Worauf kommt es eigentlich an?


Gerechtigkeit aus Gnade oder menschliches Leistungsdenken


 „Hauptsache gesund!“ So pfeifen es die Spatzen von den Dächern, denn nur der Gesunde kann etwas leisten und „sich etwas leisten“. Leistest du was, so bist du was. Andernfalls giltst Du als Nichtsnutz, Faulpelz oder ganz schlicht als Versager. Wer möchte das schon! Darum wird auch unser Selbstwertgefühl krank, ge- raten wir in besonderer Weise in Gefahr, uns selbst nicht mehr achten zu können: „Was bin ich überhaupt noch wert?“ - Als ob der Wert eines Menschen von seiner Leistung abhängt!


„Jede Zeit hat ihren Wahn“, sagt ein geflügeltes Wort. Der hier kurz skizzierte Leistungswahn scheint mir für unsere „nachchristliche Gesellschaft“ typisch zu sein. Sie ist weithin diesem Wahn verfallen, weil sie - trotz einiger Restfragmente des christlichen Glaubens - dessen  
H e r z s t ü c k  nicht mehr kennt. Um das soll es im Folgenden gehen.


Zuvor jedoch dies: Inmitten unserer westlichen „weltlichen“ Leistungsgesellschaft(en) etablierte sich eine äußerst aktive, auf Expansion bedachte Gegengesellschaft, die ebenfalls das Leistungsdenken auf ihre Fahne geschrieben hat. Eine religiöse Leistungsgesellschaft inmitten der „weltlichen“ - trotz der Warnung von Röm 12,2: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich“! Die Rede ist von Je- hovas Zeugen. Sie haben wie wohl keine zweite sich zum Christentum bekennende Gruppe das Leistungsprinzip der modernen Wirtschaft übernommen. Des- halb bedienen sie sich auch bisweilen ihrer Methoden der Leistungsüberwachung. Ältere ZJ und Kenner der Organisation werden sich noch dran erinnern, dass in den Versammlungsstätten der Zeugen während Jahrzehnten eine „Felddiensttabelle“ hing - wie eine Landkarte vor der Schulklasse - auf der die „Verkündiger“ die „Quote“ für jeden Monat buchstäblich vor Augen hatten. Sie war für die ZJ in etwa das, was im nicht mehr „real existierenden“ DDR-Sozialismus einst das „Plansoll“ oder „Leistungssoll“ gewesen ist.


Die „Felddiensttabelle“ hat die WTG klugerweise inzwischen abgeschafft, denn viele Interessierte und Suchende wurden durch sie abgeschreckt, auch dann, wenn sie das dahinter stehende Leistungsdenken noch gar nicht durchschauen konnten. Es ging und geht bis heute bei den ZJ nur um eins: Dienst, Dienst, Dienst! Von Haus zu Haus und in der Fußgängerzone. … Die Quotentabelle ist abgeschafft, das Leistungsdenken blieb.


Das Selbstwertgefühl eines Zeugen hängt vor allem davon ab, wie viele Stunden er leistet. Auch sein Ansehen in der Versammlung (= Gemeinde) ist davon abhängig. Das zeigt sich z.B. darin: Wenn ein Kreis- oder Bezirksaufseher mit einem Konflikt zwischen zwei Zeugen Jehovas konfrontiert wird, so lässt er sich grundsätzlich zuerst einmal die „Verkündigerkartei“ der „Versammlung“ geben. Diese verrät ihm nämlich, wie viele Stunden die Kampfhähne im „Predigtdienst“ verbracht haben, wie viele Wachtturm-Schriften sie dabei abgeben konnten usw.


Im Gesamtzusammenhang dieses Beitrages fragen wir: Hängen nicht auch bei den ZJ Glaubwürdigkeit und damit  W e r t  eines Menschen von seiner Leistung ab? Wie in der vielgeschmähten „alten bösen Welt“, nur dass hier noch im ideologischen Überbau „Jehova“ steht als oberster Leistungskontrolleur. Weil seine „Königreichsinteressen“ angeblich auf dem Spiel stehen, werde er die emsig Tätigen belohnen, die auf ihre eigenen Interessen Bedachten dagegen „vernichten“. Durch solche Lohn- und Straf-Prognosen, also letztlich mit Zuckerbrot und Peitsche, hält die WTG ihre Zeugen im Trab. Jahrzehnte hindurch!


