Erfüllen Jehovas Zeugen den Predigtauftrag Christi?


I. Das „Evangelium“, das Jehovas Zeugen predigen


Der Wachtturm selbst hatte in seiner Nummer vom 1. Januar 1990 das Evangelium (d.h. die Frohe Kunde oder Gute Botschaft) als Hauptthema. Er beginnt auf Seite 3 mit einem Bibelwort aus der Offenbarung des Johannes (14,6): „Ich sah einen … Engel, und er hatte eine ewige gute Botschaft, um sie … denen zu verkünden, die auf der Erde wohnen …“.


Dann fragt der Wachtturm (WT): „Doch welche Botschaft könnte so gut sein, daß sie von einem Engel verbreitet werden muß?“ und gibt eine doppelte Antwort:


1.) die Freudenbotschaft von der Geburt Jesu auf den Fluren Bethlehems;

2.) die Botschaft der Zeugen Jehovas (ZJ) vom 1914 „aufgerichteten Königreich“.


Letzteres wird dann im WT näher beschrieben:


„Im ersten Jahrhundert wurden zwar viele der Vorsätze Gottes verwirklicht, die Jesus betrafen, aber als König des Königreiches Gottes wurde er damals nicht auf den Thron erhoben. Wie in dieser Zeitschrift schon häufig dargelegt worden ist, geschah das erst 1914. In jenem Jahr wurde Gottes Königreich in den Himmeln aufgerichtet.“


Diese Botschaft der ZJ nennt der WT dann im Hauptartikel „die beste, die je verkündigt werden könnte.“ (WT vom 1.1.1990, S. 12, Abs. 12).


II. Gegenfragen


Aber ist diese 1914-Botschaft auch das Evangelium der Bibel, genauer: das   Evangelium, das die Apostel predigten in Erfüllung des Missionsbefehls Jesu Christi (Mt 28, 19 f., Mk 16,15)? Der WT will es offenbar andeuten, indem er diesem Haupt- und Studienartikel das Pauluswort voranstellt: „Ich schäme mich der guten Botschaft nicht; sie ist tatsächlich Gottes Kraft zur Rettung für jeden, der Glauben hat“ (Röm 1,16, NWÜ).


Aber meint denn der Apostel Paulus, wenn er von der „guten Botschaft“ spricht, die vom 1914 „aufgerichteten Königreich“? Selbst ZJ geben zu, dass Jesus und seine Apostel „natürlich“ noch nichts von der „Aufrichtung des Königreiches im Jahre 1914“ wissen konnten, und der WT selbst hat wiederholt eingeräumt, beim 1914-„Evangelium“ handle es sich nicht um das ursprüngliche Evangelium.

Z.B. heißt es im WT-Buch „Der Heilige Geist - die Kraft hinter der künftigen neuen Ordnung“ (deutsch 1976), S. 144/16: „… dass das vorhergesagte weltweite Predigtwerk nicht das gleiche Werk war, das in den vergangenen 1900 Jahren des ‚Evangeliumszeitalters’ durchgeführt worden war, nämlich die Verkündigung vom herannahenden Königreich. Jetzt sollte die Botschaft von einem aufgerichteten Königreich verkündet werden.“


Schon fast zwei Jahrzehnte früher hatte der WT (Ausgabe vom 15.4.1958, S. 239) das apostolische Evangelium als „alt und unzeitgemäß“ bezeichnet, um seine neue zeitgemäße Botschaft eines gekommenen Königreiches Gottes zu rechtfertigen.


Handelt es sich also bei der 1914-Botschaft erwiesenermaßen um eine ganz andere als die des Apostels Paulus, mit welchem Recht zitiert der WT diesen Pauluswort am Anfang des Studienartikels über das 1914-Evangelium? Ist das nicht Bibelmissbrauch und Augenwischerei? Könnte es sein, dass die WT-Schreiber - trotz früherer Eingeständnisse - verhindern möchten, dass ihre Leser die 1914-Botschaft als ein anderes Evangelium erkennen, das mit der paulinischen Botschaft nichts, aber auch gar nichts zu tun hat? Und dass sie dann auch mit Erschrecken die Warnung des Apostels Paulus wahrnehmen: Selbst wenn Apostel oder auch „ein Engel vom Himmel euch ein anderes Evangelium predigen würden, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht“ (Gal 1,8.9).


