Der liebende Gott und die Übel dieser Welt


Zur so genannten Theodizeefrage


„Warum leide ich? Das ist der Fels des Atheismus.“ Dieses Zitat aus Georg Büchners Drama Dantons Tod zeigt uns, dass es bei der Auseinandersetzung mit dem Atheismus immer auch um die Frage geht, wie der allmächtige und liebevolle Gott mit dem Vorhandensein des Leides und der Übel in der Welt zu vereinbaren ist. Der Philosoph David Hume (1711-1776) drückte es so aus: „Auf Epikurs alte Fragen gibt es immer noch keine Antwort: Ist er [= Gott] willens, aber nicht fähig, Übel zu verhindern? Dann ist er ohnmächtig. Ist er fähig, aber nicht willens? Dann ist er boshaft. Ist er sowohl fähig also auch willens? Woher kommt dann das Übel?“


Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) hat dieser Frage eine Schrift gewidmet und dabei mit dem Titel Die Theodizee (erschienen 1710) ein neues Kunstwort geschaffen, mit dem die Debatte über diese Fragestellung seither bezeichnet wird. Es ist aus dem Altgriechischen abgeleitet, von theos = Gott und dike = Gerechtigkeit.


Beim Betrachten dieser Frage ist im Vorfeld zweierlei zu bedenken:


- Es geht bei dem Theodizeeproblem nicht um eine Anklage gegen Gott. Für den Glaubenden macht das keinen Sinn, weil es vermessen wäre, den liebenden und allmächtigen Gott anzuklagen. Für den Atheisten ist es dagegen sinnlos, weil er ja davon ausgeht, dass Gott nicht existiert. Worum es eigentlich geht, ist der Glaube an Gott: Der Angriff des Atheisten soll den Glaubenden davon überzeugen, dass dieser Glaube unsinnig ist, weil er es nicht vermag, den Gedanken eines liebevollen Gottes mit dem Leid der Welt in Einklang zu bringen.


- Auch wenn eine die menschliche Vernunft befriedigende Antwort nicht gefunden werden könnte, bleibt dennoch der Glaube an Gott möglich. Große Theologen wie Martin Luther gingen davon aus, dass es eine solche Antwort nicht gibt, aber sie verwarfen dennoch nicht den christlichen Glauben.

Ein Einspruch gegen die Anklage


Ist die Theodizeeproblematik aber tatsächlich eine so starke Anklage und geeignet, den christlichen Glauben ad absurdum zu führen, wie die Atheisten gemeinhin annehmen? Der Philosoph Rolf W. Puster (*1957) hat darauf hingewiesen, dass die Frage, ob die Anklage des Atheisten tatsächlich einen Widerspruch im Glauben an Gott aufzeigt, entgegen dem ersten Eindruck gar nicht so offensichtlich ist. Hume hat in seinem obigen Zitat recht, dass der biblische Gott nicht mit der Annahme vereinbar ist, er könne Übel nicht verhindern, denn dann wäre er nicht allmächtig. Ob aber das Vorhandensein von Leid und Übel tatsächlich seiner Allgütigkeit widerspricht, wie es Humes zweite Aussage besagt („Ist er fähig, aber nicht willens [das Übel zu verhindern]? Dann ist er boshaft“), muss der Atheist erst nachweisen. Das wäre nach Puster nur dann der Fall, wenn es logisch ausgeschlossen sei, dass die Existenz von Übeln gerechtfertigt sein kann. Der Autor weist darauf hin, dass selbst dann, wenn der Atheist alle möglichen drastischen Beispiele menschlichen Leides vorführt und der Theist in keiner Weise erklären könnte, wie es gerechtfertigt werden könnte, „daraus in gar keiner Weise [folgt], dass eine derartige Rechtfertigung definitiv unmöglich ist“. Damit bleibt der Atheist aber den Nachweis schuldig, dass in den Annahmen des Theisten - dass ein allmächtiger und allgütiger Gott und das Vorhandensein von Leid sich ausschließen - widersprüchlich sind.


