„Politische Neutralität - ein Gebot für Christen?


Aus der Korrespondenz mit einem damaligen Zeugen Jehovas


Das Evangelium hat durchaus politische Relevanz; z.B. kann ich nicht „neu- tral“ sein gegenüber dem Hunger in der Welt, von dem wir wissen, er ist Folge der ungerechten Verteilung der Güter!


Wir dürfen die Bedeutung des Evangeliums nicht auf unser persönliches Heil reduzieren. Es gilt vielmehr, seine Bedeutung für Frieden und soziale Gerechtigkeit auf Erden zu erkennen, so gewiss Christus der Kyrios [Herr] der ganzen Welt ist (Mt 28,20).


In einer gewissen Spannung hierzu stehen die von den Zeugen Jehovas (ZJ) angeführten Bibelstellen, wonach Christen „kein Teil dieser Welt“ sind. Diese Texte werden bei den ZJ jedoch einseitig gedeutet bzw. überinterpretiert.


Z.B. halte ich es für unstatthaft, bei dem Begriff „Gesandte für Christus“ (2 Kor 5,18-20) einen Vergleich mit dem Status eines „Gesandten“ eines anderen Landes anzustellen, „der sich ja auch nicht in die Belange des Gastlandes einmischen“ dürfe. Warum? Für Paulus war ein Gesandter nichts anderes als ein von Christus Ausgesandter, ein Bote Jesu. Assoziationen an „diplomatische Vertretungen“ eines Staates in einem anderen Land kamen für ihn überhaupt nicht in Sicht; es gab sie noch nicht! Völlig abwegig ist es auch, wenn gelehrt wird, den „Brüdern Christi“ im Sinne von Mt 25,40.45 Gutes zu tun, hieße, dem „Überrest der 144.000“, der nach ihrer Behauptung an der Spitze der ZJ steht, Gutes zu tun! - Jesus meint mit den „geringsten Brüdern“ ganz offensichtlich all jene leidenden Menschen, die  e r   s e l b e r  hier benennt (Mt 25,35-40 bzw. 42-45).


Dieses „nicht von der Welt“ hatte im ersten Jahrhundert sehr plausible Gründe. Die vier Evangelisten gehen davon aus: mit Christus und seinem Kommen in die Welt ist der alte Äon zu Ende und „das Reich Gottes zu euch gekommen“ (Mt 12,28). Damit kann beides gemeint sein, das Reich ist da, aber auch: seine Voll-endung steht nahe bevor (Mt 16,28; 10,23). Für die letzte Deutung spricht die Tatsache, dass auch in den Briefen der Apostel die Naherwartung immer wieder anklingt (1 Petr 4,7; 1 Joh 2,18). Es ist deshalb begreiflich, dass die frühen Christen nicht auf eine Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse bedacht waren, weder im privaten noch im öffentlichen Bereich. Es gab sogar Christen, die meinten, angesichts des nahen Endes nicht mehr arbeiten zu brauchen, Paulus wendet sich nicht nur deswegen energisch gegen diesen apokalyptischen Wildwuchs (vgl. 2 Thess 2,1f. und 3,11).


Wir heutigen Christen wissen, dass Gottes Uhren anders gehen als unsere, denn die Wiederkunft Christi und die Vollendung seines Reiches sind ausgeblieben. Gehen wir von Hebr 1,1.2 und Apg 2,16.17 aus, so leben wir schon bald 2000 Jahre in der „letzten Zeit“, und wir sehen uns im privaten und öffentlichen Bereich nun vielen Aufgaben gegenüber, die infolge der Naherwartung des Weltendes einst nur einen geringen Stellenwert hatten.


Bei unserer Überlegungen ist ferner zu bedenken, dass die Völker damals autoritär regiert wurden, während wir heute - zumindest in den westlichen Demokratien - als Staatsbürger viele Möglichkeiten der Einflussnahme auf das politische Geschehen wahrnehmen können. Der demokratische Staat unserer Tage, dessen führende Männer und Frauen „entgottet“ sind, der sich als Einrichtung des Menschen für den Menschen versteht und sich für Wohlfahrt, Recht und Gerechtigkeit im Lande und für den Frieden in der Welt einsetzt, ist sogar auf die Mitarbeit seiner Bürger angewiesen. Wenn nun aber wir Christen uns dieser Aufgabe und Chance entziehen, werden dann nicht andere sie nutzen? Werden dann nicht statt des Evangeliums ganz andere Kräfte und Geistesströmungen die Oberhand gewinnen? Können wir das wollen? Wäre es nicht unweise, ja verantwortungslos, die uns gegebenen Möglichkeiten nicht wahrzunehmen? Das politische „Feld“ wird so oder so bestellt werden, wenn nicht von Christen, dann von Nichtchristen.


