Jehovas Zeugen (Kurzdarstellung)


1. Geschichte (im Überblick)


Charles Taze Russell (1852-1916) aus Allegheny/Pennsylvania/USA schließt sich einer adventistischen Splittergruppe an, die die sichtbare Wiederkunft Jesu Christ für 1874 erwartet. Nach dem Nicht-Eintreten Umdeutung der Wiederkunft in eine "unsichtbare Gegenwart" ab 1874, der eine 40jährige "Erntezeit" bis 1914 folgen soll, danach soll die Aufrichtung des Königreich Gottes auf Erden geschehen. Diese Sicht vertritt Russell bis zu seinem Tod.


1879 Gründung der Zeitschrift "Zions's Watch Tower"; ab 1886 deutsche Ausgabe "Der Wachtturm".


1881 Gründung der "Zion's Watch Tower Tract Society" in Pittsburgh, ab 1896 "The Watch Tower Bible & Tract Society of Pennsylvania" (künftig mit WTG abgekürzt).


1884 Neugründung der Gesellschaft und Eintragung als Aktiengesellschaft (Inc.)


Die Anhänger Russells organisieren sich in "Ecclesias" genannte Gemeinden, die selbständig sind und von demokratisch gewählten Ältesten geleitet werden. Die gebräuchlichste (Selbst)Bezeichnung der neuen Gemeinschaft ist "Ernste Bibelforscher".


1914 Enttäuschung der Erwartung und Krise, Russell stirbt 1916.


1917 Joseph Franklin Rutherford (1869-1942) setzt sich nach internen Auseinandersetzungen  als Russells Nachfolger durch und wird Präsident der WTG. Unter seiner Leitung kommt es zur Umbildung der Gemeinschaft in eine hierarchisch-autoritäre Organisation, dieser Prozess ist 1938 abgeschlossen, Abschaffung der gewählten Ältesten in den Versammlungen; Verpflichtung zum "Predigtdienst" für alle Anhänger.


Ab 1920 Erwartung des Endes des 'alten Systems', der Wiederherstellung Israels und der Aufrichtung des Königreichen Gottes auf Erden für 1925. Jerusalem soll Hauptstadt der Welt werden. Nach dem Scheitern vermeidet Rutherford die Angabe von konkreten Terminen.


Ab Ende der 1920 Jahre Umdeutung des chronologischen Systems: Russells Endzeitdaten werden zum großen Teil aufgegeben, als Beginn der "unsichtbaren Gegenwart Christi" gilt jetzt das Jahr 1914 statt wie bisher 1874. Die judenfreundliche Haltung der Russell- und frühen Rutherford-Ära wird aufgegeben,

nun sind allein die Bibelforscher/Zeugen Jehovas das Volk Gottes.


1929 Umdeutung von Röm 13,1ff.: Die "obrigkeitlichen Gewalten" seien nicht die von Satan beherrschten menschlichen Regierungen, sondern Jehova und Jesus Christus (diese Lehre wird 1962 wieder aufgegeben).


1931 Rutherford benennt die Gemeinschaft in "Jehovas Zeugen" um.


Ab 1933 Verfolgung im "Dritten Reich" in Deutschland (zur feindseligen Haltung der Nationalsozialisten hat auch die neue Lehre über die "obrigkeitlichen Gewalten" beigetragen). Ca. 1.000 - 1.500 Zeugen Jehovas wurden in KZs ermordet.


1942 Tod Rutherfords, Nathan Homer Knorr (1905-1977) Präsident der WTG


Ab 1966 vorsichtig formulierte Erwartung der Aufrichtung des "Königreich Jehovas" auf Erden für 1975.


1972 Wiedereinführung des Ältestenamt (die Ältesten werden aber nicht wie früher demokratisch gewählt, sondern von der "leitenden Körperschaft" ernannt).


1975/1976 Die zwar im Schrifttum schon lange behauptete, faktisch aber erst 1971 geschaffene und zunächst weitgehend machtlose "leitende Körperschaft" übernimmt die tatsächliche Leitung der Glaubensgemeinschaft, die bis dahin beim Präsidenten der WTG gelegen hat.


