Biblisch-reformatorischer Glaube gegen allzu menschliche Ansichten


Das in dieser Überschrift Angedeutete sei – ausgehend vom eigenen Erleben – in drei Schritten entfaltet:

1.: Rückblickend wird mir bewusst, Gott hat selbst das, was ich als Irrweg betrachten muss, schließlich zum Besten gewendet. Wer sich von seinem Irrweg abkehrt und durch Jesus Christus zum Vater kommt, findet damit auch zu sich selbst. Das „Dritte Reich“ hatte ein ganzes Volk – und damit auch mich – zu Untertanen erzogen, und bei den ZJ hatte ich eine andere Variante dieser Untertanenmentalität erlebt. Durch Jesus Christus erst lernte ich den aufrechten Gang, denn durch den Glau­ben an ihn sind wir Kinder Gottes (vgl. Joh. 1,12)! Königskinder!


Sind wir aber seine Söhne und Töchter, dann dürfen wir zu ihm „Vater" sagen. Welch ein Geschenk! Paulus verwendet in Röm. 8,15 die aramäische Anrede „Abba", das kindlich-vertrauensvolle „lieber Vater", wie wir als Kinder unseren irdischen Va­ter mit „Vati" oder „Papa" angeredet haben und eben nicht mit dessen Namen (Herr Lehmann, Herr Schulze usw.). Ebenso ist es für uns als Kinder Gottes völlig unange­messen, unseren himmlischen Vater mit „Herr Jahwe" oder gar unter Verwendung ei­ner falschen Lesart mit „Herr Jehova" anzureden.


Wer hier argumentiert, Jesus Christus habe uns doch zu beten gelehrt „Dein Name werde geheiligt", der weiß nicht, was die Bibel unter Heiligung versteht, nämlich Gott, den Vater, zu verherrlichen durch ein Leben, das ihm gefällt  (1. Thess. 5,23). Es ist also ein fataler Irrtum, wenn Jehovas Zeugen meinen, die erste Bitte des Va­terunsers werde schon durch bloße Kenntnis und häufige Verwendung des „Jehova"-Namens erfüllt.


Ganz allgemein ist  festzustellen: Jehovas Zeugen überschätzen das, was als ko­gnitives Lernen bezeichnet wird. In ihren Versammlungen werden unentwegt ihre Schriften „studiert" und die WTG wird nicht müde, ihnen zu versichern, dass sie auf diese Weise von „Jehova belehrt" werden. Infolgedessen gebärden sie sich ständig so, als hätten sie auf alle Fragen die „richtige" Antwort.

Der eingangs von mir erwähnte bibelfeste Zollbeamte in der Meldorfer Norderstraße hatte dies durchschaut, denn er sagte: „Ihr macht aus dem Glauben eine Wissenschaft!“ – im Sinne eines Lehrsystems. Die WTG spricht von „Erkenntnis", deren Aneignung in die „Wahrheit" und schließ­lich zum ewigen Leben führen soll. Diese irrige Ansicht hat sie sogar in ihre hausei­gene „Neue-Welt-Übersetzung" eingeschleust, sodass Joh. 17,3 dort so lautet: „Dies bedeutet ewiges Leben, dass sie fortgesetzt Erkenntnis in sich aufnehmen über dich, den allein wahren Gott, und über den, den du ausgesandt hast, Jesus Christus."


Was damit suggeriert wird, soll das fortgesetzte „Studieren" toten Wissens als „bi­blisch" rechtfertigen, ist jedoch mit dem Wort erkennen gerade nicht gemeint. Alle Apostel waren doch Juden. Dieses Wort erkennen hat daher bei ihnen - auch wenn sie ihre Briefe in griechischer Sprache schrieben - den Sinn des entsprechenden hebräi­schen Wortes, wie sie es vom Alten Testament her kannten. Diesen Sinn bemerken wir, wenn wir etwa in Amos 3,2 den an Israel gerichteten Zuspruch lesen: „Aus allen Geschlechtern auf Erden habe ich allein euch erkannt." Gemeint ist also Gottes liebendes Erwählen! Ganz in diesem Sinne kann später der Apostel Paulus an Christen schreiben: „Wenn jemand Gott liebt, der ist von ihm er­kannt" (1. Kor. 8,3).


Dieses Erkennen von Gott her findet seine Entsprechung in unserem Erkennen. Das bedeutet nichts anderes, als durch die barmherzige, erwählende Liebe Gottes sich er­greifen zu lassen und Gott wiederzulieben. Genau das ist in dem oben zitierten Jesus­wort Joh. 17,3 gemeint. Martin Luther, dem die Bedeutung des Begriffs erkennen na­türlich vertraut war, übersetzte daher Eph. 3,19 ursprünglich so: „dass Christum lieb haben viel besser ist als alles Wissen."


Das Wort erkennen weist indes nicht immer die gleiche Tiefe auf, etwa wenn der Apostel Paulus sich mit seinen gnostischen Gegners auseinandersetzt (Gnosis = Erkenntnis): In einem Wortspiel ironisiert er ihre „Erkenntnis“ und bescheinigt ihnen eine Neigung zur Überheblichkeit (1. Kor. 8,1-3). Demgegenüber stellt Paulus fest: „Alle menschliche Erkenntnis ist Stückwerk.“ (1. Kor. 13, 9 ff.). Eine wichtige Einsicht auch in unserem Zusammenhang. Alles, was wir über Gott und geistliche Dinge aussagen, steht grundsätzlich unter diesem Vorbehalt: Alles menschliche Erkennen
ist Fragment, entspricht der göttlichen Wirklichkeit höchstens annäherungsweise.


Das sollte uns sehr bescheiden machen. Deshalb können und dürfen wir unsere Überzeugungen zwar freimütig vertreten, sie aber nie absolut setzen, auch wenn wir sie mit der Bibel begründen können. Denn auch sie bedient sich menschlicher Sprache und irdischer Bilder, die daher natürlich der Deutung bedürfen. Eine andere Sprache als die menschliche können wir Sterbli­chen ja auch nicht verstehen.



Aus: Hans-Jürgen Twisselmann, Ich war ein Zeuge Jehovas, S. 211-213.


Hier eine Leseprobe aus dem Buch „Ich war ein Zeuge Jehovas“:

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