Kreuz oder Pfahl?


Antworten auf eine von Jehovas Zeugen aufgeworfene Frage


Wir unterscheiden im Folgenden zwischen dem "Pfahl" (= Palisade), dem "Kreuz" (= Pfahl mit kreuzförmig oder T-förmig aufgesetzten Querbalken) und dem Kruzifix (= Kreuz mit Leib des Gekreuzigten [Jesus]). Das griechische Wort ist "Stauros".


Fast zwei Jahrtausende hindurch war es allgemeinchristliche Anschauung, dass Jesus mittels eines Kreuzes zu Tode gebracht wurde. Demgemäß wurde Jesus in seiner Todesstunde fast ausschließlich als Gekreuzigter dargestellt in der bildenden Kunst. Andersartige Darstellungen - am Pfahl, am Andreas-Kreuz, am Y-förmigen Kreuz - galten als eigenwillige Formgebungen versponnener Künstler. Im 20. Jahrhundert sind nun die Zeugen Jehovas mit der Behauptung aufgetreten, dass Jesus nicht am Kreuz, sondern am Pfahl gestorben ist. Im Wesentlichen stützt sich ihre Beweisführung darauf, dass das im Neuen Testament in den Berichten vom Leiden Christi vorkommende Wort "Stauros" (griechisch) sowohl "Pfahl" wie "Kreuz" bedeuten kann. Dabei sei "Pfahl" im Sinne einer Palisade die ursprüngliche Bedeutung. Mithin: Mit dem "Kreuz" als Symbol für den Glauben überhaupt verehre die Christenheit einen Gegenstand, mit dem Jesus nie in Berührung gekommen sei.


Wie starb Jesus? Wir behandeln die Frage, indem wir zunächst einiges über die Rechtspflege und den Vollzug der Todesstrafe im Altertum sagen. Danach erst wollen wir uns den Texten in den Evangelien zuwenden.


Wenn wir in der Frage "Kreuzigung" oder "Pfählung" eine Entscheidung treffen wollen, muss zuerst überlegt werden: Nach welchem Recht erfolgte die Aburteilung Jesu? Keinesfalls nach jüdischem Recht! Das kannte die Kreuzigung überhaupt nicht, wohl aber Todesstrafen wie die Steinigung (so wurde Stephanus hingerichtet) oder die Enthauptung mit dem Schwert (so nach Apg 12,2 der Jünger Jakobus). Hingegen wird die Kreuzigung/Pfählung, je nachdem wie übersetzt wird, von verschiedenen Völkern des Altertums berichtet, zum Beispiel von den Persern und von den Römern. Pontius Pilatus, Kommandant der römischen Besatzungstruppen in Palästina, urteilte und verurteilte selbstverständlich ausschließlich nach "seinem" römischen Recht, das im ganzen Mittelmeergebiet galt. Demgemäß muss der lateinische Sprachgebrauch für dieses Hinrichtungsgerät berücksichtigt werden: "Crux", davon stammt das deutsche Lehnwort "Kreuz", "Stauros" ist also ein Übersetzungswort!


Die "Crux" als eine Hinrichtungsstrafe haben die Römer vermutlich von den Karthagern in Nordafrika übernommen. Sie galt zusammen mit anderen Hinrichtungsstrategien wie der "Crematio" (Verbrennung) und "Decollatio" (Enthauptung) als eine der grausamen Todesstrafen. In der Zeit der Christenverfolgungen kam sie häufig als Hinrichtungsstrafe für unerschrockene Christen vor. Wahrscheinlich hat Kaiser Konstantin (4. Jhr. n. Chr.) diese Form der Todesstrafe abgeschafft (wohl nach 314). An ihre Stelle trat der Galgen.


