gemäß der dogmatischen Vorentscheidung der WTG nur für 144 000 gilt, kommt er zu dem Schluss: „Folglich wird der Ausdruck ‚Mittler’ in 1. Timotheus 2:5,6 nicht in dem allgemeinen Sinn gebraucht, wie es in vielen Sprachen üblich ist. Er besagt nicht, daß Jesus ein Mittler zwischen Gott und der ganzen Menschheit ist. Er bezieht sich vielmehr auf Christus als den rechtlichen Mittler (oder ‚Sachwalter’) des neuen Bundes, denn in diesem begrenzten Sinn gebraucht die Bibel den Ausdruck.“


Die Masse der Zeugen Jehovas, denen der Wachtturm die ‚irdische Berufung’ zugedacht hat, bleibt auch hier draußen vor, auch wenn er sogleich hinzufügt: diese könnten jedoch „aus dem Opfer Christi Nutzen ziehen“. Er zitiert dazu 1. Joh. 2,2: „Er ist ein Sühnopfer für unsere Sünden, doch nicht nur für die unseren, sondern auch die der ganzen Welt“ und deutet diesen Begriff „Welt“ (sonst immer das böse „System der Dinge“!) hier plötzlich so: „Mit ‚der ganzen Welt’ sind alle gemeint, die ewiges Leben in einem … irdischen Paradies erlangen werden.“ - Und ich glaubte immer, die seien „nicht von der Welt“ (Joh. 17.16)!


Bei all dem geht der Wachtturm gar nicht auf das Argument des Leserbriefes ein, das sich auf das unüberhörbare „f ü r  a l l e“ am Schluss von 1. Tim. 2,5.6 stützt: „Einer ist Gott und einer Mittler zwischen Gott und Menschen, der Mensch Jesus Christus, der sich selbst als Lösegeld für  a l l e  gegeben hat“ (Übersetzung von Ulrich Wilckens). Weil Jesus sein Leben als Lösegeld für  a l l e  gegeben hat, ist er der Mittler geworden für  a l l e! Die ganze umständliche Wachtturm-Erläuterung kann diese ganz „einfache“ Folgerung nicht aufheben!


Kann das elitäre Denken Jesus nicht ertragen als Mittler „für Hinz & Kunz“?


Liegt der unbiblischen „Zwei-Klassen-Lehre“ ein unchristliches Elite-Denken zugrunde? Dieser mein Eindruck fand unerwartete Bestätigung durch das Buch von Raymond Franz „Der Gewissenskonflikt“: Franz, das frühere Mitglied der „leitenden Körperschaft“ der ZJ, berichtet, wie am 16. November 1979 der damalige WTG-Präsident N.H. Knorr in einer morgendlichen Bibeltextbesprechung Stellung genommen habe zur Frage des Mittlertums Jesu. Genauer: „… einige [gemeint sind ZJ!] zögen die Ansicht der [Wachtturm-]Gesellschaft in Zweifel, dass Jesus Christus nur der Mittler der ‚Gesalbten’ sei und nicht auch der übrigen [damals weltweit] zwei Millionen Zeugen Jehovas. Von diesen Zweiflern sagte er: ‚Sie möchten alles miteinander vermengen und Jesus Christus zum Mittler für jeden Tom, Dick und Harry machen’.“ In Deutschland würden wir wohl sagen: „… für Hinz und Kunz“. Demgemäß lautet die Stelle in der deutschen Ausgabe des Buches von Raymond Franz, die 2006 in ihrer 4. Auflage im Buderdienst Missionsverlag Hamburg und "Ausstieg" Karlsruhe erschienen ist: "Sie möchten ... Jesus  Christus zum Mittler für jeden Hinz und Kunz machen". (Raymond Franz, Der Gewissenskonflikt, 4. Auflage, Bruderdienst Missionsverlag 2006, S. 266). Zu derart einfachen Leuten zählte sich der Watchtower-Präsident natürlich nicht. Er gehörte ja zum „Überrest der Gesalbten-Klasse“!


