Vom Werden und Wachsen des Reiches Gottes


1. Zwei Gleichnisse Jesu im Wortlaut


„Ein Gleichnis legte Jesus ihnen vor und sprach: Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte. Es ist das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, so dass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen.

Ein anderes Gleichnis sagte er ihnen: Das Himmelreich ist gleich einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter einen halben Zentner Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war“ (Mt 13,31-33).


2. Einführung


Am Anfang steht das ganz Kleine, das Unscheinbare: der Wanderprediger Jesus aus Nazareth mit seiner kleinen Jüngerschar, oft begleitet von ein paar schaulustigen, schmuddeligen Kindern und einigen Randsiedlern oder gar Ausgestoßenen der Gesellschaft der Frommen und Anständigen. Zuweilen schließen sich auch Menschen an, die Jesus von einer Krankheit oder von Besessenheit befreit hat.


Die gutbürgerliche Gesellschaft rümpft die Nase über Jesus und seine Gefolgschaft (Lk 15,1 ff.). Er selbst aber sieht das Reich Gottes angebrochen! „Wenn ich die bösen Geister durch den Geist Gottes austreibe, so ist ja Gottes Reich zu euch gekommen“ (Mt 12,28). Das Reich Gottes gegenwärtig in seiner Person und in seinem heilenden und heilvollen Handeln an Menschen!


Für die Zeitgenossen Jesu wie für uns heute will die so verstandene Botschaft Jesu: „Das Reich Gottes ist herbeigekommen“ sich nicht recht „reimen“ auf das, was vor Augen ist.


Deswegen erzählt Jesus diese beiden Gleichnisse, die zum Ausdruck bringen, dass aus diesem kleinen Anfang Großes wird.


3. Wie sind die beiden Gleichnisse zu verstehen?


Mein verehrter Lehrer, Professor Helmut Thielicke, hat in seinem Werk „Das Bilderbuch Gottes. Reden über die Gleichnisse Jesu“ dazu folgendes ausgeführt:


„Hat Jesus damit sagen wollen, dass das Christentum den Weltkreis erobern wird? Ganz bestimmt hat er das nicht gemeint. Wenn Jesus … von den Geheimnissen des Wachsens spricht, dann denkt er dabei weniger an den quantitativen Vorgang, dass seine Gemeinde immer größer wird und dass sie schließlich … die Kontinente und Inseln erobert - dieser Gedanke der äußeren Expansion liegt dem Neuen Testament ganz fern - sondern er denkt daran, dass seiner Gemeinde eine Strahlkraft, eine Dynamik innewohnt, die alles um sie herum Liegende und Stehende ergreifen muss.


Man muss nämlich, um das zu verstehen, nur einmal an die anderen Bilder denken. … Da ist vom ‚Sauerteig’ die Rede, der die ganze Masse des Mehls durchsäuert und in seiner Qualität verändert. Das ist vom ‚Salz’ die Rede, das auch in kleinsten Quantitäten einen ganzen Teller Suppe verändert. Da ist endlich von der Gemeinde als einem ‚Licht’ in der Welt die Rede. Wie winzig klein ist die Lichtquelle eines Autoscheinwerfers, und wie riesig und viele Raummeter erfüllend ist der Lichtkegel, den er aus der gigantischen Finsternis einer nächtlichen Landschaft herausschneidet!


So, meint der Herr, ist es mit den Christen. Nur auf die Menge gesehen bleiben sie ein kleines Häuflein, da sind sie eine … Minorität, und Luther hat gewusst, was er sagte, als er den Christen einen einsamen Vogel nannte, der irgendwo auf dem Dach sitze und sein Liedchen trällere. Wir haben das ja alle schon einmal an uns selbst erlebt, wie es ist, wenn wir in unserem Betrieb oder im Büro oder in unserer Klasse niemanden haben, der in den entscheidenden Dingen des Lebens mit uns einig ist. Wir fürchten uns manchmal vor dem etwas befremdeten Blick, mit dem uns sonst sehr nette und verständige Leute ansehen, wenn wir im Gespräch einmal Glaubensdinge anklingen lassen oder gar unser Tischgebet verrichten. Dann ist es manchmal so, als ob wir von einer unsichtbaren Isolierschicht umgeben wären.


… wir sind in der Minorität. Nur dass Jesus uns nun zu verstehen gibt: Dieser quantitative Gesichtspunkt des Abzählens ist völlig falsch. Wie lächerlich ist es zu sagen: Hier sind ein paar Gramm Hefe und das sind zwei Pfund Mehl. Nach der demokratischen Verfassung des Backofens muss also das Mehl den Ton angeben, weil die Hefe überstimmt ist. Jesus sagt uns gerade umgekehrt: Es kommt darauf an, wo die eigentliche Wirkkraft sitzt, und die hat eben die Hefe und nicht das Mehl; die hat das Salz und nicht die Suppe; die hat das Licht und nicht die hundert Kubikmeter Finsternis.


