Zwei Hoffnungen?


Ohne zu sterben ins Paradies


Wie kommt es nur, dass Menschen sich den Zeugen Jehovas (ZJ) zuwenden? Neben anderen Ursachen ist sicherlich diese zu nennen: Nach ZJ-Lehre kann man ins Reich Gottes kommen, ohne zu sterben! - Sogar „binnen kurzem“!


Die Zeugen Jehovas verstehen lernen


Halt! sagen die Zeugen, das gilt nur für die unter uns, die eine irdische Hoffnung haben. Diese seien die „Untertanen des Königreiches Gottes“, im Gegensatz zu denjenigen, die sich zur himmlischen Regierung des Königreiches berufen fühlen. Da zur Regierung immer nur eine kleinere Anzahl von Personen gehöre, sei die Zahl deren, die dazu auserwählt seien, auf 144.000 beschränkt (nach Offb 7,4-8; 14,1-5). Die meisten von ihnen sollen schon im ersten Jahrhundert n. Chr. „eingesammelt“ worden sein, jedoch habe der Ruf in die Nachfolge Jesu mit himmlischem Ziel auch noch in der Anfangszeit der Bibelforscherbewegung absolut im Vordergrund gestanden - bis 1935. Heute dagegen lebe nur noch ein kleiner Überrest der 144.000 inmitten der Zeugen Jehovas, wie sie sich seit 1931 nennen. Die Masse der heutigen ZJ hofft auf das irdische Paradies. Bei jenen an- deren handelt es sich in der Regel um solche, die schon vor 1935 „dabei waren“. Unsere ZJ-Gesprächspartner können nicht verbergen, dass ihnen alles, was mit der himmlischen Berufung zu tun hat, äußerst fremd ist. Auch uns suchen sie die andere, die irdische Hoffnung näher zu bringen, von der sie selbst ganz erfüllt sind. Auf die kürzeste Formel gebracht (in Anlehnung an den Titel eines ihrer Bücher): Harmagedon überleben - und dann eine neue Welt! Und das schon „binnen kurzem“ (so ausdrücklich im Impressum der Zeitschrift Erwachet! seit der Ausgabe vom 8.11.1995). Wie lange das dauern kann? Ältere ZJ werden sich noch erinnern an „ihr“ Buch „Die Neue Welt“. Darin hieß es schon 1946: „Binnen kurzem“ werden Hiob und andere alttestamentliche Fromme „auferweckt werden und … auf der Erde erscheinen“ (als Auftakt zum irdischen Paradies). Deshalb war Predigtdienst angesagt als „der Auftrag des Christen am Ende der Welt“ („Die Neue Welt“, 1942, deutsch 1946, S. 130).


Auswirkungen


In dieser Erwartung brachen damals und in der Folgezeit ungezählte junge ZJ ihre Berufsausbildung bzw. ihre Schule einfach ab, um „am Schlusszeugnis teilzunehmen“ (damaliger WT-Slogan). An Rentenversicherung oder an irgendeine andere Altersvorsorge dachten sie nicht, geschweige denn daran, dass sie noch einmal sterben müssten. „Harmagedon“ stand ja nach WT-Lehre vor der Tür!


Dann aber kam alles ganz anders: Das Ende aller Dinge trat nicht ein. Wer jahrelang nur „gejobt“ hatte, um den „Pionierdienst“ zu ermöglichen - d.h. mindestens 100 Stunden monatlich im Predigtdienst zu verbringen (so nach der damaligen Regelung) - schaute sich nach regulärer Arbeit um. Oft vergebens! Viele ZJ haben sich dann als Vertreter oder Zeitschriftenwerber mühsam über Wasser ge- halten. Die meisten der damals jungen ZJ sind heute alt - arm und alt - und viele sind inzwischen gestorben! Spricht man aber die lebenden ZJ darauf an, bestehen sie in der Regel weiterhin darauf: „… wir sterben nicht! Wir wollen Harmagedon überleben!“ - Weiterhin den Tod bestreiten, weiterhin ihm ein Schnippchen schlagen wollen?


