Leben, sterben und was dann?


I. Verständigung, worum es eigentlich geht


Wir können uns den Fragen im Umfeld von „Leben - sterben und dann?“ nur als persönlich Betroffene nähern, wenn nicht schon von vornherein das ganze Unternehmen zum Scheitern verurteilt sein soll.


Grund und Ursache unserer christlichen Hoffnung über Sterben und Tod hinaus sind nicht in irgendeiner Lehre zu suchen, überhaupt nicht in einem „Es“, sondern in einem lebendigen „Du“, nämlich in Gott selbst, der sich in Jesus Christus, dem für uns Gekreuzigten und Auferstandenen, unser erbarmt hat und uns Anteil gibt an seinem Auferstehungsleben - aus lauter Gnade!


Wir müssen uns der Unzulänglichkeit unserer Begriffe (bis hin zum Wort „Auferstehung“) ebenso bewusst sein wie der Tatsache, dass selbst unser bestes Wissen bruchstückhaft, unsere richtigsten Erkenntnisse - gemessen an der Wirklichkeit dessen, was noch vor uns liegt - „Stückwerk“ bleiben, bis das Vollkommene gekommen sein wird (1Kor 13, 9-12) und dass darum Bescheidenheit und Toleranz uns gut anstehen.


Wenn dies alles klar ist, können wir uns auch um eine dem Evangelium gemäße Lehre in dieser „Sache“ bemühen und sie in unserer zunehmend pluralistischen und multireligiösen Umwelt im Dialog mit Andersdenkenden und anders Glaubenden engagiert und so deutlich wie möglich vertreten.


II. Die christliche Hoffnung


1. Der biblische Befund


a) Altes Testament


Das Alte Testament weiß nichts von einer „unsterblichen Seele“. Menschen sind „wie Gras, das aufsprosst; am Morgen blüht es und sprosst auf; am Abend wird es abgemäht und verdorrt“ (Ps 90,5.6; 102,12), „wie die Blume des Feldes“ (Ps 103,14; 1 Petr 1,24), ja wie Staub (Ps 103,14; 104,29). In ihrem von Gott gelösten Dasein, ohne Leben in sich selbst, zeichnen sie sich im Sterben durch nichts den Tieren gegenüber aus; sie haben „einerlei Geschick“. „Alles geht an einem Ort, alles ist aus dem Staube geworden, und alles kehrt zum Staube zurück“ (Pred 3,19.20). Auch die Seele des Menschen - hebr. nepesch - entgeht dem Tode nicht (4 Mos 23,10; Ps 143,7). Weil die Seele sterben kann (und, wenn sie sündigt, sterben muss), verdient sie nicht die Bezeichnung „unsterblich“.


In vielen Fällen bezeichnet die Bibel den ganzen Menschen als „Seele“. Das kommt schon im Schöpfungsbericht 1 Mos 2,7 zum Ausdruck! Siehe auch Hes 18,4.20 usw. In anderen Fällen ist das Wort „Seele“ gleichbedeutend mit „Leben“ (Jes 53,12, wo es wörtlich „Seele“ heißt: „dass er seine Seele ausgeschüttet hat in den Tod“). Schließlich nennt die Bibel sogar Tiere „Seelen“ (1 Mos 1,20.24; 2,19).


b) Neues Testament


Dem hebräischen Wort nephesch entsprechend bezeichnet auch das neutestamentliche Wort psyche nicht eine vom Körper trennbare Seele, durch die sich der Mensch vom Tier unterscheide, sondern in der Regel den ganzen Menschen, der aus Erdenstaub und Lebensodem (Leib und Geist) besteht. Gemäß Jesu Worten in Lk 17,33 und 9,24 kann ein Mensch seine Seele, wenn er sie zu erhalten sucht, gerade „verlieren“. Nach Mt 10,28 kann Gott „Leib und Seele“ in der Gehenna verderben („umbringen“ gemäß der konkordanten Wiedergabe). Wenn Gott Seelen verderben oder umbringen kann, sind sie nicht un-sterblich … Allen Versuchen, dem Menschen - oder einem Teil von ihm - Unsterblichkeit zuzuschreiben, tritt das Neue Testament entgegen, indem es Gott preist als „König aller Könige und Herr aller Herren, der  a l l e i n  Unsterblichkeit hat …“ (1 Tim 6,15.16).