Als die Einschränkungen begannen …


Nun wäre es jedoch ein Trugschluss zu meinen, das elitäre Denken der WTG hätte erst mit diesem entlarvenden Ausspruch Knorrs Einzug gehalten. Das Zwei-Klassen-System, wie es seit 1935 Lehre und Praxis der heutigen ZJ bestimmt und das elitäre Denken ihrer Führung begründet, geht letztlich auf Lehrentscheidungen des Watchtower-Gründers C.T. Russell zurück: Für ihn war die verheißene Wiederkunft Christi schon seit 1874 in das Stadium der Erfüllung getreten und die Zeit für das Millennium schon „at hand“ [= herbeigekommen]. Nun würde unter der Königsherrschaft Christ eine große ‚Wiederherstellung’ der Menschheit in Frieden und Gerechtigkeit auf dieser Erde beginnen. Jesus Christus würde Krone und Thron mit den Seinen teilen, was Jesus mit den Worten ankündigt habe: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde, denn es hat eurem Vater wohlgefallen, euch das Reich zu geben“ (Luk. 12,32). Russell schon meinte, die „kleine Herde“ bestehe aus den in der Johannesoffenbarung erwähnten 144 000. In diesen Bildern konnte sich die kleine Schar der Russell-Anhänger gut wiederfinden. Im Gegensatz zur Gesamtmenschheit, deren „Wiederherstellung“ auf  E r d e n  erwartet wurde, habe die „Kirche“, wie Russell sie auch nannte, eine
h i m m l i s c h e  Hoffnung. Sie - seine Auserwählten! Am Ende von fast 1900 Jahre Kirchengeschichte die  l e t z t e n! Deshalb der fortan immer wiederkehrende Begriff des „Überrests“, der bis heute durch die Spalten des Wachtturms geistert.


In dieses russellsche Denksystem ließen sich die biblischen Bilder von „Weinstock“ und vom „Leib Christi“ gut eintragen. Russells Anhänger sehen sich als die letzten („Fuß“-)Glieder des „Leibes Christi“. Ja, Haupt und Glieder bilden zusammen „den Christus“! Wenn sie selbst aber so eng zum HERRN gehören, so folgert Russell in den letzten Jahren seines Wirkens, dann „bedürfen sie keines Mittlers“. Wie die Wachtturm-Führung schon damals und seither in anderer Weise Christus selber zum Gegenstand der Spekulation machte, wurde ausführlich nachgewiesen im 2010 erschienenen Taschenbuch von Hans-Jürgen Twisselmann, Ich war ein Zeuge Jehovas (Brunnen Verlag Gießen und Basel, 260 S., 9,95 €).


In unserem Zusammenhang kommt es darauf an, die „Ironie der Geschichte“ zu sehen: Für die Wachtturm-Gesellschaft von 1910 ist Jesus  n i c h t  Mittler für die „Kirche“, sondern nur für die übrige Welt. Für die heutige WTG dagegen n u r für die „Kirche“, nicht für die „Welt“, nicht einmal für die Masse der heutigen ZJ!


G e m e i n s a m  aber ist den Lehrverirrungen von einst und jetzt dies eine: Sie widersprechen dem Wort Jesu Christi und seiner Apostel, indem sie an ihm Einschränkungen vornehmen. Solche Einschränkungen aber lässt weder Jesu Wort zu: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich“ (Joh. 14,6) noch das Wort des Apostels Paulus von dem  e i n e n  Gott und dem  e i n e n  Mittler, Jesus Christus, „der sich selbst als Lösegeld  f ü r  a l l e  gegeben hat“ (1. Tim. 2,5.6).


Eine weitere folgenschwere Einschränkung


Die Wachtturm-Gesellschaft hat noch eine weitere gravierende Einschränkung vorgenommen, was das alleinige Mittlertum Jesu Christi betrifft; Besondern seit den 1950er Jahren spricht sie von der ZJ-Führung als dem „Mitteilungs- und Verbindungskanal“, durch den „Jehova … mit seinem Volke verkehrt“ und den man „unmissverständlich erkennen“ müsse, „damit wir in seiner Gunst bleiben“ (Wachtturm vom 15. August 1957, S. 498).


