Im Apostel ist Jesus mir nah!

Die Neuapostolische Kirche (NAK) in Vergangenheit und Gegenwart

Von Folkmar Kyrillus Schiek

Vergangenheit

Die Geburtsstunde der Neuapostolischen Kirche (NAK) ist umstritten und ihr Anfang wirr. Sie selbst bezeichnet sich als „aus der Katholisch-Apostolischen Gemeinde“ heraus im Jahr 1863 entstanden. Dem entgegen nennen überkonfessionelle Geschichtsforscher und Kenner das Jahr 1878.

Innerhalb der katholisch-apostolischen Gemeinden (KAG), die in den 1830er Jahren in England entstanden und von 12 Aposteln geleitet wurden, kam es um 1860 zu einem grundlegenden Streit. Ausgangspunkt war die Frage: Müssen die durch den Tod einzelner Apostel entstandenen freien Stellen kontinuierlich neu besetzt werden? Die übrigen Apostel verneinten dies mit dem Hinweis auf die 12 alttestamentlichen Apostel. 1862/63 kam es dann zum Bruch zwischen Apostel Woodhouse und dem Propheten Heinrich Geyer, der in der Privatwohnung des Ältesten Rosochacky diesen heimlich und ohne Wissen von Woodhouse zum Apostel ausrief. Die Folge: Geyer und seine Gefolgschaft sowie fast die gesamte Gemeinde Hamburg, die sich mit Geyers Handeln solidarisch erklärte, wurden exkommuniziert. Der von ihnen akzeptierte scheinbare Apostel Rosochacky erkannte den Irrtum und kehrte nach kurzer Zeit wieder in die KAG zurück.

Anfang 1863 entstand von diesen Personen ausgehend in Hamburg die „Allgemeine christliche apostolische Mission“ (AcaM), welche von der Notwendigkeit neuer Apostel überzeugt war und zwischen März und Mai 1863 die Herren Preuß und Schwarz als Apostel annahmen.

Die Geschichtsschreiber der NAK sprechen von einer „von Gott gegebenen neuen Ordnung der apostolischen Kirche der Endzeit“ oder auch von den Aposteln der „alten Ordnung“ und denen der „neuen Ordnung der apostolischen Kirche“, die KAG spricht vom „Geist der Spaltung“.

Bereits 1878 war diese noch jungen Gemeinschaft erneut von Streitigkeiten um das Apostelamt betroffen, worauf sie sich spaltete. Die „Apostolische Gemeinde“ (AG, heute: NAK) war entstanden! Jedoch nicht in direkter Folge aus der KAG heraus. Die Geschichtsklitterung durch die NAK wird betrieben um Kontinuität vorzutäuschen.

Die AG breitete sich über Deutschland und andere Länder aus und immer mehr Apostel traten auf, die jeweils autonom ihren Kirchenbezirk leiteten. Aus ihrem Kreis tat sich der Bahnmeister Fritz Krebs (1832-1905) hervor und die anderen Apostel erkannten ihn schließlich im Jahr 1896 als „das sichtbare Haupt“, den „Stammapostel“ an. Krebs hatte damit eine organisatorische Einheit geschaffen, wurde als „Einheitsvater“ bezeichnet und verglichen mit Apostel Petrus, dem „ersten und einzigen Träger [des Stammapostelamtes; Anm. F.S.] in der ersten apostolischen Kirche, der Urkirche.“

Über die Jahre gab man Gottesdienst- und Ämterordnungen, die von den Aposteln der KAG eingeführt wurden, zugunsten calvinistischer Formen auf und schaffte 1905 endgültig das so unangenehme Prophetenamt ab. Es war den neuen Aposteln lästig geworden und immer wieder entbrannten Konflikte zwischen Aposteln und Propheten über die Stellung und Amtsvollmachten dieser beiden Ämter. „Das Prophetenamt ist im Apostelamt aufgegangen“, ließ man verlauten und meinte damit, dass die bisherigen Tätigkeiten der Propheten zukünftig von den Aposteln mit übernommen würden. Die Machtfülle der Apostel erweiterte sich immer mehr. Die Vergöttlichung der Apostel zeigte sich in der Vorstellung, dass man in ihnen Jesus im Fleisch sah.