1977 Tod Knorrs, Frederic William Franz (1893-1992) Präsident der WTG.


1992 Franz stirbt, Milton George Henschel (1920-2003) Präsident der WTG.


2000 Henschel tritt als WTG-Präsident zurück, Nachfolger Don Alden Adams (*1925); er ist kein so genannter "Gesalbter" (weitere Erläuterungen dazu unter 3. Lehre) und kein Mitglied der "leitenden Körperschaft".


2000 Personelle Trennung "leitende Körperschaft" und der Vorstände der  Rechtskörperschaften (WTG).


Ab 2006 Jehovas Zeugen erlangen in Deutschland in den meisten Bundesländern den Status einer "Körperschaft des öffentlichen Rechts".




2. Organisation und Leben als Zeuge Jehovas


Die Zeugen Jehovas sind streng hierarchisch-autoritär strukturiert. An der Spitze steht die in der Zentrale in Brooklyn/New York residierende "leitende Körperschaft", bestehend aus "Gesalbten", ausschließlich Männer. Bisher letzte WTG-eigene Veröffentlichung zur Zusammensetzung der Körperschaft 2006: 12 Mitglieder; laut Wikipedia derzeit noch 8 Mitglieder.


Weitere Gliederung: Zonen - Zweige - Bezirke - Kreise - Versammlungen.


Derzeit gibt es weltweit 98 Zweigbüros.


Seit 2000 werden in die Vorstände der so genannten Rechtskörperschaften (Wachtturm-Gesellschaft und weitere zugeordnete juristische Personen) auch Männer berufen, die nicht zu den "Gesalbten" gehören. Die geistliche Führung, die "leitende Körperschaft", besteht weiterhin ausschließlich aus "Gesalbten".


Im selben Jahr werden drei neue Organisationen gegründet:


- "Christliche Versammlung der Zeugen Jehovas", zuständig für alle Angelegenheiten der Lehre, Religion und Erziehung,


- "Religiöser Orden der Zeugen Jehovas", zuständig für alle so genannten Vollzeitdiener,


- "Königreichsunterstützungsdienste", zuständig für Technik, Bauprojekte und Fahrzeugpark der Wachtturm-Gesellschaft.


Statistik 2011: Gedächtnismahlbesucher 19.374.737, 7.659.019 "Verkündiger" (Deutschland 165.387, Österreich 20.934, Schweiz 18.131), 109.403 Versammlungen in 236 Länder und Territorien.


Zeitschriften "Der Wachtturm" (Auflage 2012 42 Millionen) und "Erwachet" (Auflage 2012 41 Millionen).


Das Leben der Zeugen Jehovas ist durch den grundlegenden Dualismus "Welt Satans - Organisation Jehovas" geprägt; daraus folgen die so genannte politische "Neutralität" sowie das Meiden von gesellschaftlichen und sozialem Engagement und von Freundschaften mit Nicht-Zeugen. Ablehnung jeglicher Art von Ökumene, da alle anderen Religionsgemeinschaften als Teil des von Satan beherrschten "Weltreiches der falschen Religion" angesehen werden.


Fast alle Feste werden als "heidnisch" abgelehnt, z.B. Weihnachten, Ostern, Geburtstage.


Die einzige Feier ist das "Gedächtnismahl" um Ostern; zur Besonderheit dieser Feier siehe unter Lehre.


Der für alle Zeugen Jehovas verpflichtende "Predigtdienst" gilt als Voraussetzung für die Hoffnung auf das Überleben in der Endschlacht von "Harmagedon".


Es gibt auf örtlicher Ebene zwei je zweistündige Versammlungs-Zusammen- künfte pro Woche, deren Besuch nachdrücklich erwartet wird: An einem Abend in der Woche, meist Donnerstag oder Freitag, das Versammlungsbibelstudium, die Theokratische Predigtdienstschule und die Dienstzusammenkunft. Am Wochenende, meist am Sonntag, die Zusammenkunft für die Öffentlichkeit und das Wachtturm-Studium.