Der Inhalt des paulinischen Evangeliums


Der Unterschied zwischen der paulinischen Botschaft und dem 1914-Ersatz-„Evangelium“ ist übrigens viel gravierenden und viel tiefer, als die zitierten Eingeständnisse des WT vermuten lassen:


Im Mittelpunkt der WT-Botschaft steht ein Datum  - 1914 -, Zentrum des paulinischen Evangeliums aber ist eine Person: Jesus Christus, und zwar als der für uns Gekreuzigte (1Kor 1,23; 2,2) und Auferstandene (1Kor 15,1-3; Röm 10,8.9). Weil es für jeden, der es im Glauben aufnimmt, Versöhnung mit Gott bewirkt, nennt Paulus es auch „das Wort von der Versöhnung“ (2Kor 5,19 f.); weil es Frieden mit Gott nicht nur ansagt, sondern herstellt, ist es das „Evangelium des Friedens“ (Eph 6,15; 2,17), und weil es für alle, die glauben, Heil und Rettung bewirkt, ist es „das Evangelium von eurer Seligkeit“ (Eph 1,13). Nicht zuletzt: Es ist zugleich „Evangelium des Reiches“ (Mat 24,14), denn mit Jesu (erstem) Kommen ist Gottes Reich „mitten unter euch“ (Lk 17,20 f.) und die Glaubenden sind schon jetzt „hineinversetzt“ (Kol 1,13). Freilich steht seine Vollendung noch aus, darum beten sie um sein „Kommen“ (Mat 6,10). Niemals aber war es nur „Verkündigung vom herannahenden Königreich“, wie es das oben zitierte ZJ-Buch im Hinblick auf die „vergangenen 1900 Jahre“ beschreibt (hier wird nur ein Teilaspekt gesehen). Überhaupt keinen biblischen und apostolischen Grund aber hat das ‚heute fällige’ 1914-Evangelium vom „aufgerichteten Königreich“. Dies ist ein völlig anderes „Evangelium“ und steht darum nach Gal 1,8.9 unter dem NEIN Gottes, weil es seine Anhänger vorerst um das Heil betrügt, das nur das wahre Evangelium bringt! (siehe hierzu auch das Buch „Ich war ein Zeuge Jehovas“ von Hans-Jürgen Twisselmann, S. 105 ff.; Bestellmöglichkeit siehe unter „Selbstdarstellung“  „Buchempfehlung“)


Dass wir uns nicht falsch verstehen: Das unbiblische Ersatz-„Evangelium“ steht unter dem göttlichen Gerichtsurteil. Über den einzelnen Zeugen Jehovas steht uns Menschen kein Urteil zu (Mat 7,1, 1Kor 4,5). Im Gegenteil: Wir ringen darum, dass es bei ihnen zur Umkehr kommt und einer echten Hinwendung zu dem hin, der sie und uns alle einlädt: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid …, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen“ (Mat 11,28 f.) und: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen“ (Joh 6,37)!


Warnschilder nicht „überfahren“!


Viele allerdings ziehen es vor, „um jeden Preis“ sich und die Wachtturmgesellschaft zu rechtfertigen, etwa unter Hinweis auf die chronologischen Berechnungen, die angeblich den Anbruch des „Königreiches im Himmel 1914“ belegen. Doch Jesus hat alle menschlichen Versuche, GOTTES Termine zu errechnen, mit den warnenden Wort abgewiesen: „Es gebührt euch nicht, Zeiten und Zeitpunkt zu wissen, die der Vater … bestimmt hat“ (Apg 1,7). Wer Warnschilder übersieht oder „überfährt“ - wir kennen das aus dem Straßenverkehr - muss mit schlimmen Folgen rechnen. Das ist auch der Grund dafür, dass alle Datenberechnungen der Vergangenheit gescheitert sind und furchtbare Enttäuschung und Beschämung zur Folge hatten, auch die Berechnungen, die zur Entstehungsgeschichte des 1914-„Evangeliums“ gehören! (Näheres dazu unter „Themen“  „Die Botschaft von 1914“).


Hans-Jürgen Twisselmann

aus „Brücke zum Menschen“ Nr. 112


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