Kritische Anfragen


Wie kam denn die ZJ-Führung überhaupt dazu, diese irdische Hoffnung in Aussicht zu stellen, während sie selbst nicht müde wird zu betonen, sie gehöre zum „Überrest der 144.000“ Erben des himmlischen Königreiches? Mit welchem Recht bietet sie somit eine zweite „Berufung“ an, während das Neue Testament (NT) unmissverständlich lehrt: „Das ist ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen worden seid in einer Hoffnung eurer Berufung“ (Eph 4,4)? Und diese eine ist die himmlische! Der Hebräerbrief spricht die Christen ganz allgemein an als „Genossen der himmlischen Berufung“ (3,1). Der Apostel Paulus bekennt: „Ich vergesse, was dahinten liegt und strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt, und jage auf das Ziel zu, den Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus“, und dann ermahnt er alle, ebenso „gesinnt zu sein“ (Phil 3,13-15).


Warum ist der Apostel in dieser Sache so „einseitig“? Für ihn ergibt sich die himmlische Berufung ganz zwangsläufig aus der Frohen Botschaft von Jesus Christus, der uns mit Gott versöhnt und zu Gottes Kindern gemacht hat. „So viele ihn aufnahmen, denen gab er Vollmacht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben“ (nämlich an den Namen Jesus!). So heißt es in Joh 1,12. Die von Johannes bezeugte Gotteskindschaft durch Glauben an Jesus Christus hat auch Paulus im Sinn, wenn er schreibt: „Gottes Geist selbst gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christ: wenn wir mitleiden, werden wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden“ (Röm 8,16.17). Dieses Ziel ist für Paulus unaufgebbar. Darum mahnt er die Christen in Kolossä eindringlich, „im Glauben festzubleiben und nicht zu weichen von der Hoffnung des Evangeliums“ (1,23). Und an anderer Stelle: „Lasst euch nicht um den Kampfpreis bringen oder (nach Luther) „das Ziel verrücken“ (Kol 2,18). Aber gerade das hat die amerikanische Wachtturm-Gesellschaft durch ihre Schriften und ihre Funktionäre seit 1935 bei ihren Zeugen versucht: Wie viele ZJ und noch in der biblisch-christlichen Tradition lebende „Interessierte“ wurden von den WTG-Vertretern hart bedrängt mit dem Ziel, die von ihnen festgehaltene himmlische Berufung aufzugeben!


Wer ist für diese „Auswanderung aus der Bibel“ verantwortlich?


Der Gründer und erste Präsident der Wachtturm-Gesellschaft, C.T. Russell, hat bis an sein Lebensende (1916) daran festgehalten, dass „in diesem Evangeliumszeitalter“ keine andere Hoffnung „der Kirche“ gegeben ist als die himmlische. Andererseits legte er ungewollt die Gleise für die spätere Fehlentwicklung. Er suchte auch der Masse der Menschen, die je auf Erden lebten und die nie Zugang zur christlichen Hoffnung hatten, einen Heilsweg zu eröffnen, indem er lehrte: die „kleine Herde“, von der Jesus gesprochen hat, sei mit den „144.000 auf dem Berge Zion“ identisch, von denen die Offenbarung des Johannes spricht, und sie werde dereinst mit Jesus Krone und Thron teilen im himmlischen Reiche Gottes. Die große Masse der Menschen außerhalb der Bibelforscherbewegung dagegen sei zu einem ewigen Leben auf Erden berufen. Dabei dachte er vor allem an die allgemeine Auferstehung aller Menschen während des Millenniums, des „Tausendjährigen Reiches“.


Hieran brauchte Russells Nachfolger, der Jurist J.F. Rutherford, nur anzuknüpfen. Schon in seiner Broschüre „Millionen jetzt lebender Menschen werden nie sterben!“ (1920) fügte er den von Russell gelehrten Heilswegen - wie oben kurz dargestellt - einen weiteren hinzu: den des Überlebens der Schlacht von Harmagedon. Natürlich konnte er diese neue Kategorie oder „Klasse“ (WT-Jargon) bei „Ernsten Bibelforschern“ nur einführen, wenn er dafür „Schriftbeweise“ hatte. Er bot deshalb vornehmlich alttestamentliche Schriftstellen auf, aber er verstand auch, diese „irdische Klasse“ zu identifizieren mit der „großen Volksmenge“ der Johannes-Offenbarung und mit den von Jesus erwähnten „anderen Schafen“ (Offb 7,9-17; Joh 10,16). Durch die WT-Schriften des folgenden Jahrzehnts prägte er seinen Anhängern diese neue, irdische Hoffnung tief ein, während sie noch voll damit beschäftigt waren, durch ihre Verkündigung ‚die letzten Glieder der himmlischen „Klasse“ der 144.000 einzusammeln’.