Größere Treffen sind je einmal jährlich ein mehrtägiger Bezirkskongress, ein zweitägiger Kreiskongress und ein eintägiger Tagessonderkongress.


Von den Zeugen Jehovas wird die vorbehaltlose Annahme aller Lehren der "leitenden Körperschaft" gefordert. Gegen Abweichler wird durch eine interne Justiz vorgegangen, durch so genannte Rechts-Komitees aus drei Ältesten, die als härteste Maßnahme den "Gemeinschaftsentzug" verfügen können. Diese Sanktion ist mit dem vollständigen Kontaktabbruch gegenüber dem "Delinquenten" verbunden (Wiederaufnahme ist nach einer nicht festgelegten Zeit nach Ermessen der Ältesten möglich).






3. Wichtige Lehren


Die Bibel wird als "(verbal)inspiriertes Wort Gottes" angesehen. Sie kann nur in Verbindung mit der Führung der Zeugen Jehovas verstanden werden, die als "treuer und verständiger Sklave" (nach Mt 24,45 ff.) die Organisation leitet. Es ist heilsnotwendig, die Führung als "Kanal Gottes" anzuerkennen und sich ihr zu unterstellen.


Gott wird als eine "Geistperson" mit dem Namen Jehova angesehen. Die christliche Trinitätsvorstellung wird als "heidnisch" abgelehnt.


Jesus Christus ist nach Ansicht der Zeugen Jehovas der Erzengel Michael und Gottes erstes Geschöpf. Durch ihn hat Gott die Welt und alle andere Geschöpfe erschaffen.


Durch den von Satan, dem Teufel, einem abgefallenen Engel, hervorgerufenen Ungehorsam der Ureltern Adam und Eva im Paradies kam die Sünde und der Tod in die Welt. Dadurch wurde auch die "Streitfrage der Souveränität Jehovas" aufgeworfen und zwar in dem Sinne, ob Jehova rechtmäßig herrscht. Die vorchristlichen "Zeugen Jehovas", vor allem im Volk Israel, Jesus Christus und seine Nachfolger, heute ausschließlich die Zeugen Jehovas, zeigen durch ihre Loyalität und das Halten der Gebote Gottes, dass Gottes Herrschaft rechtmäßig ist.


Jesu Opfertod als Mensch ermöglicht nur den als buchstäbliche Zahl verstandenen 144.000 "Gesalbten" eine himmlische Hoffnung. Nach dem Verständnis der WTG sind nur sie Christen im Sinne des Neuen Testaments als "gerechtfertigte Kinder Gottes und Miterben Christi" (Röm 8,14 ff.), nur für sie ist er der "Mittler zwischen Gott und den Menschen" (1Tim 2,5). Nur sie nehmen von den "Symbolen" Brot und Wein beim jährlichen "Gedächtnismahl" (2010 11.202 Personen). Die übergroße Mehrheit der Zeugen Jehovas betrachtet sich als der "Klasse der anderen Schafe" zugehörig. Für sie bedeutet der Tod Christi das Lösegeld, das sie zur Hoffnung auf ein Überleben in der Endschlacht von Harmagedon berechtigt, wenn sie ihren Glauben durch Werke beweisen, vor allem durch Teilnahme am "Predigtdienst". Endgültig gerettet werden sie nach der Lehre erst, wenn sie in der Schlussprüfung am Ende des 1000jährigen Reiches treu bleiben.



