Was trügt, was trägt?

Zum Verständnis der Heiligen Schrift


Viele Menschen sind umgetrieben von einer großen Sehnsucht. Sie haben es satt, sich mit dem zu begnügen, was früheren Generationen noch viel bedeutete. "Schaffe, schaffe, Häusle baue ...!" hieß es bei ihren Eltern. Von ihnen lernten sie, dass nur der etwas gilt, der es zu etwas gebracht hat. Hast du was, bist du was! So die Maxime des Wohlstandszeitalters. Allzu begreiflich: Wer vorher die Hungerjahre erlebt hatte, wusste das Wirtschaftswunder zu schätzen.


Ihre Kinder und Enkel aber fragen: Gibt es denn nichts Besseres auf der Welt als das erbärmliche Rennen nach Geld und Gut - etwa im Bereich der Religion?


Aber da meldet sich schon der Widerspruch: Ach, da gibt es doch den riesigen religiösen Supermarkt mit Angeboten der großen christlichen Kirchen wie auch der Freikirchen und Gemeinschaften bis hin zu den "Sekten". Z.B. beanspruchen die Neuapostolischen, Mormonen, "Universelles Leben" und andere, Gott habe ihnen neue und "zeitgemäße" Offenbarungen gegeben. Der Tendenz nach glauben das auch Jehovas Zeugen von sich. Sie sprechen von "hellerem Licht", das Gott ihnen - und nur ihnen - geschenkt habe.


Kein Wunder also, dass die Frage aufbricht, "kann man von Gott überhaupt etwas Gewisses sagen, wenn doch der eine dieses, der andere jenes von ihm behauptet und ihn für die eigene Sache in Anspruch nimmt?"


Wohl auch deshalb ist in jüngerer Zeit das Interesse an Weisheit und Frömmigkeit der nichtchristlichen Religionen gestiegen. Beispielsweise haben es jedoch Kenner der fernöstlichen Religionen in der Regel aufgegeben, bei denen das Heil zu suchen.  So schrieb schon vor Jahrzehnten Karl Harteinstein in seiner Broschüre "Christus und die Völker", dass die Religionen der Völker nicht weiter gekommen sind als bis zum Singen und Sagen vom unbekannten Gott: "Wie steht es mit dem Geheimnis Gottes? 'Ein Zoll vor mir - und alles ist undurchdringliche Dunkelheit', sagen die Japaner. 'Neti, neti  nicht das, nicht das', sagen die Inder ... 'Gäbe es einen Weg zu Gott, so würde ich mir dort das Heim meiner Seele schaffen', singen die Bantu in einem hoffnungslosen Lied, 'Gott ist fern, und wir wissen den Weg nicht mehr zurück'. Das letzte Wort der Völkerwelt ist - Schweigen."

Das "erste Wort" aber, auf das wir als Christen unseren Glauben gründen können, heißt: Gott hat geredet! ("Erstes Wort" im Sinne von vorrangig): "Nachdem Gott vielfältig und auf vielerlei Weise ehemals zu den Vätern geredet hat durch die Propheten, hat er am Ende dieser Rage zu uns geredet durch den Sohn" (Hebr 1,1.2). Auffallend die Kontinuität: Derselbe Gott ist es! Aber Gottes Reden zu den Vätern Israels geschah "vielfältig und auf vielerlei Weise". Damit deutet der Hebräerbrief an, dass es sich damals um eine Offenbarung handelte, die immer neuer Ergänzungen bedurfte, somit um etwas Bruchstückhaftes, Unabgeschlossenes und Vorläufiges.


Deshalb kommt er sogleich auf das größere und endgültige Reden Gottes zu sprechen, indem er fortfährt: "Nun hat Gott am Ende dieser Tage zu uns geredet durch den Sohn" (Vers 2). Damit hat Gott sein früheres Reden noch einmal überboten. Waren doch jene Gottesboten von der Erde, dieser aber vom Himmel. Jene waren Gottes Knechte, dieser aber ist "der Sohn"! "Den hat er eingesetzt zum Erben über alles, durch den hat er auch die Welt gemacht. Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens" (Verse 2 und 3).


