Die Mormonen: Eine amerikanische Neureligion


Entstehung und Entwicklung


Die Gemeinschaft der Mormonen (Selbstbezeichnung: "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage") geht auf den amerikanischen Farmgehilfen Joseph Smith (1805-1844) zurück, der diese im April 1830 im Bundesstaat New York gründete. Smith berichtet, dass ihm als 14jährigem u.a. Gott-Vater und Jesus Christus erschienen seien, um ihm auf eine entsprechende Frage mitzuteilen, die Glaubensbekenntnisse aller Kirchen und Freikirchen seien "in den Augen Gottes ein Gräuel" und er solle sich keiner der bestehenden Gemeinschaften anschließen. Daraus leitete Smith später die Legitimation ab, eine eigene religiöse Bewegung ins Leben zu rufen.


Mehrmals sei auch ein "Engel Moroni" zu ihm gekommen, der ihm schließlich 1827 einen Stapel "jahrhundertealter", bis dahin auf dem Hügel Cumorah (N.Y.) versteckt gehaltener "Goldplatten" übergeben und später wieder an sich genommen habe (Den Erzählungen Smiths zufolge war Moroni der Sohn eines amerikanischen Propheten namens "Mormon" aus dem 5. Jahrhundert n.Chr., von dem die spätere Bezeichnung "Mormonen" abgeleitet ist). Die mit Hilfe einer "Prophetenbrille" von Smith angefertigte "Übersetzung" der auf den Platten eingravierten "altägyptischen Zeichen" wurde 1830 unter dem Titel "Das Buch Mormon" veröffentlicht.


Die bald propagierten ungewöhnlichen Lehren und Praktiken der Mormonen stießen in ihrer jeweiligen Umgebung meist auf so heftige Kritik, dass eine ständige, sich immer weiter nach Westen erstreckende Fluchtbewegung und im Juni 1844 sogar der gewaltsame Tod des in Illinois gerade inhaftierten Smith die Folge waren.


Der Zimmermann Brigham Young (1801-1877), der gegen den Widerstand der Familie Smith die Nachfolge errungen hatte, führte daraufhin die Mormonen 1846/47 in mehreren Schüben in das Große Salzseetal der Rocky Mountains. In beachtlicher Pionierarbeit verwandelten die Siedler in den folgenden Jahrzehnten das dortige Wüstengebiet in eine Kulturlandschaft mit dem Zentrum Salt Lake City. Allerdings gab es große Schwierigkeiten mit dem Kongress in Washington, als das "Deseret-Territory" genannte Siedlungsgebiet ein Teil der USA werden wollte. Grund der Kontroverse war u.a. die auf einer "Offenbarung" von 1842 basierende und von den Mormonen offiziell gelehrte und geübte Vielehe, wonach es einem Mann erlaubt war, bis zu zehn Frauen zu ehelichen ("Lehre und Bündnisse" 132). Erst als diese Praxis 1890 (erzwungenermaßen) aufgegeben worden war, konnte das Mormonenterritorium 1896 als Bundesstaat Utah in die USA aufgenommen werden.


Verbreitung und Organisation


Durch eine äußerst rührige Mission verbreitete sich der Mormonismus über die ganze Erde. Heute (2012) bekennen sich weltweit etwa 14,4 Millionen Menschen zum Mormonentum, darunter 38.600 in Deutschland.


Die Gemeinschaft ist streng hierarchisch gegliedert. An der Spitze steht der Präsident (Titel: "Seher, Prophet und Offenbarer") mit zwei "Beratern" (Stellvertreter). Diese "Erste Präsidentschaft" arbeitet sehr eng mit dem "Rat der Zwölf", einem "Apostelkollegium", zusammen. Zu den führenden "Generalautoritäten" gehören noch der "Rat der Siebziger" (oberstes Missionsgremium) und die "Präsidierende Bischofschaft". Dieses System von Räten und Präsidentschaften setzt sich nach unten durch alle organisatorischen Ebenen (Area, Pfahl, Distrikt) bis zu den Gemeinden fort. Geographisch ist die Welt in 25 "Hauptgebiete" (Areas) gegliedert. Die 174 Ortsgemeinden in Deutschland gehören zur "Europa-Area" (Zentrale Frankfurt/Main). 2012 gab es weltweit 2.946 "Pfähle" (vergleichbar 'Diözesen'), davon in Deutschland 14, und 28.784 örtliche Gemeinden.


Das Selbstverständnis


Die Mormonen verstehen sich als christliche Gemeinschaft, die nicht durch 'sektiererische" Abspaltung, sondern auf direkte "göttliche Veranlassung" hin entstanden sei. Der Begriff "Wiederherstellung" ist für sie entscheidend und bedeutet, Gott habe durch J. Smith die "ursprüngliche Kirche" (in nach-apostolischer Zeit durch Glaubensabfall als völlig entstellt angesehen) so "wiederhergestellt", wie sie in alt- (!) und neutestamentlicher Zeit mit all ihren "Gesetzen und Verordnungen, Ritualen und Ämtern" bestanden hätte. Deshalb halten sich die Mormonen für die "einzig wahre christliche Kirche auf Erden", die allein berechtigt sei, durch ihr Priestertum vollgültig zu amtieren und an der Erlösung von Gläubigen mitzuwirken.