So lange die Salzkörner freilich im Salzfass sind, und so lange das Licht unter dem Scheffel ist, merken sie nichts von dem, was ihnen an Kraft innewohnt. … Wir sollten uns von Gott einmal den frommen Schwung und die herzhafte Keck- heit schenken lassen, uns in die Weltsuppe und in die Weltfinsternis hinauszuwagen. Wir sollten dort, wo immer wir auch stehen, zu sagen wagen, wer wir sind und was wir glauben. Dann würden wir schon … erleben, dass der Herr Recht hat, wenn er von der Kraft des Durchsäuerns und Leuchtens spricht. Wenn wir die anderen und wenn wir unsere Umgebung nicht durchsäuern, wenn wir also unsere Christengabe nicht arbeiten lassen, werden wir selber säuerlich. Und die vielen säuerlichen Christen und „verdruckten“ Existenzen, die wir in der Kirche haben, das sind lauter Salzfassprodukte, die sich nicht hinaustrauen. … Wir müssen uns ganz realistisch klar machen, dass die Leute in unserer Umgebung, die Christus nicht kennen, ein sehr armes und fades Mehl sind… dass sie uns als Salz und Sauerteig bitter nötig haben. Dann verlieren wir ganz von selbst die Angst vor der Minorität und werden dessen inne, dass wir einen Auftrag haben und dass es sich lohnt - ganz einfach lohnt! - den Verheißungen Jesu zu trauen und realistisch mit ihnen zu rechnen.


Genau dasselbe meint das Gleichnis vom Senfkorn. … Manchmal fällt nur ein einziges Körnlein des göttlichen Wortes in ein Menschenherz. Und wie winzig und unscheinbar sind die Worte oft gewesen, die Jesus Christus ausgesät hat und die den Menschen dann zum Schicksal wurden: ‚Folge mir nach’ sagt er, und als der Zöllner Matthäus das hörte, da war es um ihn geschehen, und er wurde zu einem Botschafter für die ganze Welt. - ‚Siehe, das ist Gottes Lamm.’ Als der Fischer Johannes das hörte, da begann alles in ihm zu schweigen, was er bisher gedacht und gesagt hatte und nun wurde er ein Zeuge, von dem unser Glaube noch heute zehrt. - ‚Gehe hin, dein Glaube hat dir geholfen.’ Als die Trauernden und Leidenden das hörten, begann in ihnen ein Feuer zu brennen, das sie heute noch als Zeugen des Heilandes über der Welt leuchten lässt. Diese kleinen Wortkörner sind zu Schicksalsworten geworden, die als Sterne auch an unserem Himmel leuchten und die noch die Weltnacht durchglänzen werden, wenn die letzten Wehen der Geschichte über uns kommen. …


Verstehen wir nun, was das heißt …: Nicht die Christenheit wächst, nicht die Kirche, nicht das christliche Abendland wächst? … Wenn in Rundfunk und Presse christliche Vokabeln zu finden sind, wenn es fast so etwas wie eine Mode geworden ist, auf Wort und Rat der Kirche zu hören, und wenn auch solche, die persönlich nichts mit Jesus von Nazareth zu tun haben wollen, immerhin das so genannte Gedankengut christlicher Parteien und ähnlicher Bewegungen ‚bejahen’ …, könnte das das nicht eine Krebsgeschwulst …, eine krankhafte Zellwucherung sein, könnte es nicht Rummel und Betrieb sein und also mehr … mit taktischer Schläue zu tun haben, als mit einem Herzen, das unter dem Kreuze Frieden gefunden und die Heimat des Vaterhauses wiedergewonnen hat?


Wie können wir denn diese krankhaften krebsartigen Wucherungen von einem wirklichen Wachsen des eigentlichen Organismus unterscheiden? - Nur so - das zeigt uns Jesu Gleichnis -, dass wir an ihm wachsen, dass wir sein Wort in uns Gestalt gewinnen und dass wir alles, was wir sind und denken und tun, von ihm durchdringen lassen, dass wir morgens mit ihm aufwachen und er unser erster Gedanke ist, dass wir in unserem Kollegen und Arbeitskameraden den Menschen sehen, für den er gestorben ist, dass wir unsere Arbeit durch ihn heiligen lassen, dass wir ihm für die Freuden und Erfüllungen unseres Lebens danken und die Schmerzen und Züchtigungen aus seiner Hand nehmen und dass wir endlich uns beim Sterben ‚seine Hand unter den Kopf legen lassen, damit er uns hebe und halte’ (Matthias Claudius).


