Sind Frauen Menschen zweiter Klasse?


Protest gegen eine gestörte Schöpfungsordnung


Karin und Peter wollen heiraten. Mit ihnen freuen sich ihre Verwandten und Freunde. Die aber machen dazu auch gern ihre Späße: Nun musst du also in den sauren Apfel beißen, Peter! Und zu Karin gewandt: Vergiss nicht, dass es schon in der Bibel heißt „Er soll dein Herr sein“. Wenn auch Leute von heute oft nur noch wenig aus dem Buch der Bücher kennen,  d i e s  glauben sie zu wissen: dass die Frau dem Mann untertan sein soll! Das sei eben Teil der Schöpfungsordnung, basta!


Aber sie irren sich: Der Satz „Er soll dein Herr sein“ ist genauso wie das bekannte Wort Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen, weil Dornen und Disteln dem Ackerbauern blühen, Teil der Ankündigung der fatalen Folgen der durch die Sünde gestörten Gottesbeziehung. Mit anderen Worten: Diese vielen Leuten vertrauten Texte sind nicht Ausdruck der von Gott gesetzten Schöpfungs o r d n u n g, sondern einer Schöpfungs s t ö r u n g (Helmut Thielicke).


Hat man sich aber an Ergebnisse einer Störung gewöhnt, hält man sie für „normal“: Im Palästina der Zeit Jesu gehörte diskriminierende Behandlung der Frau schon zur Normalität. Zwar kennt das späte Judentum gelegentlich Stimmen, die das tugendhafte Weib loben oder davon sprechen, dass die Frauen vor Gott die gleichen Rechte hätten wie die Männer; die allgemeine Einstellung zu Frauen sieht jedoch völlig anders aus: mit einer Frau sollte ein Mann sich nicht unterhalten, mit der eigenen nur das Notwendigste. Denn Frauen seien „gierig essend, neugierig horchend, träge, eifersüchtig und leichtfertig“; „viel Frauen, viel Zauberei“; „zehn Einheiten Schwatzhaftigkeit sind auf die Welt herabgekommen, neun davon erhielten die Frauen“, „wohl dem, dessen Kinder männliche, und wehe dem, dessen Kinder weibliche sind“. In einem alten jüdischen Morgengebet dankt der Beter Gott, nicht als Tier und nicht als Frau geboren zu sein.


Nur vor diesem Hintergrund lässt sich die Art und Weise, wie  J e s u s  Frauen begegnete, wie er mit ihnen und über sie sprach, und was das Neue Testament über die Rolle der Frauen an Karfreitag und Ostern berichten, überhaupt angemessen würdigen:


Jesus hat sich über die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze der Umwelt hinweggesetzt, indem er z.B. mit einer Frau am Jakobsbrunnen redete. Deshalb wunderten sich die Jünger, „dass er mit einer Frau redete“ (Joh 4,27).


Dasselbe Verwundern steht unausgesprochen auch hinter den Berichten, dass Jesus die Tochter einer kanaanäischen - also „ausländischen“ - Frau heilte, oder die Schwiegermutter des Petrus, oder die Maria aus Magdala, oder wenn Jesus den „Jüngling zu Nain“ aus Mitleid mit seiner Mutter auferweckte. Als geradezu „unmöglich“ empfanden fromme Juden Jesu Besuche im Haus der Maria und Martha.


Frauen waren es, die unter Jesu Kreuz ausharrten und schließlich auch zu den ersten Zeugen seiner Auferstehung gehörten.


Jesus hat angesichts der kultischen und sozialen Degradierung der Frau mit ihrer Gleichbegnadung vor Gott Ernst gemacht und damit die Schöpfungsstörung auf- gehoben. Die Frage drängt sich auf:


Warum wurde Jesu Vermächtnis nicht durchgehalten?


Bis in unsere Zeit hinein haben auch Christen sich dem angeblich „weltlichen“ Anliegen der Gleichberechtigung der Frau ganz oder teilweise verschlossen. Die Ursache: schon die frühe christliche Kirche in der Zeit der Apostel hat das geistliche Vermächtnis Jesu in ihren eigenen Reihen  n i c h t  voll durchge- halten.


Nicht dass sie den Herrn Jesus Christus nicht verstanden hätten! Der Apostel Paulus, der ihn zweifellos besser verstanden hat als irgendein anderer Apostel, konnte der Kirche Christ auf ihrem Weg durch die Jahrtausende die „Grundregel“ mitgeben: Durch den Glauben an Jesus Christus seid ihr nun zu Kindern Gottes geworden. Ihr gehört zu Christus. Jetzt zählt nicht mehr, ob ihr Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, Männer oder Frauen seid: In Christus seid ihr alle eins (Gal 3,26-28)! Hätten aber die Christen - und sei es nur in den eigenen Reihen - diese Rangunterschiede abgeschafft, so hätte zweifellos die etablierte Gesellschaft der „freien“ und mächtigen  M ä n n e r  befürchtet, dies würde auf die ganze Gesellschaft übergreifen, und sie hätten sich dieser unbequemen „Aufrührer“ durch blutige Verfolgung entledigt. Dass es ohnehin später un- ter den Cäsaren Nero und Diokletian zu grausamen Christenverfolgungen gekommen ist, zeigt, wie begründet diese Befürchtungen waren.


M.a.W.: Weil die frühen christlichen Gemeinden zur Veränderung der damals von allen anderen anerkannten „Ordnungen“ keine Möglichkeit hatten, sahen sie sich genötigt, das Verhältnis von Frau und Mann in der christlichen Gemeinde neu zu definieren. Die Ergebnisse sind bekannt. Sie lassen sich in dem Satz zusammenfassen: Frauen sollen den Männern untertan sein. In Eph 5,21 wird diese Regel jedoch bereits relativiert, wenn es heißt „Seid einander untertan in der Furcht Christi“.


Es wäre müßig, darüber zu streiten, was die Christen damals hätten anders machen können. Wir sollten lieber fragen:


Wie können wir heute Jesu Vermächtnis Geltung verschaffen?


Im Gegensatz zur Situation der ersten Christen und denen in den nachfolgenden fast 1900 Jahren leben wir heute in einem freiheitlich-demokratischen Staatswesen. Religionsfreiheit und Schutz von Minderheiten, wie es sie früher fast nur in Ausnahmefällen gab, sowie ein zuvor nicht gekanntes Maß an individueller Freiheit sind seit mehr als einem halben Jahrhundert für uns selbstverständlich geworden. Deshalb können wir heute in Familie und Gemeinde die Konsequenzen ziehen aus dem, was unser Herr Jesus uns gelehrt und vorgelebt hat, auch was das Verhältnis von Mann und Frau betrifft. Nur wenn wir dazu bereit sind, wird unser Bekenntnis zum christlichen Menschenbild, der Gottesebenbildlichkeit des Menschen und der grundsätzlichen Gleichbegnadung von Mann und Frau glaubwürdig. Und nur dann werden wir erreichen, dass durch unser Wort und Beispiel auch die letzten in unserer Gesellschaft noch nicht behobenen Rangunterschiede zwischen den Geschlechtern der Vergangenheit angehören, so wie heute schon das Unwesen der Sklaverei.


Hans-Jürgen Twisselmann

aus „Brücke zum Menschen“ Nr. 185     


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