Ich habe damals diesen überheblichen Anspruch der ZJ-Führung unter Hinweis auf das alleinige Mittlertum Jesu entschieden zurückgewiesen: Für diesen „Mitteilungs- und Verbindungskanal“ sei einfach kein Platz: weder neben Christus - denn es ist nur „ein Mittler“ (1. Tim. 2,5.6); noch nach ihm - denn er bedarf keines Nachfolgers (Hebr. 7,24), noch an seiner Statt - denn das ist der Geist des Antichrist! (2. Thess. 2,1-4)

In der Zwischenzeit hat die WTG nun versucht, Platz für ihren „Mitteilungs- und Verbindungskanal“ zu  s c h a f f e n. Wie denn? Indem sie einfach erklärt, Jesus sei „Jehovas  H a u p t-vermittler“, neben dem dann ja noch Platz wäre für weitere Mittler. Das aber zeigt:


Kein Raum im Herzen für Jesus allein!  


Die von vielen Christen - gerade auch von ehemaligen ZJ - erhoffte
U m k e h r der WTG zu Jesus Christus, dem alleinigen Mittler zwischen Gott und  a l l e n Menschen, fand offenbar nicht statt. Jehovas Zeugen predigen weiterhin statt der Frohbotschaft von Jesus Christus und der durch ihn vollbrachten  V e r s ö h n u n g mit Gott (2. Kor. 5,18-21; 1. Kor. 1,23; 15,1 f.) trotz der Warnung des Apostels Paulus (Gal. 1,8.9) ein  a n d e r e s  Evangelium: das vom angeblich 1914 „im Himmel aufgerichteten Königreich“ und die Drohbotschaft von der bevorstehenden Weltvernichtungsschlacht („Harmagedon“)! Es überrascht daher nicht, dass die solcherweise in die Organisation hineingepredigten Leute mit  J E S U S  und dem für uns erworbenen Heil so wenig anfangen können. Dass Jesus „das Lösegeld für uns bezahlt hat“  - also das „Jesus  FÜR uns“ - wird zwar nach wie vor „anerkannt“, auch bezüglich der „irdischen Klasse“. Wie aber steht es mit dem „Christus IN euch“? Von ihm sagt der Apostel Paulus: „Den verkündigen wir …“ (Kol. 1,27 f.; vgl. das paulinische Selbstzeugnis Gal. 2,20: „Christus lebt in mir“). Es sieht nicht so aus, dass die ZJ damit etwas anfangen können. Wenn gläubige Menschen sich so ausdrückten wie einst Paulus, nannte der (damals) junge ZJ Gerd R., der mich in die WTG-Lehre einführte, dies „Gefühlsduselei“. Und die ältere Zeugin Meta B. witzelte, wenn sie in der ZJ-Versammlung Meldorf davon erzählte, dass einige Fromme ihr gesagt hätten: „Ich habe meinen Heiland im  H e r z e n“, dann habe sie prompt geantwortet: „Oh, da muss er aber sehr  k l e i n  sein!“ Das ist inzwischen über 50 Jahre her, aber dass Christus „durch den Glauben in euren Herzen wohne“ - ausdrücklich Gebetsanliegen des Apostels Paulus (Eph. 3,17) - ist dem Wachtturm und seiner Leserschaft offensichtlich immer noch sehr fremd: Als er in der Nummer vom 15. Juli 1999, S. 14, unter der Überschrift „Liebe zu Gott und zu Christus entwickeln“ eben diese Epheserbrief-Stelle zitierte, sah er sich genötigt, das Wörtchen „sozusagen“ einzufügen: „Es bedeutet, Jesus für die Betreffenden so real zu machen, dass er sozusagen in ihrem Herzen wohnt.“


Indem der Wachtturm das Wort „sozusagen“ einfügt, bewirkt er jedoch, dass Jesus für sie gerade  n i c h t  real wird. Die paulinische Aussage schwächt er  deutlich ab, wie die Liebeserklärung eines jungen Mannes abgeschwächt - ja unglaubwürdig - wird, wenn er seiner Auserwählten beteuert: „Ich hab Dich sozusagen lieb“, statt klipp und klar zu sagen: „Ich liebe Dich“!


Hans-Jürgen Twisselmann


Aus „Brücke zum Menschen“ Nr. 141, aktualisierte Fassung

    


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