Lösungsversuche


Dennoch haben Christen zu allen Zeiten eine Antwort auf das Theodizeeproblem gesucht, weil auch auf der Gefühlsebene ein Unbehagen bleibt, selbst wenn man Pusters Argument nachvollzieht. Eine breite Tradition folgte Augustinus (345-430) und verwies in der Frage nach dem Leid und den Übeln auf den Sündenfall: Demnach schuf Gott zunächst eine vollkommene und leidfreie Welt. Die Abwendung des Menschen von Gott zerstörte mit der Beziehung zu Gott auch die Harmonie der Menschen untereinander und zu ihrer Umwelt. Leid und Übel sind nach dieser Deutung eine selbstverursachte Strafe für die menschliche Sünde.


Dieser Ansatz überzeugt heute nur noch wenige, wenn er die einzige Antwort bleiben soll. Denn damit ließe sich zwar vielleicht das moralische Übel erklären. Jedoch bleibt der Sündenfall die Antwort auf die Frage nach den natürlichen Übeln wie Naturkatastrophen schuldig und es bleibt ungeklärt, warum manche Menschen in ihrem Leben mit keinem oder wenig Leid konfrontiert sind, während andererseits schon kleine Kinder an furchtbaren Krankheiten sterben oder mit schwersten Behinderungen zur Welt kommen und andere Menschen Verbrechen und Kriegen zum Opfer fallen, auf die sie nicht den mindesten Einfluss haben.


Leibniz unterschied in seinem oben erwähnten Werk "Die Theodizee" drei Arten von Übel: Neben dem moralischen Übel aufgrund der Sündhaftigkeit des Menschen und dem physischen oder natürlichen Übel, das sich aus der naturgesetzlichen Beschaffenheit der Welt ergibt, existiere noch das metaphysische Übel. Es bestehe in der unvermeidlichen Unvollkommenheit alles Geschaffenen, das notwendigerweise nicht die Vollkommenheit des Schöpfers aufweisen könne.


Leibniz wollte die Theodizeefrage mit der Behauptung lösen, die bestehende Welt sei die bestmögliche. Dabei leugnete er keineswegs Leid und Böses, meinte aber, dass dies nicht dazu berechtigt, Gott einen Vorwurf zu machen. Sie seien notwendiger Bestandteil dieser bestmöglichen Welt. „Gott konnte sie nicht vermeiden, weil ohne sie eine insgesamt schlechtere Welt entstanden wäre.“


Das Erdbeben von Lissabon 1755, dem mindestens 30.000 Menschen zum Opfer fielen, erschütterte die optimistische Sicht auf die Welt, die Leibniz vertreten hatte. In der Folge wurde die Beschreibung der Welt als bestmögliche vielfach angegriffen, z. B. durch den Aufklärer Voltaire (1694-1778), der in seinem 1759 erschienenen Roman Candide oder der Optimismus Leibniz Erklärung satirisch bloßstellte und eine pessimistische Weltsicht propagierte.


Exkurs: Die „Streitfrage“

Ein Theodizee-Versuch der Zeugen Jehovas-Führung


Auch die Zeugen Jehovas nehmen für sich in Anspruch, eine Antwort auf die Frage nach den Übeln gefunden zu haben: Der zweite Präsident der Watch Tower Society, Joseph Franklin Rutherford (1869-1942), entwickelte dazu die bis heute vertretene Lehre von der „großen Streitfrage“. Danach stellte Satan, als er das erste Menschenpaar in Eden zum Sündenfall verführte, die Frage, ob Gott zu Recht über die Menschen herrscht. Und dem Buch Hiob sei zu entnehmen, dass jeder Mensch in diese Streitfrage verstrickt ist, weil Satan am Beispiel Hiobs die Behauptung aufstellte, die Menschen dienten Gott nicht aus Liebe, sondern aus egoistischen Beweggründen.