Manche fragen: Sollten wir nicht Gott das Regieren überlassen, er werde es schon richten? Nein! Nach allen Erfahrungen hat Gott sich noch nie bereit gefunden - auch der Herr Jesus nicht! - uns Menschen das schwierige Geschäft des Regierens auf Erden abzunehmen. Jesu Reich ist „nicht von dieser Welt“! Um es im ZJ-Jargon zu sagen: „Das Königreich“ hat in diesem politischen Sinne nie „die Macht übernommen“. Und wenn die politische Führer gewisse ZJ-Resoluti-  onen vergangener Jahrzehnte ernst genommen hätten und wären zurückgetreten (weil ja Christus „seit 1914 an der Macht“ sei), dann hätte die Wachtturm-Füh- rer ja wohl oder übel das Geschäft des Regierens übernehmen müssen.


Warum „politische Neutralität“ zu wenig ist …


Ein lieber Freund schreibt: Ich kenne keine Bibelstelle, die Christen rät, sich politisch zu engagieren.


Dass er nach Schriftbeweisen fragt, halte ich für einen positiven Zug, gebe aber zugleich zu bedenken, dass nicht alles, was christlich und biblisch ist, so ohne weiteres aus der Bibel sich ablesen lässt wie die Sportnachrichten aus der Zeitung. Suchen wir nicht auch vergebens nach Bibelstellen, die direkt zur Wehrdienstverweigerung auffordern oder von Soldaten verlangen, den Waffenrock auszuziehen (selbst wo man ein Wort in diese Richtung erwarten müsste, fehlt es: Lk 7,1-10; 3,14)? Der christliche Wehrdienstverweigerer aber wird dennoch dessen gewiss sein, dass sein Handeln christlich und biblisch ist, weil das Nein zum Massenmord des Krieges und darum auch zu dessen Vorbereitung eine Konsequenz des christlichen Glaubens und der christlichen Ethik darstellt, wie sie sich etwa aus der Bergpredigt ergibt (Mt 5-7).


Nicht anders verhält es sich mit der Weltverantwortung des Christen. Auch sie wird in der Bibel nicht ausdrücklich gefordert, sie liegt aber in der Konsequenz des biblisch-christlichen Glaubens und Denkens.


Weltverantwortung als Konsequenz unseres Schöpfungsglaubens und des biblisch-christlichen Menschenbildes


Bei der Schöpfungserzählung im 1. Buch Mose - das wird bei einer gründlicheren Analyse klar - geht es weniger um das Wie der Schöpfung als vielmehr um das Wozu. Der „im Bilde Gottes“ erschaffene Mensch ist nach 1 Mos 1,27.28 von seinem Schöpfer gleichsam angelegt


1. auf Partnerschaft mit Gott, dann aber auch auf menschliche Partnerschaft: „Gott schuf den Menschen … als Mann und Frau schuf er sie.“


2. auf Vermehrung. Gott sprach zu ihnen: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde …“;


3. auf Weltverantwortung. „… und füllet die Erde und macht sie euch untertan und herrschet …“. Partnerschaft und Vermehrung der Menschen finden geradezu ihr Ziel im verantwortungsbewussten Verwalten der Erde sozusagen als Mitarbeiter Gottes und als seine Stellvertreter. Im Hinblick auf diese hohe Bestimmung konnte der bekannte Bibelausleger Erich Sauer von dem im Bilde Gottes erschaffenen Menschen sprechen als vom „König der Erde“ (Buchtitel).


Gewiss wird man hier einwenden können, nach dem Sündenfall sei dieses gottgewollte Herrschen und Bewahren institutionell geworden im  S t a a t. Dazu sei die „Obrigkeit von Gott verordnet“ (Röm 13,1-7), um der Selbstzerstörung der gefallenen Welt Einhalt zu gebieten und sie so zu bewahren bis zu Gottes „lieben jüngster Tag“ (Luther). Diese göttliche Bestimmung begründet die Würde des Staates, begrenzt aber auch seine Vollmacht: „Der Staat ist nicht der liebe Gott“ (Heinrich Vogel), und sein Wort ist nicht das Evangelium. Er ist nur eine Notordnung Gottes auf Zeit, ein Interim, eine Einrichtung zudem, an die Gottes Auftrag für den Menschen gleichsam nur „delegiert“ wurde. Wie sich denn auch jede demokratisch gewählte Regierung versteht als „a uf  Z e i t“  ins Amt gewählt durch ihre Bürger, die sie zu vertreten hat.