Hauptlehren


Neue Offenbarungen: Die Mormonen sehen die Bibel nicht als abschließende bzw. vollständige Offenbarung Gottes an die Menschen. Sie betonen deshalb die Notwendigkeit von neuen Offenbarungen, die dem jeweils amtierenden "Seher, Propheten und Offenbarer" zuteil werden können. In diesem Prinzip liegt der Ursprung für alle außerbiblischen Lehren, Praktiken und Vorstellungen der Mormonen. Aufgezeichnet finden sich die im wesentlichen von J. Smith stammenden Offenbarungen in den zu den 'heiligen Schriften' zählenden Bücher "Die köstliche Perle" (Pearl of Great Price) und "Lehre und Bündnisse" (Doctrin & Covenants), die, wie auch "Das Buch Mormon" als "Wort Gottes" der Bibel gleichgestellt oder sogar übergeordnet sind.


Evangelium: Dieser zentrale christliche Begriff hat, wie andere Termini auch, bei den Mormonen eine Umdeutung erfahren. Sie unterscheiden zwischen dem "vorbereitenden Evangelium" mit den Elementen Buße, Taufe und Sündenvergebung und der "Fülle des Evangeliums", das alle Gesetze und Rituale umfasst, die zu einer von ihnen gelehrten "Erhöhung" (Vergöttlichung) des Menschen nötig sind. 'Evangelium' bedeutet für Mormonen also nicht die im Neuen Testament (NT) niedergelegte Botschaft von Jesus Christus; es bezeichnet vielmehr die Gesamtheit der vom mormonischen Priestertum verwalteten Verordnungen und Tempelrituale und ist somit ein Synonym für den Mormonismus.


Priestertum: Die religiös-strukturelle Grundlage des Mormonismus bildet sein Priestertum, durch das, wie die Mormonen glauben, exklusiv ewiges Heil und "himmlische Herrlichkeit" vermittelt werden. Es umfasst das einfache "Aaronische Priestertum" (vgl. Ex 28,30) und das höhere "Melchizedekische Priestertum" (vgl. Gen. 14; Ps 110). Zur Zeit des NT galten, nach Auffassung der Mormonen, Johannes der Täufer als Repräsentant des einfachen und Jesus Christus als derjenige des höheren Amtes. Durch den "Glaubensabfall" in nach-apostolischer Zeit verschwanden diese Ämter jedoch von der Erde und mussten "wiederhergestellt" werden.


Das geschah, so J. Smith, als er und sein Freund Oliver Cowdery im Mai 1829 zunächst von Johannes dem Täufer das "Aaronische" und etwas später von den "Aposteln Petrus, Jakobus und Johannes" das "Melchizedekische Priestertum" übertragen bekamen. Heute ist jeder männliche Mormone (ab dem 12. Lebensjahr) Träger eines priesterlichen Amtes, wobei das aaronische Amt dem Gemeindeleben (Diakonie, Unterricht, Predigt, Taufe, Abendmahl usw.) und das melchizedekische den geistlichen Angelegenheiten, höheren Leitungsfunktionen und den Tempelritualen zugeordnet ist.


Gott: Die Mormonen sind der Überzeugung, dass alles Sein und Werden einem höchsten kosmischen Prinzip unterliegt, dem "Gesetz des immerwährenden Fortschritts" (Law of eternal progression). Selbst Gott ist davon nicht ausgenommen: Vor vielen Äonen war auch er noch ein gewöhnlicher, sterblicher Mensch, der sich jedoch durch das "Studium der kosmischen Gesetze" zur Gottheit emporgearbeitet hat. Er besitzt heute noch einen Körper aus "Fleisch und Bein" mit "Gliedmaßen und Leidenschaften" und sieht auch äußerlich wie ein Mensch aus. Nach einer "neuen Offenbarung" des J. Smith residiert er auf dem Planeten "Kolob" im Sternensystem der "Kokaubeam". - Da dem Fortschritts-Gesetz zufolge die Menschen   ebenfalls einmal die Stufe der Gottheit erreichen können, drücken die Mormonen ihre Hoffnung formelhaft so aus: "Wie der Mensch heute ist, war Gott einst - wie Gott heute ist, kann der Mensch einst werden". Aus diesem Gottesbild ergibt sich für die Mormonen die strikte Ablehnung der Trinitätslehre. Sie glauben vielmehr an drei voneinander unabhängige göttliche Personen: Vater, Sohn (Jesus ist der physische Sohn Gottes, gezeugt mit einer "himmlischen Mutter") und Heiliger Geist, wobei jede der drei  Gestalten zu einer Zeit nur an einem Ort sein kann.