Auch Jesus Christus sei in erster Linie wegen dieser Streitfrage auf die Erde gekommen: „Damit entstand für Jesus das wichtigste Motiv, weshalb er als vollkommener menschlicher Sohn Gottes geboren werden wollte. Worum handelte es sich? Er wollte beweisen, dass sein himmlischer Vater das Recht hat, über das Universum zu herrschen.“ Die Rettung der Menschen durch seinen Tod und seine Auferweckung sei demgegenüber nur zweitrangig.


Dieses universalgeschichtliche Kolossalgemälde, mit dem die Führung der Zeugen Jehovas (ZJ) die Theodizeefrage lösen und die Menschheitsgeschichte erklären will, hat nur einen grundsätzlichen Fehler: Ihm fehlt die biblische Basis. Bei den herangezogenen Belegen handelt es sich bestenfalls um Überinterpretationen, teilweise liegt aber ein direkter Widerspruch zu den biblischen Zeugnissen vor.


Nirgendwo in der Bibel ist davon die Rede, dass Gottes Recht zur Regierung in Frage steht, dass er sich selbst und seine Souveränität rechtfertigen müsse und dazu noch auf das Mitwirken sündiger Menschen angewiesen sei. Die "Rechtfertigung Jehovas" ist ein Konstrukt, das dem biblischen Denken zuwiderläuft. Wenn im Neuen Testament von Rechtfertigung die Rede ist, geht es immer darum, dass Gott den Menschen rechtfertigt und aus Gnade gerecht spricht (Röm 3,23 ff.). Aus der Rahmenerzählung des Hiobbuches (1 und 2 sowie 42,7-17) ableiten zu wollen, dass jeder Mensch in die „Streitfrage“ einbezogen sei und in jedem individuellen Leben sich das Drama Hiobs wiederhole, ist einfach zu weit hergeholt, eine Überinterpretation. Dies zeigen allein schon die Gottesreden im Buch Hiob (38-41). Wenn die Streitfragen-Theorie richtig wäre, müsste an dieser Stelle eine Aufklärung Hiobs über die Hintergründe seiner Prüfungen kommen: dass Gott damit auf die Herausforderung Satans reagiert und aus diesem Grund all das Leid, das über ihn gekommen ist, zugelassen habe, um die Streitfrage zu klären. Stattdessen steht genau das nicht da. Die Gottesreden bieten keine Erklärung des Leides und der Übel, sondern verweisen auf die Unbegreiflichkeit Gottes, sie werben um das Vertrauen des Menschen zu Gott auch angesichts des Rätsels des Leides.


Was den Zweck des Kommens Jesu betrifft, ist das Neue Testament eindeutig: „…der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist“ (Lk 19,10). Gerade darin bezeugt er den liebenden Vater. Nirgendwo ist davon die Rede, dass er die Souveränität Gottes durch seine Treue verteidigen musste, denn diese Souveränität des Allmächtigen war nie in Frage gestellt. Weil diese Sonderlehre der Zeugen-Führung nur von ihr vertreten wird, muss sie ihre Anhänger auch anweisen, Neubekehrte das überhaupt erst mal nahe zu bringen, was nur der „treue und verständige Sklave“ der Bibel entnehmen zu können meint: “Wir müssen ihnen begreiflich machen, worum es eigentlich geht: um die Streitfrage”.


Dieses bibelferne Streitfragen-Konstrukt der Leitung der ZJ ist also nicht nur keine Lösung des Theodizeeproblems, sondern es stellt eine bis heute nachwirkende Hypothek der Rutherford-Ära dar, die dazu beiträgt, dass die ZJ das im Neuen Testament bezeugte Evangelium verfehlen und eine andere „gute Botschaft“ verbreiten.


Gedanken zur Theodizeefrage


Der christliche Glaube bietet meiner Ansicht nach keine umfassende und allgemein plausible Lösung der Frage, wie der liebende Gott und die Existenz von Leid und Übel vereinbar sind. Aber er zeigt, dass wir trotz des Rätsels des von uns als Übel Wahrgenommenen unserem Gott vertrauen und auf Hoffnung hin leben können.