Diese „stellvertretende“ und interimistische Aufgabe der Regierung hebt also die gottgewollte Weltverantwortung des Einzelnen nicht auf, begründet sie vielmehr: Es wäre geradezu unverantwortlich, den Staat mit der Last, unseren Teil der Erde zu verwalten und zu bewahren, allein zu lassen.


Gerade in unserer Zeit, da die Bewahrung unserer Erde gegen die drohenden Gefahren durch Raubbau an Bodenschätzen, Wäldern und Energiequellen, durch Umweltvergiftung und durch die noch immer nicht beendete Produktion und Lagerung atomarer Waffen die Regierenden zu überfordern scheint, bedarf es des Einsatzes auch des Einzelnen - gerade auch des Christen.


Denn wer wäre eher dazu berufen, die Bewahrung unserer Heimat Erde zum eigenen Herzens- (und Vernunfts-)Anliegen zu machen, als die von den partiell blind machenden Folgen des Falles Erlösten, was sich aber auch in einem kritischen politischen Engagement ausdrücken kann, weil sie sich gewissensmäßig der biblischen Regel verpflichtet fühlen: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29).


Schlussfolgerung: Ich kann mich als Christ meiner Welt-Verantwortung nicht entziehen, weil christlicher Schöpfungsglaube und das biblische Menschenbild mich an den hohen Adel des Menschen erinnern, gleichsam als Partner Gottes unsere Erde und alles, was auf ihr lebt, zu verwalten und zu bewahren.


Um die bewahrende Aufgabe des Christen wie der Gesamtgemeinde in dieser Welt geht es auch in dem bekannten Wort Jesu „Ihr seid das Salz der Ende“ (Mt 5,13). Über unseren Auftrag, „Licht der Welt“ und „Salz der Erde“ zu sein, habe ich vor Jahren einmal eine Predigt gehalten, deren Vorbereitung eine eingehende Beschäftigung mit dem Text erforderte. Mir wurde dabei deutlich, dass dieses Wort Jesu uns eine Privatisierung des Glaubens nicht erlaubt, sondern uns unsere Weltverantwortung vor Augen führt. Nehmen wir sie nicht ernst, so wird man uns einmal mit Recht vorwerfen können: Ihr Christen habt - was euren Auftrag in dieser Welt betrifft - versagt. Es genügt einfach nicht, dass wir uns ihren Erhaltungsordnungen fügen - in Ehe, Familie und Staat - wie es Christen früherer Generationen gemeint haben. „Ihr seid das Licht der Welt“, das verlangt mehr: Wir sollen etwas ausstrahlen in die Welt hinein. Genauer: das Licht widerstrahlen, das auf und in uns gefallen ist von dem her, der von sich sagen kann: „Ich bin das Licht der Welt“. Es kann sein, dass wir dabei nicht nur Zustimmung finden, sondern auf erheblichen Widerstand stoßen. Doch was macht das schon aus? Georg Bernanos hat darauf aufmerksam gemacht, dass wir nach Jesu Worten nicht der  H o n i g ,  s o n d e r n  „d a s   S a l z   d e r   E r d e“   s i n d . Was heißt das? Salz benutzt man von alters her, um Lebensmittel haltbar zu machen, zu konservieren.


Als „Salz der Erde“ trägt demgemäß die Gemeinde Jesu durch ihre Existenz und ihr gelebtes Zeugnis dazu bei, dass die Schöpfung Gottes gegen alle zerstörerischen Kräfte und Mächte in der Welt geschützt und erhalten wird. Sie ist ein Bollwerk gegen alle Versuche, Gottes gute Ordnung in Ehe, Familie und im Staat aufzulösen oder zu zerstören.


Salz hat aber nicht nur die Funktion des Konservierens. Salz brennt in offenen Wunden, in den „Eiterbeulen“ der Gesellschaft: „Ihr seid das Salz der Erde“ heißt demnach auch: Ihr sollt durch euer gesprochenes und gelebtes Zeugnis der Welt deutlich machen, dass Gott soziale Ungerechtigkeit nicht will, dass es Gottes Willen widerspricht, wenn eine Minderheit im Überfluss lebt, während eine Mehrheit nicht einmal das Lebensnotwendige hat und zu einem großen Teil hungern oder sogar verhungern muss. Ebenso wenig ist die Unterdrückung von Menschen anderer Herkunft, des anderes Geschlechts oder einer anderen Religion mit Gottes Willen zu vereinbaren.