Um die überragende Bedeutung des "Redens Gottes durch den Sohn" herauszustellen, zeigt der Hebräerbrief gleich in ganzen Kapiteln, wieviel größer dieser Jesus Christus ist als die Engel (Kap. 2) und als Mose (Kap. 3) und als jeder von Menschen eingesetzte Hohepriester (Kap. 4,14-16 und Kap. 5-10) und wieviel wirksamer sein Opfertod auf Golgatha für uns ist, als alle Opfer des alten Bundes je sein konnten (Kap. 9 und 10).


Damit aber bekommt die Selbstoffenbarung Gottes in seinem Sohn Jesus Christus den Charakter des Unüberbietbaren und Endgültigen. Gott hat das letzte Wort gesprochen. Da gibt es weder Widerruf noch Ergänzung. "Noch heiliger gegen die Sünden und noch barmherziger gegen die Sünder kann er nicht reden! '... in ihm liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis Gottes' (Kol 2,3). Diese Schätze sind gewiss noch nicht alle gehoben. Aber sie liegen drin in diesem Christus, in seinem Kreuzestod und seiner Auferstehung. Auch die letzten und allerletzten Dinge sind nichts als die Entfaltung und Vollendung von Karfreitag und Ostern" (Adolf Pohl).


Nicht über Christus hinaus!


Darum brauchen wir zu unserem Heil nichts über Jesus Christus hinaus. Im Gegenteil! Wer über ihn hinaus noch etwas sucht, schlägt ihm ins Gesicht. Darum sind alle "neuen Offenbarungen" oder das vielbejubelte "hellere Licht" derer, von denen wir eingangs sprachen, nicht nur überflüssig, sondern sie richten Schaden an, ja, sie sind lebensgefährlich! Nicht umsonst mahnt das Neue Testament "für den Glauben zu kämpfen, der den Heiligen ein für allemal übergeben worden ist" (Jud 3). Nicht umsonst ergeht die Warnung: "Jeder, der weitergeht und nicht bleibt in der Lehre Christi, hat Gott nicht; wer in der Lehre bleibt, der hat sowohl den Vater als auch den Sohn." (2Joh 9; 1Joh 2,24 f.).


Roland de Pury hat diese neutestamentlichen Linien konsequent zu Ende gedacht, wenn er schreibt: "Wer über Jesus hinaus noch etwas sucht, der hat Gottes Liebe nicht begriffen, nicht erkannt. ... Die Ewigkeit wandelt sich für ihn in eine unendliche Reihe von Ziffern, zu denen immerfort neue treten. Wo soll er noch haltmachen, wenn nicht bei Jesus Christus? ... Wer bei ihm nicht haltmacht, der ist verloren. Und wer bei ihm haltmacht, der ist gerettet. ... Wir müssen dabei schon stehenbleiben - oder einen anderen Gott suchen. Da müssen wir schon leben - oder sonst sterben!"


Gleich neben der Gefahr, über Christus hinaus noch etwas zu suchen, lauert die andere, "hinter Christus zurückzugehen".


Nicht "hinter Christus zurück"!


Es gab schon in den Tagen der Apostel ganze Gemeinden, die der Versuchung erlegen waren, in das durch Christus überbotene Vorläufige zurückzufallen, zumindest es mit dem durch ihn erworbenen Heil auf eine Stufe zu stellen. Das war der Irrweg der Gemeinde von Galatien. Der Apostel Paulus hat in seinem Brief an sie in schärfster Form solchen Rückfall in gesetzliches Denken und Handeln verurteilt (Gal 3 und 5!).


Auch heute gibt es Christen - bis hinein in Kirchen, Freikirchen und Gemeinschaften -, die meinen, einen besonders hohen Grad von Frömmigkeit erreicht zu haben, wenn sie sich gesetzlich-moralistischen Vorstellungen und Ordnungen unterwerfen.


In radikaler Form geschieht solcher Rückfall in eine vorchristliche Offenbarungsstufe


- wo alttestamentliche Speisevorschriften und Sabbatordnungen - nun im Namen Christi! - der Gemeinde auferlegt werden;


- wo zur Durchsetzung gesetzlich-moralistischer Vorschriften eine menschenverachtende, inhumane Sanktions- und Ausschlusspraxis geübt, wo also Moral mit dem "Knüppel" des Gesetzes durchgesetzt wird;


- wo der alttestamentliche Gottesname - zudem in der falschen Lesart "Jehova" - über den Namen Jesu gestellt wird, der doch nach dem Zeugnis des Neuen Testaments "der Name über alle Namen ist" (Phil 2,9). Denn "in keinem andern ist das Heil, auch ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir gerettet werden sollen" (Apg 4,12).  - "Kein anderer Name!" - also auch nicht der alttestamentliche Gottesname!