1957 klang es so: „Den persönlichen Interessen in selbstsüchtiger Weise den ersten Platz einzuräumen, bedeutet, schlecht zu handeln, und man zieht sich dadurch ein Schuldkonto zu, was Vernichtung zur Folge hat … Den Interessen Gottes in selbstloser Weise den ersten Platz einzuräumen, bedeutet Gutes zu tun, und dadurch entsteht für den Betreffenden ein Verdienstkonto, und er empfängt als Lohn das ewige Leben“ (Wachtturm vom 15.5.1957, S. 317).


1972 hieß es: „Bald werden wir die wunderbare Belohung dafür empfangen, daß wir dieses einzigartige Vorrecht wahrgenommen haben …“, nämlich den Menschen das Evangelium zu „verkündigen und sie darüber zu belehren“ (Wachtturm vom 1.4.1972, S. 211).


Im Jahr 2000 brachte die WTG es auf die griffige Formel: Wer Gottes Freund sein will, „muß tun, was ihm gefällt“ (ZJ-Werbebroschüre „Werde ein Freund Gottes, Brooklyn und Selters 2000, Lektion 3, S. 5).


Ein ZJ versteht darunter dank permanenter Wachtturm-Schulung: Um Gottes Freund zu sein, muss ich vor allem den geforderten Predigtdienst verrichten. Ferner muss ich treu und brav alles das mitmachen, was zur Zurüstung dafür laut Organisationsanweisung nötig ist: Zu diesem Zweck sitze ich, wie die anderen Zeugen auch, wöchentlich 4 Stunden in den Zusammenkünften.


Für diese muss ich mich gründlich vorbereiten, indem ich die dort zu „studierenden“ Wachtturm-Publikationen sorgfältig durcharbeite und die Antworten auf die „unterm Strich“ gestellten Fragen zu den einzelnen Abschnitten im fortlaufenden Text unterstreiche. Und dann gilt es, das auf diese Weise zu Hause und in den Zusammenkünften Gelernte in die Praxis umzusetzen:


- bei den Gesprächen im Dienst von Tür zu Tür;


- bei Diskussionen, die sich beim Schriften-Anbieten in der Fußgängerzone ergeben;


- bei gezielten Rückbesuchen in der Wohnung derer, die beim ersten Gespräch Interesse zeigten;


- nicht zuletzt beim „Heimbibelstudium“ mit denen, die der Einladung zu einer „kostenlosen biblischen Unterweisung“ gefolgt sind (Das „Bibel“studium aber ist in Wahrheit ein Studium der Wachtturm-Publikationen).


Wenn man bedenkt, dass ein ZJ diese zeit- und kraftraubenden Aufgaben wahrnimmt  n e b e n  den Berufs- und Familienpflichten, die er - oder sie - neben al- len anderen Mitbürgern gemeinsam hat, so überrascht es nicht, dass viele Zeugen unter solcher permanenter Überforderung nervlich und psychisch an die Grenzen ihres Vermögens kommen und manche darunter zerbrechen. Der amerikanische Psychotherapeut Dr. Jerry Bergman konstatierte schon vor Jahren eine überdurchschnittliche Zunahme von Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen bei den Zeugen, und die Zahl der Selbstmordfälle steigt in alarmierendem Ausmaße.


Das Fatale ist, dass sich das Leistungsdenken bei den ZJ - im Gegensatz zur „weltlichen“ Leistungsgesellschaft - beharrlich auf die  B i b e l  beruft. Zu Recht? - Keineswegs! Wer das Neue Testament ohne Wachtturm-Brille liest, wird sehr bald zu diesem beglückenden und befreienden Ergebnis gelangen.


In der Arbeitswelt geht es selbstverständlich nicht ohne Leistung. Aber Gott lässt sich durch unsere vermeintlichen Verdienste nicht beeindrucken.


