Das gesetzlich-moralistische Missverständnis des Evangeliums


Als ich vor längerer Zeit als Gastlehrer in einer freikirchlichen Bibelschule unterrichtete, entdeckte ich einmal mit Erstaunen beim Betreten des Klassenzimmers eine echte Baumwurzel. Meine Schüler, lauter gläubige junge Männer und Frauen, hatten sie mit einer Schnur an der Wandtafel befestigt. Auf meine Frage, was die Wurzel denn zu bedeuten habe, erhielt die sehr „entschiedene“ Antwort: „Sie muss mit der Wurzel raus, die Sünde, das Böse …“. Daran sollte die Wurzel sie stets erinnern.


Hut aber vor diesen jungen gläubigen Menschen! Wer möchte nicht einem gleichgültigen Gewohnheitschristentum ein verbindliches, „entschiedenes“, radikales Christsein entgegensetzen (radikal heißt ja: ‚mit der Wurzel’). Solange jemand für sich selbst so denkt, ist das zumindest subjektiv begreiflich, ja ehrenwert. Nur: Wie will er es schaffen? Wie Sündlosigkeit erreichen, während doch die Bibel sagt: „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns“ (1Joh 1,8)?


Noch gefährlicher aber wird es, wenn die Sünde bzw. das Böse (wenn es denn schon bei uns selbst nicht zu erreichen ist) bei andern ausgetrieben werden soll. In der christlichen Gemeinde bietet sich da ja das an, was man Gemeindezucht nennt, und wofür man die theologischen Grundlagen und Kriterien der Bibel entnimmt, genauer, dem Neuen Testament.


Auch Jehovas Zeugen führen zum „Beweis“ dafür, dass ihre rigide Ausschlusspraxis „biblisch“ sei, die gleichen Bibelworte ins Feld. „Es steht geschrieben“ - mit dieser Zauberformel wird nun bei ihnen nicht mehr die Sünde, sondern der Sünder radikal aus der Versammlung ausgemerzt, einerlei ob dabei die Liebe auf der Strecke bleibt, Barmherzigkeit und ganz schlichte Menschlichkeit mit Füßen getreten werden oder nicht.


Wo liegt da das Missverständnis des Evangeliums?


1. Die für solchen Purismus bemühten Texte des NT gelten „nicht einfach so“. Sie sind ja eingebunden - etwa bei Paulus - in eine theologische Gesamtkonzeption, in der Jesus Christus die Mitte ist, der die an ihn Glaubenden „ohne Verdienst gerecht“ macht aus Gnade (Röm 3.23.24; Eph 2,5.8). Losgelöst von dieser „Mitte“ aber wird sehr leicht aus einem an sich legitimen Gespräch mit dem Schuldiggewordenen ein lieblose Tribunal. Denn nun haben wir es oft nicht mehr - wie in einer am Evangelium von Jesus Christus orientierten Gemeinde - mit gnädigen, weil selber begnadigten Nächsten zu tun, sondern mit gnadenlosen Richtern. Die Folgen: ein ständig wachsendes Heer von Menschen, den man  das „geistige Rückgrat brach“, u.U. dadurch seelisch kaputtmachte! Darum dürfen die erwähnten Texte und der ganze Gemeindezuchtbereich nicht losgelöst werden von der geistlichen Mitte, von Jesus Christus.


2. Sie dürfen ebenso wenig losgelöst werden von ihrem historischen und geographischen Kontext: Die am meisten aufgebotenen Stellen stehen in den Korintherbriefen. Korinth aber war damals schon eine Hafenstadt mit internationalem Handel und Wandel, in der Prostitution und Kriminalität zum „Milieu“ gehörten wie in allen großen Hafenstädten der Welt. Wer die Korintherbriefe des Apostel Paulus unter diesem Blickwinkel liest, spürt auf Schritt und Tritt, wie schwer es ihm fiel, den Geist der porneia - der Unzucht, der Prostitution - und eine Reihe weiterer Übel von der Gemeinde fernzuhalten bzw. sie davon wieder zu befreien. Außergewöhnliche Schwierigkeiten verlangen außergewöhnliche Maßnahmen! Doch wer wollte so vermessen sein, diese „Notstandsmaßnahmen“ für eine in ihrer Existenz gefährdete Gemeinde kurzerhand auf jede christliche Normalgemeinde zu übertragen? Die für Korinth geltenden Weisungen waren nicht für die ganze Urchristenheit normativ - und erst recht nicht für uns heute (vg. hierzu „Brücke zum Menschen“ Nr. 101/102, S. 43). Würde Paulus heute unter uns sein, er würde es ablehnen, der Gnade durchs „Gesetz“ zum Sieg zu verhelfen, denn das hieße ja, was im Geiste begonnen wurde, „im Fleisch’“ zu vollenden (Gal 3,3 ff.). Moral mit dem Knüppel durchzusetzen ist nicht nur unchristlich, sondern auch unmoralisch.


3. Während sich andere religiöse Richtungen der Zeit Jesu und in der Apostelzeit als die „Reinen“ aus der sündigen Welt zurückzogen in klösterliche Einsamkeit, sandte Jesus die Seinen in die Welt hinein (Mt 28, 19 f.). Während heutige ZJ - und keineswegs nur sie! - darauf bestehen, Jesus Christus such nur „würdige“ Leute, beschreiben die Evangelien Jesus als den Heiland der Sünder, der sich mit „verkrachten Existenzen“ und „Tiefgefallenen“ zu Tisch setzt und ihnen damit zeigt: Ihr seid angenommen. Gott hat euch lieb (Lk 15,1 ff.). Das trug Jesus den Argwohn und die Ablehnung der Frommen ein, die ihn als Kumpan der Zöllner und Sünder zurückwiesen (Lk 7,34; Mt 11,19). Zuletzt brachten sie ihn dafür an den Galgen.