Dass der Rückfall - in welcher Form auch immer - von vielen wohlmeinenden Christenmenschen unbemerkt hingenommen wird, hängt sicherlich auch damit zusammen, dass dessen Urheber sich auf die Bibel berufen.


Die frühe christliche Kirche  hat ja die heiligen Schriften des "Alten Testaments" mit denen des "Neuen Testaments" zu einem Band vereinigt, und sie hatte dafür gute Gründe. Nun aber gilt es zu bedenken, dass es zwischen dem Alten und dem Neuen Testament eine deutliche Abstufung gibt, die wir nicht ungestraft übersehen dürfen. M.a.W., dass wir zwischen der vorläufigen und der endgültigen Gottesoffenbarung unterscheiden müssen. Der Evangelist Johannes hat diesen Unterschied in dem prägnanten Satz zusammengefasst: "Das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden" (Joh 1,17).


Ist denn nicht alles in der Bibel gleich gültig?


War nicht für den Juden Jesus das Alte Testament seine Bibel? Hat er sich nicht immer wieder auf die berufen, seinen eigenen Auftrag und seinen Kreuzesweg in ihr vorgezeichnet gefunden (Lk 4,16-21; 24,25-27.44-45)? Ja, das ist richtig. Er kann Worte des Alten Testaments als Wort Gottes bezeichnen (z.B. Mk 7,13). Er kann aber auch in der Freiheit des Sohnes sich einer alttestamentarischen Ordnung kritisch gegenüberstellen und sagen: Das hat euch Mose erlaubt um eurer Herzenshärte wegen. Also: eine Konzession des Mose an den "alten Adam"? Diese Einordnung biblischer Weisungen muss in den Augen der Juden nicht nur unerhört "liberal", sondern geradezu ketzerisch geklungen haben! Wieviel mehr noch, wenn Jesus alttestamentlichen Geboten - um solche handelte es sich wirklich: also nicht nur um "Überlieferungen der Ältesten"! - sein vollmächtiges "Ich aber sage euch: ..." entgegenschleuderte (Bitte nachlesen: Mt 5,21-48).


Mit Jesus Christus kam also ein kritisches Element in die Schriftdeutung, hinter das wir als Christen nicht mehr zurückgehen können. Von nun an kann nicht von vornherein alles als Gottes Wort auch für uns gelten, was irgendwo zwischen den beiden Buchdeckeln der Bibel steht. Nun muss jedes Wort und jeder Gedanke erst an der "Kontrollstelle" vorbei. Und das ist nicht unsere kritische (oder biblizistisch-fundamentalistische) Vernunft, sondern Jesus Christus selbst und sein für uns allein maßgebliches Wort. Wer es anders hält, muss sich den Vorwurf von Erasmus gefallen lassen: "Du passest Christus an das an, was sich nach ihm richten sollte." Und das gilt nicht nur für unsere Vernunft, sondern auch für die Art und Weise, wie wir das Alte Testament gebrauchen. Auch das AT ist zwar Frucht der Offenbarung Gottes, doch verglichen mit Gottes Offenbarung in Jesus Christus müssen wir es eher als ein vorläufigen Wort ansehen. Jesus Christus sagte nicht umsonst zu seinen Jüngern, viele Propheten hätten vergebens begehrt, zu sehen und hören, was die Jünger nun sahen und hörten (Mt 13,17).


Wer alttestamentliche Speisegebote und Sabbatordnungen auf eine Stufe stellt mit den Worten Jesu und seiner Apostel, die uns davon befreit haben, fördert den Unglauben. Wenn alles gleich gültig ist, wird alles bald gleichgültig!


Hans-Jürgen Twisselmann

aus Brücke zum Menschen Nr. 135 (für die Internet-Fassung überarbeitet)



In keinem andern ist das Heil, auch kein andrer Name unter dem Himmel unter den Menschen gegeben, durch den wir gerettet werden sollen.


Apostelgeschichte 4,12   


 


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