Der Stammapostel wurde zur zentralen Führerfigur innerhalb der NAK. Aus dieser Machtposition heraus sollte die Gemeinschaft unter der Führung des Stammapostels Johann Gottfried Bischoff (1871-1960) ihre größte Krise durchleben. Die Gemeindeglieder lernten über Jahrzehnte in blindem Vertrauen ihren Aposteln Glauben zu schenken und die Heilige Schrift geriet in Vergessenheit. Sie wurde nicht mehr zur Prüfung der verkündigten Lehre, wie dies Apostel Paulus seinen Gemeinden ans Herz legte (1 Thess 5,21), herangezogen. Da war es nicht verwunderlich, dass als Bischoff an Weihnachten 1951 in Gießen öffentlich verkündigte, dass der Herr zu seiner „Zeit in Erscheinung tritt und Abschluss macht … Ich bin der Letzte, nach mir kommt keiner mehr“, kaum jemand zweifelte. Diese Aussage wurde zum Dogma erhoben und wer sich nicht eindeutig dazu bekannte, durfte nicht das Sakrament der Versieglung empfangen und damit nicht Mitglied werden. In dieser Zeit wurde vielen Jugendlichen die Lehrausbildung versagt, denn dafür bestand keine Notwendigkeit mehr, die Wiederkunft Jesu stand ja direkt vor der Tür! Die so genannte „Botschaft“ entlarvte sich im Juli 1960 als falsche Prophetie, denn Bischoff starb doch. Wäre die Heilige Schrift die letzte Autorität gewesen, hätte man aufgrund der Aussage Jesu „Jenen Tag und jene Stunde kennt niemand […] nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater“ (Mt 24,36), die „Prophetie“ im Vorfeld schon als falsch erkannt.

Sie spaltete die NAK, ließ neue Gemeinden entstehen und brachte unendlich viel Leid in Familien. Durch eine Umdeutung hatte man seitens der Kirchenleitung jedoch Gott als den Schuldigen ausgemacht. In einem Schreiben wurde den Gemeinden mitgeteilt, dass er aus „unerforschlichen Gründen seinen Willen geändert“ habe. Die überwiegende Mehrheit der neuapostolischen Christen glaubte erneut blind.


Lehre und aktuelle Entwicklungen

Die NAK ist eine exklusive christliche Endzeitsekte mit derzeit ca. 10 Mio. Mitgliedern weltweit und über 350 Aposteln (Stand 2011), welche der Autorität des Kirchenpräsidenten und Stammapostels Dr. Wilhelm Leber (geb. 1947) unterstehen, einem Mathematiker und promovierten Naturwissenschaftler. In Europa leben etwa 5 % der Kirchenmitglieder, wobei Afrika mit über 8 Mio. Mitgliedern und etwa der Hälfte der Apostelzahl einen Anteil von 80 % einnimmt und damit eine immer zentralere Rolle spielt. Man könnte sogar sagen, die NAK ist zwischenzeitlich eine „afrikanische Gemeinschaft“. Das rapide Wachstum ist u.a. darauf zurückzuführen, dass die Missionstätigkeit in Afrika erheblich konzentriert wurde und sich die Volksstämme an ihren Stammesführern orientieren und sich religiös an ihnen ausrichten. Andererseits locken auch humanitäre Hilfsaktionen wie Kleidersammlungen für Afrika und Ausstattungen mit Fahrrädern und Motorrädern etc.

Die NAK-Lehre ist eine Sonderlehre. Ihre Lehre von der Kirche und den Sakramenten weist sektiererische Züge auf und grenzt bewusst von der Christenheit ab. Da können Öffnungsbekundungen in der Öffentlichkeit und gegenüber der „Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland“ (ACK) nicht hinwegtäuschen. Diese „Öffentlichkeitsarbeit“ wurde mit dem Werbefachmann Stammapostel Richard Fehr, dem Vorgänger des amtierenden Stammapostels, begonnen und systematisch eingeführt. In seine Zeit fällt auch die Überarbeitung des NAK-Emblems mit dem Hintergrund es für digitale Zwecke brauchbar zu machen und somit an die moderne Zeit anzupassen. Mit der Nutzung ökumenischer Plattformen versucht die NAK sich in der öffentlichen Wahrnehmung zu etablieren und aus der Sektenecke heraus zu kommen.