Eschatologie: Im Hinblick auf die Eschatologie (zukünftige Welt) unterscheiden die Mormonen zwischen "Erlösung" (salvation) und "Erhöhung"  (exaltation). Durch das Sühneopfer Christi ist die Erlösung (Teilhabe an der Auferstehung) für alle Menschen gewährleistet: Das Tor zur Unsterblichkeit kann durchschritten werden. Im darauf folgenden Gericht werden die Auferstandenen dann drei "Kategorien" zugeteilt: der "unterirdischen", der "irdischen" und der "himmlischen Herrlichkeit", wobei die letzte allerdings für Mormonen reserviert ist. Nur wer in seinem irdischen Leben alle mormonischen Gesetze und Lehren befolgt hat, erhält Zutritt zu ihr und erreicht innerhalb dieser "Herrlichkeit", wenn er auch noch die entsprechenden Tempelrituale vollzogen hat, die höchste Stufe der Vollendung, nämlich die "Erhöhung" (d.h. die Gottwerdung).  


Tempelrituale: Esoterisches Kernstück des Mormonismus bilden die in den bisher 140 weltweit existierenden Tempeln vollzogenen und streng geheim gehaltenen Rituale. Daran dürfen nur solche Mormonen teilnehmen, die einen entsprechenden, vom örtlichen Gemeindeleiter ("Bischof") und vom zuständigen Pfahlpräsidenten nach einem intensiven Gespräch unterschriebenen "Tempelempfehlungsschein" erhalten haben, der ihre "Würdigkeit" bescheinigt. - Die Rituale umfassen:


a) "Taufen für Tote": Die Mormonen beziehen sich dabei auf den von ihnen völlig missverstandenen Vers 1Kor 15,29, in dem Paulus von einem obskuren Brauch berichtet, der ihm zu Ohren gekommen ist. Die Mormonen wollen mit dieser 'Totentaufe' solchen Menschen, die ohne Kenntnis des mormonischen "Evangeliums" und ohne die damit verbundenen "Verordnungen" gestorben sind, die Gelegenheit geben, sich aufgrund einer für sie stellvertretend (Lebende für Tote) vorgenommenen "Taufe" noch nachträglich (im Jenseits) der mormonischen Gemeinde zuzuwenden. Inzwischen wurden auf diese Weise auch Joseph Stalin, Immanuel Kant, Rudolf Steiner, Martin Luther und viele andere namhafte Persönlichkeiten 'mormonisiert'.


b) "Endowment" (Ausstattung): In dieser Zeremonie werden den Teilnehmern unter anderem geheime Belehrungen und Gesetze sowie aus dem Freimaurertum entlehnte Passworte und Handgriffe übergeben, mit deren Hilfe sie, nach der Auferstehung, die Grenze zur "himmlischen Herrlichkeit" passieren können.


c) "Ehesiegelungen": Wer als Ehepaar bzw. Familie auch in der jenseitigen Welt zusammenleben will, lässt sich im Tempel "für Zeit und Ewigkeit aneinandersiegeln".


d) "Zweite Salbung" (Second Anointing): Bei diesem auch unter Mormonen kaum bekannten Ritual werden ganz wenige ranghohe Mormonenführer schon im irdischen Leben zu "Göttern" gesalbt.


Alltagsleben


Lebensgestaltung und Ethik der Mormonen sind bürgerlich-konservativ. Sie nehmen auch am kulturellen, wissenschaftlichen und politischen Geschehen ihrer jeweiligen Länder teil (Beispiel: die Kandidatur des Mormonen Mitt Romney 2012 für das US-Präsidenentenamt). Sie selbst verstehen sich als fleißige, fröhliche und optimistische Menschen, wobei die Beachtung religiös motivierter Speisevorschriften - Kaffee, Tee, Alkohol und Tabak werden gemieden - auch zu ihrer allgemeinen Gesundheit beiträgt. - Als Besonderheit hat wohl der so genannte "Familienabend" zu gelten, den jede mormonische Familie auf der Welt regelmäßig montags zu Hause mit Singen, Spielen, Lesen der heiligen Schriften usw. gestaltet.


Stellungnahme aus christlicher Sicht


Aufgrund der zahlreichen unbiblischen Sonderlehren und neuen Offenbarungen sowie der okkulten Tempelrituale kann der Mormonismus, trotz seines "christlichen" Selbstverständnisses, nicht dem weiten ökumenischen Spektrum christlicher Kirchen, Freikirchen und Gemeinschaften zugerechnet werden. Er hat vielmehr als eigenständige, synkretistische (religionsvermischende) amerikanische Neu-Religion zu gelten.


Ein Übertritt zum Mormonentum bedeutet deshalb nicht nur einen Glaubenswechsel, sondern eine völlige Abkehr von der christlich-ökumeni- schen Kirchengemeinschaft. Daraus ergeben sich für die von der Konversion eines Angehörigen betroffenen Familien erfahrungsgemäß erhebliche Schwierigkeiten.


Dr. Rüdiger Hauth  


 






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