Das Heil können wir uns nicht verdienen. Kein geringerer als der Apostel Paulus hat den jüdischen Leistungsfanatikern seiner Zeit ins Stammbuch geschrieben, was auch auf die ZJ zutrifft: „Ich gebe ihnen das Zeugnis, dass sie Eifer für Gott haben, aber nicht gemäß genauer Erkenntnis: denn weil sie die Gerechtigkeit Gottes nicht erkannten, suchten sie ihre eigene (!) zur Geltung zu bringen“ (Röm 10,2.3 nach ihrer eigenen „Neuen-Welt-Übersetzung“). Im Spiegel ihrer eigenen Bibel müsste schon an dieser Stelle den Zeugen eigentlich aufgehen, dass die WTG mit ihrem Leistungsdenken sich über das biblisch-christliche Zeugnis hin- weggesetzt hat.


Warum aber, so mag mancher fragen, hat sich Paulus so energisch gegen diese Leute gewandt, obwohl sie doch unbestritten solchen „Eifer für Gott haben“? - Paulus antwortet: weil sie ihre eigene Gerechtigkeit zur Geltung bringen wollen. Damit jedoch haben sie sich total übernommen, ihr eigenes Vermögen überschätzt, denn „Es gibt keinen gerechten (Menschen), auch nicht einen … Alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes“ (Röm 3,10.23 NWÜ). Auf die „eigene Gerechtigkeit“ zu bauen, ist also ein einziger Selbstbetrug: Würden wir dennoch unsere eigenen religiösen, moralischen oder „Predigtwerk-Verdienste“ vor Gott zur Geltung bringen wollen, wir wären alle in Zeit und Ewigkeit verlorene Leute!


Nun aber eröffnet uns das Evangelium von Jesus Christus -  G n a d e ! Gott vertauscht - um ein Bild aus dem Wachtturm hier wieder aufzunehmen - sozusagen die „Konten“: Unser „Schuldkonto“ hat Jesus sich aufgeladen, und sein „Verdienstkonto“ rechnet er uns zu. Biblisch gesprochen: Er schenkt uns seine Gerechtigkeit. Nun endet der „klassische“ Satz des Apostels Paulus, den ich schon als Kind im Religionsunterricht lernt, nicht mit der vernichtenden Feststellung: „Sie sind allzumal Sünder!“ Nein, der Apostel fügt hier die beglückende Botschaft hinzu: „… und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist“ (Röm 3,23.24 nach der Übersetzung Luthers, Ausgabe von 1985).


Gerecht - allein durch Gottes Gnade! Welch eine Wandlung zu unserem Heil! Wir beginnen zu begreifen, warum in den neutestamentlichen Texten über diese geschenkte Gerechtigkeit stets ein Ton der Freude hindurchklingt. Um nur ein paar Beispiele zu nennen:


- „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“ (Röm 3,28).


- „Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir … Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird“ (Röm 5,1.2).


- „So gibt es nun keine Verdammnis mehr für die, die in Christus Jesus sind“ (Röm 8,1).


Angesichts dieser schier unbegreiflichen Auswirkungen der „Gerechtigkeit aus Gnade“ bleibt uns nichts anderes, als froh und dankbar Gottes Geschenk anzunehmen. Auch wenn Menschen mir etwas schenken, gehört es mir ja erst dann, wenn ich es annehme. Und je mehr ich hinter dem Geschenk die Liebe des Gebers erkenne, desto größer meine Dankbarkeit. - haben wir, weil wir etwas ahnen von der großen Liebe Gottes zu uns, sein Geschenk der „Gerechtigkeit aus Gnade“ schon im Glauben angenommen? Und haben wir ihm von Herzen dafür gedankt?


Es mag sein, dass unser gewohntes Leistungsdenken, das „Selberverdienenwollen“, uns diesen Schritt erschwert. In unserer Gesellschaft fordert man „Rechte“ ein. Gnade - kommt fast nur noch in der Gerichtssprache vor: Ein Verurteilter wird u.U. „begnadigt“ …


In ähnlicher Weise werden auch Zeugen Jehovas empfinden: auch ihnen ist gleichsam in Fleisch und Blut übergegangen: „Ohne Arbeit kein Lohn!“, wie es in einem Brief einer Zeugin an den Bruderdienst heißt.