Kirche

Die NAK bezeichnet sich als „christliche Glaubensgemeinschaft“, als „eine internationale christliche Kirche“ oder „als Kirche Jesu Christi gleich den apostolischen Gemeinden zur Zeit der ersten Apostel“ (Statuten der NAKI vom 29.9.2010). Im März 2011 präsentierte sie ihr neues Kirchenverständnis. Es heißt: „Durch die Getauften, die ihren Glauben leben und Jesus als ihren Herrn bekennen, wird Kirche als Gemeinschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe überhaupt erst erfahrbar. Insofern ist nicht nur dort Kirche Christi, wo das Apostelamt wirkt – also im Erlösungswerk des Herrn […].“ Das Wort „insofern“ lässt einen aufhorchen. Anderen christlichen Kirchen wird ein wenig „Kirche sein“ zugesprochen, jedoch nicht in dem Maß, wie die NAK dies für sich in Anspruch nimmt: „Ich glaube, dass die mit Wasser Getauften durch einen Apostel die Gabe des Heiligen Geistes empfangen müssen, um die Gotteskindschaft und die Voraussetzungen zur Erstlingsschaft zu erlangen“ (8. Glaubensartikel der NAK). Gotteskindschaft erlangt also nur, wer die Versiegelung durch einen neuapostolischen Apostel empfängt? Wie ist das mit der Kirche, dem Leib Christi? Kann man Glied am Leibe Christi sein ohne „Gotteskind“ zu sein?

Die Betrachtung des Sakramentsverständnisses gibt weitere Klarheit in dieser Sache.

Sakramentsverständnis

Die NAK lehrt 3 Sakramente: Hl. Wassertaufe, Hl. Versiegelung und Hl. Abendmahl. Im Januar 2006 publizierte die NAK ihr neues Tauf- und Versiegelungsverständnis und ab Juli 2011 ihr Verständnis vom Abendmahl.

„Beide Sakramente, die Heilige Wassertaufe und die Heilige Versiegelung, bilden zusammen die Wiedergeburt aus Wasser und Geist“, so die NAK und isoliert sich damit von der biblischen Lehre, dem Zeugnis des Apostels Paulus (Römer 6) und der christlichen Kirche. Die Evangelische Kirche und die Römisch-Katholische Kirche sehen in der Taufe die Gabe des Geistes, die Wiedergeburt, die Eingliederung in den Leib Christi, die Kirche, entgegen der Lehre der NAK. Sie bindet zudem noch die Hl. Versieglung an ihr Apostelamt. Das Taufverständnis ist grundlegend anders als das der großen Kirchen. Was hat es damit auf sich, dass sie neuerdings scheinbar die rite vollzogenen Taufen in christlichen Kirchen anerkennen?

Die Heilige Wassertaufe

Die NAK sieht in der Taufe „die erste und grundlegende Gnadenmitteilung des dreieinigen Gottes an den Menschen. Sie ist Abwaschung der Erbsünde und Aufnahme in die Gemeinschaft derer, die an Jesus Christus glauben und ihn als ihren Herrn bekennen […] Die in anderen christlichen Gemeinschaften gespendete Taufe wird als gültig anerkannt, sofern sie "rite" vollzogen wurde, das heißt im Namen des dreieinigen Gottes und mit Wasser“.

Betrachtet man daneben die Hl. Versiegelung, dann wird deutlich, dass sich wesentliche Inhalte christlichen Taufglaubens in der Versieglung wieder finden. Die NAK-Taufe ist sinnentleert. Vielleicht nimmt sie damit die Stellung der Johannestaufe ein, die NAK-Bezeichnung „Wassertaufe“ deutet jedenfalls darauf hin. Durch dieses grundlegend andere Taufverständnis muss kritisch hinterfragt werden, was die NAK meint, wenn sie die rite vollzogenen Taufen der christlichen Gemeinschaften anerkennt. Was erkennt sie darin an?

Die Heilige Versieglung

„Das Sakrament der Heiligen Versiegelung ist die Übermittlung von Heiligem Geist. Beide Sakramente, die Heilige Wassertaufe und die Heilige Versiegelung, bilden zusammen die Wiedergeburt aus Wasser und Geist. In der Heiligen Versiegelung wird der Gläubige von Jesus Christus in das Lebensbuch des Lammes eingetragen. Nun ist er berufen, zur Braut des Herrn zu gehören und Erstling im kommenden Reich Christi zu sein. Wurden damals die ersten Christen durch Gebet und Handauflegung der Apostel mit dem Heiligen Geist versiegelt, spenden heute in der Neuapostolischen Kirche ebenfalls die Apostel dieses Sakrament. Es wird an Kindern und Erwachsenen vollzogen.“

Das bedeutet für alle nicht-neuapostolischen Christen: Keine Wiedergeburt aus Wasser und Geist, kein Eintrag in das Buch des Lebens (Offb), nicht Erstling (vgl. Offb; 144.000). „Die Heilige Taufe mit Wasser und die Heilige Versiegelung gemeinsam bilden die Wiedergeburt aus Wasser und Geist. Diese vermittelt die Gotteskindschaft“, heißt es in einer ergänzenden NAK-Erklärung. Also: Außerhalb der NAK keine Gotteskindschaft! Was bedeutet das für die Christenheit? Gibt es nach diesem Verständnis überhaupt Christen (Gotteskinder) außerhalb der NAK?