Jesus Christus ist nach Lehre der Zeugen-Führung seit 1914 als König im Himmel eingesetzt und ab dem gleichen Jahr auf Erden "unsichtbar gegenwärtig". Seit diesem Zeitpunkt leben wir in der Endzeit. Das Predigtwerk der Zeugen Jehovas gibt allen Menschen die Gelegenheit, sich für oder gegen Gott zu entscheiden. Jehovas Zeugen sind die einzige wahre Religion, die von Gott gebilligt wird. Wer nicht Zeuge Jehovas ist/wird und selbst aktiv am "Predigtdienst" teilnimmt, bleibt Teil der Welt Satans und hat (höchstwahrscheinlich) keine Aussicht, die göttliche Endschlacht von "Harmagedon" zu überleben. Diese wird "in Kürze" erwartet. Danach wird Gottes 1000jähriges Königreich auf Erden errichtet und der größte Teil der Menschen auferweckt (ohne die in Harmagedon Umgekommenen). Während dieser Zeit sind Satan und seine Dämonen "gebunden", haben also keine Möglichkeit zum Handeln. Am Ende der 1000 Jahre werden sie losgelassen, um die dann lebende Menschheit nochmals in Versuchung zu führen. Alle, die sich ihnen anschließen, werden zusammen mit ihnen endgültig vernichtet. Die treu Gebliebenen werden dann für immer auf der Erde leben.


Die Zeugen Jehovas kennen nur die Erwachsenentaufe (faktisch für Hineingeborene ab 13 oder 14 Jahren), durch die die "Hingabe an Jehova" symbolisiert wird und mit der zwingend die Anerkennung der Zeugen-Organisation als einziger irdischen Repräsentantin Gottes verbunden ist.


Eine weitere Besonderheit ist die Ablehnung von Bluttransfusionen, die u.a. mit einem aus dem Zusammenhang gelösten Verständnis von Apg 15,20.29 begründet wird.




4. Kritik aus christlicher Sicht


Vorbemerkung: Wir verweisen auf die Texte unter "Themen" auf den Webseiten des Bruderdienstes, die sich mit den meisten angesprochenen Lehren der Zeugen Jehovas auseinandersetzen. Die folgenden Ausführungen sollen deshalb nur einige Hinweise geben.


- Die von den Zeugen Jehovas behauptete Notwendigkeit des Gebrauchs der (zudem falschen) Form des Gottes-Namens "Jehova" ist ein Irrtum. Die Eintragung von "Jehova" an 237 Stellen im Neuen Testament in der "Neuen-Welt-Übersetzung" der Zeugen Jehovas ist nicht zu rechtfertigen und stellt eine gravierende Bibelverfälschung dar.



- Der Auffassung der Führung der Zeugen Jehovas über Jesus Christus entspricht nicht dem biblischen Zeugnis insbesondere des Neuen Testaments.


- Der Anspruch der Führung, der "Kanal Gottes", und der Gemeinschaft, die "allein wahre Religion" zu sein, beruht auf falschen Grundlagen und entbehrt jeder Beweiskraft. Er führt zur Untertanen-Mentalität und zur einer unfreien Form von Religion. Der rigide Umgang mit denjenigen Zeugen Jehovas, die ihr Menschenrecht auf Gewissens-, Religions- und Meinungsfreiheit auch innerhalb der Gemeinschaft in Anspruch nehmen, ist biblisch nicht zu rechtfertigen.


- Die 1914-Botschaft ist ein anderes Evangelium als die neutestamentliche Gute Botschaft.


-  Für die Lehre von den "zwei Hoffnungen" gibt es keine biblische Grundlage.


- Die Führung der Zeugen Jehovas versteht nicht die biblisch-reformatorische Gerechtsprechung allein aus Gnade. Die von ihr vertretene Sicht führt zur Werkgerechtigkeit und zu einer religiösen Leistungsorientierung, die sich vorrangig im geleisteten "Predigtdienst" für die WTG zeigt.


- Der strikte Dualismus im Hinblick auf die Welt und das damit verbundene Schwarz-Weiß-Denken wird den tatsächlichen Verhältnissen nicht gerecht und führt dazu, die christliche Verantwortung in der Gesellschaft nicht zu erkennen und wahrzunehmen.


- Das Missverständnis der biblischen Aussagen zum Verzehren von Blut führt zur nicht zu verantwortenden Opferung von Menschenleben, sogar von Kindern, wenn diesen medizinisch indizierte Bluttransfusionen aus vorgeblich biblischen Gründen verweigert werden.


Rainer Ref


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