Das Neue Testament ist also weit davon entfernt, eine Gemeinde der schon Vollkommenen und Sündlosen zu behaupten oder auch nur anzustreben. Im Gegenteil! Von den ersten Kapiteln des Matthäus- und des Lukasevangeliums an, die u.a. den Stammbau Jesu enthalten, bis hin zu den Kreuzigungsberichten ging es den Evangelisten darum, Jesus als den Heiland der Sünder darzustellen: Der Erste, dem Freiheit und Leben geschenkt wurden, weil Jesus an seiner Stelle sein Leben ließ, war der Mörder und Aufrührer Barrabas (Mt 27,26). So machten sie überzeugend deutlich: Sünder zu retten ist das Programm seinen Lebens (Mk 2,17)! Und wenn Jesus uns in seine Nachfolge ruft, gehört dazu auch, dass wir bereit werden zur Solidarität mit den Sündern.


Manche meine, mit „Sündern“ seien nur die Unbekehrten gemeint. - Sind die Bekehrten etwa keine Sünder? Nach Luther ist der Glaubende „simul justus - simul peccator“, d.h. Gerechter und Sünder zugleich!


Die froh- und freimachende Botschaft vom Sünderheiland darf natürlich nicht als Freibrief zur Zügellosigkeit missdeutet werden (1Petr 2,16). Doch dass es diese Gefahr gibt, berechtigt niemanden, das Evangelium durch eine neue Gesetzesknechtschaft zu ersetzen (Gal 1,8.9; 3,1-13).


Hans-Jürgen Twisselmann

aus „Brücke zum Menschen“ Nr. 109/110




Verständnis für eine prekäre Situation


Wir haben es wohl alle schon so empfunden:  Die Botschaft der Gleichnisse Jesu – z.B. das vom „Guten Vater“ in Lk 15 - und die erörterte Art von „Gemeindezucht“ in der Frühzeit der Kirche wollen nicht so recht zusammenpassen. Wurde Jesu Vermächtnis schon damals nicht durchgehalten? Rigorose bzw. uneinheitliche Exkommunikationsregeln haben Kritiker auf den Plan gerufen. Sie können vor allem auf fatale Auswirkungen in der nachfolgenden Kirchengeschichte verweisen:


Was Paulus einst anordnete wegen der katastrophalen Zustände vor allem in

der Hafenstadt Korinth (alle Hafenstädte haben ja so etwas wie die Reeperbahn in Hamburg), wurde bald verallgemeinert und überall angewandt, wo man in der Kirche Sünde witterte. Krasse Beispiele dafür sind die späteren Ketzerverfolgungen, aber auch das Genfer „Theokratie-Experiment“ des Reformators J. Calvin, der von 1509 bis 1564 lebte. Aus dem neutestamentlichen Christusbild war zu der Zeit schon längst ein  a n d e r e s  geworden: Aus dem guten Hirten, der 99 Schafe sich selbst überlässt, um dem einen nachzugehen, das sich verlaufen hat, wurde weithin der strenge Sittenwächter und Richter, der das eine `sündenkranke’ opfert, damit die anderen nicht angesteckt werden.


Was jedoch damalige und heutige Kritiker oft übersahen: Paulus hat modern

gesprochen sich unter Zugzwang gesehen: In der noch jungen Gemeinde in

Korinth waren viele Gemeindeglieder, wahrscheinlich auch die Führungsriege,

unter den Einfluss einer gnostischen Strömung geraten. Diese Leute, die sich


für Charismatiker hielten, machten dem Apostel Paulus das Leben schwer

 (Vgl. 2Kor 10 bis 13). Sie warfen ihm u. a. vor, in Briefen spiele er den starken

Mann; aber wenn er selbst anwesend sei, wirke er schwach und seine Rede

kläglich (2Kor 10,10). Dagegen setzte er sich zur Wehr: „Wer so redet, der bedenke, wie wir aus der Ferne in den Worten unserer Briefe sind, so werden wir, wenn wir anwesend sind, auch mit der Tat sein“ (Vers 11). Und dazu gab es Veranlassung genug: Die angeblich Geist-Erfüllten führten ein Lasterleben, und Paulus musste eine Ausbreitung dieses Bazillus befürchten. Deswegen sah er sich gezwungen, jene Maßnahmen anzuordnen, an denen sich die Kritik entzündete – damals wie heute. Einer unserer Autoren aber hat schon vor Jahren in einem Beitrag für die „Brücke zum Menschen“ um Verständnis für Paulus geworben: „Die frühen Gemeinden mussten ihren Weg erst finden“, schrieb er. Und das war zweifellos ein sehr beschwerlicher Weg mit vielen Schlaglöchern und Stolpersteinen. Das macht vieles begreiflich.


Auch wir meinen, für diese menschliche Seite der frühen Christengemeinden - einschließlich der situationsbedingten Art von Gemeindezucht in Korinth -  sollten wir Verständnis haben. Gott hat nun einmal den Schatz der Frohen Botschaft in die Hände von Sündern gelegt. Paulus selber spricht vom „Schatz in irdenen Gefäßen“ und zu denen zählt er zu allererst – sich selbst (1 Tim. 1,15 f.).


Dem lutherischen Theologen Wilhelm Löhe verdanken wir den guten Rat:„Lass die barmherzige Auffassung aller Dinge deine Lebensaufgabe sein“. Könnte es für unser Leben eine bessere Losung geben? Und eine größere Hilfe zur Lösung von Problemen im Kleinen wie im Großen. In Kirche und Welt?


Hans-Jürgen Twisselmann und Rainer Ref

aus „Brücke zum Menschen“ Nr. 187




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