Wenn Gott allein Unsterblichkeit hat, ist damit jede Diskussion um eine angeblich „unsterbliche Seele“ des Menschen gegenstandslos. Dann können wir mit  unserer Ewigkeitssehnsucht und all unserem Heilsverlangen uns nur der einen Quelle zuwenden: diesem lebendigen Gott! Er hat durch unseren Herrn Jesus Christus unser Todesgefängnis schon aufgebrochen und uns  ewiges Leben, ja Unsterblichkeit eröffnet. Diese aber „haben“ wir nicht, sondern empfangen sie bei der Wiederkunft unseres Herrn und der Auferstehung der Toten. Der Apostel Paulus schreibt: „Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden. Denn dies Verwesliche muss anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit“ (1 Kor 15, 51-53).


Auch im 1. Brief an die Thessalonicher (4,13-18) bringt der Apostel Paulus diese Hoffnung zum Ausdruck - hier unter Verwendung des Begriffs Entrückung: „Wir wollen euch aber, liebe Brüder, nicht im Ungewissen lassen über die, die entschlafen sind, damit ihr nicht traurig seid wie die andern, die keine Hoffnung haben. Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auf- erstanden ist, so wird Gott ebenso auch die Entschlafenen durch Jesus mit ihm zum Leben führen. Denn das sagen wir euch mit einem Wort des Herrn: Wir, die wir noch leben und bis zur Ankunft des Herrn am Leben bleiben, werden denen nicht zuvorkommen, die entschlafen sind. Denn der Herr selbst wird mit befehlendem Wort, mit der Stimme des Erzengels und mit der Posaune Gottes vom Himmel herabkommen, und zuerst werden die Toten, die in Christus gestorben sind, auferstehen. Danach werden wir, die wir noch am Leben sind, zugleich mit ihnen auf den Wolken in die Luft entrückt werden, dem Herrn entgegen; und so werden wir beim Herrn sein für alle Zeit. So tröstet einander mit diesen Worten.“


Halten wir daher fest: Unsere christliche Hoffnung basiert nicht auf einer unsterblichen Seele, sondern auf den für uns Gekreuzigten und  Auferstandenen. Als der Auferstandene ist er Grund und Ursache der Hoffnung auf unsere  Auferstehung  und Vollendung (Joh 14,2.3; 1Kor 15, 12-20).


Manche haben daraus gefolgert, bis zur Auferstehung seien die Verstorbenen völlig ausgelöscht. Um darauf kurz einzugehen:


2. Zur „Ganztod-Lehre


Es gibt etliche Aussagen im Neuen Testament, die dieser Vorstellung widersprechen (Apg 7,59; Offb 6,9; 14,10.1; Hebr 12,23; 1 Petr 4,6);  der Schluss ist zwingend, dass die eigentliche Persönlichkeit - die „Seele“ - in der Sterbestunde nicht ausgelöscht wird, wie die Zeugen Jehovas (ZJ) und andere meinen, sondern durch Gottes gnädige Macht aufbewahrt wird, bis er am Tage des Gerichts ihr das letzte Urteil spricht.


Nun verstehen wir auch, dass der Apostel Paulus sagen kann: „Ich habe Lust, abzuscheiden und bei Christus zu sein“ (Paulus in Phil 1,23), oder: “Wir wissen ja, wenn unser Zelt, das Haus worin wir hier auf Erden wohnen - [im Tode] abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott bereitet, ein himmlisches Haus, das nicht mit Händen gemacht ist, sondern ewig bleiben soll“ (2 Kor 5,1 nach Albrecht). Am Schluss seiner längeren Ausführungen, die durch besonderen Bilderreichtum gekennzeichnet sind und daher leicht Anlass geben für den Vorwand der Schwerverständlichkeit, sagt es der Apostel dann mit aller wünschenswerten Klarheit: „Wir … möchten … diesen Leib verlassen und daheim sein bei dem Herrn“ (2 Kor 5,8 nach der Übersetzung von L. Albrecht).