Archäologisch ist übrigens die Frage "Pfahl oder Kreuz" seit einiger Zeit entschieden. In Herkulaneum bei Pompeji, das 79 n Chr. durch Vulkanausbruch des Vesuv verschüttet wurde und seit 200 Jahren allmählich ausgegraben wird, haben Archäologen in einem Privathaus einen hölzernen Altar mit Kreuz gefunden. 79 n. Chr. gab es also in Herkulaneum mindestens eine christliche Familie, die ein Kreuz als Symbol verwendete. Dabei ist zu bedenken: Die Christen des 1. Jahrhunderts waren oft genug Augenzeugen solcher öffentlichen Hinrichtungen und wussten daher genau, wie ein "Stauros" aussieht: Wie das Kreuz in Herkulaneum aus dem Jahre 79 (oder früher). Nicht anders.


In diesen Zusammenhang gehört auch ein sensationeller Fund, den israelische Archäologen 1968 in der Nähe von Jerusalem bei Giv'at Hamivtar machten. Gefunden wurden in Grabeshöhlen Knochenreste von Gekreuzigten, darunter Fersenknochen, in denen noch ein rostiger Nagel steckte. Der von der Weltpresse kommentierte Fund wurde von der Hebräischen Universität Hadassa von einem Anthropologen und Anatom untersucht und bewertet. Später war eines dieser Belegstücke auch auf einer Wanderausstellung in Deutschland zu sehen, betitelt "Mit Thora und Todesmut - Juden im Widerstand gegen die Römer", so in Hamburg 26. Januar bis 23. April 1995 im Helms-Museum.


Hier interessiert, dass das Opfer im 1. Jahrhundert an einem Kreuz starb, es war wohl zu beiden Seiten an einen aufrecht stehenden Pfahl genagelt worden. Doch wie war der restliche Körper am Pfahl befestigt? Unterstellt man, dass der Pfahl oben den Titulus trug (das Schild mit dem Todesurteil wie bei Jesus), dann war für angenagelte oder angebundene Hände kein Platz. Dann musste - anders ist das physikalisch nicht möglich - der Körper an einen Querbalken hängen. Die Arme seitlich oder rückwärts, aber so, dass sie den Körper fest hielten.


Geschah die Hinrichtung der Unbekannten ohne Titulus, dann ist zwar etwas Platz für Arme oben, trotzdem ist das Festmachen schwierig. Die sichere Lösung ist die Befestigung mittels Strick oder Nagel, also ein Kreuzigung an einem Querbalken, keine Pfählung.


Der ungenannte Tote war nicht Jesus. Dennoch ist der traurige und schaurige Fund Anschauungsunterricht dafür, dass Jesus nicht gepfählt wurde, wie die Zeugen Jehovas sagen - sondern dass er gekreuzigt wurde. Fersenknochen mit Nagel bezeugen dies. Der Nagel durchbohrte seitlich - von rechts nach links (aber nicht von oben nach unten) den Fersenknochen.


Wichtiger als der von den Zeugen Jehovas ausgelöste Streit um einige Kilo Holz (Querbalken - ja oder nein) ist für die meisten Christen die Frage:


Was bedeutet der Kreuzestod Jesu für mich?


Der Apostel Paulus hat darüber am ausführlichsten geschrieben. Die von ihm gepredigte Botschaft - das Evangelium von Jesus - fasste er zusammen im Begriff "Das Wort vom Kreuz" - und widmete dem Nachdenken darüber fast ein Kapitel: 1. Korinther Kapitel 1 Vers 17 bis Kapitel 2 Vers 5. Der Text gipfelt in zwei Feststellungen: "Wir predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis, den Griechen eine Torheit" (23).


Die andere ganz zentrale These des Paulus: "Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden, uns aber, die wir selig werden, ist es eine Gotteskraft" (18). Im griechischen Urtext: dynamis theou. Theou heisst: des Gottes. Den Begriff "dynamis" kennen wir vom Fremdwort Dynamo (Kraftmaschine). Das "Wort vom Kreuz" ist also eine "Kraftmaschine Gottes" für den Glauben. Ich habe bisher viel Verächtliches von Zeugen Jehovas über das Kreuz gehört, übrigens auch von einigen anderen gewesenen Christen. Gut und nötig ist der Glaube an das erlösende Kreuz Christi, die "Gotteskraft".


Dr. Dietrich Hellmund

aus Bruder-Dienst 67/68 (bearbeitet und aktualisiert)






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