Das Heilige Abendmahl

„Brot und Wein sind nicht lediglich Metaphern oder Symbole für Leib und Blut Christi; vielmehr sind Leib und Blut Christi wahrhaft anwesend (Realpräsenz) […] Die Elemente Brot und Wein werden durch die Aussonderung (Konsekration) und das Sprechen der Einsetzungsworte in ihrer Substanz nicht verändert. Vielmehr tritt die Substanz von Leib und Blut hinzu (Konsubstantiation). Es findet also keine Verwandlung der Substanzen (Transsubstantiation) statt.“

Das Abendmahl wird in jedem Gottesdienst gefeiert (sonntags und mittwochs bzw. donnerstags). Die Abendmahlsliturgie ist wie die gesamte liturgische Gottesdienstgestaltung calvinistisch bis hin zur Kleidung der Geistlichen, die einen schwarzen Anzug, weißes Hemd und schwarze Krawatte tragen.

Wiederkunftserwartung und die 144.000 Erstlinge

Die NAK lebt von der Erwartung der Wiederkunft Christi und sieht ihre zentrale Rolle darin, sich geistlich zubereiten zu lassen um zu den Erstlingen, als den 144.000 (Offenbarung 14) zu gehören. Es bedeutet für sie bereits ein Qualitätsverlust, nicht zu den Erstlingen zu gehören sondern eventuell zur Gruppe von Christen, die unter dem Begriff der „großen Ernte“ eingesammelt werden. Die Wiederkunft Jesu ist seit der Entstehung der NAK durchgängig Thema in nahezu jeder Predigt. Phasenweise wurde sie terminiert und zum Dogma erhoben und dazu missbraucht, mit Angstmache zu arbeiten um die Gemeindeglieder bei der Stange zu halten, wie z. B. durch die sog. „Botschaft“ des damaligen Stammapostels J. G. Bischoff. Heutzutage spielt die Wiederkunft Jesu weiterhin eine zentrale Rolle, die Kirchenführer haben jedoch aus der Vergangenheit gelernt.


Ausblick

Die NAK wird weiterhin einen Weg der Sonderlehren beschreiten, daran ändern auch Bemühungen nichts, in der ACK Fuß fassen zu wollen und damit einen Öffnungswillen zu demonstrieren oder den Katechismus in der Wortwahl gefälliger zu machen.

Wenn sie ihre exklusive auf ihre Apostel abgestimmte Lehre aufgibt, gibt sie ihr Selbstverständnis auf. Gibt sie diese Lehre nicht auf, bleibt alles vom neuapostolischen Apostolat abhängig. Ein nach wie vor exklusiver Anspruch!

Das NAK-Apostolat teilt sich in Facetten auf. An der Spitze steht einzig der Stammapostel, nicht der „Erste unter Gleichen“ sondern mit einer Vormachtstellung ausgestattet, von seiner Machtfülle her mit dem Papst vergleichbar. Der Vergleich von deren Stellung mit der des Apostels Petrus unter den 12 Aposteln ist unbiblisch. Die eigentlichen „Apostel“ sind die neuapostolischen „Bezirksapostel“, eine Gruppe von etwa 20 Personen, die ein Gremium bilden (Bezirksapostelversammlung), das geistliche und organisatorische Fragen weltweit erörtert. Letzte Entscheidungsinstanz ist jedoch der Stammapostel. Die innerkirchliche Ansicht verschiedener Apostel in den 1950er Jahren, das Stammapostelamt zu demokratisieren und den Stammapostel als Sprecher des Apostelkollegiums zu sehen, wurde als ein Aufstand einzelner Apostel verworfen und die dafür Verantwortlichen an den Rand gedrängt, bekämpft und viele ausgeschlossen. Unter den heutigen Bezirksaposteln agieren sog. „Apostel“, die jedoch mehr „Helfer“ sind als eigenständige Geistliche. Das Ämterdurcheinander wird damit komplett, dass es sowohl für den Stammapostel, den Bezirksapostel und den Apostel auch „Helfer“ gibt, die nicht ordiniert sondern beauftragt werden.

Die NAK lebt nicht nur auf der Führungsebene sondern auch auf Gemeindeebene stark vom Amt her. Sie ist eine Ämtergemeinschaft mit wenigen Möglichkeiten, seitens der Basis Entwicklungen und Veränderungen aktiv mitzugestalten.


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