Und wo bleiben die „guten Werke“?


„Ihr redet so viel von Jesus und vom Glauben an ihn“, meinte einmal eine eifrige Schriftenverbreiterin, „aber wo bleiben bei Euch die guten Werke? Ohne Arbeit bekomme ich in meiner Firma keinen Lohn. Ebenso gibt es bei Gott ohne unsere Werke kein ewiges Leben!“


Das ist menschliche Logik und Erfahrung. Aber Jesus hat wiederholt deutlich gemacht, dass es bei Gott gerade so nicht zugeht wie in unserer Tarif- und Arbeitswelt. Denken wir z.B. an sein berühmtes Gleichnis von den Weinbergarbeitern (Mt 19,27-20,16). Jesus hat dieses Gleichnis ja erzählt als Antwort auf die Frage des Petrus: „Was bekommen wir dafür, dass wir alles verlassen haben und mit dir gegangen sind?“


Er und sie hätten’s wohl am liebsten, wenn die Antwort lauten würde: Jedem sein Lohn entsprechend seiner Leistung! Das sagt uns unser Rechtsempfinden, und so wollen es die Tarifpartner.


Jesus aber stellt dies alles geradezu auf den Kopf: Wer früh an die Arbeit geht und den ganzen Tag sich abschindet, bekommt keinen Pfennig mehr als der, der erst eine Stunde vor Feierabend Hand anlegte. Eine Firma, die so verfahren würde, müsste bald Bankrott anmelden. Denn es würde ja bald kein Arbeiter mehr in der Frühe zur Arbeit gehen; jeder würde sich auf den bequemen Einstundentag einrichten!


Aber will Jesus etwa neue Grundsätze für die Tarifpartner aufstellen? Will er uns nicht vielmehr mit diesem Gleichnis deutlich machen: Bei Gott gilt eine andere Tarifordnung als im Verkehr von Brötchengeber und Lohnempfänger. Bei ihm heißt es nicht: „Wie deine Arbeit, so dein Lohn“. Denn wie Gott selbst uns immer wieder als „der ganz Andere“ begegnet, so ist auch seine göttliche Art zu lohnen ganz anders als die unsere:


Für Gott wirken zu dürfen, ist selbst schon sein Geschenk! Kostbarer als alle Schätze dieser Welt! Dienst für Gott trägt seinen Lohn schon in sich selbst. Aber dieser „Lohn“ ist Gnade!


Auf sie sind wir alle angewiesen, auch wenn wir in Treue Gott dienen. Bedenken wir: Wie viele Fehler, wie viel Versagen, wie viele Versäumnisse zeigt er uns in unserem Dienstleben! „Gott muss uns am Ende auch noch unseren Dienst vergeben“, sagte einmal ein gesegneter Gottesmann. Wer noch seinen „verdienten Lohn“ meint einfordern zu können, hat Jesu Wort nicht verstanden: „Wenn ihr alles getan habt, was euch aufgetragen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte“. Der hat noch nicht begriffen: Wenn’s nach unserer Leistung ginge, dann auch bei unseren Versagern, Versäumnissen, bei unserem Schuldigwerden! Dann wehe uns am Tage der Abrechnung! Wie viel Ehrgeiz und Selbstsucht mischen sich oft selbst in unsere noch so guten Absichten!


Lasst uns deshalb, statt auf angeblich „verdienten Lohn“ zu spekulieren, unserem Herrn dankbar sein für sein befreiendes Wort, für die frohmachende Nachricht dieses Gleichnisses, dass Gott gütig ist und nicht nach der irdischen Regel „Wie du mir, so ich dir“ mit uns verfährt; dass er nicht nach unseren Plus- und Minuspunkten auszahlt, sondern nach seiner grundlosen Barmherzigkeit. Dies aber nicht einfach „mir nichts, dir nichts“. Nicht aus einer Laune heraus, sondern weil er die „Lohntüten“ bewusst vertauschte: Was wir verdient haben, das zahlte er einem anderen aus - auf Golgatha am Kreuz! Und was dieser andere verdient hat, das rechnet er uns an! Seither kann alle echte Arbeit für Gott, aller Gehorsam, alles Tun seines Willens nichts anderes sein wollen als ein Zeichen fröhlicher Dankbarkeit!


Dankbarkeit für seine Gnade. Gnade - vergessen wir das nicht - heißt Freispruch trotz erwiesener Schuld; meint somit ganz buchstäblich unverdiente und unverdienbare Güte!


Von dieser Gnade leben wir alle. Wenn wir uns dessen im Glauben stets bewusst wären, würden wir sie anderen nie mehr absprechen. Wer selber durch Jesus Christus den gnädigen Gott erfahren hat, wird anderen ein gnädiger Nächster: dem schwierigen Ehepartner oder Familienmitglied im eigenen Haus ebenso wie dem „fernen Nächsten“ in der Dritten Welt; dem Juden gegenüber, der mit einem gekreuzigten Messias noch nichts anzufangen weiß; dem moslemischen Nachbarn oder Kollegen gegenüber, der - vielleicht - über Christen und Kirchen den Kopf schüttelt; dem Eigentümer des „Demeter“-Ladens gegenüber, der die fremd anmutende anthroposophische „Geisteswissenschaft“ Rudolf Steiners zu buchstabieren versucht, und nicht zuletzt gegenüber dem Zeitschriftenverbreiter an unserer Haustür und in der Ladenstraße, der - Harmagedon vor Augen - „ums Leben läuft“.


Hans-Jürgen Twisselmann

aus „Brücke zum Menschen“ Nr. 135   


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