Das Evangelium bezeugt: Gott ist die Liebe (1Joh 4,8.16). Als Liebender schuf Gott die Menschen als Wesen, die auf seine Liebe antworten können. Damit nahm er in Kauf, dass diese Wesen ihre Freiheit missbrauchen können, dass sie sich von ihm abwenden können und damit die Sünde in die Welt kommen konnte.


Gott belässt die Welt nach dem biblischen Zeugnis aber nicht dauerhaft in diesem Zustand der Entfremdung. Obwohl er offensichtlich seine Allmacht in dieser Weltzeit zurückgenommen hat, um seinen Geschöpfen als von ihm verschiedenen Anderem überhaupt Raum zur eigenen Existenz zu geben, ist damit Gottes Liebe und sein Wille nicht in Frage gestellt, schließlich die Vollendung und eine umfassende Erlösung zu erreichen: „…damit Gott alles in allem sei“ (1Kor 15,28).


Das Neue Testament bezeugt, dass Gott in der gegenwärtigen Weltzeit keineswegs umfassend seine Herrschaft ausübt. Die Schöpfung im Stadium der Entfremdung befindet sich außerhalb des Friedens Gottes. Daraus resultiert die neutestamentliche Rede vom Teufel als „Herrscher dieser Welt“ (z. B. Joh 12,31; Eph 2,2) und die Bitte „Dein Reich komme“ im Vaterunser als Bitte um die künftige universale Verwirklichung der Gottesherrschaft.


Dass Gott dem Leiden nicht gleichgültig gegenübersteht, erkennt der christliche Glaube am Mitleiden Gottes in Jesus Christus. „Sie [die christliche Botschaft] bekennt Gott als Liebe, in dem sie ihn ... auch als den [benennt], der sich aus Liebe mit der ihm zunächst entfremdeten Welt konkret verbindet, im Kommen, Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi.“ Dadurch hat Gott der Versöhnung durch den Tod des Sohnes den Weg gebahnt und die Entfremdung zwischen Schöpfer und Geschöpf von seiner Seite her aufgehoben (Röm 5,10).


Die christliche Antwort auf das Leid ist also die Hoffnung auf die Vollendung der Schöpfung. Aufgrund dieser Hoffnung konnte Paulus schreiben: „Was wir in der gegenwärtigen Zeit noch leiden müssen, fällt überhaupt nicht ins Gewicht im Vergleich mit der Herrlichkeit, die Gott uns zugedacht hat und die er in der Zukunft offenbar machen wird“ (Röm 8,18. Die Gute Nachricht).


Damit kann und soll auch in keiner Weise so getan werden, als seien Leid und Tod belanglos. Wir können auch als Christen meiner Ansicht nach nicht erklären, warum Leid, Übel, Böses und Tod so umfassend wirksam sind und wie jedes einzelne menschliche Schicksal zu erklären ist. „Dennoch bleibt die Tatsache: Es gibt keine Theodizee, welche die Opfer von Leid wirklich trösten könnte - auch dann nicht, wenn diese Theodizee soteriologisch 'versüßt' ist.“ Und es ist auch gut so, dass uns angesichts konkreten eigenen Leids und solchem unserer Mitmenschen ein billiger Trost im Hals stecken bleibt. Aber gegenüber der Annahme einer Absurdität des Weltgeschehens, zu der eine atheistische Weltsicht zwangsläufig führt, gibt uns der christliche Glaube die Gewissheit, dass Gott mit unserem Leid solidarisch ist, dass er im Sohn mit uns mitgelitten und uns eine Hoffnungsperspektive geschenkt hat. Leid, Übel und Tod haben nicht das letzte Wort, sondern die Liebe Gottes!


Raine r Ref

aus "Brücke zum Menschen" Nr. 193



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