Nur wenn wir ihn so in unser Leben hineinlassen, wird sein Wort in uns wachsen und keine christliche Krebsgeschwulst entstehen. … Aber die Verheißung, dass der Baum so über die Welt hinwächst, haben wir nur, wenn wir das Senfkorn in uns selber wachsen lassen, ganz einsam ganz still, und im Zwiegespräch mit Jesus …


Wir haben einen Heiland, dem die Welt gehört und vor dem sich aller Knie beugen werden. Und weil wir mit Macht auf seinen Tag zugehen, haben wir einen langen Atem. Darum braucht uns das Kleinste nicht zu klein sein …“


4. Schlussgedanken über das „Schon jetzt“ und das „Noch nicht“


Der letzte Absatz in dieser Ansprache Prof. Thielickes erinnert uns daran, dass Gottes Reich nicht  n u r  eine gegenwärtige Größe ist, sondern auch eine zukünftige. Die Vollendung des Reiches Gottes beim Wiederkommen Christi ist Inhalt und Ziel unserer Hoffnung. Darauf warten wir, und darum beten wir stets „Dein Reich komme“! Weil wir glauben, dass Gott keine halben Sachen macht. „Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung“ (Röm 8,24). Wir sind schon Kinder Gottes (Röm 8,16; Gal 3,26, Joh 1,12), aber wir tragen - wie die ganze Welt - noch alle Kennzeichen des Unzulänglichen, Unvollendeten, werden jedoch unsere Vollendung erfahren, wenn Jesus wiederkommt, einerlei, ob wir zu der Zeit noch auf Erden sind oder nicht (1Thess 4,13-18). Darauf wartet unbewusst auch die ganze, der Vergänglichkeit ausgelieferte Schöpfung, denn auch sie soll frei werden zu derselben Freiheit, die den Kindern Gottes jetzt schon geschenkt ist (Röm 8,19-22).


Es ist gut, dass hier die Bibel uns lehrt, über den „Tellerrand“ unserer persönlichen Heilserwartung und die unserer Lieben zu blicken. Dass uns dies gelingt, den (nur scheinbar frommen) Heils-Egoismus zu überwinden, ist ja nicht selbstverständlich. Über der Eingangstür eines holsteinischen Bauernhauses grüßten vor Jahren - in Holz gebrannt - die zwei Worte: „Nur selig!“ Und ein evangelischer Pastor wurde beim Verabschieden der Gottesdienstbesucher an der Kirchentür gefragt: „Nicht wahr, Herr Pastor, wir werden unsere Lieben wiedersehen?“ - Darauf er: „Ja, aber die anderen auch …!“


„Nur selig“ - wir und unsere Lieben? So gewiss wir aufgerufen sind: „Schafft, dass ihr selig werdet mit Furcht und Zittern, denn Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen …“ (Phil 2,12 f.), so gewiss dürfen wir dabei das Gebot der Nächstenliebe - auch zu unserem fernen Nächsten - nicht vergessen. Darum ist das Christentum derer, die ständig mit sich selbst beschäftigt sind, fast nur das eigene Wohl und Heil im Auge haben und das ihrer Angehörigen, eine Engführung.


Ein anderes Missverständnis der biblischen Eschatologie, der Lehre von den „letzten Dingen“, ist die in manchen „Sekten“, aber auch in gewissen „fundamentalistischen“ Kreisen verbreitete Neigung, eine Art „Fahrplan“ der Endgeschichte aufzustellen. Weil man von der irrigen Voraussetzung ausgeht, dass alles, was in der Bibel steht, von gleichem Rang und für uns von gleicher Verbindlichkeit ist, kombiniert man Texte des Alten wie des Neuen Testaments, wenn sie nur zusammenzupassen scheinen, zu einen Endzeit-Lehrsystem. Es überrascht nicht, dass es ebenso viele unterschiedliche Ergebnisse solcher Puzzle-Spiele gibt, wie Endzeit-Experten, die sich daran versucht haben. Und dass ihre Prognosen nicht eintrafen!


Die Bibel selbst kennt ein in sich geschlossenes Endzeit-Lehrsystem nicht; man trägt es in sie hinein. Und es wird auch immer wieder Abnehmer geben, denen danach „die Ohren jucken“ (2Tim 4,3). Doch wenn irgendwo das Pauluswort 1Kor 13,9 f. zutrifft, dann hier: „Unser Wissen ist Stückwerk, und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören“. Auch der Schreiber des Ersten Johannesbriefes gesteht: „Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist“ (1Joh 3,2). Darum sagen wir: Gott ließ uns nur wenig darüber wissen, was kommt, aber wir dürfen wissen,  w e r  kommt! Es ist der, zu dem der Verfasser des letzten Buches der Bibel im vorletzten Vers anbetend spricht: „Ja, komm, Herr  J e s u s!“ (Offb 22,20).


(Das längere Zitat von Helmut Thielicke wurde mit freundlicher Genehmigung des Verlage dem Buch entnommen: Helmut Thielicke, Das Bilderbuch Gottes, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh).


Hans-Jürgen Twisselmann

aus „Brücke zum Menschen“ Nr. 173  

  


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