Nur wenn in unserem Leben vom Evangelium her Kräfte freigesetzt werden zu der stets notwendigen Veränderung der Welt, dienen wir im besten Sinne des Wortes der Erhaltung der Welt. Sonst sind wir kraftlos und damit nutzlos gewordenes Salz und statt „Licht der Welt“ - die Schlusslichter der Welt.


Schlussfolgerung: Ich kann mich als Christ meiner Welt-Verantwortung nicht entziehen, weil Jesus, unser Herr, mit seinem Wort „Ihr seid das Licht der Welt“ und „Ihr seid das Salz der Erde“ uns wegruft von jedem privatisierten Christentum zu einem bewussten Christsein  i n  der Welt und  f ü r  die Welt. „Wer der Welt wirklich helfen will, muss außer ihr zu Haus sein“ (Hermann Dietzfelbinger).


Ein besonderer Anstoß in diese Richtung war für mich auch die Arbeit über das 2. Kapitel des Epheserbriefes, die im Bruder-Dienst 13 „Vom Frieden mit Gott und Frieden auf Erden“ ihren Niederschlag fand.


Weltverantwortung als Konsequenz unserer Versöhnung durch Christus


Schon die Erzählungen am Anfang der Bibel lassen uns etwas ahnen vom Zusammenhang zwischen unserem Verhältnis zu Gott und dem zu unseren Mitmenschen: Eben hat sich der Vater, Adam, gegen Gott erhoben, und schon erhebt sich dessen Sohn, Kain, gegen seinen Bruder und schlägt ihn tot. Das erzählt uns die Bibel, um daran deutlich zu machen: Das gestörte Gottesverhältnis des Menschen wirkt sich sofort aus auf sein Verhältnis zum Mitmenschen.


Deshalb gilt auch das andere: Ist die Gemeinschaft des Menschen mit Gott wiederhergestellt, hat dies Folgen für die Gemeinschaft der Menschen untereinander. Die frohe Botschaft des Neuen Testaments verkündet uns: Gott hat die Kluft zwischen ihm und uns, der Menschenwelt, aufgehoben, „denn Gott versöhnte in Christus die Welt mit ihm selber“ (2 Kor 5,19). Der Epheserbrief bezeugt dieses Geschehen unter Verwendung eines anderen Bildes. ‚Gott hat die Feindschaft aufgehoben und Frieden gemacht durch das Kreuz Christi’ (Eph 2,14-16). Diese Feindschaft aber war eine doppelte: zwischen Gott und uns und zwischen Juden und Heiden. Darum meint auch der Friede, von dem hier gesprochen wird - „Christus ist unser Friede“ - einen doppelten Friedensschluss: zwischen Gott und uns Menschen einerseits und zwischen Mensch und Mensch andererseits. Dabei ist hier zunächst an das Verhältnis zwischen Juden und Heiden gedacht. Nun gilt: „Christus ist gekommen und hat verkündigt im Evangelium den Frieden euch, die ihr ferne wart, und Frieden denen, die nahe waren. Denn durch ihn haben wir den Zugang alle beide in einem Geist zum Vater“ (Eph 2,17-18).


Gottes Friede ist unteilbar: Wir können nicht den Frieden mit Gott wollen und uns dem Frieden mit anderen Menschen widersetzen oder uns ihm verweigern. Wenn die schlimmste denkbare Feindschaft, die zwischen Juden und Heiden „getötet“ ist, können wir als Christen auch nicht eine Feindschaft mehr am Leben erhalten, einerlei, ob sie sich gegen einen Einzelmenschen richtet, gegen ein anderes Volk oder gegen eine andere Religion.


Weil Gott durch Jesus Christus Frieden machte, gehören in der christlichen Gemeinde heute schon die alten trennenden Gegensätze der Vergangenheit an. Wer dächte nicht an Gal 3,28: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“. Was in der christlichen Kirche realisiert ist aber hat Modellcharakter für die Welt.


Schlussfolgerung: Zu den Konsequenzen, die sich aus dem Evangelium ergeben, gehört unser Eintreten für die Gleichstellung der Frau, für soziale Gerechtigkeit und Frieden in der Welt. Weil Gott durch Jesus Christus die Welt mit sich versöhnt und Frieden gemacht hat - auch zwischen Mensch und Mensch, Volk und Volk - kann ich nicht anders, als in der Nachfolge Jesu dem Frieden zu dienen in allen Bereichen des menschlichen Lebens, auch dem Frieden unter den Völkern.


Hans-Jürgen Twisselmann

aus „Brücke zum Menschen“ Nr. 178


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