1935 konnte er dann endgültig proklamieren: Die Zahl der 144.000 ist jetzt voll. Von nun an galten die ZJ-Werbeaktivitäten nur noch der Einsammlung der „großen Volksmenge“ mit irdischem Ziel. Bei der einmal jährlichen Gedächtnismahl-Feier wurden die Auswirkungen deutlich: Die dabei anwesenden „Glieder des Überrestes der 144.000“ wurden seither von Jahr zu Jahr weniger; die Zahl derer, die sich zur „irdischen Klasse“ zählten, nahm beständig zu. Die folge: In den letzten Jahren nahmen weltweit nur wenige Tausende ZJ Brot und Wein als Zeichen dafür, dass sie die himmlische Hoffnung haben. Ihnen standen mehr als 12 Millionen ZJ und anwesende Randsiedler gegenüber, die nach einer WT-Aussage nur als „Beobachter“ anwesend waren, weil sie ja zur „irdischen Klasse“ gehören. So sagt der Wachtturm vom 15. Februar 1985, Seite 17, Absatz 5: „Statt vom Brot und Wein zu nehmen, wie das viele von ihnen früher in einer Kirche taten, haben sie ihren Standpunkt zurechtgebracht, indem sie die Rolle von Beobachtern übernommen haben.“


Diese sind - im Unterschied zu den 144.000 - nach offizieller WT-Lehre


- nicht „Söhne“ oder Kinder Gottes durch Glauben an Christus (Wachtturm vom 15.3.1993, S. 6),


- nicht Glieder seiner Kirche, biblisch gesprochen, des „Leibes Christi“ (WT-Buch „Überleben“ aus dem Jahr 1984, S. 64 - 67),


- nicht zum Gottesvolk des neuen Bundes gehörig; sie entsprechen vielmehr dem „Mischvolk“, das einst mit Israel zog sowie ‚den Tempelsklaven, die für die Juden als Holzsammler und Wasserträger arbeiteten’ („Überleben“, S. 68 - 70),


- nicht geistlich erneuerte Menschen (durch die Wiedergeburt) (Wachtturm vom 1.2.1982, S. 9 - 12) und darum auch


- nicht „gerecht gemacht“ oder „gerechtfertigt“ durch den Glauben an Jesus Christus (Wachtturm vom 1.12.1982, S. 17, Abs. 16).


Mit einem Satz gesagt: Sie stehen außerhalb der Lebensgemeinschaft mit Jesus Christus, was im Ausgesperrtsein vom heiligen Abendmahl seinen letzten Ausdruck findet. Denn von ihm sagt der Apostel Paulus: „Der gesegnete Kelch …, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot …, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi?“ (1 Kor 10,16).


Alle verbalen Beteuerungen der ZJ und die ihrer Schriften, dass Jesus Christus bei ihnen den ihm nach Gottes Willen zukommenden Platz einnähme, können somit das Faktum nicht widerlegen: die von Rutherford eingeführte „irdische Hoffnung“ (und die Ersetzung des Evangeliums vom für uns gekreuzigten und auferstandenen Christus durch die 1914-Botschaft!) bedeuten in ihren Konsequenzen nicht nur eine „Auswanderung aus der Bibel“ (Kurt Hutten über die ZJ), sondern Abkehr von dem, der für uns in den grauenhaften Kreuzestod ging, damit wir leben! Darum sehen wir hierin - und nicht in irgendwelchen Lehrverirrungen - den Hauptgrund, warum wir als Christen nicht Zeugen Jehovas sein können!


Hans-Jürgen Twisselmann

aus „Brücke zum Menschen“ Nr. 126  


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