Noch einmal: Dies alles ist weit davon entfernt, dem Menschen eine ihm innewohnende Unsterblichkeit zuzuschreiben. Nicht minder fern aber liegt dem    Apostel Paulus der Gedanke der „Totalvernichtung“, wonach beim Sterben der ganze Mensch in nichts verfällt, um an einem ferner „jüngsten Tag“ neu erschaffen zu werden. Wie könnte er dann von „Auferstehung“ sprechen? Dieser Be- griff setzt doch voraus, dass jemand da ist, der „auferstehen“ kann. Vor allem aber: Hätte Paulus so gedacht wie die ZJ und unsere adventistischen Freunde, so hätte er sich in all den hier angeführten Stellen anders ausgedrückt.


Wenn Zeugen Jehovas oder Siebenten-Tags-Adventisten (STA) die vorliegenden Ausführungen lesen, werden sie meinen: Im Wesentlichen werde diese biblische Sicht auch von ihrer Glaubensgemeinschaft vertreten“. Dagegen ist zu sagen:

1.) Die „biblische Sicht“ wird durch die dem NT widersprechende „Ganztod-Lehre“ sowohl bei den ZJ wie bei  den STA  n i c h t  durchgehalten.

2.) Beide Glaubensgemeinschaften verderben die biblische eschatologische Hoffnung durch spekulative Elemente: die ZJ durch ihre Lehre, wonach 1918 die „Erste Auferstehung“ bereits stattfand; die STA durch ihre Lehre, wonach der Herr Jesus Christus  1844 bereits ins himmlische Heiligtum kam, um das „Untersuchungsgericht“ einzuleiten. In beiden Fällen handelt es sich um lehrmäßige „Altlasten“, die sich aus gscheiterten Datenberechnungen des 19. Jahrhunderts ergeben haben (sozusagen um Verlegenheitslösungen).   

3.) Beide – STA und ZJ – stimmen dem zu, was hier  eingangs gezeigt wurde, dass der Mensch nach biblischen Sprachgebrauch  eine „Seele“ i s t. Sie sollten aber auch akzeptieren, dass sowohl im At wie im NT die Seele als etwas bezeichnet wird, das der Mensch „h a t“. Wenn beispielsweise Psalm 103,1 sagt: „Lobe den Herrn, meine Seele…“, dann setzt er damit voaus, dass er eine Seele hat. Spreche  ich  von „meinem“ Haus, ist der  Schluss zwingend, dass ich eins besitze.

Der Apostel Paulus sieht den Menschen ausdrücklich als „Drei-Einheit“ von Geist, Seele und Leib (1 Thess. 5, 23).

  


Schlussfolgerung: Die Menschenseele ist sterblich. In uns ist nichts, was uns vor dem Tode retten könnte. Allein Gottes Gnade beruft uns in Christus zum ewigen Leben, ja zur Unsterblichkeit, in der Auferstehung. Doch sind wir bis dahin keineswegs ausgelöscht, sondern in Gottes Hand. „Im Leben ist Gott bei uns. Im Sterben sind wir bei ihm.“ Denn Jesus sagt: „Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben“. Und dieses hier und jetzt schon beginnende neue Leben kann kein Tod mehr töten.


Hans-Jürgen Twisselmann

aus „Brücke zum Menschen“ Nr. 123/124. Die wichtigsten Fußnoten dieses Heftes wurden hier nun  im vorletzten Absatz in veränderter Form eingefügt (durch kleinere Schrift gekennzeichnet).  



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