Das größte Hindernis aber ist für sie die offizielle Wachtturm-Lehre, die Millionen von ZJ und Neuinteressierten den Zugang zur „Gerechtigkeit aus Gnade“ systematisch versperrt hat:


Unerheblich ist, dass die WTG in ihren Schriften den Begriff „Gerechtigkeit aus Gnade“ nicht verwendet. Auch wir meinen, dass eine genaue Exegese der Römerbrieftexte eigentlich den Begriff „gerecht durch Jesus Christus aus Gnade“ erforderlich macht. Das aber klingt umständlich. Weil wir dieses Geschenk nur „mit der Hand des Glaubens“ ergreifen können - ja,  n u r  durch den Glauben, nicht durch Werke - sprechen wir auch von der Glaubensgerechtigkeit.


Unerheblich ist auch, dass die WTG statt des missverständlichen Begriffs „Gerechtigkeit“ sich des (ebenfalls mehrdeutigen) Wortes „Rechtfertigung“ bedient. Demgemäß spricht sie in aller Regel von der „Rechtfertigung durch den Glauben“, und sie weiß seit den Tagen ihres Gründers, C.T. Russell, was damit gemeint ist. Jedoch im Gegensatz zu ihm, wie auch zu Paulus, zu Augustinus und Luther, sieht sie hierin nicht mehr das zentrale christliche Anliegen. Sie geht sogar noch viel weiter, indem sie der Masse der Zeugen Jehovas, denen sie ein Paradies auf Erden verheißen hat, folgende Auskunft gibt:


1. Die Rechtfertigung durch den Glauben diene nur dem Zweck, „gewisse Personen zur Mitgliedschaft im Leibe Christ auszuerwählen, damit sie die himmlische Herrlichkeit mit ihm teilen“ (Wachtturm vom 1.11.1954 unter der Überschrift „Gerechtgesprochen durch Jehova“). Dies sei jedoch im Wesentlichen abgeschlossen - bis 1935, so dass heute nur noch wenige tausend ZJ sich zu dieser „himmlischen Klasse der 144.000“ zählen. M.a.W.: Gottes Geschenk, durch Christus gerechtgesprochen zu werden, ist nur dieser Minderheit unter den ZJ vorbehalten.


2. Von der Masse der ZJ, der die WTG eine „irdische Berufung“ zugedacht hat, heißt es dagegen: Diese „benötigt daher keine Rechtfertigung durch den Glauben“ („Ewiges Leben - in der Freiheit der Söhne Gottes“, S. 386 f., Abs. 22).


Hat somit das Gros der heutigen Zeugen keinen Zugang, aus Gnade gerettet zu werden durch Jesus Christus, so bleibt konsequenterweise nur die Werkgerechtigkeit. Genauer: der zum Scheitern verurteilte Versuche, durch eigene Verdien- ste Gottes JA zu gewinnen. Demgemäß heißt es in dem oben bereits zitierten Buch „Ewiges Leben …“: „Die große Volksmenge … muß beweisen, dass sie es verdient, … von Gott beschützt zu werden. Das Überleben [des Gottesgerichtes von „Harmagedon“] wird somit ein Beweis für eine beachtenswerte verdienstliche Tat … sein“ (a.a.O., S. 369, Abs. 57). Dabei wird jeder ZJ in erster Linie an den „Predigtdienst“ von Tür zu Tür denken.


3. Die WTG suggeriert auch in ihrer Werbebroschüre „Werde ein Freund Gottes“, man könne durch Wohlverhalten und Anschluss an die Organisation der ZJ ein guter Mensch und Freund Gottes werden: „Da Jehova gut ist, müssen auch seine wahren Anbeter gute Menschen sein“ (S. 16). Und „wer sich der glücklichen Familie der Zeugen Jehovas anschließt, kann sich für immer der Freundschaft Gottes erfreuen. Was sollte man also tun?“ Die nächsten Überschriften auf derselben Seite (S. 289 f.) geben die Antwort:


„Gott unsere Liebe zeigen, indem wir seinen Geboten gehorchen“


“Das Gelernte anwenden“


„Hingabe“


„Taufe“


„Eifer im Dienst für Jehova“


Zeit zum Erwachen für die ZJ!


Diese Broschüre ist ein einziger Versuch, die Zeugen und die von ihnen Umworbenen auf die WTG-Werkgerechtigkeit einzuschwören - unter Ausnutzung der verbreiteten Unkenntnis über die zentrale biblische Botschaft von der Ge- rechtigkeit durch Jesus Christus, allein aus Gnade, allein durch den Glauben. Wir können den durch die WTG-Irrlehren verführten Zeugen nur zurufen: Lasst euch nicht länger des Kostbarsten und Größten berauben, das Gott uns in seinem Wort zugesagt hat, wofür Jesus Christus sein Leben dahingab. Dadurch, dass ihr, die ihr nach Wachtturm-Deutung nur „Untertanen des Königreiches“ seid, keinen Zugang haben sollt zur Glaubensgerechtigkeit, seid ihr praktisch ausgesperrt vom Heil, das Jesus uns teuer erworben hat.


Wenn ihr als Ersatz dafür wieder mit den eigenen Werken und „Verdiensten“ vor Gott bestehen wollt, so wisst dies eine: Daran sind schon der Pharisäer Paulus, der durch Jesus ein Paulus wurde, und der katholische Mönch Martin Luther, der zum Reformator wurde, gescheitert. Der Apostel Paulus hat rückblickend diesen Versuch, durch eigene Verdienste vor Gott zu bestehen, geradezu als „Dreck“ bezeichnet und als „Schaden“: „Was mir Gewinn war, das habe ich um Christi Willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne und in ihm erfunden werde, dass ich nicht habe      m e i n e  Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die aus dem Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird“ (Phil 3,7-9).


Wollen wir nun erneut das versuchen, was ein Luther und ein Paulus bereits ver- worfen haben? Wo bleibt denn eure vielgerühmte Bibel-Erkenntnis? Bemerkt ihr gar nicht, wie die WTG der Bibel widerspricht?


Diese Gesellschaft sagt euch: die Glaubensgerechtigkeit sei nur für 144.000 (genauer: nur für den kleinen noch auf Erden lebenden „Überrest“). Die Heilige Schrift aber sagt: „Gottes Gerechtigkeit durch den Glauben an Jesus Christus [ist] für  a l l e,  d i e  g l a u b e n“ (Röm 3,22)!


Wie heißt es doch in der Broschüre „Werde ein Freund Gottes“ (S. 18): „Eine Religion ist falsch, wenn sie nicht die Wahrheit aus der Bibel lehrt. Die falsche Religion gleicht Falschgeld - sie scheint echt, ist aber wertlos“!

  

Wir haben oben von einigen Auswirkungen der „Gerechtigkeit aus Gnade“ gesprochen, die der Römerbrief ausdrücklich nennt. An dieser Stelle seien noch zwei weitere genannt:


1. Wenn Gott JA zu uns sagt, können auch wir ein JA finden zu uns selbst, zu unserem Leben. Ein starker Impuls, allen Versuchen, das Leben wegzuwerfen oder auch nur gering zu achten, zu  w i d e r s t e h e n!


2. Manche Stimmen wurden laut, die Gnade mache den Menschen faul und träge; sie verhindere Glaubenseifer und Opferbereitschaft für Gott und unseren Nächsten. Das Gegenteil ist der Fall: Bewusst aus Gottes Gnade zu leben, setzt in uns Kräfte frei, dass wir - befreit von der Sorge um das eigene Heil und Wohl - uns für das Wohl und das Heil anderer einsetzen können. Es war wohl Friedrich von Bodelschwingh (sen.), der einmal gesagt hat: „Wer erbarmende Liebe erfahren hat, der kann rettende Liebe üben; und wer von Barmherzigkeit lebt, der kann anderen Barmherzigkeit erweisen.“ In seinem Leben hat sich die Wahrheit dieses Ausspruchs erwiesen. Übrigens auch im Leben seines Sohnes, Pastor „Fritz“ von Bodelschwingh. Unter höchster Lebensgefahr für sich selbst und seine Familie hat er es in den Jahren 1939/40 als Leiter der Diakonischen Anstalten Bethel gewagt, sich dem Befehl des Naziregimes zur Vernichtung von psychisch Kranken, Epileptikern, geistig Behinderten und zum Teil auch ganz einfach nur senilen Menschen zu widersetzen. Nach hartem, zermürbenden argumentativen Ringen, das ihn an die Grenzen seiner physischen und psychischen Kräfte führte, konnte er erreichen, dass die Heiminsassen aus Bethel   n i c h t  abtransportiert und getötet wurden. Ein leuchtendes Beispiel dafür, dass die Gnade befreit und ermächtigt zur helfenden Tat!


Hans-Jürgen Twisselmann

aus „Brücke zum Menschen“ Nr. 145


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